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Birgit Mayer-Lewis, Marina Rupp (Hrsg.): Der unerfüllte Kinderwunsch

Cover Birgit Mayer-Lewis, Marina Rupp (Hrsg.): Der unerfüllte Kinderwunsch. Interdisziplinäre Perspektiven. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. 243 Seiten. ISBN 978-3-8474-0189-6. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,00 sFr.
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Thema

Schätzungen zufolge ist in Deutschland etwa jedes 7. Paar ungewollt kinderlos. Zum Themenfeld „unerfüllter Kinderwunsch“ gibt es bereits zahlreiche Publikationen, die sich entweder mit den ethischen, medizinischen oder psychosozialen Aspekten der Reproduktionsmedizin beschäftigen sowie zahlreiche Ratgeber für Betroffene. Bei dem von Birgit Mayer-Lewis und Marina Rupp herausgegeben Buch handelt es sich um eine Sammlung verschiedener Aufsätze, die die genannten Perspektiven in einem Band vereinen.

Herausgeberinnen

  • Birgit Mayer-Lewis ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Staatsinstitut für Familienforschung und betreut dort das Sara-Projekt, das sich mit der Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch beschäftigt. Im Rahmen der Projektkonzeption beschäftigte sie sich mit den vielfältigen Aspekten des unerfüllten Kinderwunsches und entwickelte dabei die Idee zum hier besprochen Buch.
  • Marina Rupp ist stellvertretende Leiterin des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg. Einer ihrer wissenschaftlichen Schwerpunkte liegt in der Erforschung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften mit Kindern.

Entstehungshintergrund

Während der Projektkonzeption sowie der wissenschaftlichen Begleitung des Sara-Projekts fanden viele Gespräche der Autorinnen mit Experten unterschiedlicher Fachbereiche zum Thema unerfüllter Kinderwunsch statt. Im Rahmen dieses Austauschs entstand die Idee, die Blickwinkel verschiedener Disziplinen auf das Thema in einem Buch zusammenzutragen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beschäftigt sich zunächst mit den medizinischen Aspekten der menschlichen Fertilität und Kinderwunschtherapie, danach werden juristische, ethische und zuletzt psychosoziale Fragestellungen beleuchtet.

Im ersten Kapitel gibt eine Autorengruppe um Ralf Dittrich einen Überblick über die derzeit gängigen reproduktionsmedizinischen diagnostischen und therapeutischen Methoden. Hierbei werden Verfahren wie IUI, IVF, ICSI mit ihren Chancen und Risiken erörtert und Vor- sowie Nachteile verschiedener reproduktionsmedizinischer Methoden wie beispielsweise „Single-Embryo-Transfer“, „Blastozystenkultur“ und „Assisted hatching“ erörtert. Auch auf die Embryonenspende, sowie auf neuere Methoden wie das „Social Freezing“ wird kurz eingegangen.

Im zweiten Kapitel gibt Monika Bals-Pratsch einen erfreulich umfassenden Überblick über fruchtbarkeitsbeeinflussende Faktoren bei der Frau. Obwohl selbst Gynäkologin, stellt sie nicht wie sonst häufig üblich nur die gynäkologischen Aspekte dar, sondern spannt einen weiten Bogen von Erkrankungen des Blutgerinnungssystem über Nahrungsergänzung hin zu Erkrankungen des Zuckerstoffwechsels. Dabei diskutiert die Autorin auch die Frage, ob eine umfassende Abklärung fertilitätsbeeinflussender internistischer Faktoren nicht schon bereits vor einer ersten reproduktionsmedizinischen Maßnahme erfolgen soll und nicht wie bisher erst, wenn bereits mehrere Versuche erfolglos waren.

Bernhard Schwindl beschreibt in seinem Beitrag komplementär zum zweiten Kapitel die Faktoren der Männergesundheit, die Einfluss auf die Fruchtbarkeit haben. Hierbei stellt er nicht nur diagnostische und therapeutische Methoden dar, sondern legt auch viel Wert darauf zu beschreiben, wie schwerwiegende Diagnosen einfühlsam vermittelt werden können.

Mit Ulrike Gust und Monika Kücking stellen zwei Mitarbeiterinnen des GKV Spitzenverbandes umfassend und gut verständlich dar, unter welchen Voraussetzungen gesetzliche Krankenkassen in Deutschland Maßnahmen zur Herbeiführung einer Schwangerschaft (mit)finanzieren. Dabei gelingt es ihnen, die etwas trockene Thematik sehr anschaulich aufzubereiten.

Kapitel fünf und sechs befassen sich mit den rechtlichen Aspekten der Regelung von Gameten-, Embryonenspende und der Leihmutterschaft. Jens Kersten stellt die derzeitige rechtliche Regelung dar, erörtert aber auch, welche Argumente für eine Liberalisierung des Fortpflanzungsmedizinrechts sprechen. Marlene Steiniger vergleicht die deutsche und österreichische Rechtslage bezüglich des Verbots der Leihmutterschaft und diskutiert dabei auch verschiedene Fälle aus der bisherigen Rechtsprechung.

Reiner Anselm diskutiert aus ethischer Sicht die Spannung, die bei durch Gametenspende entstanden Familien besteht zwischen dem Recht des Kindes auf Wissen um seine genetische Herkunft und den Vorteilen, die dem Kind, durch eine Indisponibilität der Zugehörigkeit zu seiner sozialen Familie entstehen, sowie dem Recht auf selbstbestimmte Fortpflanzung der Eltern.

In Kapitel acht stellt eine Arbeitsgruppe um Pia Bergold nach einem kurzen Überblick über den bisherigen Stand der Forschung eine Studie vor, die zwischen 2006 und 2009 am ifb Bamberg durchgeführt wurde und Entscheidungsprozesse lesbischer Paare bei der Familiengründung analysiert.

Die Herausgeberin Birgit Mayer-Lewis stellt im vorletzten Kapitel die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung des Sara-Modellprojektes zur Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch vor. Sie beschreibt insbesondere welche Informationsbedürfnisse bei den Wunscheltern bestehen und welche Hauptinhalte und Hilfestellungen Hauptbestandteile der Beratungen waren.

Im letzten Kapitel stellt Petra Thorn dar, welche neuen Themen wie bspw. „Social freezing“ Bestandteil von Kinderwunschberatung werden. Sie beschreibt Homosexuelle und Lesben sowie Solomütter und Menschen nach Gametenspende als neue Zielgruppen psychosozialer Beratung und erläutert, inwiefern Internet und Telefon als neue Medien in die Beratung integriert werden können.

Diskussion

Insgesamt bietet das Buch umfassende Informationen für alle, die sich einen guten Überblick über das Themenfeld „unerfüllter Kinderwunsch“ verschaffen wollen. Zielgruppe sind eher Fachkräfte als selbst vom unerfüllten Kinderwunsch Betroffene. Der Band bezieht sehr viele verschiedene Fachdisziplinen mit ein und zeigt dadurch auch auf, welche mannigfaltigen Aspekte die Thematik berührt. Die einzelnen Beiträge sind in sich gut strukturiert und verständlich formuliert. Auch die etwas trockenere juristische und sozialrechtliche Materie ist anschaulich und mit vielen Beispielen aufbereitet. Ein wenig schade ist allerdings, dass die Gestaltung der Kapitel recht unterschiedlich ist. Die Beiträge der ersten vier Kapitel sind übersichtssartig gestaltet und geben dem Leser einen sehr guten und für eine erste Einführung auch relativ umfassenden Überblick über die medizinischen und sozialrechtlichen Bereiche. Die danach folgenden Kapitel stellen nur jeweils einen Teilaspekt der Themenbereiche „Recht, Ethik, Kinderwunschberatung und gleichgeschlechtliche Paare“ dar, diesen dann allerdings sehr ins Detail gehend. Teilweise werden auch einfach nur aktuelle Studien vorgestellt. Erst das letzte Kapitel gibt wieder einen guten Überblick. Hierdurch entsteht ein Werk, das in den ersten Kapitel ein exzellentes Einführungsbuch für alle ist, die sich neu mit dem Thema befassen möchten und in den weiteren Kapiteln Vertiefungswissen zu speziellen rechtlichen, ethischen und psychosozialen Aspekten bietet. Trotz dieses fehlenden „roten Fadens“ ist das Buch aber sehr lesenswert und bietet sehr vielfältige, gut aufbereitete Informationen.

Fazit

Ein sehr empfehlenswertes Buch für alle Fachkräfte, die sich einen Überblick über das Themenfeld „unerfüllter Kinderwunsch“ verschaffen wollen.


Rezensentin
Dr. Judith Zimmermann
Fachärztin für Innere und Allgemeinmedizin, Systemische Therapeutin mit Schwerpunkt Kinderwunschberatung
Homepage www.kinderwunschberatung-worms.de
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Zitiervorschlag
Judith Zimmermann. Rezension vom 10.08.2015 zu: Birgit Mayer-Lewis, Marina Rupp (Hrsg.): Der unerfüllte Kinderwunsch. Interdisziplinäre Perspektiven. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. ISBN 978-3-8474-0189-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19055.php, Datum des Zugriffs 24.08.2016.


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