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Bettina Bretländer, Michaela Köttig u.a. (Hrsg.): Vielfalt und Differenz in der sozialen Arbeit

Cover Bettina Bretländer, Michaela Köttig, Thomas Kunz (Hrsg.): Vielfalt und Differenz in der sozialen Arbeit. Perspektiven der Inklusion. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2015. 259 Seiten. ISBN 978-3-17-022252-6. 29,99 EUR.
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Thema

Der Umgang mit Vielfalt und Differenz stellt eine wichtige Herausforderung für die Soziale Arbeit dar. Das Lehrbuch dient der Standortbestimmung und Weiterentwicklung der gegenwärtigen Diskussion in diesem Spannungsfeld. Ein Augenmerk liegt auf der Frage, ob das in der Diskussion stehende Paradigma der Inklusion anschlussfähig sein könnte und inwieweit es bisherige Zielgruppenfixierungen zu irritieren vermag.

Herausgeberinnen und Herausgeber

Die drei HerausgeberInnen und die meisten AutorInnen der einzelnen Beiträge lehren am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule Frankfurt am Main.

Aufbau und Inhalt

  1. Zentrale Begriffe und rechtliche Grundagen
  2. Vielfaltsdimensionen und Differenzierungskategorien
  3. Handlungsfelder und Konzepte der Sozialen Arbeit entlang ausgewählter Vielfaltsdimensionen
  4. Inklusionsorientierte Ansätze, Konzepte und Instrumente

Im ersten Kapitel wird grundlegend in die Thematik des Buches eingeführt. Julia Bernstein und Lena Inowlocki beschreiben, wie Menschen wahrnehmen und welche Bedeutung sie diesen Wahrnehmungen beimessen. Zu den Prozessen ungeprüfter Wahrnehmung gehören Stereotypisiering und Vorurteile, die sich bei bewusster Betrachtung und kritischer Reflexion als unbegründete und ressentimentbeladene Meinungen herausstellen. Für die Soziale Arbeit ist es grundlegend, dass wir mit Stereotypen und Vorurteilen verbundene soziale Ungleichheiten und Formen der Diskriminierung erkennen, sie nicht reproduzieren, sondern ihnen entgegenwirken. Heike Beck geht auf Soziale Arbeit als Profession ein, in der in diversen Handlungsfeldern mit potenziell von Diskriminierung betroffenen Personen und Gruppen gearbeitet wird. Es wird diskutiert, wie durch gezielte Reflexion vermieden werden kann, dass Diskrimierung im Hilfekontext reproduziert wird. Der Beitrag von Beatrix Schwarzer beschäftigt sich mit Differenz und Differenzierungspraktiken im sozialen Miteinander und der Frage, welche Herausforderungen sich hieraus für die Soziale Arbeit ergeben, deren Aufgabe es ist, auf die gleichberechtigte Teilhabe als Grundlage des gesellschaftlichen Miteinanders hinzuarbeiten. Dagmar Oberlies stellt abschließend das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) aus dem Jahr 2006 vor. Sie präsentiert ein Prüfschema, das ermöglichen soll, Rechtsansprüche zu erkennen.

Das zweite Kapitel setzt sich mit Lebenslagen aus der Perspektive einzelner Vielfältigkeitsdimensionen auseinander: Geschlecht, Alter, Migrationshintergrund, Behinderung und sexuelle Orientierung. Lotte Rose widmet sich in ihrem Beitrag einführend der kritischen Reflexion des binären Geschlechtskonzeptes und damit verbundenen Essentialisierungen, um dann kontrastierend auf den Ansatz „Doing Gender“ zu Sprechen zu kommen. Die Dimension der ethnischen Herkunft wird in Gestalt des sogenannten Migrationshintergrundes behandelt. Hierzu rekapituliert Thomas Kunz neben den Konstruktionscharakter jener Kategorie das Zuwanderungsgeschehen sowie die soziale Lage von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland, um auf dieser Grundlage mögliche psychosoziale Folgen und Diskrimierungserfahrungen zu diskutieren. Die Frage „Menschen mit Behinderungen oder behinderte Menschen?“ steht im Mittelüunkt des Beitrages von Bettina Bretländer. Vorgestellt werden unterschiedliche Erklärungsmodelle von Behinderung, bevölkerungsstatistische Daten sowie der Widerspruch zwischen rechtlich gegebener Selbstbestimmung- und Teilhabemöglichkeiten einerseits und den faktisch beobachtbaren strukturellen Diskrimierungen andererseits. Ulrike Schmauch beschäftigt sich mit der Frage, was mit sexueller Vielfalt gemeint ist. Hierzu skizziert die Aurorin zunächst den gesellschaftlichen Umgang mit sexuellen Minderheiten in modernen Gesellschaften, um sich anschließend mit dem theoretischen Konzept der sexuellen Orientierung auseinanderzusetzen. Die Dimension Lebensalter steht im Mittelpunkt des Beitrages von Ursula Kämmerer-Rütter. Sie nimmt sich des Themas Altersdiskriminierung an und konzentriert sich dabei auf die Wahrnehmung und Benachteiligungen von Menschen im höheren Lebensalter. Es wird zunächst ein Überblick über Definitionen und Alterseinteilungen präsentiert, um dann gesellschaftliche Einstellungen und Altersbilder als Grundlage und Ursache für Altersdiskriminierung kritisch zu diskutieren. Der letzte Beitrag beschäftigt sich mit dem Intersektionalitätsansatz, um eine dimensionsübergreifende Perspektive in die Diskussion einzubringen. Ausgehend von einer Kritk an der Überbetonung einzelner Vielfaltsdimensionen plädiert Michaela Köttig stattdessen dafür, sich vom empirischen Fall leiten zu lassen.

Im dritten Kapitel rücken die in Folge der Orientierung an einer jeweiligen Vielfaltsdimension historisch entstandenen Konzepte Sozialer Arbeit in den Blick. In Referenz auf Geschlecht, ethnische Herkunft, Behinderung, sexuelle Orientierung und Alter entwickelten sich spezifische Ansätze: Genderkompetenz, Interkulturelle Öffnung, Behindertenhilfe, Regenbogenkompetenz und stationäre Altenhilfe sind die Stichworte, entlang derer über Gehalt und Angemessenheit heutiger sozialarbeiterischer Praxis nachgedacht wird. Ein Aspekt, der in den einzelnen Ansätzen unterschiedliche Gewichtung besitzt, wird hierbei die mögliche Infragestellung durch etwaige Anknüpfungspunkte an den Inklusionsbegriff sein. Margitta Kunert-Zier nimmt sich dieser Aufgabenstellung in ihrem Beitrag für den Begriff der Genderkompetenz am Beispiel der Kinder- und Jugendhilfe an. Sie rekonstruiert für dieses Feld die Entwicklung von der feministischen Pädagogik hin zu einer genderorientierten Sozialen Arbeit. Das Konzept der sogenannten Interkulturellen Öffnung steht im Beitrag von Thomas Kunz im Mittelpunkt. Der Autor zeichnet die Entwicklung von der sogenannten Gastarbeiterberatung zur interkulturellen Sozialen Arbeit nach, erläutert Ausgangspunkt sowie wesentliche Bestandteile interkultureller Öffnungsprozesse und geht abschließend der Frage nach, ob das Inklusionsparadigma der Sozialen Arbeit in der Migrationsgesellschaft möglicherweise angemessener ist. Thorsten Stoy und Patricia Tolle zeigen aus sozialrechtlicher Perspektive auf, wie die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung gefördert werden kann. Im Zentrum des Beitrages von Ulrike Schmauch steht die Entwicklung und der Erwerb von Regenbogenkompetenz als zentraler Voraussetzung beruflicher Handlungsfähigkeit sozialer Fachkräfte im Hinblick auf sexuelle Vielfalt. Das Kapitel schließt mit dem Bereich stationäre Altenhilfe. Barbara Klein et al. führen in Strukturen, Daten und Fakten sowie Leitbilder der stationären Altenhilfe ein. Neben den Aufgaben der Sozialen Arbeit in diesem Feld rekapitulieren die AutorInnen auch die damit einhergehenden Anforderungen an SozialarbeiterInnen.

Im vierten Kapitel wird der Blick über den Tellerrand gerichtet, im Sinne der Überwindung einer Konzentration auf einzelne Vielfaltsdimensionen. Im Mittelpunkt stehen Ansätze, Konzepte, Methoden und Instrumente, die eindimensionalen Perspektiven kritisch gegenüberstehen und eher eine mehrperspektivische Sichtweise vertreten. Die Beiträge in diesem Kapitel kommen dem Anspruch einer inklusiven bzw. inklusionsorientierten Sozialen Arbeit nahe, weisen allerdings sehr unterschiedliche Anwendungsbezüge auf. Als Einstieg wird auf das Thema Diversity als politische Haltung und strategischer Ansatz eingegangen: Beatrix Schwarzer stellt die politische Entstehungsgeschichte des Diversity-Begriffes dar und zeigt die Potenziale einer diversity-sensiblen Sozialen Arbeit auf. Dabei wird von ihr auch auf kritische Aspekte von Diversity-Ansätzen hingewiesen. Bettina Bretländer und Susanne Heil stellen den „Index für Inklusion“ vor. Dieses Organisationsentwicklungsinstrument kann Institutionen dabei helfen, Inklusion auf den Ebenen Kultur, Struktur und Praxis umzusetzen. Wie dies für die Soziale Arbeit konkreter ausgestaltet werden könnte, wird anhand von Praxisbeispielen aufgezeigt. Dieselben AurorInnen stellen im nächsten Beitrag ausgewählte Ansätze für die pädagogische Bildungsarbeit vor, die ein vorurteilsfreies Denken und Handeln sowohl auf Seiten der professionellen AkteurInnen als auch KlientInnenseite fördern. Michael Köttig skizziert in seinem Beitrag die „Dialogische Biografiearbeit“ als ein konzeptionelles und handlungspraktisches Vorgehen, durch das SozialarbeiterInnen in unterschiedlichen Arbeitsfeldern dabei unterstützt werden, Einzelfälle in ihrer Entwicklungsgeschichte zu verstehen und auf dieser Basis Inklusionsprozesse anzuregen. Das Vorgehen wird anhand der Grundlagen und in den einzelnen Schritten vorgestellt und immer wieder im Hinblick auf die Umsetzung inklusiver Sozialer Arbeit reflektiert. Im Anschluss wird von Bettina Bretländer das Konzept der Zukunftsfeste vorgestellt. Dieses ermöglicht eine an Partizipation und Inklusion ausgerichtete Lebens- und Zukunftsgestaltung für Menschen, die vor relevanten, kritischen Entscheidungen stehen oder Veränderungen in ihrem Leben wünschen. Abgeschlossen wird das Kapitel von der Beschreibung der Ausstellung „Barrierefreies Wohnen im Leben“ der Fachhochschule Frankfurt am Main, die von Barbara Klein präsentiert wird. Diese Ausstellung veranschaulicht realitätsnah, wie barrierefreies Leben in der eigenen Wohnung gestaltet werden kann.

Diskussion

In dem Buch wird leider nur am Rande auf das Thema Einkommensarmut eingegangen, obwohl diese Thematik in Deutschland in den letzten Jahren eine immer größere gesellschaftliche Relevanz erlangt hat. Im Hinblick auf die in dem Buch beschriebenen Vielfalts- und Differenzkategorien stellt die materielle Basis, zumeist gemessen als Einkommen, eine wichtige intervenierende Variable dar. Zu kurz kommen in dem Buch auch methodische Fragestellungen, die in der Sozialen Arbeit von Bedeutung sind.

Das in der Reihe „Grundwissen Soziale Arbeit“ erschienene Buch möchte in kompakter Form nicht nur unabdingbares Grundwissen für das Studium der Sozialen Arbeit bereitstellen, sondern sich durch seine Lesefreundlichkeit auch für das Selbststudium Studierender besonders eignen. Die AutorInnen verpflichten sich diesem Ziel auf unterschiedliche Weise: durch die lernzielorientierte Begründung der ausgewählten Inhalte, durch die Begrenzung der Stoffmenge auf ein überschaubares Volumen, durch die Verständlichkeit ihrer Sprache, durch Anschaulichkeit und gezielte Theorie-Praxis-Verknüpfungen. Dies ist den AutorInnen weitgehend gut gelungen.

Zielgruppen

Zielgruppen für das Buch sind Studierende und DozentInnen aus dem Bereich der Sozialen Arbeit.

Fazit

Das Lehrbuch vermittelt in kompakter Form unabdingabares Grundwissen für das Studium der Sozialen Arbeit und ist insbesondere für das Selbststudium geeignet. Es dient der Standortbestimmung und Weiterentwicklung der gegenwärtigen Diskussion in dem Spannungsfeld Vielfalt und Differenz. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Frage, ob das in der Diskussion stehende Paradigma der Inklusion anknüpfungsfähig sein könnte und inwieweit es bisherige Zielgruppenfixierungen zu irritieren vermag


Rezensent
Prof. Dr. Uwe Helmert
Sozialepidemiologe
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Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 22.06.2015 zu: Bettina Bretländer, Michaela Köttig, Thomas Kunz (Hrsg.): Vielfalt und Differenz in der sozialen Arbeit. Perspektiven der Inklusion. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-17-022252-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/18989.php, Datum des Zugriffs 30.05.2016.


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