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Klaus Farin: Die Autonomen

Cover Klaus Farin: Die Autonomen. Archiv der Jugendkulturen (Berlin) 2015. 386 Seiten. ISBN 978-3-943774-39-9. 28,00 EUR.
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Thema

Thematisieren Mainstream-Medien Autonome, so sind mit ihrer Darstellung vor allem gewalttätige Eskalationen verbunden. Einblick in Strukturen, Praktiken und Motive der Autonomen gewährt diese Berichterstattung kaum. Wer sind die Autonomen? Das Buch will ein differenziertes Bild dieser linksradikalen Fraktion der Friedens-, Anti-Atomkraft-, Frauen-, Hausbesetzer_innen- usw. Bewegungen zeichnen. Dabei sind neben Expert_innenstandpunkten auch Interviews mit jenen enthalten, die sich den Autonomen zugehörig fühlen oder fühlten.

Autor

Klaus Farin ist Mitbegründer des 1998 ins Leben gerufenen Archivs der Jugendkulturen. Bis 2011 war er dessen Leiter und Vereinsvorsitzender. Das Archiv ist in Deutschland einzigartig und zentraler Anlaufpunkt für alle, die sich im deutschsprachigen Raum mit Jugendkulturen auseinandersetzen. Farin arbeitet als Autor und Lektor in Berlin. Er ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Respekt! Die Stiftung zur Förderung von jugendkultureller Vielfalt und Toleranz, Forschung und Bildung.

Entstehungshintergrund

Das Buch erschien im Verlag des Archivs für Jugendkulturen, dessen Verlagsleiter Klaus Farin bis heute ist. Der Autor hat in der hier vorliegenden und in zahlreichen weiteren Publikationen zu Jugendkulturen und Subkulturen die Jugendforschung mit Arbeiten bereichert, die nicht zuletzt die Protagonist_innen selbst zu Wort kommen lassen.

Aufbau

Das Buch beginnt mit einem 20-seitigen Portrait der Autonomen, an das sich 20 biografische Gespräche mit Protagonist_innen anschließen. Bevor die Expert_innen (die Forscher_innen Uwe Backes, Albert Scherr, Wolf-Dieter Narr und Melanie Groß sowie der Journalist Felix Krautkrämer) zu Wort kommen, erhalten die Leserinnen und Leser einen 60-seitigen Überblick über die Entwicklungsgeschichte der aus der Bewegung entstandenen Zeitschrift „radikal“. Am Ende des 386 Seiten umfassenden Buches befindet sich eine umfangreiche Bibliografie zum Thema.

Inhalt

Das Buch folgt nicht den Traditionen einer klassischen empirischen Forschungsarbeit zu einer Jugendkultur. Es beginnt nicht mit einer Einleitung einschließlich der Fragestellung und Darstellung des Forschungsstandes, der dann die Anlage und Ergebnisse der eigenen Forschung folgen. Es beginnt vielmehr mit der Empörung, die Stéphane Hessel im Jahr 2010 gegen den Finanzkapitalismus fordert, die sich aber in nur wenigen Lebensumfeldern findet. Die autonome Perspektive ist eine der Empörung und des Widerstands, so Farin, und skizziert deren geschichtliche Entwicklung. Die Bewegung (oder Szene – die Termini werden hier synonym verwendet) hat ihren Ursprung im Italien der späten 1960er Jahre. Ende der 1970er Jahre wuchs die autonome Bewegung mit ihrem Selbstverständnis eines selbstbestimmten politischen Kampfes unabhängig von Parteien und Gewerkschaften in ganz Europa. In der Anti-AKW-Bewegung und mit Hausbesetzungen wurde sie in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren immer sichtbarer. Der einführende Text portraitiert Organisationsstrukturen, Medien und Aktionsfelder und diskutiert auch die strittigen Themen, wie z.B. die Militanz und den Konflikt zwischen Antiimperialisten und Antideutschen, die zu einer immer weiteren Ausdifferenzierung der Szene geführt haben. Diese Aufspaltung in Gruppierungen mit Partikularinteressen führt zu einer großen Vielfalt, die sich auch in den Interviews abbildet. Aber sie führt auch – so berichten es einige der Protagonist_innen – zu einer Schwächung der Bewegung: Weder Farin noch die Interviewten selbst glauben heute an eine gesellschaftsverändernde Kraft der Autonomen.

Die 20 Interviewten sind von 18 bis 58 Jahre alt, decken also die gesamte Spannweite von Adoleszenten, Postadoleszenten bis „Junggebliebenen“ ab. Sie sind Tierbefreierin, Postautonomer, Militanter, Sympathisantin, Punk-Musiker usw. Ihnen werden in den biografischen Gesprächen dieselben Fragenkomplexe mit immer ähnlichen Fragen vorgelegt. Wie das Sample der Interviewpartner_innen zustande gekommen ist, nach welchen Kriterien sie also ausgewählt wurden, wird nicht deutlich. Ein Methodenkapitel fehlt ebenso wie die Analyse der Interviews.

Die Medienanalyse zur Zeitschrift „radikal“ als „Sprachrohr der linken autonomen Szene“ (265) nimmt die Geschichte der im Juni 1976 erstmals erschienenen Zeitschrift unter die Lupe. Nicht wenige der Interviewten nennen diese Zeitschrift als ein wichtiges Medium in ihrer Szenebiografie. Das Verbot der Zeitschrift im Jahr 1984 und die anschließende Arbeit im Untergrund werden ebenso unter die Lupe genommen wie die Ignoranz der Redaktion gegenüber dem Mauerfall 1989. Obwohl sich die Hausbesetzungswelle seit der Maueröffnung vor allem in Ostberlin abspielt, wird sie kaum thematisiert und die Berichterstattung der „radikal“ weiter auf Westberlin und Westdeutschland beschränkt (309f.). Seit den 1990er Jahren gibt es Krisen, Pausen und Neustarts der Zeitschrift, die mit der Fragmentierung der autonomen Szene seit den Mittneunzigern begründet werden. Heute sei die Zeitschrift, nicht mehr als das Sprachrohr der Autonomen zu sehen (327).

Der letzte Teil des Buches versammelt fünf Expert_inneninterviews, die in einer Metaperspektive das gezeichnete Bild der Autonomen rahmen sollen. Sie verdeutlichen, dass es dringend einer soliden, empirisch basierten, wissenschaftlichen Erforschung der Szene bedarf.

Diskussion

Das Buch liefert mit seinen Interviews eine wichtige Quelle für weitere wissenschaftliche Analyse. Da die Szene durchaus Schließungstendenzen aufweist und empirische Zugänge nicht immer einfach sind, eröffnen sich hier Möglichkeiten einer Auswertung empirischen Materials, die der Autor selbst nicht vornimmt. Er überlässt es seinen Leserinnen und Lesern selbst, aus den Transkripten Deutungen abzuleiten. Dafür wären Informationen zur Auswahl der Interviewten in einer kurzen methodischen Bemerkung hilfreich gewesen. Die Interviews sind nicht nur spannend zu lesen, enthalten einiges an Überraschungen und zeichnen ein differenziertes Bild von „Szenegängern“, sondern die Interviewten erweisen sich auch oft als selbstironisch und humorvoll. Die Medienanalyse der Zeitschrift „radikal“ gibt einen sehr guten Überblick über die Entwicklungsgeschichte, wenn auch hier ein Hinweis zur methodischen Herangehensweise fehlt. Die Rahmung des Buches überlässt Farin den interviewten Expert_innen, auch wenn ein abschließendes Fazit von ihm selbst das Buch abgeschlossener erscheinen ließe. Wertvoll für alle, die sich für das Thema interessieren, ist die umfangreiche Bibliografie, die der Band bietet.

Fazit

Das Buch ist nicht nur ein Beitrag vom Archiv der Jugendkulturen, sondern auch ein Beitrag für dieses Archiv. Es ermöglicht einen differenzierten Blick in die autonome Szene, indem es die Protagonist_innen selbst zu Wort kommen lässt. Damit wird ein Beitrag für die Materialsammlung der Jugendforschung geleistet, die nun mit diesen Informationen arbeiten und sie zur Basis einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung machen kann.


Rezensentin
Dr. Yvonne Niekrenz
Verwaltungsprofessorin für Kultur- und Mediensoziologie an der Leuphana Universität Lüneburg
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Zitiervorschlag
Yvonne Niekrenz. Rezension vom 01.09.2015 zu: Klaus Farin: Die Autonomen. Archiv der Jugendkulturen (Berlin) 2015. ISBN 978-3-943774-39-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19099.php, Datum des Zugriffs 01.07.2016.


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