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Steffi Sachse (Hrsg.): Handbuch Spracherwerb und Sprachentwicklungs­störungen

Cover Steffi Sachse (Hrsg.): Handbuch Spracherwerb und Sprachentwicklungsstörungen. Band Kleinkindphase. Elsevier GmbH, Urban & Fischer (München, Jena) 2015. 256 Seiten. ISBN 978-3-437-44516-3. D: 44,95 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 59,90 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Vorliegendes Handbuch thematisiert den Spracherwerb in der frühen Kindheit und den eng damit verbundenen Sprachstörungen. Es ist dies der letzte Band in der Reihe „Handbuch Spracherwerb und Sprachentwicklungsstörungen“, herausgegeben von Svenja Ringmann und Julia Siegmüller, der bereits in der ersten Auflage erscheint. Es handelt sich dabei um eine wissenschaftliche Moment- und Diskussionsaufnahme, die zentrale Erkenntnisse zur frühen sprachlichen Entwicklung überblicksmäßig vorstellen möchte. Fokussiert werden dabei die Anfänge der Sprachentwicklung, um frühe sprachliche Verzögerungen zu beschreiben und Zugänge zur Diagnostik, Therapie bzw. Förderung anzubieten. Darüber hinaus werden praxisrelevante Themen wie Früherkennung und Frühintervention bei sprachlichen Auffälligkeiten aufgegriffen und erörtert. In ihrem Vorwort skizziert Steffi Sachse die Problematik, ab wann überhaupt von ‚Auffälligkeiten‘ gesprochen werden kann, zu Recht als diskussionswürdig. Früherkennung und Frühintervention bei Sprachentwicklungsstörungen sind gerade auch mit vielen Unsicherheiten verbunden. Daher verzichtet der Band in vielen Bereichen auf detaillierte Empfehlungen, auch wenn insgesamt die Notwendigkeit zur Weiterarbeit als grundlegend erachtet und dargelegt wird.

Herausgeberin

Steffi Sachse studierte Psychologie an der Humboldt-Universität in Berlin. In der Abteilung für Entwicklungsstörungen der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der LMU München arbeitete und promovierte sie bei Waldemar von Suchodoletz mit einer Längsschnittstudie zu Kindern mit verspätetem Sprechbeginn (Late-Talkern). Seit Oktober 2013 ist sie Professorin für Entwicklungspsychologie mit dem Schwerpunkt Sprachentwicklung an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Zu ihren Arbeits- und Forschungsschwerpunkten zählen neben Früherkennung/-diagnostik von Sprachentwicklungsverzögerungen, Prognose und Prädiktion der Sprachentwicklung von Kindern unter anderem die Erfassung sprachlicher Leistungen, Diagnostik von Sprachentwicklungsstörungen, Sprachförderung in Kindertagesstätten, Mehrsprachigkeit sowie Vorläuferfähigkeiten des Lesens und Schreibens.

Aufbau

Das Handbuch ist in vier thematische Teile mit insgesamt 13 Kapiteln gegliedert:

  1. Sprachentwicklung in den ersten drei Lebensjahren
  2. Frühe Auffälligkeiten der Sprachentwicklung
  3. Diagnostik und Therapie bzw. Förderung der frühen Sprachentwicklung
  4. Spezielle Themen

Zum 1. Teil

Der erste Teil umfasst insgesamt fünf Kapitel zur Sprachentwicklung in den ersten drei Lebensjahren, wobei hier der Blick auf den unauffälligen Spracherwerb gelegt wird. Christina Kauschke eröffnet die Thematik mit einem Beitrag zur frühen Entwicklung lexikalischer und grammatischer Fähigkeiten.

In den anschließenden drei Kapiteln werden einzelne Themenbereiche der Sprachentwicklung aufgegriffen und vertieft:

  1. Tanja Rinke und Steffi Sachse stellen in ihrem Kapitel ‚Neurophysiologische Befunde zur frühen Sprachwahrnehmung‘ vor.
  2. Daran anschließend beschreibt Ulf Liszkowski vorsprachliche Kommunikation unter kommunikativen und sozialkognitiven Voraussetzungen mit Blick auf sprachliche Vorläuferfähigkeiten.
  3. Annette Fox-Boyer und Blanca Schäfer stellen Aspekte der phonetisch-phonologischen Entwicklung von Kleinkindern vor.

Im letzten Kapitel des ersten Teiles beleuchten Bettina Multhauf und Ann-Katrin Bockmann den ‚Zusammenhang zwischen Sprachentwicklung und emotionaler Entwicklung‘. Sie zeigen auf, dass der Spracherwerb nicht unabhängig von anderen Entwicklungsbereichen gesehen werden kann.

Zum 2. Teil

Damit wird gleichzeitig inhaltlich ein Übergang zum nächsten zweiten Teil gelegt, der in zwei weiteren Kapiteln ‚Frühe Auffälligkeiten der Sprachentwicklung‘ nachzeichnet. Claudia Hachul skizziert in ihrem gleichnamigen Kapitel neben ‚Risiko- und Schutzfaktoren für die Sprachentwicklung‘ detailliert die Sprachauffälligkeiten in den ersten drei Lebensjahren.

Das anschließende Kapitel 7 befasst sich mit der ‚Prognose und Prädiktion der weiteren Sprachentwicklung bei Late-Talkern‘ in zwei Teilen: zum einen wird die Perspektive spät sprechender Kinder in Entwicklungswegen nachgezeichnet (Leslie Rescorla), zum anderen wird und darauf fußend, der Blick durch Studien und Befunde aus den deutschsprachigen Raum ergänzt und Entwicklungswege von Late-Talkern unter dem Aspekt der Vorhersage diskutiert (Steffi Sachse).

Zum 3. Teil

Der dritte Teil stellt mit vier Kapiteln Möglichkeiten der frühen Erfassung von sprachlichen Auffälligkeiten vor. Waldemar von Suchodoletz beschreibt in seinem Beitrag Charakteristika und Einsatz von Elternfragebögen zur Sprachbeurteilung.

In Kapitel 9 beschäftigen sich Bettina Jooss, Anke Buschmann und Steffi Sachse mit konkreten diagnostischen Vorgehensweisen bei verzögerter Sprachentwicklung.

Julia Siegmüller und Svenja Ringmann legen in ihrem Beitrag den Schwerpunkt auf ‚Kindzentrierte Ansätze in der frühen Therapie‘, während Anke Buschmann die (Früh-)Förderung durch Einbeziehung von Bezugspersonen wie Eltern und pädagogische Fachkräfte in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen stellt.

Zum 4. Teil

Der letzte vierte Teil des Handbuches setzt unter der Überschrift ‚Spezielle Themen‘ eine abschließende Betrachtung auf frühe sprachliche Auffälligkeiten unter den Aspekten einer ‚Sprachentwicklung und Therapie bei Kindern mit genetischen Syndromen‘ (Julia Siegmüller) und ‚Frühe Auffälligkeiten bei Autismus-Spektrum-Störungen‘ (Klaus Libertus, Peter B. Marschik, Christa Einspieler und Sven Bölte).

Der Band endet mit einem Register. Das Autorenverzeichnis wurden an den Anfang nach einem Vorwort von Steffi Sachse gereiht.

Diskussion

Das Handbuch liefert wertvolle und fundierte Einblicke in aktuelle Erkenntnisse zum Thema ‚Spracherwerb und Sprachentwicklungsstörungen in der Kleinkindphase‘ und schließt damit eine Lücke im Wissensstand. In komprimierter, sprachlich leicht zu folgender Ausdrucksweise und ohne seinen wissenschaftlichen Anspruch zu verlieren, werden Begrifflichkeiten und Ausführungen fundiert erklärt und dargelegt. Zudem wirkt auch das Layout sehr ansprechend, wichtige Inhalte und Definitionen sind farblich hervorgehoben und unterstützen die gute Lesbarkeit und Aufbereitung des Handbuches.

Die einzelnen Bereiche sind sehr vielfältig und spannen einen weiten Bogen, sodass die Komplexität der Thematik gut abgebildet werden kann. Einführungswissen und inhaltliche Spezialisierung stehen in einem ausgewogenen Verhältnis. Einige Kapitel enden mit Zusammenfassungen und Ausblicken, andere wiederum transferieren den Wissenstand auf Praxisbeispiele, viele Beiträge verzichten jedoch auf Empfehlungen, was den Eindruck des Bedarfs an Weiterentwicklung der Forschung zur Thematik in vielen Bereichen und Problemfeldern unterstreicht.

Wie in einem Handbuch üblich finden sich am Ende jedes Kapitels die verwendete Literatur und am Ende des vierten Teiles ein Register zum einfachen Auffinden von Textstellen. Als Nachschlagewerk und möglicher Impulsgeber für eine vertiefende Auseinandersetzung beschriebener Aspekte wird das Handbuch durch seinen differenzierten Zugang vielen Leserinnen und Lesern einen guten Anhaltspunkt liefern können. Wie Steffi Sachse in ihrem Vorwort schreibt, ist das Handbuch allerdings nicht als Lehrbuch konzipiert; es ist der Überblick über den aktuellen Stand der Wissenschaft und Diskussion, der den besonderen Anreiz dieses Buches ausmacht. Insofern wird auch verzichtet, dezidiert Zielgruppen von Leserinnen und Lesern zu nennen.

Fazit

Mit diesem letzten Band der Reihe ‚Handbuch Spracherwerb und Sprachentwicklungsstörungen‘ wird nochmals ein weiteres Spektrum wissenschaftlicher Erkenntnisse, Themenschwerpunkte und unterschiedliche Sichtweisen abgebildet. Hierin liegt auch der größte Nutzen für die Leserinnen und Leser. Insgesamt liegt mit diesem Handbuch ein einmaliges Werk vor, das profunde Erkenntnisse und eine solide Basis zur Weiterentwicklung vorlegt.


Rezensentin
Dr. Doris Lindner
Homepage www.kphvie.ac.at
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Zitiervorschlag
Doris Lindner. Rezension vom 18.11.2015 zu: Steffi Sachse (Hrsg.): Handbuch Spracherwerb und Sprachentwicklungsstörungen. Band Kleinkindphase. Elsevier GmbH, Urban & Fischer (München, Jena) 2015. ISBN 978-3-437-44516-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18973.php, Datum des Zugriffs 09.12.2016.


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