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Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Kommission Sozialpädagogik (Hrsg.): Praktiken der Ein- und Ausschließung in der Sozialen Arbeit

Cover Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Kommission Sozialpädagogik (Hrsg.): Praktiken der Ein- und Ausschließung in der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 320 Seiten. ISBN 978-3-7799-3255-0. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Der Sammelband mit dem Titel „Praktiken der Ein- und Ausschließung in der Sozialen Arbeit“ beschäftigt sich mit dem für die Praxis Sozialer Arbeit seit jeher zentralen Themenfeld sozialer Ein- und Ausschließungsprozesse. Jedoch behandelt der Band nicht in üblicher Art und Weise die Rolle der Sozialen Arbeit im Umgang mit ausgegrenzten oder von Ausgrenzung bedrohten Personengruppen, sondern gleichermaßen auch die Frage, inwiefern sozialpädagogische Institutionen und Hilfen sowie das berufspraktische Handeln von Sozialarbeiter/innen selbst bei der Entstehung und Verfestigung dieser Ausschließungsprozesse beteiligt sind. Die Beiträge in diesem Buch nehmen damit sozialpädagogische Unterstützungsstrukturen und praktisches Handeln kritisch in den Blick und versuchen eine Antwort auf die Frage zu geben, welche Bedeutung der Sozialen Arbeit selbst in diesen Ein- und Ausschließungsszenarien zukommt. Gezielt werden dabei die Logiken und Mechanismen sozialer Ein- und Ausschließung in verschiedenen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit kritisch beleuchtet. Damit liefert der Band eine wichtige Grundlage zur beruflichen Selbstreflexion einer Profession, die sich der Vermeidung von Ausgrenzungsprozessen seit jeher in besonderer Art und Weise verpflichtet hat.

Autorinnen und Autoren

Der Sammelband besteht aus insgesamt 22 Beiträgen, an denen 55 Autor/innen beteiligt sind. Eine Aufzählung aller Namen erfolgt im Kontext der inhaltlichen Beschreibung (siehe unten). Die Autor/innen sind schwerpunktmäßig Vertreter/innen aus der Wissenschaft, d.h. Lehrende oder wissenschaftliche Mitarbeiter/innen aus Hochschulen für Erziehungswissenschaften und Soziale Arbeit bzw. aus Forschungsinstituten.

Entstehungshintergrund

Entstehungshintergrund des Sammelbandes ist die gleichnamige Jahrestagung der Kommission Sozialpädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) im Jahr 2013 in Tübingen.

Aufbau

Der Sammelband ist so aufgebaut, dass nach einer allgemeinen Einführung in das Buch zunächst theoretische Klärungen der verwendeten Begriffe sowie eine Auffächerung der das Buch leitenden Perspektiven erfolgen. In dem ersten Teil (Zugangsfragen: Analytische Perspektiven auf Praktiken der Ein- und Ausschließung in der Sozialen Arbeit) finden sich drei Kapitel, in denen die Perspektiven des Buches begrifflich und theoretisch gerahmt werden. Im Anschluss daran folgen im zweiten Teil (Modalitäten und Strategien von Ein- und Ausschließungsprozessen in Feldern der Sozialen Arbeit) insgesamt sieben Beiträge zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten, in denen sich Aus- und Einschließungsprozesse manifestieren bzw. erzeugt werden. Darunter gefasst sind die Themen Bildung, Partizipation in der Jugendhilfe, Umgang mit Delinquenz bzw. abweichendem Verhalten, die Problematik von Othering in der pädagogischen Praxis, Verstärkung von Differenzkonstruktionen in Interaktionen mit Klient/innen, die Orientierung an „Normalität“ in der Praxis Sozialer Arbeit, sowie der Zusammenhang zwischen (stereotyper) Wahrnehmung und Beschneidung pädagogischer Möglichkeitsspielräume. Der dritte Teil wird hingegen bestimmt durch Beiträge über Aus- und Einschließungsprozesse in verschiedenen (inter-) institutionellen Settings und spezifischen sozialpädagogischen Arbeitsfeldern. Beschrieben werden die wechselseitige Verwobenheit und Mechanismen der Ein- und Ausschließung in Jobcentern, in Hilfeplangesprächen, in bildungsbezogenen Angeboten für Kinder und Jugendliche, in stationären Settings, in Kindertageseinrichtungen, im Bereich der Armutsprävention, in ambulanten Hilfen sowie im Bereich der Hilfen für straffällige Jugendliche mit Migrationshintergrund. Der vierte und letzte Teil des Sammelbands beinhaltet abschließende Überlegungen zur (gesellschaftlichen) Rolle der Sozialen Arbeit. Behandelt werden grundlegende Fragen nach dem Zusammenhang zwischen Kritik und (Be-) Wertung einerseits sowie nach dem Zusammenhang zwischen Kritik und Normativität andererseits. Dabei wird abschließend auch nach der Funktion von Kritik in der Sozialen Arbeit gefragt und einige durchaus fruchtbare und zukunftsweisende Thesen dazu formuliert.

Inhalt

In einem einführenden Kapitel beschäftigen sich Fabian Kessl/Sascha Neumann/Petra Bauer/Bernd Dollinger/Cornelia Füssenhäuser zunächst mit dem Ausgangspunkt der das Buch leitenden Fragestellung, nämlich, inwiefern sich sowohl in den Institutionen der Sozialen Arbeit als auch im praktischen (beruflichen) Handeln gleichermaßen Prozesse der Ein- und Ausschließung manifestieren, obwohl insbesondere die Profession der Sozialen Arbeit darauf abzielt, Ausgrenzungsprozesse zu reduzieren. Zur Analyse dieser Fragestellung wird auf die Bedeutung eines systemtheoretischen Zugangs einerseits und einer klassentheoretischen Deutung andererseits verwiesen. Beide Zugänge spielen in den nachfolgenden Beiträgen teilweise auch wieder eine gewisse Rolle. Generell – so die Autor/innen – sollten nicht nur die Auswirkungen, sondern vor allem die Prozesse der Aus- und Einschließung mehr in den Blick genommen werden, zumal gerade die Soziale Arbeit häufig geprägt ist durch Prozesse einer „einschließenden Ausschließung“ (S. 13).

Im ersten Teil des Buches werden schließlich „die begrifflichen und analytischen Zugänge, von denen ausgehend Praktiken der Ein- und Ausschließung erst zu einem Gegenstand von Forschung und Reflexion in der Sozialen Arbeit werden können“ (S. 14) in drei verschiedenen Kapiteln beschrieben. Sandra Landhäußer wählt hierzu einen handlungsfeldbezogenen Zugang, indem sie das relationale Verhältnis zwischen Ein- und Ausschließung an den drei Themenfeldern „Arbeitsmarktbezogene Hilfen“, „Sozialräumlich orientierte Maßnahmen/Programme“ und „Kulturelle Aus- und Einschließungen“ festmacht. Sie zeigt dabei, dass Maßnahmen der Einschließung gleichzeitig auch wiederum mit Ausschließungen einhergehen können. Soziale Arbeit – so die Autorin – kommt daher auch „als Ungleichheiten reproduzierende Instanz in den Blick“ (S. 27). In dem Beitrag von Christiane Faller, Nadine Günnewig und Nina Thieme stehen hingegen die methodologischen Herausforderungen bei der empirischen Erforschung der genannten Phänomene im Vordergrund. Insbesondere auf die Bedeutung und Möglichkeiten der qualitativen Sozialforschung wird dabei hingewiesen. Bettina Hühnersdorf widmet sich in ihrem Beitrag drei unterschiedlichen Zugängen, um das (wechselseitige) Verhältnis von Inklusion und Exklusion adäquat zu beschreiben. Behandelt werden dabei der systemtheoretische Zugang, das Foucault´sche Konzept der Heterotropie sowie Bourdieus (klassenspezifisches) Habituskonzept. Alle drei Zugänge haben bei der kritischen Reflexion von (neuen) Hilfsangeboten eine wichtige Bedeutung und die verschiedenen Sichtweisen dienen der Autorin schließlich bei der Erklärung von aktuellen Entwicklungen in der Jugendhilfe, etwa der zunehmenden Bedeutung des Kinderschutzes.

Im zweiten Teil des Sammelbandes beschäftigt sich eine Vielzahl an Autoren mit unterschiedlichen Handlungskontexten, um darin die Relationalität sowie die Mechanismen von Aus- und Einschließungsprozesse in der Sozialen Arbeit zu verdeutlichen. Während der dritte Teil des Buchs (siehe unten) stärker darauf abzielt, Phänomene der Ein- und Ausschließung in institutioneller Perspektive, d.h. in verschiedenen Arbeitsfedern der Sozialen Arbeit, zu beleuchten, fokussieren die in diesem Teil zusammengefassten Beiträge stärker auf die Handlungspraxis und Schlüsselthemen der Sozialen Arbeit. Michael Winkler setzt sich in seinem Beitrag kritisch mit der zunehmenden Bedeutung von „Bildung“ in der modernen Gesellschaft und der damit verbundenen Hinwendung und Konzentration auf dieses Thema in unterschiedlichen Feldern der Sozialen Arbeit auseinander. Dieser Trend – so Winkler – müsse in der Sozialen Arbeit auch durchaus kritisch gesehen werden, zumal Bildung nicht nur zu einem „Fetisch“ zu verkommen droht, sondern der aktuellen Konnotation auch immer Ausschließungsmomente (sprich: Selektion!) innewohnen. Günter Graßhoff beschäftigt sich in seinem Beitrag mit dem Zusammenhang zwischen Partizipation und Ein- bzw. Ausschließungsprozessen in der Jugendhilfe. Zum einen ergeben sich bereits allein aufgrund von Systemlogiken Ein- und Ausschließungsmomente für bestimmte junge Menschen und deren Familien (Stichworte: „bedürftig“ versus „nicht bedürftig“, „geeignet“ versus „nicht geeignet“), zum anderen lassen sich in Einrichtungen selbst solche Momente finden, die abhängig sind von den Beteiligungsmöglichkeiten einerseits, aber auch von den Handlungen der jungen Menschen andererseits. In dem Beitrag von Bernd Dollinger/Matthias Rudolph/Henning Schmidt-Semisch/Monika Urban geht es dann um die Frage, welche Ausgrenzungsmechanismen im Zuge eines „punitiv turn“, sprich: zunehmend repressiver und konfrontativer Vorgehensweisen in der Pädagogik, zu erwarten sind. Wenn beispielsweise die Ursachen für Delinquenz weniger in sozio-ökonomischen oder sozialräumlichen Kontexten gesehen werden, und stattdessen die Person (und ihre Eigenschaften) als Ausgangspunkt abweichenden Verhaltens gewertet wird, sind entsprechende subjektorientierte Stigmatisierungen (Stichwort: „Tätertypen“) auch zu erwarten. Davina Höblich/Michael May/Heidrun Schulze setzen sich in ihrem Beitrag mit der Frage auseinander, welche Bedeutung dem Thema Othering in der pädagogischen Praxis zur Erklärung von Ein- und Ausschließungsprozessen zukommt. Dies machen sie an verschiedenen Personengruppen fest (ältere Migrant/innen, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, LGBT-Jugendliche). Wichtig ist dabei, dass bestimmte Wahrnehmungen und Urteile durch kulturell oder sozial konstruierte Vorstellungen (gepaart mit häufig fehlender Anerkennung) gesteuert werden, die auch das pädagogische Handeln bestimmen. Sie plädieren daher für eine „diskriminierungssensible und „rassismuskritische Gestaltung“ (S. 120) pädagogischer Kontexte. Der Beitrag von Bianca Baßler/Christine Riegel/Wiebke Scharathow beschäftigt sich mit den Ambivalenzen und Unsicherheiten, die sich in der sozialpädagogischen Praxis im Umgang mit benachteiligten bzw. marginalisierten Personengruppen ergeben. Die Autorinnen zeigen dabei an Beispielen aus der Jugendberufshilfe sowie der offenen Jugendarbeit wie pädagogische Fachkräfte in unsicheren oder uneindeutigen Situationen Differenzkonstruktionen eher aufgreifen oder gar verhärten, anstatt sie zu dekonstruieren. Die Folge ist dann eine Reproduktion von Ungleichheit und Ausgrenzung. Friederike Schmidt setzt sich in ihrem Beitrag mit der Orientierung an „Normalität“ im pädagogischen Handeln auseinander. Auf Basis einer Klärung der Begriffe „Norm“ und „Normalität“ wird deutlich, dass pädagogische Fachkräfte bestimmten Vorstellungen von „Normalität“ folgen, die sich einerseits an einem sogenannten „Durchschnitt“ orientieren können, aber gleichsam auch normativ, im Sinne von Verhaltensregeln, aufgeladen sind. Die impliziten Vorstellungen pädagogischer Fachkräfte werden dabei als häufig rigide und universell gültig identifiziert, was der pädagogischen Realität nicht gerecht wird. Entsprechend wird auch in diesem Beitrag ein kritischer Umgang mit den eigenen Normalitätskonstruktionen und eine differenzsensible Haltung proklamiert. Der letzte Beitrag in diesem Teil von Heike Radvan beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen (stereotyper) Wahrnehmung und dem jeweiligen pädagogischen Handeln. Am Beispiel von Interviews mit Fachkräften aus der Jugendarbeit verdeutlicht die Autorin, dass eine generalisierende und stereotype Wahrnehmung die Etablierung einer hierarchischen Beziehungsstruktur und eine eher instruierende Haltung gegenüber den Jugendlichen begünstigt. Pädagogische Möglichkeitsspielräume und inhaltliche Auseinandersetzungen werden hingegen beschnitten.

Im dritten Teil des Sammelbands stehen Aus- und Einschließungsprozesse in institutionellen Kontexten im Vordergrund. Ute Karl zeigt am Beispiel von Jobcentern, wie Einschließungsprozesse (die „Bearbeitbarkeit des Falls“) gleichzeitig mit Ausschließungsmomenten (Ignorieren von Widersprüchen in der Fallbearbeitung und Einsprüchen der Kund/innen) einhergehen. Die jeweiligen Ein- und Ausschließungsmechanismen werden eindrucksvoll anhand einer Passage aus einem Beratungsgespräch zwischen persönlichen AnsprechpartnerInnen und Kunde verdeutlicht. In dem Beitrag von Sarah Hitzler/Heinz Messmer werden Hilfeplangespräche im Jugendamt genauer im Hinblick auf Ein- und Ausschließung, d.h. Beteiligung der jungen Menschen an diesen Gesprächen, analysiert. Verschiedene Interviewpassagen zeigen dabei, wie unterschiedliche diese Gespräche ablaufen können, je nachdem, ob die jungen Menschen an- oder abwesend sind, ob mit oder über sie geredet wird, ob die Redebeiträge fremd- oder selbstinitiiert sind, und ob es sich um unstrittige oder um strittige Entscheidungen handelt. Sarina Ahmed/Heidi Hirschfeld/Larissa von Schwanenflügel/Mirjana Zipperle/Andreas Walther/Christine Wiezorek beschreiben in ihrem Beitrag verschiedene Dimensionen der Ein- und Ausschließung in bildungsbezogenen Hilfen der Jugendarbeit. In der Jugendberufshilfe oder der Schulsozialarbeit gehen beispielsweise entsprechende Stigmatisierungen („benachteiligte Jugendliche“, „besonderer Bedarf“) als wesentliche Voraussetzung für die Maßnahme einher. Diese Hilfen haben daher auch im Hinblick auf Zuschreibungen biografisches Gewicht. In dem Beitrag von Vicki Täubig/Maren Zeller/Andreas Böhle/Florian Eßer/Nadine Feldhaus/Annika Gaßmöller/Stefan Köngeter/Jana Meier/Nina Oelkers/Anke Petrat werden die Besonderheiten stationärer Settings analysiert. Am Beispiel von stationärem Jugendstrafvollzug, einem Trainingscamp, der geschlossenen Unterbringung von Kindern/Jugendlichen, sowie einer familienähnlichen Heimunterbringung werden die jeweiligen Einschließungsbedingungen und – damit einhergehenden – Ausschließungsmomente beleuchtet. Die zentrale Bedeutung von Kindertageseinrichtungen zur Vermeidung bzw. Kompensation von Bildungsungleichheit wird im Beitrag von Stefan Faas/Rainer Treptow/Sabrina Dahlheimer/Katharina Kluczmiok/ Leonore Thurn näher betrachtet. Diese kompensatorische Bildungsfunktion frühkindlicher Betreuungssettings, gekoppelt mit Beratungs- und Unterstützungsangeboten für Eltern, stellt schließlich eine wichtige infrastrukturelle Leistung zur Vermeidung von sozialen und bildungsbezogenen Exklusionsprozessen dar. Die Autor/innen weisen jedoch insbesondere auf die Handlungskompetenz und das Wissen der frühpädagogischen Fachkräfte als wichtige Voraussetzung dafür hin. Karl August Chassé/Peter Rahn beschäftigen sich in ihrem Beitrag mit der zentralen Bedeutung von armutspräventiven Leistungen zur Vermeidung von Exklusion. Am Beispiel von Familienbildungsangeboten (z.B. Elternkurse) verdeutlichen Sie jedoch, dass diese Leistungen häufig nicht in Passung zu der Lebenswelt benachteiligter Familien treten und sich eher an den Bedürfnissen, Interessen und Lebensstilen des Bildungsbürgertums orientieren. Somit wird ein Ausschluss derjenigen Familien erzeugt, die die Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Lebenslage und Teilhabemöglichkeiten eigentlich brauchen. Wichtig sind daher niedrigschwellige, lebensweltorientierte und nichtstigmatisierende Angebote, d.h. „zielgruppenspezifische Angebotsstrukturen“ (S. 251). In dem Beitrag von Liane Pluto stehen aktuelle Entwicklungen der ambulanten Hilfen für Familien (z.B. SPFH, Frühe Hilfen) im Fokus der Betrachtung. Verdeutlicht werden die Folgen aktueller Ausdifferenzierungsprozesse dieser Leistungen, die Auswirkungen der Zusammenarbeit verschiedener Professionen, sowie die Wahrnehmung der Fachkräfte. Die genannten Entwicklungen könnten nach Ansicht der Autorin sowohl die Beteiligungsmöglichkeiten der Adressat/innen als auch die Wahrnehmung der Fachkräfte verändern. Der letzte Beitrag von Sabrina Hoops/Diana Willems setzt sich in kritischer Art und Weise mit dem (scheinbaren) Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und Delinquenz auseinander. In dem Beitrag wird deutlich, dass insbesondere der sozio-ökonomische Hintergrund sowie die Lebenslage (z.B. unklarer Aufenthaltsstatus) mehr ins Blickfeld gerückt werden müssen und weniger das Merkmal „Migrationshintergrund“. Die Überthematisierung des Migrationshintergrunds wirkt sich dabei vor allem in der Form aus, dass diese Personengruppe „eher in den Mühlen der Justiz [landen] und dort häufiger [verbleiben]“ (S. 268). Die Autorinnen fordern daher eine stärkere Hinwendung der Jugendhilfe zu dieser Personengruppe durch einen entsprechenden Abbau von Zugangsbarrieren und Entwicklung passender Angebote.

Der abschließende, vierte Teil des Buches beschäftigt sich mit der Rolle der Sozialen Arbeit im gesellschaftlichen Gefüge, indem nach dem Zusammenhang zwischen Kritik und Bewertung bzw. Normativität gefragt wird. Albert Scherr analysiert in seinem Beitrag die häufig herausgestellte gesellschaftskritische Rolle der Sozialen Arbeit. In diesem Zusammenhang wird betont, dass insbesondere in den Theorien der Sozialen Arbeit normative Vorstellungen einer wünschenswerten Rolle der Sozialen Arbeit transportiert werden. Da Kritik und Normativität untrennbar miteinander verbunden sind, sieht Scherr einen dringenden Bedarf an Klärung dessen, worauf sich die Kritik der Sozialen Arbeit richten soll, welche normativen Maßstäbe dabei leitend sein sollten und worin diese Maßstäbe begründet werden. Eine bloße „Kapitalismuskritik“ würde hier viel zu kurz greifen. Philipp Sandermann beschäftigt sich weiterhin mit der Frage nach der Funktion und dem Stellenwert von Kritik in wissenschaftlichen Beiträgen über bzw. in der Sozialen Arbeit. Dazu unterscheidet er jedoch zwei unterschiedliche wissenschaftstheoretische Zugänge: einen rationalistischen sowie einen empiristischen Zugang. Entsprechend unterschiedlich fallen die Antworten auf die Frage nach der Funktion von Kritik aus: Während sich im rationalistischen Zugang die Kritik auf die jeweiligen Argumente (d.h. Inhalte des Beitrags) richten, steht im empiristischen Zugang die Argumentation (d.h. die Verknüpfung der Argumente) im Vordergrund. Entsprechende Unterschiede lassen sich auch hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen Kritik und Normativität finden: In rationalistischer Tradition müssten sich Argumente an bestimmten, konsensfähigen normativen Vorstellungen orientieren, während es in der empiristischen Perspektive um erlaubte „Arten und Weisen des Argumentierens“ (S. 295, Herv. im Original) geht. In dem letzten Beitrag formuliert Susanne Maurer einige Thesen zur Bedeutung von Kritik in der Sozialen Arbeit. Die erste These kann dabei als programmatisch für das ganze Buch angesehen werden: „Ohne (Selbst-) Kritik keine (…) gute Soziale Arbeit!“ (S. 299). Die weiteren Thesen beschreiben schließlich die Bedeutung von Perspektivenwechsel, die Wichtigkeit einer normativen Orientierung an Menschenwürde und Gerechtigkeit, die Notwendigkeit offensiver Kritik gesellschaftlicher Missstände und Ungleichheiten, sowie eine macht- und herrschaftskritische Haltung. Besondere Relevanz für den Beitrag hat schließlich noch die These, dass Soziale Arbeit „eine Gedächtnisfunktion in Bezug auf gesellschaftliche Konflikte“ (S. 305) hat und damit auch über wichtige Antworten zur Bewältigung aktueller und zukünftiger Herausforderungen verfügt.

Diskussion

Die einzelnen Beiträge des Sammelbands sind auf den ersten Blick so angeordnet, dass die Auseinandersetzung von analytischen Betrachtungen der relevanten Begrifflichkeiten und verschiedenen theoretischen Perspektiven zu gegenständlichen Analysen in ausgewählten Handlungsfeldern fortschreitet. Tatsächlich lesen sich die einzelnen Beiträge aber jeweils als eigenständige Betrachtungen eines speziellen Gegenstands. Die Vielfalt an in diesem Buch verarbeiteten Themen und Fragestellungen macht dabei entsprechende einleitende (theoretische) Klärungen in jedem Artikel stets auf neue nötig und jeder einzelne Beitrag kann als in sich geschlossen gelesen werden. Auch aus diesem Grund liest sich das Buch stellenweise recht schwer, allerdings eröffnen sich dem aufmerksamen Leser bei gründlicher Lektüre aber auch immer wieder einige entscheidende „Aha-Momente“. Dies ist Stärke und Schwäche des Buches zugleich. So mangelt es zwar in der Gesamtschau an einer aufeinander aufbauenden Auseinandersetzung mit einer bestimmten (eingegrenzten) Fragestellung, auf der anderen Seite bekommt der Leser eine Fülle an fundierten Wissensbeständen präsentiert und erhält Einblicke in eine Vielfalt an Fragestellungen rund um das Themenspektrum Ein- und Ausschließungsprozesse in der Sozialen Arbeit.

Dennoch zieht sich eine Kernthematik durch das ganze Buch: die Notwendigkeit einer disziplinären und professionellen Selbstreflexion. Diese zentrale Bedeutung theoretischer Reflexion, unabhängig von Setting und Handlungsfeld, wird stets verdeutlicht, was letztendlich die „wahre“ Qualität des Buches ausmacht. Die Lektüre des Sammelbands ermöglicht es in jedem Fall, einige Antworten auf die Frage zu finden, welche Bedeutung sozialpädagogische Institutionen und praktisches Handeln bei der Entstehung und Verfestigung sozialer Ein- und Ausschließungsprozesse haben. Die aufgedeckten Mechanismen sind dabei ein erster Schritt, bisherige und teils bewährte Verfahren und Strukturen kritisch-konstruktiv zu hinterfragen. Damit liefert das Buch in der Tat eine wichtige Grundlage zur disziplinären und beruflichen (Selbst-) Reflexion Sozialer Arbeit. Letztendlich sollten auf dieser Basis aber noch Überlegungen angestellt werden, wie in Zukunft mit diesen Mechanismen umgegangen wird. Dies gilt besonders für eine Profession, die sich der Vermeidung und Bekämpfung von Ausgrenzungsprozessen verpflichtet hat.

Fazit

Der in vier Teile untergliederte Sammelband deckt ein großes Spektrum an relevanten Fragestellungen und analytischen Betrachtungen zum Themenbereich Aus- und Einschließungsprozesse in der Sozialen Arbeit ab. Dem lobenswerten Anliegen einer kritischen Auseinandersetzung mit diesen Ein- und Ausschließungsprozessen wird damit entsprochen und der interessierte Leser bekommt einen fundierten und spannenden Einblick in die Vielfalt an – häufig unbemerkten – Mechanismen sozialer Ein- und Ausschließung in verschiedenen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit. Besonders hervorzuheben ist, dass sich die Auseinandersetzung nicht, wie sonst üblich, auf die Rolle der Sozialen Arbeit bei der Vermeidung und Bekämpfung von Ausgrenzungsprozessen konzentriert, sondern auch die Ausschließungsprozesse, die im Rahmen der Handlungspraxis und Institutionalisierung Sozialer Arbeit verursacht werden, näher in den Blick nimmt. Das Buch ermöglicht Fachkräften der Sozialen Arbeit daher eine wichtige Horizonterweiterung und fördert die Reflexion des (eigenen) beruflichen Handelns. Für den disziplinären Diskurs verweist das Buch auf die Wichtigkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Trends sowie der Reflexion der Rolle der Sozialen Arbeit im Kontext aktueller sozialpolitischer Entwicklungen und wohlfahrtsstaatlichen Handelns.


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Meyer
Professor für Praxisforschung in der Sozialen Arbeit und Studiengangsleiter Kinder- und Jugendarbeit, Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-stuttgart.de/themen/bachelor/fakultaet-soz ...
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Zitiervorschlag
Thomas Meyer. Rezension vom 02.10.2015 zu: Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Kommission Sozialpädagogik (Hrsg.): Praktiken der Ein- und Ausschließung in der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3255-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19043.php, Datum des Zugriffs 24.09.2016.


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