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Bettina Hünersdorf (Hrsg.): Spiel-Plätze in der Stadt

Cover Bettina Hünersdorf (Hrsg.): Spiel-Plätze in der Stadt. Sozialraumanalytische, kindheits- und sozialpädagogische Perspektiven. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2015. 175 Seiten. ISBN 978-3-8340-1438-2. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Frau Hünersdorf versammelt in ihrem Buch sehr unterschiedliche interdisziplinäre Sichtweisen auf den Spiel-Platz, in einem breiten Spektrum von kindheitstheoretischen, sozialpädagogischen und sozialraumanalytischen Perspektiven.

Aufbau und Inhalt

Nach der Einleitung beschäftigt sich das zweite Kapitel mit kindheitstheoretischen und methodologischen Perspektiven auf den Spielplatz. Beatrice Hungerland eröffnet das Kapitel mit ihrem Beitrag: „Die Lebensraumstudie von Martha Muchow und ihre Bedeutung für die Kindheitsforschung“.

Hungerland stellt in ihrem Beitrag den Aufbau und die wichtigsten Ergebnisse der klassischen Studie von Martha Muchow vor und beschreibt dann deren Relevanz für die heutige Kindheitsforschung und weitere Wissenschaftsbereiche, die bis heute aktuell sind: „Abschließend kann resümiert werden, dass die Anstöße für die Kindheitsforschung, die sich aus der Lebensraumstudie ergeben, vielfältig und weitreichend waren und immer noch sind“ (S. 32).

Die in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts veröffentlichte Studie von Martha Muchow: „Der Lebensraum des Großstadtkindes“ war lange Zeit nicht zugänglich, auch auf Grund der Zerstörung des Hamburger Instituts durch den Nationalsozialismus. Hungerland würdigt deshalb an verschiedenen Stellen in ihrem Beitrag den besonderen Verdienst des inzwischen auch schon verstorbenen Siegener Kindheits- und Jugendforschers Jürgen Zinnecker, der die Muchow-Studie wiederentdeckt und zusammen mit seinen Mitarbeiter_innen (insbesondere Imke Behnken) in verschiedenen Auflagen veröffentlicht und der Fachwelt zur Verfügung gestellt hat.

Die heute auch als „Mutter aller Kindheitsforschungen“ bezeichnete und oft zitierte Studie, wird in ihrem Grundaufbau von Beatrice Hungerland vorgestellt, auch vor dem Hintergrund der Wohn- und Lebenssituation von Kindern und ihren Familien im Hamburger Stadtteil Barmbeck der 20er Jahre. Mit den interessanten Zitaten zu einzelnen von Muchow untersuchten Orten der Kindheit (wie z. B. dem Löschplatz) wird die Sichtweise dieser Studie und ihr großer Verdienst dargestellt, die konsequent die Sichtweise der Kinder als handelnde Akteure untersucht und in den Mittelpunkt stellt. Auch der für die damalige Zeit ausgesprochen innovative und bis heute wirksame methodologische Aufbau der Arbeit wird skizziert, die Bestimmungen von Streif- und Spielraum der Kinder, die von ihnen „umgelebten“ Orte, vom unbebauten Platz bis hin zum Warenhaus Karstadt und dem Hinweis auf geschlechtsspezifische Unterschiede in der Raumaneignung von Kindern.

Die weiteren Teile des Beitrags von Hungerland befassen sich nun vor allen Dingen mit der Weiterentwicklung und kindheitswissenschaftlichen Nutzung der Konzepte Muchows (S. 22). Die grundlegende Erkenntnis besteht vor allen Dingen in der Betrachtung des Kindes als handelnder Akteur seiner Entwicklung in Pädagogik, Psychologie und Sozialisationstheorie (S. 22). Hungerland geht hier kurz auf die pädagogischen Klassiker wie Piaget, Montessori u. a. ein, in deren Arbeiten die Akteursstellung des Kindes bereits thematisiert werden, ebenso wie in der Sozialisationstheorie und Sozialisationsforschung (S. 23) sowie der empirischen Sozialisationsforschung, in der z. B. Klaus Hurrelmann vom Konzept des „produktiv realitätsverarbeitenden Subjekts“ (S. 24) ausgeht. Im vierten Teil beschreibt Hungerland neuere Ansätze einer soziologisch fundierten kindheitswissenschaftlichen Perspektive in der von der Akteurschaft von Kindern (Agency) die Rede ist (S. 26 oben). Die Auffassung von Kindheit und Jugend als Moratorium, als Institutionalisierung, als Schutzzone (S. 26) lässt auch die Frage nach der sozialen Konstruktion von Kindheit und ihren gesellschaftlichen Bedingungen stellen: Inwieweit die von Erwachsenen und ihrer Lebenswelt determinierten gesellschaftlichen Ordnung überhaupt eine eigensinnige Deutung und eigenständige Bearbeitung und Aneignung der Welt durch Kinder zulässt (vgl. S. 26 unten).

Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich Beatrice Hungerland in ihrem fünften Abschnitt deshalb auch mit dem Thema „das Kind als Rechtssubjekt in der Kinderrechteforschung“ und fragt vor dem Hintergrund der UN-Kinderrechtskonvention, wie das Spannungsverhältnis zwischen prinzipiellem Subjektstatus einer rechtlichen Sonderstellung und Praxen der Erteilung von Ressourcen durch Erwachsene (S. 28) ausbalanciert werden kann. Folgerichtig fragt sie auch nach ungleichen Kindheiten (S. 28) und einer ungleichheitstheoretischen Kindheitsforschung, die bisher allerdings erst in den Anfängen steckt. In ihrem siebten Abschnitt beschäftigt sich Frau Hungerland noch einmal mit den methodologischen Entwicklungen der Kindheitsforschung, die ausgehend von Martha Muchow die Perspektive von Kindern und die Sicht des Subjekts methodologisch umsetzen will. Letztlich geht es um eine Forschung die sich dadurch auszeichnet „das sie nicht mehr über Kinder, sondern mit Kindern forscht“ (S. 30).

In ihrem Fazit fasst Frau Hungerland noch einmal die wichtigsten Aspekte zusammen und resümiert die wichtigen Anstöße für die Kindheitsforschung, die bis heute auf die Lebensweltstudie von Martha Muchow zurückgehen, und welche deshalb auch eine wichtige Grundlage für aktuelle Fragestellungen in diesem Buche bilden.

Der zweite Beitrag in diesem Kapitel von Florian Eßler beschäftigt sich mit dem Thema: „Von Liebesbriefen, Kindern und anderen Akteuren: Der Spielplatz aus der Perspektive relationaler Agency-Theorien“. Eine ethnographische Untersuchung auf einem Abenteuerspielplatz ist Ausgangspunkt für die Forschungsfrage, „wie Spielplätze zu Räumen werden, die (Spiel-)Aktivitäten ermöglichen“ (S. 35). Die beschriebene Szene an einem Nachmittag auf dem Abenteuerspielplatz bezieht sich auf das Auftauchen eines Liebesbriefes und den damit verbundenen Aktivitäten und Handlungen der Mädchen und Jungen. Eßler interpretiert das freie Spiel der Kinder und die Entwicklung ihrer Kommunikation unter den Bedingungen des Abenteuerspielplatzes mit seiner „Heterogenität der Möglichkeiten und der Vielfalt der Dispositive“ (S. 44). Auch wenn nicht wirklich klar wird, was der relationale Agencyansatz für weitergehende Interpretationsmöglichkeiten bietet, zeigt der Beitrag insgesamt einen ethnographisch orientierten intensiven Einblick in einen Spielort, der durch die handelnden Akteure und die Rahmenbedingungen zu einem Spielraum wird.

Der dritte Beitrag in diesem Kapitel stellt eine empirisch sehr breite Grundlage für die Freizeitaktivitäten von Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 17 Jahren zur Verfügung: Katrin Hüsken und Christian Alt vom Deutschen Jugendinstitut können in ihrem Beitrag: „Freizeitaktivitäten zwischen sechs und 17 Jahren. Der Einfluss der Lebenslage auf die ausgeübten Freizeitaktivitäten“ einen sehr differenzierten Blick auf Freizeitaktivitäten und Typen der Freizeitgestaltung eröffnen. Einzelne Freizeitaktivitäten werden besonders betrachtet, wie z. B. das „draußen Spielen, Sport treiben, Fernsehen und Bücher lesen“ (S. 53 ff.). Besonders interessant erscheinen aber die relevanten Dimensionen der Freizeit zwischen 6 und 17 Jahren (S. 55 ff.). Die Autoren unterscheiden hier Indooraktivitäten (Kultur), Outdooraktivitäten (Sport) sowie Medien im Vergleich der drei Altersstufen. Von besonderem Interesse für die Praxis sind die von den Autoren skizzierten Freizeittypen und ihre Entwicklung (S. 56 ff.). Der „kreative Bildungsfreizeitler“, der „sport- und medienorientierte Freizeitler“, der „wenig aktive Freizeitler“, der „Allrounder“ sowie der „häusliche Typ“ werden in ihren Charakteristika beschrieben und sind auch geschlechtsspezifisch und Schichtorientiert differenziert. Die Autoren beschäftigen sich dann noch mit dem Thema wie sich die Freizeittypen mit dem Alter entwickeln und versuchen im letzten Kapitel Freizeittypen und ihre Freizeitorte zu beschreiben. Auch wenn die ausgewerteten Daten keine direkte Bezugnahme auf Spielplätze zulassen, bringt dieser Beitrag einen sehr wichtigen Aspekt in das Buch ein, in dem er auf einer breiten empirischen Grundlage Freizeitaktivitäten analysiert und Typisierungen beschreibt.

Das Kapitel zu sozialraumanalytischen Perspektiven auf den Spielplatz wird durch einen Beitrag von Fabian Kessl und Christian Reutlinger zum Thema „Spielplätze als Bildungsräume. Konzeptionelle Überlegungen zur Gestaltung von Spielplätzen“ eingeleitet. Ausgehend von der Kritik an einer verbreiteten Definition von Spielplätzen als möblierten Plätzen für Kinder entwickeln die Autoren ein erweitertes Verständnis von Plätzen im öffentlichen Raum, die insbesondere durch die spielerische Nutzung von Kindern, aber auch durch andere Gruppen ihre spezifische Funktion erhalten. Im Begriff des Spielraums, der auch in dem von den Autoren durchgeführten Entwicklungsprogramm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung entspricht, „liegt die Annahme einer strukturellen Verwobenheit von Bildungs- und Stadtentwicklungsprozessen zu Grunde“ (S. 71).

In ihren Ausführungen zum pädagogischen Konzept der Bildungsräume (S. 72) begründen sie - im Anschluss an das Konzept von Winkler zur Gestaltung pädagogischer Orte - ihre Sichtweise auf Spielplätze als Bildungsräume, die vor allen Dingen durch zwei Prozesse mit Leben erfüllt werden: „Die Pädagogisierung von Orten und die Realisierung von spezifischen Bildungsarrangements“ (S. 73).

Im folgenden Abschnitt rekurrieren sie auf die unterschiedlichen Positionen zur Thematisierung räumlicher Dimensionen von Lern- und Bildungsprozessen wie sie in den letzten 20 Jahren in unterschiedlichen Weisen formuliert wurden. Sie stellen danach ihr heuristisches Modell der wissenschaftlichen Prozessbegleitung in dem Programm Spielraum vor, das in drei europäischen Staaten öffentliche Spielräume untersucht hat. Aus dieser Begleitung ergeben sich sehr interessante und für die Praxis nutzbare Aspekte und Vorannahmen (S. 78 ff.). In ihrer Untersuchung leiteten sie folgende Aspekte: Eine multifunktionale Gestaltung der Bildungsorte, die Befähigung als Vorannahme, die flexibel-milieuspezifische Ausgestaltung der Nutzungsstrukturen, Gendersensibilität, die Relevanz lokaler Vernetzung und die institutionelle Rückbildung der Platzgestaltung. Im abschließenden Empfehlungsteil gehen sie zusammenfassend auf die partizipative Ausgestaltung von Spielplätzen ein, deren Funktion als Medium von Aneignung und Bildung sich auf der Grundlage ihres erweiterten Horizontes der Spielplatzgestaltung immer als Spielraumgestaltung versteht: „Dieser ist situations- und lebensalterspezifisch, d. h. mit Blick auf die jeweiligen lokalen, kommunalen Kontexte und die Konstellation der jeweiligen (potenziellen) Nutzerinnengruppen zu realisieren“ (S. 80).

Jennifer Hübner beschreibt in ihrem Beitrag: „Partizipative Spielplatzplanung durch Modellbau: Imaginär räumliche Konfigurationen im Partizipationsverfahren“ die Methode „Modellbau“ in der Spielplatzplanung und stärkt damit die sozialraumanalytische Perspektive auf Spielplätze durch eine interessante methodologische Herangehensweise. Nach einer kurzen demokratietheoretischen und raumtheoretischen Einführung stellt sie ein Projekt aus Berlin in den Mittelpunkt, das als Praxisprojekt durchgeführt, aber wissenschaftlich begleitet wurde, z. B. die Kommunikation der Kinder durch Videoaufzeichnung. In der Datenauswertung und Ergebnisdarstellung rekonstruiert die Autorin das generationale Verhältnis zwischen Interviewerin und Kindern, stellt die Probleme der Zusammenarbeit zwischen den Kindern dar und beschreibt sehr gut die Ambivalenz der Interviewerin zwischen „Spielleitung“ und wissenschaftlicher Beobachterin. Für die Praxis fruchtbar sind die Beschreibungen der entstehenden Dynamiken zwischen Mädchen und Jungen, dem Konkurrenzverhalten zwischen Jungen, der konkurrierenden Einstellungen und die Herausforderung der Erstellung eines gemeinsamen Modells. Obwohl in dem Forschungsprojekt kein konkreter Bezug zu einem zu bauenden Spielplatz besteht (was sicher auf den Ablauf und auch weitere Schritte deutlichen Einfluss gehabt haben könnte), reflektiert dieser Beitrag in gelungener Weise eine praxistaugliche Methode, die aber in der Durchführung eine große Herausforderung für Fachkräfte darstellt. Diese müssen bei der Durchführung einen Kompromiss finden zwischen pädagogisch angeleitetem Projekt und der Anerkennung der Kinder als handelnde Subjekte.

In ihrem Beitrag „Spielraum – Stadt, ein videografischer Stadtspaziergang mit Kindern zur Exploration sozialräumlicher Orientierungsmuster“ stellt Lehnigk die Methode des videographischen Stadtspaziergangs an einem Beispiel aus Berlin auf der Grundlage des Aneignungskonzeptes und eines flexiblen Raumbegriffs dar, die sie kurz einführt.

In ihrem weiteren Vorgehen spricht sie oft von Lückekindern im Alter von 8 bis 14 Jahren: Dieser Begriff ist in der sozialpädagogischen Forschung in den 80er Jahren entstanden und bezeichnete damals Kinder, die in die Lücke zwischen Hort und Jugendfreizeiteinrichtungen fielen und sozusagen institutionell unversorgt waren. Heute wird dieser Begriff eigentlich selten verwandt und ist insbesondere nur noch in Berlin meiner Einschätzung nach mehr verbreitet und im Bundesgebiet eher unverständlich. Verbunden werden die videogestützte Stadtteilbegehung und das partizipative Gruppeninterview, welches dann mit der dokumentarischen Methode analysiert und ausgewertet wird. Zwei Mädchen aus einer Jugendeinrichtung im Berliner Stadtteil Marzahn Nordwest, der ein belasteter Stadtteil ist, stehen im Mittelpunkt der Beschreibung des Ablaufs der Methode. Die Kinder sind motiviert und zeigen ein hohes Engagement für ihre Aufgabe und beschreiben im Folgenden einzelne Orte und deren Raumqualitäten im Zuge des Streifzugs. Im vierten Abschnitt beschreibt die Autorin unter der Überschrift „Spiel“ u.a. die Provokationen und kleinen Grenzüberschreitungen der Mädchen, auch gegenüber der Forscherin. Spielerische Regelüberschreitungen, das kontrollierte Spiel mit dem Risiko charakterisieren auch die Nutzung weiterer Orte sowie die Skaterbahn oder der Tiefgarage, bei der man auch Formen der Umnutzung erkennen kann. Deutlich wird die Qualität der Methode, die auch darin besteht „zur spielerischen Raumaneignung beizutragen, die bei einem klassischen Interview nicht zutage getreten wären“ (S. 111). Auch wenn es in dem Beitrag um die exemplarische Darstellung einer interessanten Methode geht und dies auch als gelungen bezeichnet werden kann, ist es doch schade, dass der ganze Verlauf nur mit zwei Mädchen beschrieben werden konnte. Hätte man – wie in vielen Praxisprojekten erprobt – Stadtteilbegehungen mit unterschiedlichen Gruppen, geschlechtsspezifisch durchgeführt, so wären sicher noch weitere interessante Aspekte für die Durchführung einer solchen Methode zutage getreten, die man so leider nicht erkennen konnte.

Das vierte Kapitel „Sozialpädagogische Perspektiven auf dem Spielplatz“ wird eingeleitet mit einem Beitrag von Matthias Schierz/Anja Voß, und beschäftigt sich mit Spielplätzen als Räumen strukturierter und strukturierender Körperpraktiken. Hier geht es vor allen Dingen um eine sportwissenschaftliche Betrachtung des Spielplatzes oder wie die Autoren es ausdrücken, eher einer „bewegungspädagogischen Ethnografie“. Schwer erkennbar ist hier die eigentlich sozialpädagogische Perspektive, aber dennoch bringt der Beitrag wichtige neue Aspekte in das Buch. Sehr interessant ist der Rückblick auf die historische Entwicklung des Spielplatzes als Bewegungsraum und seine unterschiedlichen Konzepte im Laufe der Entwicklung. Damit spannen die Autoren einen Bogen bis hin zur eventisierten Stadt, die heute zu einer breiten „Kulisse einer Bewegungs-, Spiel- und Tanzkultur“ geworden ist. Die folgenden Abschnitte befassen sich nun nicht wie erwartet mit den strukturierten oder strukturierenden Körperpraktiken von Kindern auf Spielplätzen, sondern es geht auf einer Metaebene um einen sehr interessanten Überblick über die sportwissenschaftliche Beschäftigung mit Spielplätzen und der Eröffnung einer „Spielplatzethnografie in praxeologischer Forschungsperspektive“. An diesem Beitrag wird die Stärke und Schwäche des gesamten Buches deutlich: Hoch elaboriert werden aus unterschiedlichen fachwissenschaftlichen Perspektiven Forschungsansätze diskutiert, so dass das gesamte Buch eigentlich einen sehr guten Überblick zum Stand der Forschung über Spielplätze in der Stadt gibt, aber nicht wirklich in die Praxis der Sozialen Arbeit in diesem Bereich einführt, bzw. an einigen Stellen, z. B. in den methodologischen Beiträgen auch eine sehr dünne empirische Basis vorliegt.

Der Beitrag von Bettina Hünersdorf: „Der Spielplatz als Raum sozialpädagogischer Institutionalisierung von Kindheit“ steht dagegen auf einer breiten empirischen Basis der Untersuchung eines Spielplatzes mit 25 teilnehmenden Beobachtungen, vier Gruppendiskussionen usw. Aufbauend auf dem von Norbert Elias entwickelten Begriff der sozialen Figuration (S. 128) und dem von Dollinger geprägten Begriff der sozialen Assoziation, entwickelt sie eine Sicht der Institutionalisierung von Kindheit durch soziale Assoziation auf dem Spielplatz (Zitat S. 130).

Auf der Grundlage dieser theoretischen Bausteine entwickelt sie eine sehr interessante Sicht des Spielplatzes mit seine Aktanten und Akteuren, so lernen wir die Rolle des Sandes als Aktanten kennen, der ebenso zum Inventar des Spielplatzes gehört wie Rutschen, Schaukeln, Klettergelegenheiten etc. Sie untersucht weiter Zugänglichkeit und soziale Positionierung auf dem Spielplatz (S. 133) und anhand mehrerer Szenen die Kommunikation der Erwachsenen, die wechselseitigen Beobachtungen der Begleitpersonen und charakterisiert den Spielplatz insgesamt als Heterotopenraum, der auch eine erzieherische Bedeutung hat (S. 139 ff.), in der sich z.B. Mütter in ihren Rollen und Interventionen vergleichen. Bettina Hünersdorf kann den Spielplatz so als einen wichtigen Ort der sozialpädagogischen Institutionalisierung von Kindheit erfassen und durch den Einsatz ihrer Theoriewerkzeuge sehr interessante Interpretationen bieten, nicht nur im Hinblick auf die handelnden Akteure, wobei sie besonders die Eltern in den Blick nimmt: „In diesem Sinne sozialisiert der Spielplatz durchaus die Eltern, obwohl der Spielplatz im Kontext eines sozial-investiven Staates zugleich ein Rückzugsort von den hohen gesellschaftlichen Erwartungen an die aktive Elternschaft ist“ (S. 143).

Speziell mit dem Aspekt der gelebten Elternschaft auf Spielplätzen befasst sich Darijana Hahn in ihrem Beitrag: „Der Spielplatz als Bühne für das Elternsein“ (S. 145 ff). Sie richtet damit den Blick auf eine eher vernachlässigte Dimension der Forschung zu Spielplätzen und breitet einen breiten Blick auf das „ambivalente Spielplatzerlebnis“ zwischen „Vortrefflichkeit und Unsicherheit“ (S. 146) aus. Anhand zahlreicher Zeitschriften, Fach- und Satire -beiträge und Artikel gibt sie einen Blick auf die Thematisierung der Elternrolle und des Elternerlebens frei, den sie auch mit den Begriffen „Erwachsenenhölle“, „Albtraum“ oder „Kampfarena“ zitiert (S. 148). Anhand verschiedener Szenen beschreibt sie die „Unklarheit der Definitionshoheit über die Regeln auf dem Spielplatz“ (S. 149 ff.) und die sich daraus ergebenden Probleme in der Kommunikation. Auf dem Hintergrund unterschiedlicher Modelle der Kinderbetreuung prallen so Erziehungspraktiken aufeinander, die wie auf einer Bühne ausgetragen werden, so lautet die Überschrift über ihr Kapitel drei: „Inszenierung der Kindheit oder vom Spiel auf der Spielplatzbühne“ (S. 154).

Der letzte Beitrag des Bandes kommt von Josefine Fichtner und beschäftigt sich mit dem Thema „Sicherheit auf dem Spielplatz: Zur Konstruktion von Risiko in der Erwachsenen-Kind-Interaktion“ (S. 158 ff.). Risiko wird hier „als soziales Konstrukt verstanden, welches erst durch Zuschreibungen und Aushandlungen der Kinder und Erwachsenen realisiert wird“ (S. 158). Ausgehend von dem sozialen Phänomen „Risiko“ beschreibt die Autorin auch anhand einer konkreten Situation, wie insbesondere der Aspekt der Aufsicht zwischen den handelnden Akteuren auf dem Spielplatz hergestellt werden muss. „Aufsicht als Risikokontrolle“ (S. 164 ff.) hängt ab von den unterschiedlichen Einschätzungen einer Situation der „Konsequenzkalkulation“ (S. 168) und dem Verständnis von „Aufsicht als selbstverantwortetem Handeln“ (S. 169). Auch hier wird ein interessanter Blick auf einen den Spielplatz bestimmenden Aspekt gelegt, nämlich die Frage, wie in einer relativ offenen Situation Sicherheit durch Aufsicht gewährleistet werden kann, wie unterschiedliche Verständnisse zusammenprallen oder sich verbinden und wie entsprechende Aushandlungsprozesse entstehen.

Fazit

Das Buch von Bettina Hünersdorf versammelt sehr unterschiedliche und insgesamt sehr interessante Aspekte zur fachwissenschaftlichen Interpretation des Spielplatzes, weil es weit über die sozialpädagogische Perspektive hinausgeht und kindheitstheoretische methodologische, aber auch sportwissenschaftliche und sozialräumliche Perspektiven in einzelnen Beiträgen zur Verfügung stellt. Auch wenn die empirischen Grundlagen der einzelnen Beiträge sehr unterschiedlich und auch manchmal etwas dünn sind, stellen sie insgesamt eine Vielzahl theoretischer Werkzeuge zur Verfügung, die den Spielplatz in sehr unterschiedlichen Perspektiven beschreiben und analysieren und die hinter den Alltagspraktiken liegenden gesellschaftlichen Muster rekonstruieren. Insofern ist es ein großes Verdienst der Herausgeberin, zur wissenschaftlichen Betrachtung dieses fast trivial erscheinenden Ortes der Kindheit in unserer Gesellschaft beizutragen.

Wenn man allerdings bedenkt, dass sich die Reihe „Grundlagen der Sozialen Arbeit“ an „Vertreterinnen und Vertreter aus der Praxis, den Fachverbänden, der sozialpolitisch interessierten Öffentlichkeit und der Wissenschaft“ (Umschlag) richtet, so muss man allerdings auch sagen, dass die weitgehend hoch elaborierten Texte und deren Werkzeuge aus Sicht der Praxis zum Teil schwer verständlich sind und auch nicht auf die Praxisebene transferiert werden.


Rezensent
Dr. rer.soc. Ulrich Deinet
Dipl.-Pädagoge, Professur für Didaktik/Methodik der Sozialpädagogik an der Hochschule Düsseldorf, Leiter der Forschungsstelle für sozialraumorientierte Praxisforschung und –Entwicklung (fspe@hs-duesseldorf.de); Mitherausgeber des Online-Journals „Sozialraum.de“. Arbeitsschwerpunkte: Kooperation von Jugendhilfe und Schule, Sozialräumliche Jugendarbeit, Sozialraumorientierung, Konzept- und Qualitätsentwicklung
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Zitiervorschlag
Ulrich Deinet. Rezension vom 18.09.2015 zu: Bettina Hünersdorf (Hrsg.): Spiel-Plätze in der Stadt. Sozialraumanalytische, kindheits- und sozialpädagogische Perspektiven. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2015. ISBN 978-3-8340-1438-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19096.php, Datum des Zugriffs 28.09.2016.


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