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Daniela Blickhan: Positive Psychologie. Ein Handbuch für die Praxis

Cover Daniela Blickhan: Positive Psychologie. Ein Handbuch für die Praxis. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2015. 367 Seiten. ISBN 978-3-95571-334-8. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Autorin

Dipl.-Psych. Daniela Blickhan, MSc, studierte Positive Psychologie in London und promoviert derzeit in Positiver Psychologie an der Freien Universität Berlin. Sie ist 1. Vorsitzende des Deutschsprachigen Dachverbands für Positive Psychologie (DACH-PP) e.V. Gemeinsam mit ihrem Mann leitet sie seit 20 Jahren das Inntal Institut, bildet deutschlandweit Coaches und Trainer aus und reist seit Jahren regelmäßig für Trainings in Positiver Psychologie nach Japan.

Thema

Die Mehrzahl der in den vergangenen Jahren erschienenen Bücher zur Positiven Psychologie – darunter auch die auf socialnet.de rezensierten Bände von

waren relativ breit konzipierte Einführungen in die theoretischen Grundlagen und/oder praktischen Anwendungsfelder dieser jungen Disziplin. Diesen Ressourcen fügt Daniela Blickhan nunmehr ein „Handbuch für die Praxis“ hinzu, in dem sie vor dem Hinter­grund ihrer langjährigen Berufserfahrungen vor allem in den Bereichen Training, Coaching und Persönlichkeitsentwicklung die Positive Psychologie – ausdrücklich verstanden als wissenschaftliche Teildisziplin der Psychologie – aktuell, anschaulich und interventionsnah darzustellen sucht.

Aufbau und Inhalt

Der Band besteht nach einem Geleitwort von Michael Eid von der Freien Universität Berlin aus 14 Kapiteln.

Im ersten Kapitel beschreibt Blickhan in einem kurzen historischen Abriss die Psychologie mit ihren Forschungsgebieten, um dann die Entwicklung und Ziele der Positiven Psychologie darzustellen. Dabei geht sie bis zur erstmaligen Verwendung des Begriffs „Positive Psychologie“ durch Abraham Maslow zurück, grenzt sie von den Konzept(ion)en des Positiven Denkens und der Positiven Psychotherapie ab, und definiert sie abschließend unter Rückgriff auf das Akumal-Manifest, das von einigen zentralen Vertretern der Disziplin erstmalig 1999 verfasst und dessen Revision von Ken Sheldon, Barbara Frederickson, Kevin Rathunde und Mike Csikszentmihalyi im Jahr darauf veröffentlicht wurde (siehe http://ppc.sas.upenn.edu/sites/ppc.sas.upenn.edu/files/positive%20psychology%20manifesto.docx).

In den folgenden elf Kapiteln stellt Blickhan zahlreiche ältere und neuere psychologische Konstrukte (zur Förderung) des „Positiven“ vor, die mit der Positiven Psychologie ein gemeinsames Dach gefunden haben.

Unter dem Titel „Wohlbefinden und Flourishing“ beginnt sie in Kapitel 2 mit dem Konzept „Glück“. Dabei geht sie zunächst unter Bezug auf die Arbeiten von Ed Diener auf den Begriff ein und unterscheidet dann hedonisches von eudaimonischem Glück. Auch ein kurzer Abriss des Salutogenese-Ansatzes von Aaron Antonovsky fehlt nicht. Ausführlicher ist die Beschreibung des Konzepts Flourishing (als subjektives Wohlbefinden, psychische Leistungsfähigkeit und persönliches Wachstum) und einiger seiner Varianten (Doppel-Kontinuum der psychischen Gesundheit nach Keyes, Spektrum psychischer Gesundheit nach Huppert und PERMA-Modell nach Seligmann). Auch das Konstrukt „Resilienz“ nimmt zum Abschluss dieses Kapitels relativ breiten Raum.

Es folgen Darstellungen positiver Emotionen (Kapitel 3) und positiver Einstellungen (Kapitel 4). Im erstgenannten Bereich stellt Blickhan u. a. den „Positivity Ratio“ von Barbara Fredrickson und Marciel Losada, der von einer optimalen Verteilung positiver und negativer Emotionen im Verhältnis von ungefähr 3 zu 1 ausgeht, durchaus kritisch dar. Wichtig ist ihr auch die Fähigkeit, bewusst zu genießen. Im Bereich der Einstellungen legt sie Schwerpunkte auf Attributionen, Selbstwirksamkeitserwartungen, Optimismus und einem dynamischen (vs. statistischem) Selbstbild.

Die Bereiche Motivation, Grundbedürfnisse und Selbstbestimmung werden in Kapitel 5 vor allem unter Rückgriff auf die Selbstbestimmungstheorie von Edward L. Deci und Richard M. Ryan behandelt, die z. B. in der Sozialpsychologie nicht zuletzt durch ihre Arbeiten zu in- vs. extrinsischer Motivation bekannt sind.

Kapitel 6 widmet sich dem wichtigen Thema „Ziele“, und umfasst auch das Konzept „Hoffnung“ unter Rückgriff auf die Theorie von C. Richard Snyder.

Unter dem Titel „Persönliche Stärken“ bespricht Blickhan in Kapitel 7 viele Persönlichkeitsfaktoren, die auch eigene Kapitel gerechtfertigt hätten (z. B. Kreativität oder Humor), und bezieht sich dabei auf die Arbeiten des VIA-Instituts (Values in Action) um Neal H. Mayerson und dem Begründer der modernen Positiven Psychologie, Martin E. P. Seligman.

In Kapitel 8 werden zwei verwandte und doch unterschiedliche Konzepte besprochen: Flow und Achtsamkeit. Mihály Csíkszentmihályi´s Flow-Konzept ist dabei ein gutes Beispiel für die Positive Psychologie als Dach für positive bzw. positiv erlebte/wirkende Konzepte, da es bereits in den 1970er Jahren populär wurde. Achtsamkeit ist aus meiner Sicht ein Kernkonzept der Positiven Psychologie und erfährt nicht zuletzt in der (auch medizinischen) angloamerikanischen Literatur vielfältige empirische Beachtung.

Auch in Kapitel 9 geht es um zwei verwandte Konzepte: Selbstwert und Selbstmitgefühl. Während ersteres sozusagen einen Altvorderen der Sozial- und Persönlichkeitspsychologie darstellt, ist Selbstmitgefühl ein neueres Konzept, das von der amerikanischen Psychologin Kristin Neff eingeführt wurde.

Nach einem Exkurs in die „PsychoSomatik“ in Kapitel 10, in der Blickhan den Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Wohlbefinden sowie das Cortisol als wichtiges (nicht nur Stress-) Hormon darstellt, geht es in Kapitel 11 um positive Kommunikation (einschließlich Klassikern wie dem Aktiven Zuhören), und in Kapitel 12 um die Konstrukte „Lebensqualität“ und „Sinn“. In Bezug auf die Lebensqualität bezieht sich Blickhan vor allem auf das CASIO-Modell von Michael B. Frisch. Dem Thema „Sinn“ nähert sie sich über sprachliche Facetten des Begriffs und sinnstiftende Lebens- und Erlebensbereiche, um dann über das Meaning-Making-Modell von Crystal L. Park und Login S. George, die Logotherapie von Viktor E. Frankl und dem PURE-Modell von Paul Wong mit der Frage nach dem Sinn in der Arbeit das Kapitel abzuschließen.

Etwas unvermittelt heißt Kapitel 13 dann „Interventionen“, obschon zuvor bereits viele Interventionen an entsprechenden Stellen eingeführt worden sind. Allerdings geht es Blickhan hier über einzelne Interventionen hinaus darum, das spezifisch Positiv-psychologische an Interventionen zu definieren, diese zu kategorisieren und entsprechende Wirkmodelle zu beschreiben. Breiten Raum bekommen u. a. auch positiv-psychologische Interventionen in der Psychotherapie sowie abschließend das Expressive Schreiben.

Durchaus unter Einbeziehung kritischer Stimmen, die der Positiven Psychologie Einseitigkeit in Bezug auf das Positive oder das Verkaufen von altem (z. B. humanistisch-psychologischen) Wein in neuen Schläuchen vorgeworfen haben, gibt Blickhan dann in Kapitel 14 unter dem Stichwort „Positive Psychologie 2.0“ einen Ausblick auf die Entwicklungsmöglichkeiten der Disziplin in Theorie und Praxis.

Diskussion

Formal ist der Band ordentlich gestaltet und durch ein orientierendes Inhaltsverzeichnis und einen Index gut zu rezipieren. Einige kleinere handwerkliche Fehler schränken diesen Eindruck nur geringfügig ein: So fehlt in Abb. 4 der Anker „Verkümmern“, einigen Tabellen fehlen Titel oder Nummerierung (z. B. auf S. 58 bzw. S. 106), und einige im Text genannte Referenzen fehlen im Literaturverzeichnis (z. B. Hanson, Mendius & Sadler, 2010; Lazarus 2003, und Snyder 1991). Die in den Text eingestreuten „Übungen“ sind hilfreich und geben Möglichkeiten zur aktiven Aneignung der Inhalte; auch hier hätte allerdings der Übersichtlichkeit halber eine Nummerierung nicht geschadet. Das Literaturverzeichnis ist sehr umfangreich, enthält aktuelle Referenzen bis 2014 und liefert viele Hinweise zum Nach- und Weiterlesen.

Das Verständnis an vielen Stellen fördernd sind aus meiner Perspektive die zahlreichen (zwei-)dimensionalen Modelle, die Blickhan durch Abbildungen visualisiert (beispielsweise das Doppel-Kontinuum der geistigen Gesundheit in Abb. 4 auf S. 40, das Spektrum der Emotionen in Abb. 11 auf S. 57, die Charakterstärken in Abb. 26 auf S. 172, die Flow-Bereiche in Abb. 29 auf S. 197 und Mruks Zweifaktoren-Modell der Selbstwertschätzung in Abb. 32 auf S. 224). Wiewohl selbstverständlich aufgrund der regelhaften Komplexität der Welt zwingend vereinfachend, sind solche Modelle meiner Erfahrung nach sehr gut dazu geeignet, Phänomen-Bereiche zu strukturieren und empirisch besonders häufig oder selten vorkommende Typen oder Merkmals-Kombinationen zu identifizieren.

Einige Punkte, über die ich gestolpert bin, möchte ich nicht verschweigen, obwohl sie vielleicht eher persönliche Sensibilitäten widerspiegeln.

  • Zum einen ist der Begriff „Charakterstärken“, den Blickhan aus der Arbeitsgruppe des VIA-Instituts um Neal H. Mayerson und Martin E. P. Seligman zitiert, aus meiner Sicht eher unangemessen. Schon in meinem eigenen Psychologie-Studium hat mich überzeugt, dass die moderne Psychologie von Persönlichkeit und nicht mehr von Charakter spricht und sprechen solle. Denn: Der Begriff „Charakter“ ist traditionell ethisch konnotiert, was angesichts zahlreicher anderer ethisch relevanter Konstrukte der Positiven Psychologie (z. B. Glück, Sinn, Solidarität, Ziele und Zivilcourage) m. E. zu unnötigen (Vor-)Urteilen bzw. Bewertungen hinsichtlich einzelner Persönlichkeitseigenschaften verleitet (mal abgesehen davon, dass „Charakterstärken“ als Begriff eigentlich einen Pleonasmus darstellt).
  • Zum anderen hätte ich mir für das aus meiner Sicht zentrale Konstrukt der Achtsamkeit trotz bereits umfangreichem Literaturverzeichnis mehr Referenzen zu empirischen Originalarbeiten gewünscht, die es gerade zu diesem Konstrukt z. B. in der medizinischen Literatur inzwischen gibt.
  • Schließlich ist mir zunächst nicht ganz klar geworden, weshalb Blickhan in Kapitel 13 „Interventionen“ expressives Schreiben durch ein eigenes Unterkapitel hervorhebt; möglicherweise ist dies jedoch durch hier nicht zitierte Evidenz gerechtfertigt (vgl. A. B. Horn & M. R. Mehl, Expressives Schreiben als Copingtechnik: Ein Überblick über den Stand der Forschung. Verhaltenstherapie 2004;14:274-283).

Insgesamt habe ich der Autorin ihre Erfahrung und Begeisterung für die Positive Psychologie abgenommen und kann sagen, dass es ihr aus meiner Sicht gelungen ist, ein Handbuch vorzulegen, dass in Bezug auf seine inhaltliche Breite (vielleicht bis auf sozialpsychologische Konstrukte wie Solidarität und Zivilcourage) keinen Vergleich zu scheuen braucht, und auch neuere Konzepte wie das des Selbstmitgefühls von Kristin Neff beinhaltet. Wie der Umstand zu bewerten ist, dass Blickhan frühere Bände zur Positiven Psychologie z. B. von Auhagen 2008, Bannink 2012 und Steinebach et al. 2012 ebenso nicht zitiert wie etwa Bannink 2012 den Band von Auhagen 2008 unerwähnt gelassen hat, möchte ich an dieser Stelle geneigten Lesern überlassen; zumindest sind mir diese fehlenden gegenseitigen Bezüge aufgefallen.

Fazit

Wer noch keine Einführung zur Positiven Psychologie besitzt und einen wissenschaftlich fundierten und zugleich praxisorientierten Über- und Einblick bekommen möchte, dem kann dies Buch empfohlen werden, zumal die Anzahl abgedeckter Konstrukte frühere Bände (z. B. von Auhagen 2008, Bannink 2012 oder Steinebach et al. 2012, und zumindest abgesehen von eher sozialpsychologischen Konstrukten wie Solidarität und Zivilcourage) noch übertrifft.


Rezensent
PD Dr. phil. Dipl.-Psych. Thomas von Lengerke
Stv. Leiter der Forschungs- und Lehreinheit Medizinische Psychologie der Medizinischen Hochschule Hannover
Homepage www.mh-hannover.de/lengerke.html
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Zitiervorschlag
Thomas von Lengerke. Rezension vom 17.11.2015 zu: Daniela Blickhan: Positive Psychologie. Ein Handbuch für die Praxis. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2015. ISBN 978-3-95571-334-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19141.php, Datum des Zugriffs 01.07.2016.


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