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Sandra Exner, Antje Richter-Kornweitz u.a. (Hrsg.): Silver-Age, Versorgungsfall oder doch ganz anders?

Cover Sandra Exner, Antje Richter-Kornweitz, Martin Schumacher, Birgit Wolff, Thomas Altgeld (Hrsg.): Silver-Age, Versorgungsfall oder doch ganz anders? Perspektiven auf Alter(n) und Altsein erweitern! Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 133 Seiten. ISBN 978-3-8487-1786-6. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR, CH: 41,90 sFr.
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Thema

Das Buch zielt darauf ab, alter(n)sspezifische Themenfelder zu diskutieren und Multiplikatorinnen und Multiplikatoren dafür zu sensibilisieren. Großes Augenmerk wird auf Diversität im Alter gelegt. Altersbilder, Gesundheit und Alter, demografische Entwicklungen, Seniorenpolitik, aktives Alter(n) oder auch Altersarmut werden aufgegriffen und kritisch beleuchtet. Die Ausführungen beziehen sich dabei zum großen Teil auf die Bundesrepublik Deutschland.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in neun Kapitel unterteilt.

Kapitel 1 (Sandra Exner, Antje Richter-Kornweitz, Martin Schumacher, Birgit Wolff & Thomas Altgeld) hat einführenden Charakter. Ausgegangen wird dabei von der Dynamik und der Ausdifferenzierung der Lebensphase Alter. Neben der Forderung nach differenzierten Altersbildern, wird vor allem auf die Notwendigkeit der Schaffung neuer Versorgungsangebote hingewiesen. Zudem wird ein Überblick über die folgenden acht Kapitel und deren Inhalte gegeben.

Kapitel 2 (Elke Bruns-Philipps & Christel Zühlke) stellt Zahlen, Daten und Fakten rund um den demografischen Wandel für Deutschland vor: Anteile der Altersgruppen im Zeitvergleich, Geburtenrate, Lebenserwartung, Wanderungsbewegungen sowie Prävalenzangaben zu im Alter relevanten Erkrankungen werden beleuchtet. Auf diesem wohlbekannten Hintergrund wird nach „passgenauen Lösungsansätzen“ (Seite 27) verlangt, die nur durch gute Vernetzung und Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft und Forschung gefunden und realisiert werden können. In diesem Zusammenhang wird auf die Problematik regionaler Unterschiede und die damit einhergehende Ungleichheit in Hinblick auf Versorgungschancen eingegangen.

Kapitel 3 (Sandra Exner & Martin Schumacher) beschäftigt sich mit Diversität in der Seniorenpolitik. Dabei werden die aktuellen, bis Mitte 2014 veröffentlichten seniorenpolitischen Leitlinien der einzelnen Bundesländer Deutschlands analysiert: Die Erwähnung beziehungsweise inhaltliche Ausgestaltung von Diversität in den genannten Dokumenten wird betrachtet, wobei die Aspekte Alter, Geschlecht, Ethnie/kulturelle Herkunft, Behinderung, sexuelle Orientierung sowie Religion/Weltanschauung einer kritischen Auswertung unterzogen werden. Abschließend wird die unterschiedliche Berücksichtigung der genannten Diversitätsmerkmale diskutiert.

Kapitel 4 (Silke van Dyk) stellt sich die Frage „Fit ohne Ende – gesund ins Grab?“ und bietet damit einen kritischen Blick auf den Ruf nach Altersaktivierung. So wird ausgeführt, dass die Annahme, Alter sei gestaltbar, nicht nur Potenziale birgt, sondern auch das Risiko der Abwertung des kranken und hochaltrigen Alters. Der Forderung nach eigenverantwortlicher Altersaktivität wird die fehlende soziale Sicherheit für ältere Menschen gegenübergestellt. Altersaktivität als soziale Norm, junge Alte als aktive Subjekte, alte Alte als zu pflegende Objekte sowie die fehlende Berücksichtigung sozialer Ungleichheiten in den aktuellen Diskursen sind Aspekte, die pointiert diskutiert werden. Dies mündet in die Forderung nach einer kritischen, reflektierten Altersforschung.

Kapitel 5 (Frank Schulz-Nieswandt) beleuchtet den Zusammenhang zwischen Engagement und Staat und weist auf Spannungen in diesem Kontext hin. Caring Communities und deren unterschiedliche Akteurinnen und Akteure werden dargestellt. Weiter wird auf Basis gesetzlicher Bestimmungen die Rolle der Kommune in der Daseinsvorsorge bearbeitet. Privater Raum, öffentlicher Raum, Ehrenamt sowie genossenschaftliche Gegenseitigkeitshilfe werden bezogen auf Inklusions- und Deinstitutionalisierungspotenzial für ältere Menschen betrachtet. Ein innovativer Raum der Sorgegemeinschaften wird abschließend umrissen.

Kapitel 6 (Christoph Butterwegge) greift ein häufig vernachlässigtes Thema auf, nämlich die Altersarmut. Basierend auf gesellschafts- und gesundheitspolitischen Veränderungen wird zur zunehmenden Bedeutsamkeit der Thematik Altersarmut hingeführt. Die rentenpolitischen Entwicklungen in Deutschland werden nachgezeichnet und deren Darstellung in den Medien beleuchtet. Die Mütterrente sowie die „abschlagsfreie Rente mit 63“ werden in Hinblick auf Verteilungsgerechtigkeit kritisch betrachtet. Ebenso wird auf die Rahmenbedingungen einer vorzeitigen Berentung aufgrund gesundheitlicher oder psychischer Beeinträchtigungen eingegangen. Verbesserungen in der gesetzlichen Rentenversicherung werden abschließend als zu wenig zielgenau resümiert.

Kapitel 7 (Jutta M. Bott) beleuchtet nachbarschaftliche, selbstorganisierte Hilfe für ältere und hochbetagte Menschen. Ausgangspunkt bildet dabei das in Brandenburg realisierte Projekt „Gut leben im (hohen) Alter – Konzepte sozialraumorientierter Unterstützung von Selbstsorge, Selbstorganisation und Vernetzung im demographischen Wandel“. Die demografische Entwicklung in Brandenburg wird beschrieben und das Konzept der Sozialraumorientierung vorgestellt. Im Anschluss wird das genannte Projekt in seinen Zielsetzungen und Vorgehensweisen umrissen. Vordergründig ist dabei die Förderung von Selbstsorge und -organisation, um die Lebensqualität älterer Menschen in einem Plattenbau-Stadtteil sowie in fünf Dörfern im Havellandkreis zu verbessern. Die zu Beginn durchgeführten Bedarfs- und Bedürfnisanalysen werden skizziert, exemplarisch werden daraus abgeleitete Maßnahmen sowohl für die ländliche als auch die städtische Region dargestellt. Weiter werden die bisher gesammelten Erfahrungen reflektiert und Herausforderungen im Rahmen der Projektdurchführung aufgezeigt. Die Bedeutung derartiger Initiativen in Hinblick auf die Tatsache, dass sozialstaatlich erbrachte Leistungen nach und nach durch freiwilliges Engagement kompensiert werden (müssen), wird abschließend kritisch beleuchtet.

Kapitel 8 (Birgit Wolff) ist der Entstigmatisierung von Menschen mit Demenz gewidmet. Nach demenzbezogenen Prävalenzangaben und einer kurzen Beschreibung des Störungsbildes Demenzerkrankungen behandelt der Beitrag Ängste der Bevölkerung sowie von betroffenen Menschen als Ausgangspunkt von Stigmatisierung. Pflegeversicherungsgesetzliche Entwicklungen und deren Auswirkungen auf Menschen mit Demenz werden behandelt. Inklusion, Selbstbestimmung sowie Teilhabe werden als Möglichkeiten zur Entstigmatisierung von Menschen mit Demenz beschrieben; beispielhaft werden Interventionen auf kommunaler Ebene sowie im Rahmen ärztlicher und sozialpflegerischer Versorgung illustriert.

Kapitel 9 (Antje Richter-Kornweitz) greift abschließend soziale und gesundheitliche Ungleichheiten im Alter auf. Nach einer allgemeinen Einführung in das Thema gesundheitliche Ungleichheit befasst sich der Beitrag mit sozialer Lage sowie gesundheitlicher Ungleichheit von älteren Menschen. Weiter wird Pflegebedürftigkeit im Kontext von Altersarmut diskutiert. Aufgaben der Kommunen zur Reduktion sozialer und gesundheitlicher Ungleichheiten werden aufgezeigt und die kommunale Gesundheitsförderung als eine davon näher betrachtet. Die Bedeutung des unmittelbaren Wohnumfeldes für ältere Menschen wird für die Konzipierung und Umsetzung von Gesundheitsförderung beleuchtet. Abschließend wird auf die Notwendigkeit einer nach Chancengleichheit strebenden Gesamtpolitik hingewiesen.

Fazit

Das Herausgeberwerk greift zahlreiche, für das Alter(n) bedeutsame Themen auf und bearbeitet diese mit unterschiedlichem Tiefgang. Wichtige Aspekte wie etwa die Pflege von älteren Migrantinnen und Migranten oder auch der Einbezug sowie die Zusammenarbeit unterschiedlicher Gesundheitsberufe bei der Versorgung älterer Menschen bleiben aber weitgehend unberührt. Gerade letzteres wäre bedeutsam, zumal es sich die Autorinnen und Autoren zum Ziel gesetzt haben, mit dem Herausgeberwerk Multiplikatorinnen und Multiplikatoren für das Alter(n) zu sensibilisieren. An manchen Stellen (z.B. Darstellungen zu Altersbildern oder Stigmatisierung) würden die Beiträge durch eine stärkere Berücksichtigung aktueller, empirischer Befunde gewinnen. Hier und auch in anderen Kontexten wäre ein Bezug zu internationalen Entwicklungen wünschenswert. Eine abschließende Diskussion der Zusammenhänge der einzelnen Beiträge wäre gewiss spannend.


Rezensentin
Priv.-Doz.in Mag.a Dr.in Eva Mir
Fachhochschulprofessorin für Angewandte Sozialwissenschaften an den Studiengängen Gesundheits- und Pflegemanagement der Fachhochschule Kärnten (Österreich)
Homepage www.fh-kaernten.at
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Zitiervorschlag
Eva Mir. Rezension vom 22.05.2015 zu: Sandra Exner, Antje Richter-Kornweitz, Martin Schumacher, Birgit Wolff, Thomas Altgeld (Hrsg.): Silver-Age, Versorgungsfall oder doch ganz anders? Perspektiven auf Alter(n) und Altsein erweitern! Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-1786-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18789.php, Datum des Zugriffs 26.06.2016.


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