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Michael Coors, Alfred Simon u.a. (Hrsg.): Ethikberatung in Pflege und ambulanter Versorgung

Cover Michael Coors, Alfred Simon, Mark Stiemerling (Hrsg.): Ethikberatung in Pflege und ambulanter Versorgung. Modelle und theoretische Grundlagen. Verlag Hans Jacobs (Lage) 2015. 188 Seiten. ISBN 978-3-89918-237-8. D: 21,00 EUR, A: 21,60 EUR, CH: 29,90 sFr.
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Thema

Der Umgang mit Menschen in der Alten- und der Behindertenhilfe stellt eine große Herausforderung für die in diesem Bereich tätigen Fachkräfte dar. Immer mehr stehen Ablaufstandards und externe Qualitätsprüfungsvorgaben im Zentrum. Ins Hintertreffen geraten die Begleitung, die Beziehungsarbeit und insbesondere Aushandlungsprozesse.

Der von Coors, Simon und Stiemerling herausgegebene Band greift den eben skizzierten Konflikt auf. Dabei – so konstatieren die Herausgeber – reichen gute Absichten nicht aus. Nötig sind unter anderem Wissen über Hintergründe und Kenntnisse von Beispielen guter Praxis.

Herausgeber

  • Michael Coors ist theologischer Referent am Zentrum für Gesundheitsethik in Hannover;
  • Alfred Simon ist Geschäftsführer der Akademie für Ethik in der Medizin e.V. in Göttingen sowie Vorsitzender des Klinischen Ethikkomitees der Universitätsmedizin Göttingen;
  • Mark Stiemerling ist Leiter der Stiemerling Seniorenresidenz in Herzberg sowie Vorsitzender des Landesverbandes Niedersachsen/Bremen des deutschen Verbandes der Leitungskräfte von Alten- und Behinderteneinrichtungen.

Entstehungshintergrund

Der Band greift aktuelle Bedarfe nach Orientierung im Kontext einer guten Pflege auf. Ziel ist es, Wissen zur Verfügung zu stellen, das eine ethisch vertretbare Beziehungsgestaltung ermöglicht.

Aufbau

Nach einem einleitenden Kapitel, das sich allgemein mit der Ethik in der Pflege und der ambulanten Versorgung befasst, folgt jeweils ein Teil zu den theoretischen Grundlagen sowie zu praktischen Modellen und Erfahrungen.

  • Teil I untergliedert sich nach den Dimensionen Strukturen, Selbstwahrnehmung, Rollen und Ethikberatung.
  • Teil II greift konkrete, bereits in der Praxis etablierte Modelle auf, stellt diese dar und reflektiert sie.

Im Einleitungskapitel werden einige Grundlagen der Ethik dargelegt. Im Einzelnen handelt es sich um die Unterscheidung zwischen empirischer Ethik, evaluativer Ethik und normativer Ethik. Diese Unterscheidung wird auf konkrete Situationen bezogen, wobei jeweils zu analysieren ist, ob eine Aussage deskriptiv, teleologisch (bezogen auf ein gutes Leben) oder normativ gemeint ist. Das Kapitel schließt mit der kurzen Skizzierung der sog. Prinzipien mittlerer Reichweite von Beauchamp und Childress (Autonomie, Nicht-Schaden, Wohltun, Gerechtigkeit).

Zu Teil I

Gisela Bockenheimer-Lucius stellt spezifische Strukturen der Ethikberatung in der stationären Altenpflege vor. Das Problem ist vielfach, dass die Chancen einer ethischen Sensibilität durch Zeitdruck und Personalknappheit eingeschränkt sind, dass weiter systematische Schulung ethischer Kompetenz bei den Mitarbeitern fehlt und obendrein Strukturen, die ethische Reflexion sicherstellen, nicht vorhanden sind. Bockenheimer-Lucius setzt aber noch grundlegender an, indem sie die Gesamtstruktur einer stationären Einrichtung als Autonomie verhindernd charakterisiert (z.B. auch die Architektur). Gerade die alltägliche Kommunikation bzw. die sogenannten „Nichtigkeiten“, sind entscheidend dafür, inwieweit eine Einrichtung in der Lage ist, den Wert und die Würde ihrer Bewohner zu wahren. Also nicht allein auf die individuelle Entscheidung bei ethischen Konflikten wird fokussiert, sondern grundlegender auf das banale Leben, das alltäglich abläuft, ohne dass es normalerweise in den Fokus ethischer Reflexion gehoben wird.
Strukturell wird empfohlen Ethikkomitees zu etablieren. Diese sollten mehrere Einrichtungen eines Trägers betreuen. So können die Werte des Trägers spezifisch auch auf die Alltagspraxis in den Einrichtungen bezogen werden. Ethikexperten sollen möglichst gute Feldkenntnis haben, um von den Fachkräften ernst genommen zu werden. Diese erleben vielfach den Widerspruch zwischen normativem Anspruch und Realität, können jedoch aufgrund der Regularien diesen Konflikt nicht im Sinne ethischer Werte auflösen. Ethikexperten könnten helfen Strukturen aufzubrechen, um eine gemeinsam getragene Veränderung herbeizuführen.

Margit Haas befasst sich mit der Selbstwahrnehmung und den Rollen professionell Pflegender in Entscheidungsprozessen zur PGS-Sonde bei Menschen mit Demenz. Dabei handelt es sich um eine empirische Herangehensweise. Durch qualitative Interviews werden Sichtweisen und Rollen der Pflegenden erfasst. Aus der empirischen Analyse entwickelt Haas ein Anforderungsprofil für die Ethikberatung.

Anette Riedel setzt sich mit der Ethikberatung in der Altenpflege auseinander. In ihrem Beitrag geht es primär um den teilstationären Bereich und die ambulante Pflege. Riedel sieht die Ethikberatung als Erfordernis für qualitätsvolles, individuums- und wertorientiertes Handeln. Der Beitrag verfolgt drei Perspektiven: Darlegung der Anforderungen, die ethische Unterstützung nötig machen, Aufzeigen gesellschaftlicher Wirkfaktoren, die ethische Herausforderungen hervorbringen und die Betrachtung künftiger ethischer Herausforderungen.

Alfred Simon konzentriert sich auf die Ethikberatung ambulanter Versorgung und entwickelt eine Landkarte für die unterschiedlichen Modelle. Diese soll helfen, die im Buch folgenden Praxisbeispiele zu strukturieren. Insbesondere das Thema „Alltag“ hat im Bereich der ambulanten Versorgung einen hohen Stellenwert, der im Krankenhaus nicht in vergleichbarer Weise vorkommt.

Zu Teil II

Dieser Teil greift konkrete Praxisbeispiele auf. Im Einzelnen sind dies:

  • Malteser Ethikkonzept für Altenhilfe- und Pflegeeinrichtungen
  • Ethikberatung in der Bremer Heimstiftung
  • Frankfurter Netzwerk „Ethik in der Altenpflege“
  • Ethikkomitee im AMEOS Unternehmensbereich Pflege Holstein
  • Ethiknetz Peine
  • Ambulantes Ethikkommitee Ammerland/Uplengen
  • Ethikberatung am Palliativstützpunkt Nienburg
  • Ethikkommitee der Stiftung Liebenau

Diskussion

Der Band vermittelt einen guten Eindruck vom Stellenwert, den eine Ethikberatung in der Pflege und der ambulanten Versorgung inzwischen hat. Deutlich wird die Bedeutung ethischer Beratung. Praktiker sind zunehmend herausgefordert, in einem Feld, das durch Wertevielfalt charakterisiert ist, ethisch angemessen zu handeln. Hierzu reichen die eigenen Wertvorstellungen sowie das im Rahmen der eigenen Sozialisation ausgebildete Gewissen im Allgemeinen nicht mehr aus. Die Diskursform der Ethikberatung schafft Räume, die das eigene Handeln im ethischen Kontext reflektieren und verantwortbar machen.

Das Einleitungskapitel skizziert einen kurzen Überblick zur Ethik, wobei hier in erster Linie Leser angesprochen werden, die keine Vorkenntnisse in Ethik haben. Der erste Teil befasst sich allgemein mit verschiedenen Feldern der Ethikberatung. Dabei ist eine gewisse Redundanz erkennbar. Auch liegen die Ebenen der Analyse nicht durchgängig auf demselben Level (insbesondere der zweite Beitrag von Teil I ist deutlich konkreter als die anderen Beiträge und bezieht sich auch nicht auf ein Handlungsfeld). Der zweite Teil präsentiert die Praxisbeispiele übersichtlich, gibt Anregungen für die Einrichtung einer Ethikberatung im eigenen Wirkungsbereich.

Die Gliederung suggeriert einen stringenten Zusammenhang, wodurch der Eindruck entsteht, dass man es mit einem Band zu tun hat, der Ansprüche eines Lehrbuches erfüllen könnte. Dies ist jedoch nicht der Fall. Insbesondere fehlt auch ein Abschlusskapitel, das die Fallbeispiele zusammenfasst und handlungsrelevante verallgemeinerbare Standards für den Leser ableitet.

Fazit

Das Buch bildet einen guten Einstieg in das Thema. Hervorzuheben sind die zahlreichen Praxisbeispiele, die gute Ansätze vermitteln, um selbst Strukturen der Ethikberatung aufzubauen. Systematisch bleibt das Buch etwas hinter den Erwartungen zurück, da es nur eingeschränkt gelingt, allgemeine Strukturen herauszuarbeiten.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Direktor der Berufsakademie Sachsen – Staatliche Studienakademie Breitenbrunn; Schwerpunkte in der Lehre: Philosophische, anthropologische und ethische Aspekte Sozialer Arbeit; Sozialarbeitswissenschaft
Homepage www.ba-breitenbrunn.de
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Zitiervorschlag
Anton Schlittmaier. Rezension vom 08.12.2015 zu: Michael Coors, Alfred Simon, Mark Stiemerling (Hrsg.): Ethikberatung in Pflege und ambulanter Versorgung. Modelle und theoretische Grundlagen. Verlag Hans Jacobs (Lage) 2015. ISBN 978-3-89918-237-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19176.php, Datum des Zugriffs 30.06.2016.


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