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Jörg Fichtner: Trennungsfamilien – lösungsorientierte Begutachtung und gerichtsnahe Beratung

Cover Jörg Fichtner: Trennungsfamilien – lösungsorientierte Begutachtung und gerichtsnahe Beratung. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2015. 217 Seiten. ISBN 978-3-8017-2517-4. D: 26,95 EUR, A: 27,80 EUR, CH: 35,90 sFr.

Praxis der Paar- und Familientherapie, Bd. 9.
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Thema

Eine Trennung bzw. Scheidung bringt in aller Regel enorme Belastungen für Eltern und Kinder mit sich. Aus der Forschung ist bekannt, dass Kinder aus Scheidungsfamilien vor allem dann ein erhöhtes Risiko für Entwicklungsstörungen haben, wenn es ihren Eltern dauerhaft nicht gelingt, ihre Konflikte konstruktiv zu regeln und kindgerechte Lösungen für die Zeit nach der Scheidung zu finden. Im vorliegenden Band wird ein lösungsorientierter Ansatz für die Begutachtung und Beratung von Trennungsfamilien vorgestellt. Dabei wird beschrieben, wie insbesondere bei hoher Konflikthaftigkeit tragfähige Nachscheidungsregelungen erarbeitet werden können, die sowohl den Interessen der Eltern als auch den Bedürfnissen der Kinder bestmöglich gerecht werden.

Autor

Jörg Fichtner ist promovierter Diplom-Psychologe, Verhaltenstherapeut, Mediator und forensischer Sachverständiger im Familienrecht. Seit 2001 ist er als Gutachter und Berater sowie als Referent für Fort- und Weiterbildungen in Freiburg tätig. Vom Autor liegen zahlreiche Fachpublikationen zu den Themen Familie, Trennung, Begutachtung und Beratung vor.

Entstehungshintergrund

Der vorliegenden Band ist im Kontext der beruflichen Praxis des Autors entstanden, der über langjährige Erfahrung als familienpsychologischer Sachverständiger und Berater verfügt. Ferner hat sich der Autor auch wissenschaftlich intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt. Zwischen 2007 und 2010 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter in dem am Deutschen Jugendinstitut (DJI) durchgeführten Forschungsprojekt „Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft“.

Aufbau

Das Lehrbuch umfasst 217 Seiten mit sieben unterschiedlich langen Kapiteln, ein umfangreiches Literaturverzeichnis (16 Seiten), ein Stichwortverzeichnis sowie einen Anhang. Letzterer beinhaltet ausgewählte Gesetzespassagen, einen Kurzfragebogen zur Situation nach Trennung und Scheidung, Kopiervorlagen sowie Fortbildungshinweise. Zur besseren Orientierung des Lesers und der Leserin ist der gesamte Text mit Marginalien versehen, in denen der Inhalt der jeweiligen Abschnitte stichwortartig zusammengefasst ist. Zahlreiche Beispiel-Kästen, Abbildungen und Tabellen lockern den Text auf. Am Ende jedes Kapitels findet sich eine Zusammenfassung der wesentlichen Inhalte („Zwischenfazit“).

Inhalt

In dem kurzen einführenden Kapitel 1 erläutert der Autor zunächst die Perspektive und die Rolle der Psychologie im Familienrecht. Vor diesem Hintergrund verortet er die beiden zentralen Aspekte des vorliegenden Bandes: Hochkonfliktberatung und die lösungsorientierte Begutachtung.

In Kapitel 2 werden die gewandelten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Partnerschaft und Familie beleuchtet, wobei der Autor vor allem auf (familien-)soziologische Aspekte und Forschungsbefunde eingeht, z.B. Individualisierung, Pluralisierung von Familienformen, veränderte Geschlechterrollen in Partnerschaft und Kindererziehung, hohe Scheidungsraten. Ferner wird die Rolle der Gesetzgebung dargestellt, die einerseits auf gesellschaftliche Veränderungen von Partnerschaft und Familie reagiert, anderseits diese Veränderungen befördert.

Im Mittelpunkt von Kapitel 3 stehen die beiden zentralen Konfliktthemen von Trennungspaaren im Hinblick auf die gemeinsamen Kinder, nämlich Sorgerecht und Umgangsrecht. Der Autor zeigt auf, dass Sorgerechts-, Aufenthalts- und Umgangsregelungen immer unter dem Aspekt fundamentaler kindlicher Grundbedürfnisse zu sehen sind (z.B. Bindung, Stabilität, Kontinuität, Selbstbestimmung). Im Anschluss wird die Problematik von zu „Hochkonfliktfamilien“ dargestellt, d.h. Eltern, die dauerhaft in massive und scheinbar kaum zu lösende Streitigkeiten verstrickt sind. Dabei wird deutlich, dass die betroffenen Kinder gravierende Belastungen erleben und ein hohes Entwicklungsrisiko tragen. Angesichts der Komplexität dieser Konfliktkonstellationen stellt der Autor fest, dass die Erwartung einfacher psychologischer Lösungen in den meisten Fällen unrealistisch ist. Zugleich sieht er zahlreiche Ansatzpunkte für die psychologische Beratung und Begutachtung, die allerdings deutlich über die reine Beantwortung juristischer Fragen (wie z.B. die Sorgerechtsregelung) hinausgehen sollte.

Die Rolle psychologischer Interventionen im familiengerichtlichen Verfahren wird im Kapitel 4 erörtert. Unter Rekurs auf die Systemtheorie von Luhmann legt der Autor dar, dass Recht, Beratung und Person unterschiedliche Systeme mit zum Teil unvereinbaren Logiken bzw. „Codes“ sind. Bedingt durch die Systemdifferenzen zwischen Recht und psychologischer Intervention weist Beratung und Begutachtung im Kontext von familiengerichtlichen Verfahren eine Reihe von Besonderheiten auf. So ist z.B. das klassische Freiwilligkeitsprinzip von Beratung nicht ohne weiteres auf die Beratung von Scheidungsfamilien übertragbar (z.B. bei gerichtlich angeordneten Beratungen). Zugleich ist davon auszugehen, dass Beratung ihre Wirkung am ehesten dann entfaltet, wenn sie nicht auf Zwang und Sanktionierung setzt, sondern auf Empathie, Hilfe und Motivationsaufbau. Ferner geht die heutige Begutachtungspraxis familienpsychologischer Sachverständiger oft deutlich über die reine Diagnostik hinaus und umfasst auch einen Interventionsauftrag (z.B. Herstellung eines elterlichen Einvernehmens). Vor diesem Hintergrund formuliert der Autor abschließend grundsätzliche „Orientierungspunkte“ im Hinblick auf lösungsorientierte Interventionen im gerichtlichen Kontext.

Im Kapitel 5 stellt der Autor eine Reihe von Ansatzpunkten für die Beratungsarbeit mit hochkonflikthaften Eltern dar. Diese ist vielfach auch für Beraterinnen und Berater ausgesprochen belastend, was adäquate Maßnahmen der Selbstfürsorge und die Entwicklung einer spezifischen Haltung erfordert. In der Arbeit mit den Eltern ist es wichtig, hinter deren aggressiven Agieren auch deren Belastungen und Bedürfnissen zu erkennen. Im Unterschied zu anderen Beratungskontexten ist für die Arbeit mit hochkonflikthaften Eltern ein hohes Maß an Strukturierung und Direktivität empfehlenswert, ggf. auch ein Co-Beratungs-Setting. Der Autor arbeitet heraus, dass der Diagnostik der elterlichen Belastungen und Ressourcen eine zentrale Rolle im Hinblick auf die Planung weiterer Interventionen zukommt. Ausgehend von der Konfliktdiagnostik werden als weitere mögliche Schritte psychoedukative Elterngespräche, gemeinsames Verhandeln strittiger Fragen und eine Phase zur Erprobung ausgehandelter Lösungen vorgeschlagen. Zur Ausgestaltung des Beratungsprozesses werden einige ausgewählte Techniken aus der Mediation und der systemischen Therapie vorgestellt, die sich in der Praxis als hilfreich erwiesen haben.

Im Kapitel 6 geht es schwerpunktmäßig um die Arbeit mit den betroffenen Kindern. Dabei vertritt der Autor die Position, dass Kinder auch und gerade bei hochkonflikthaften Konstellationen in die Beratung und Begutachtung einbezogen werden sollten. So stellt z.B. nicht jede Elternübereinkunft per se eine „gute“ Lösung dar – im Sinne des systemischen Ansatzes sollten immer auch die Sichtweisen, Bedürfnisse und Wünsche der Kinder angemessen berücksichtigt werden. Abhängig vom elterlichen Konfliktniveau können Kinder auf unterschiedliche Art und Weise in die Beratung eingebunden werden. Hierzu gibt der Autor eine Reihe von praktischen Hinweisen und Empfehlungen, z.B. im Hinblick auf eine kindgerechte Beziehungsgestaltung und Gesprächsführung, den Einsatz diagnostischer Verfahren sowie spezifische Unterstützungsangebote für hochbelastete Kinder. Ferner werden Überlegungen zur Einbeziehung weiterer relevanter Personen skizziert, wie z.B. der Großeltern, neuer Partner oder Jugendamtsmitarbeiter.

Das Kapitel 7 beinhaltet Hinweise für das praktische Vorgehen bei der Beratung und Begutachtung von Hochkonfliktfamilien. In Anlehnung an Befunde der Scheidungsforschung legt der Autor zunächst dar, dass für hochkonflikthafte Scheidungspaare das Ziel einer „parallelen Elternschaft“ realistischer zu er reichen ist als das einer „kooperativen Elternschaft“. Im Anschluss wird dargestellt, wie gemeinsam mit den Eltern praktikable Regelungen zu Sorgerecht und Umgangsrecht gefunden werden können. Ferner werden Möglichkeiten der Informationsweitergabe bezüglich des Beratungsverlaufs und -erfolgs an das Gericht diskutiert. Das Kapitel endet mit zwei Phasenmodellen für lösungsorientierte Begutachtungsprozesse und die gerichtsnahe Hochkonfliktberatung, die auch durch Abbildungen visualisiert werden. Als abschließendes Fazit unterstreicht der Autor nochmals die zentrale Bedeutung einer systemischen Sichtweise, durch die zwei Gefahren vermieden werden können: Zum einen die Gefahr, dass Elternberatung „für die Kinder“, aber nicht für die Eltern gemacht wird; zum anderen die Gefahr, dass Beratung zwar für, aber nicht „mit den Kindern“ gemacht wird.

Diskussion

Der vorliegende Band ist sehr übersichtlich gegliedert und überzeugt durch eine stringente und kenntnisreiche fachliche Argumentation. Trotz der Dichte der vermittelten Informationen liest sich das Buch flüssig und angenehm. Insgesamt wird deutlich, dass der Autor über profunde Fachkenntnisse und langjährige Praxiserfahrung als Berater und psychologischer Sachverständiger verfügt. Zum einen gibt der Autor einen kompakten Überblick zum Forschungsstand und berücksichtigt dabei auch zahlreiche aktuelle und internationale Studien. Eine Fülle relevanter Aspekte und Diskurse wird dabei differenziert diskutiert und pointiert kommentiert. Zum anderen vermittelt er einen sehr konkreten und plastischen Einblick in die Beratungs- und Begutachtungspraxis mit Hochkonfliktfamilien. Dabei erläutert er die Möglichkeiten und Chancen psychologischer Interventionen, aber er weist auch auf deren Grenzen hin. Professionalität in diesem Bereich bedeutet u.a. auch zu erkennen, ob und wann die Grenzen von psychologischer Beratung erreicht sind und (ggf. vorübergehend) gerichtliche Vorgaben notwendig sind.

Wie der Autor in der Einleitung sehr zutreffend feststellt, hat es im Recht wahrscheinlich noch nie mehr Psychologie gegeben als derzeit. Insbesondere das seit 2009 geltende Gesetz über das Verfahren in Familiensachen und in den Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit (FamFG) hat dazu beigetragen, dass psychologische Interventionen gerade bei hochkonflikthaften familiengerichtlichen Verfahren heute regelhaft zum Einsatz kommen. Der vorliegende Band verdeutlicht, dass die Durchführung von Beratungen und lösungsorientierten Begutachtungen von Hochkonfliktfamilien in hohem Maße spezialisierte Fachkenntnisse, praktische Kompetenzen sowie persönliche Eignung erfordert. Hier vertritt der Autor die Auffassung, dass Hochkonfliktberatung nicht nur von Psychologen, auch von Pädagogen oder Sozialarbeitern mit einschlägigen Fortbildungen angeboten werden kann, während fundierte familienpsychologische Gutachten nur von Sachverständigen mit psychologischer Qualifikation erstellt werden können. Obwohl dieser Position aus fachlich-psychologischer Sicht zuzustimmen ist, dürfte sie angesichts der de facto multiprofessionellen Begutachtungspraxis in familiengerichtlichen Verfahren vermutlich ebenso kontrovers diskutiert werden wie unterschiedliche Vorgehensweisen in der Beratung und Begutachtung.

Fazit

Bei dem vorliegenden Band handelt es sich um ein exzellentes Fachbuch, das sich durch eine klare, differenzierte Darstellung und eine stringente fachliche Argumentation auszeichnet. Es dürfte insbesondere für Leserinnen und Leser interessant sein, die bereits über einschlägige Fachkenntnisse und Praxiserfahrungen verfügen. Für psychosoziale Fachkräfte, die als familienpsychologische Gutachterinnen oder Berater mit Trennungs- und Scheidungsfamilien arbeiten, bietet das Buch vielfältige intellektuelle und praktische Anregungen.


Rezensent
Prof. Dr. phil. habil. Johannes Jungbauer
Diplom-Psychologe; Supervisor (BDP). Professor für Familien- und Entwicklungspsychologie an der Kath. Hochschule NRW in Aachen
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Zitiervorschlag
Johannes Jungbauer. Rezension vom 01.02.2016 zu: Jörg Fichtner: Trennungsfamilien – lösungsorientierte Begutachtung und gerichtsnahe Beratung. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2015. ISBN 978-3-8017-2517-4. Praxis der Paar- und Familientherapie, Bd. 9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19084.php, Datum des Zugriffs 25.09.2016.


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