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Klaus Kießling, Heinz Schmidt (Hrsg.): Diakonisch Menschen bilden

Cover Klaus Kießling, Heinz Schmidt (Hrsg.): Diakonisch Menschen bilden. Motivationen - Grundierungen - Impulse. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2014. 314 Seiten. ISBN 978-3-17-022650-0. 27,99 EUR.
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Thema

Seit Jahren wird der Ruf nach einer dienenden Kirche immer lauter. Buchveröffentlichungen, Aufsätzen in Zeitungen und Journalen führen diese Forderungen facettenreich aus. Oftmals wird damit auch die grundlegende Neuausrichtung der Kirche verbunden. Wer dabei nur an strukturelle Veränderungen denkt, übersieht, dass es vielmehr um eine Änderung der Haltung geht. Hierzu will dieses Buch einen Beitrag leisten. Es beschäftigt sich explizit mit der Frage, auf welcher Grundlage die diakonische Bildung von Menschen in Schulen und anderen Institutionen basiert.

Herausgeber und AutorInnen

Diakon Prof. Dr. Dr. Klaus Kießling leitet das Seminar für Religionspädagogik, Katechetik und Didaktik. Darüber hinaus leitet er das Institut für Pastoralpsychologie und Spiritualität der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt/M.

Prof. em. Dr. Heinz Schmidt leitete bis zu seiner Emeritierung das Diakoniewissenschaftliche Institut der Universität Heidelberg.

Beide Herausgeber verbindet die Auseinandersetzung mit diakonischer Bildung, die sie über die konfessioneller Kooperation pflegen.

Als AutorInnen haben sie neben sich selbst folgende Persönlichkeiten gewonnen: Sile Leonhard, Christoph Sigrist, Chrstoph Beuers, Jörg Splett, Rudolf Englert, Christian Fröhling, Viera Pirker, Bodo Klehr und Harry Noormann

Entstehungshintergrund

Welche Menschenbilder kommen zum Tragen, wenn Menschen sich diakonisch (aus)bilden lassen und Lehrerinnen und Lehrer antreten, um Menschen diakonisch zu bilden? Dieser Frage versucht das Buch nachzugehen. Die Herausgeber sind der Meinung, dass die Diskussion über anthropologische Grundlegungen bisher nur anfänglich geführt wurde. Mit ihrem Buch wollen sie diese Diskussion anregen und implizite Anthropologien, die im menschlichen Miteinander immer eine Rolle spielen, zum Thema machen.

Das Buch erscheint in der Reihe „Diakonie. Bildung-Gestaltung-Organisation“. Die Reihe widmet sich strategisch bedeutsamen Herausforderungen einer Diakonie, die die Verkündigung des Evangeliums in den Mittelpunkt stellt.

Aufbau

Die Herausgeber haben die Beiträge ihrer Autoren in drei Abschnitten zusammengefasst, die sie mit den Überschriften

  1. Motivationen,
  2. Grundierungen und
  3. Impulse versehen haben.

Dieser Aufbau legt den Schluss nahe, dass die inhaltliche Diskussion vom Allgemeinen über die spezifischen Grundlagen zu praktischen Impulsen führt. Dies tut das Buch auch, wenn auch die theoretischen Ausführungen überwiegen.

Zu 1. Motivationen

Mit dem Beitrag von Heinz Schmidt beginnt der erste Abschnitt Motivationen. Er legt Voraussetzungen dar, unter denen diakonische Bildung gelingen kann. Insbesondere stellen für ihn Zuwendung und Anerkennung sowie das Lernen an Vorbildern wichtige Rahmenbedingungen für diakonische Bildung dar.

Einen phänomenologischen Ansatz stellt Silke Leonhard vor. Sie stellt dem zielgerichteten Lernprozessen die Kraft des existenziellen Daseins in all einen Facetten gegenüber, so dass leibliches Lernen eine hohe Relevanz im Lernprozess erhält.

Das diakonische als kirchlichen Bildungsauftrag und die Bildung als diakonische Aufgabe beleuchtet Christioph Sigrist. Dabei betont er die Bedeutung der diakonischen Räume als Bildungsorte und rückt so die kirchlichen Räume weiter in Zentrum des Betrachtungsgegenstands.

Einen anderen Weg der Annäherung wählt Christoph Beuers. Aus seiner beruflichen Perspektive der Arbeit mit und für Menschen mit Behinderungen bringt er den Gedanken der inklusiven Anthropologie in die Diskussion ein. Er zeigt insbesondere das heilpädagogische und theologische Positionen sich aufeinander zubewegen und spannt den Bogen noch weiter hin zu einer „Hoffnung auf ein inklusives Reich Gottes“ (S. 8).

Der Abschnitt schließt mit einem Beitrag von Klaus Kießling, der wiederum eine andere Annäherung an das Thema wählt. Er beschreibt vier psychologische Konzepte und die ihnen zugrunde liegenden Menschenbilder: tiefen-, verhaltens- und kognitionspsychologische sowie humanistisch- und systemisch-familienpsychologische Konzepte. Dabei untersucht er außerdem ihren philosophischen Hintergrunde und wirft anschließend einen Blick auf die Menschenbilder in der Forschung. Er schließt diesen Abschnitt mit einem Plädoyer für die Offenlegung impliziter Menschenbilder in Diakonie und Bildung, da sie in beträchtlichem Maße in allen Praxisbereichen prägend wirken.

Zu 2. Grundierungen

Der 2. Abschnitt wird mit einem Beitrag von Jörg Splett eröffnet, der sich darin der Hilfsbedürftigkeit des Menschen widmet. Er stellt die Notwendigkeit der Angewiesenheit des Menschen auf einen anderen heraus, damit der Mensch zum Ich wird. Insofern ist absolute Freiheit ein logischer Widersinn. Diese Angewiesenheit ist demnach lebensnotwendig und lebenswendend, da die Hilfe, die ein Mensch von einem andern Menschen erfährt, ihn dazu führt, seine Endlichkeit zu erkennen und zu akzeptieren. Dies insbesondere im Angesicht Gottes und seiner Verheißung.

Rudolf Englert sucht in seinem Beitrag nach den anthropologischen Voraussetzungen diakonischer Bildung, die über die kognitiven Kompetenzen hinausgehen. Er beleuchtet Konzepte von Religiosität und Glaube ebenso wie Empathie und Emotion, Perspektivübernahme und Gerechtigkeit.

Einen mystagogischen Ansatz stellt Christian Fröhling vor. Ausgehend von den platonischen Vorstellungen vom Lernen stellt er das mystagogische Lernen bei Meister Eckard vor. In einem dritten Schritt schließlich untersucht er gegenwärtige Modelle der Religionspädagogik nämlich die Modelle von Kunstmann, Peukert und Zilleßen. Sie greifen in ihre Wirkung nicht weit genug, um diakonisches Handeln zu erklären, um damit hilfreich zur Erklärung diakonischer Bildung zu sein. Die Mystagogie paradoxer Bildung dagegen ist ein Ansatz, der die Haltung zum Menschen in den Vordergrund rückt, aus der diakonisches Handeln entspringt.

Diesen Gedanken führt Viera Pirker in ihrem Beitrag zu Jugendlichen, die unter dem Druck der Individualisierung stehen, fort. Sie spricht sich für die Offenlegung der Grenzen und Überschätzungen des Autonomiepotenzials der Menschen aus. Sie fordert insbesondere die christliche Sozialethik auf, sich politisch zu engagieren. Darüber hinaus sieht sie die religiöse Bildung als notwendig an, um Jugendlichen die Entwicklung einer Haltung zu ermöglichen und sie zu diakonischem Handeln zu befähigen.

Zum Schluss dieses Abschnitts führt Klaus Kießling diesen Gedanken fort und fragt, was Menschen zu ihrer Menschwerdung benötigen und welchen Beitrag die Schulpastoral dazu leisten kann. Dazu skizziert er ein Menschenbild in fünf Federstrichen, die da sind: Aus-Sein auf Sinn, Aus-Sein auf Freiheit, Aus-Sein auf Liebe, Aus-Sein auf Hoffnung und Menschen sind vom Scheitern bedroht. Analog dieser Federstriche formuliert er Anforderungen an die Schulpastoral.

Zu 3. Impulse

Der dritte und letzte Abschnitt „Impulse“ versucht die Bedeutung der Menschenbilder in praktischen Bezügen zu erläutern.

Der erste Beitrag von Bodo Klehr stellt eine Konzeption eines Religionsunterrichts vor. Dabei orientiert er sich am Dreischritt „Sehen, Urteilen, Handeln.“ Im folgenden Beitrag von Klaus Kießling werden die Bedeutung und praktischen Auswirkungen von Menschenbildern im Leben von jungen Menschen und im Erfahrungsraum berufsbildender Schulen herausgearbeitet. Der Beitrag schließt mit einer Darstellung von Menschenbildern im Zusammenhang mit existenziellen Lebenssituationen.

Diesen letzten Gedanken führt der gleiche Autor Klaus Kießling im anschließende Beitrag fort, in dem er das Thema „Suizidalität: Prävention und Postvention im Unterricht“ hinsichtlich einer praktischen Anwendung durchdekliniert.

Harry Noormann stellt in seinem Beitrag die Überlegung an, inwieweit diakonische Bildung einen Zugang zum christlichen Ethos schaffen kann, dies besonders in einer sich stetig säkularisierenden Umwelt.

Den Abschluss dieses Abschnitts und des Buches wird von Klaus Kießling in Form einer Predigt geboten. Er stellt damit exemplarisch die diakonisch bildende Kraft einer Predigt und anschließender Fürbitten vor, gleichwohl ohne dies auf einer Metaebene zu reflektieren.

Diskussion

Die Beiträge im Buch lassen sich gut einzeln und in frei gewählter Reihenfolge lesen. Sie sind alle in sich abgeschlossene Gedankengebäude. Ihre Abfolge ergibt nicht zwangsläufig einen inneren roten Faden. Trotzdem folgt das Buch in der Zusammenstellung einer deduktiven Idee. Die ersten Beiträge versuchen einen Standortbestimmung anthropologischen Denkens im Zusammenhang mit diakonischer Bildung. Im Verlauf des Buches nehmen demgegenüber die praktischen Implikationen der deduktiv entwickelten Menschenbilder zu, um ihre Bedeutung für die praktische Diakonie zu verdeutlichen.

Das Buch erlaubt der Leserin /dem Leser eine multiperspektivischen Sicht auf Menschenbilder in der diakonischen Bildung. Dabei spielt sie sich mehr im Rahmen religionspädagogischer Settings in Schulen ab als in der pastoralen Gemeindearbeit. So richtet sich das Buch eher an Religionslehrerinnen und -lehrer als an Tätige in der Gemeindediakonie. Dies ist insofern schade, da die Notwendigkeit der diakonischen Bildung im Gemeindeleben sicherlich ebenso groß ist wie im schulischen Kontext.

Das Ziel, das die Herausgeber mit diesem Buch verfolgen ist, Anthropologien in der diakonischen Arbeit explizit werden zu lassen (siehe S. 117) und ihre Bedeutung für die diakonische Bildung zu erläutern. Diesem Anspruch wird das Buch zweifelsohne gerecht. So ist es weniger eine praktischen Handreichung als eine wissenschaftlichen Darstellung.

Religionslehrer werden sicherlich einen Gewinn aus dem Buch ziehen. Akteure in der Gemeindediakonie, die der Frage nachgehen möchte, wie man Gruppen und Gemeinden diakonisch prägen respektive bilden kann, werden nicht viele Impulse finden. Diesen Anspruch haben die Herausgeber jedoch auch nicht an das Buch gestellt.

Fazit

Das Buch „Diakonisch Menschen bilden“ ist all jenen zu empfehlen, die sich in einer grundsätzlichen Weise mit der Bedeutung von Menschenbildern in einer diakonischen Arbeit und der diakonischen Bildung kundig machen wollen. Es ist eine gute Gesamtdarstellung dieses durchaus facettenreichenreichen Themas innerhalb der Diakonia.


Rezensent
Dipl.-Kfm. Werner Thomas
Krankenpfleger, Diakon
Homepage www.adservio.de
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Zitiervorschlag
Werner Thomas. Rezension vom 05.08.2015 zu: Klaus Kießling, Heinz Schmidt (Hrsg.): Diakonisch Menschen bilden. Motivationen - Grundierungen - Impulse. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-17-022650-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18749.php, Datum des Zugriffs 11.12.2016.


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