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Waltraut Barnowski-Geiser: Vater, Mutter, Sucht

Cover Waltraut Barnowski-Geiser: Vater, Mutter, Sucht. Wie erwachsene Kinder suchtkranker Eltern trotzdem ihr Glück finden. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2015. 140 Seiten. ISBN 978-3-608-86050-4. 14,95 EUR.
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Thema

Das Buch versteht sich als Ratgeber für erwachsene Menschen, die mit einem oder zwei suchtkranken Elternteil(en) aufgewachsen sind. Die Autorin geht dabei davon aus, dass Betroffene lebenslang unter den Folgen der elterlichen Sucht leiden und darin unterstützt werden sollten, diese Erfahrungen zu verarbeiten. Sie möchte Betroffene für das Thema sensibilisieren und diese dabei unterstützen, sich „der eigenen Kindheit und deren Belastung“ zu stellen.

Autorin

Die Autorin ist Musiktherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Sie arbeitet seit vielen Jahren im Bereich der familiären Suchtberatung und ist als Lehrende und in freier Praxis tätig.

Aufbau

Nach der Einleitung werden ausführlich verschiedene Fallberichte vom erwachsenen Betroffenen vorgestellt, die von der Autorin jeweils kommentiert werden. Anschließend wird auf die familiäre Atmosphäre in Suchtfamilien Bezug genommen und die Innenwelt aus Sicht der Betroffenen beschrieben.

Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit expliziten Stärken und Schwächen, die die Autorin erwachsenen Betroffenen zuschreibt. Anschließend erfolgt eine Differenzierung des Verhaltens der Betroffenen in verschiedene so genannte „Rollenmuster“, die als unbewusste Bewältigungsstrategie infolge der erlebten häuslichen Verhältnisse beschrieben werden. Der Lesende soll hier mittels eines von der Autorin vorgeschlagenen Selbsttests seine eigene Rollenzugehörigkeit erkennen können. Für jedes Rollenmodell werden dann Hilfs- und Bewältigungsmöglichkeiten vorgestellt.

Auf der Basis von Befragungen von erwachsenen Betroffenen stellt die Autorin ein 7-Schritte-Programm zur Bewältigung der Folgen der elterlichen Abhängigkeit vor.

Inhalt

Im ersten Kapitel beschreibt die Autorin ihre Erfahrungen in der praktischen Arbeit mit Erwachsenen aus suchtbelasteten Familien sowie ihre Motivation, dieses Buch zu schreiben.

Die Autorin lässt im zweiten Kapitel insgesamt sechs betroffene Erwachsene (drei Männer und drei Frauen) zu Wort kommen, deren Mütter entweder tablettenabhängig, drogenabhängig oder magersüchtig waren oder bei denen beide Eltern alkoholabhängig waren oder der Vater arbeitssüchtig bzw. „spekulationssüchtig“ war. Die Erlebnisberichte schildern in offener Weise, welche Benachteiligungen die Betroffenen unter den jeweiligen Umständen erfahren haben und wie sie versucht haben, im späteren Leben diese Erfahrungen zu überwinden. Die jeweiligen Fallberichte werden von der Autorin ausführlich kommentiert.

Im dritten Kapitel werden die zentralen Aspekte beim Aufwachsen mit einem abhängigen Elternteil beschrieben. Hier werden die gefühlsmäßigen Verwirrungen, die Abgrenzung der Familie nach außen, die relative Bedeutung von Normalität, die oftmals mangelnde Struktur sowie der Versuch der Familie, den Abhängigen zu kontrollieren, dargestellt. Die Autorin verdeutlicht anschaulich die Schwierigkeiten und Belastungen der Kinder, die mit körperlicher und emotionaler Gewalt, labilen Bindungsstrukturen, sowie täglicher Unsicherheit und Willkür zu kämpfen haben.

Das vierte Kapitel widmet sich den aus Sicht der Autorin besonderen Stärken der Betroffenen:

  • Belastbarkeit,
  • Durchhaltevermögen,
  • Treue,
  • soziale Kompetenz,
  • Feinfühligkeit,
  • Managerqualitäten,
  • Stimmungsexperten.

Daneben werden „sieben Wunden der Suchtkinder“ beschrieben: die Wunden

  1. der Täuschung,
  2. der Isolation,
  3. der Gefühlsüberschwemmung,
  4. der Verstrickung,
  5. der Lehre,
  6. der Heimatlosigkeit,
  7. der Entwertung.

Im fünften Kapitel, genannt „die Masken des Tabus – Leinwandhelden auf der Bühne des Lebens“ beschreibt die Autorin acht verschiedene Rollentypen, die aus ihrer Sicht von den „Suchtkindern“ eingenommen werden. Sie nennt diese Rollen „Pippi Langstrumpf“, „Superman“, „Miss Marple“, „Robin Hood“, „Mary Poppins“, „Mutter Teresa“, „Otto“ und „Mowgli“.

Das sechste Kapitel beschreibt ein 7-Schritte-Programm zur Bewältigung der elterlichen Sucht. Demnach sind insbesondere folgende Aspekte von Bedeutung:

  • Achtsamkeit,
  • Würdigung der Belastung und Stärken,
  • Orientierung,
  • Kreativität,
  • Ausdruck,
  • Deckung und De-Parenting,
  • Offenheit und Öffnung.

Es werden verschiedene Übungen beschrieben, die Betroffene durchführen sollen, um zu „einem glücklicheren Leben“ zu gelangen.

Diskussion

Der Autorin ist es ein Anliegen, „eine Lanze“ für Betroffene aus suchtbelasteten Familien zu brechen und Hilfeleistende in sozialen Berufen für das Thema zu sensibilisieren. Das Buch wiederholt dabei allerdings im Wesentlichen bekannte Verhaltensmuster, die andernorts bereits vielfach beschrieben wurden. Die vermeintlichen Stärken der Betroffenen erscheinen zunächst durchaus plausibel, geben aber hier eher den subjektiven Eindruck der Autorin wieder. Das gleiche gilt für die „sieben Wunden der Suchtkinder“ vorbei die Frage erlaubt sein darf, warum es gerade sieben sein müssen, warum nicht sechs oder acht?

Die Aussage, wonach alle Betroffenen im späteren Leben unter den Erfahrungen in der Herkunftsfamilie leiden, ist wissenschaftlich nur bedingt haltbar und entspricht nicht dem Stand der Diskussion. Vielmehr wird das entscheidende Lebensrisiko der Betroffenen, im späteren Leben selbst suchtkrank zu werden, von der Autorin weitgehend ausgeblendet.

Die Bewältigungsleistungen der Kinder in Form eines „Rollenmodells“ zu differenzieren, hat eine lange Tradition. Bereits Wegscheider (1981) und Black (1982) haben vor dem Hintergrund einer systemischen Sichtweise ähnliche Rollenmodelle vorgeschlagen. Die von der Autorin vorgeschlagene Typisierung verblüfft insofern, als dass insbesondere Romanfiguren (abgesehen von Mutter Teresa und Otto) als idealtypisch vorgestellt werden (bei denen in der Romanvorlage allerdings keine abhängigen Eltern bekannt sind). Inwieweit diese Typisierungen einer wissenschaftlichen Evaluation standhalten können oder eher der Fantasie der Autorin entstammen, bleibt dabei unklar.

Das von der Patientin vorgestellte 7-Schritte-Programm wurde bereits in ähnlicher Weise an anderer Stelle beschrieben (Wolin & Wolin, 1996).

Die Autorin bedient das Bild vom „erwachsenen Suchtkind“, das aufgrund der elterlichen Abhängigkeit fürs Leben gebrandmarkt ist und lebenslang unter den Folgen der elterlichen Abhängigkeit zu leiden hat. Dies mag für ein Teil der Betroffenen zutreffen aber sicherlich nicht für alle. Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass Kinder auch viele aversive Kontexte überstehen und trotzdem ein erfülltes Leben leben können. Es greift zu kurz, die Betroffenen als Opfer ihrer Kindheit zu definieren und sie per sé als hilfebedürftig einzustufen.

Fazit

Das Buch von Frau Barnowski-Geiser möchte die Sensibilität von Betroffenen sowie von Hilfeleistenden für Erwachsene aus suchtbelasteten Familien stärken. Mit Blick auf die bereits vorhandene Literatur zu diesem Thema bietet es leider nicht viel Neues.


Rezensent
Dipl.-Psychol. Martin Zobel
Psychologischer Psychotherapeut, Lehrbeauftragter an der Katholischen Hochschule Köln, Dozent an der Akademie für Verhaltenstherapie (AVT) Köln sowie am Eifeler Verhaltenstherapie Insititut (EVI) Daun, Psychotherapeutische Praxis in Koblenz.
Homepage www.martin-zobel.de
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Zitiervorschlag
Martin Zobel. Rezension vom 08.02.2016 zu: Waltraut Barnowski-Geiser: Vater, Mutter, Sucht. Wie erwachsene Kinder suchtkranker Eltern trotzdem ihr Glück finden. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-608-86050-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19184.php, Datum des Zugriffs 10.12.2016.


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