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Wolfgang Tietze, Hans-Günther Roßbach u.a. (Hrsg.): Kindertagespflege-­Skala

Cover Wolfgang Tietze, Hans-Günther Roßbach, Thelma Harms (Hrsg.): Kindertagespflege-Skala. (TAS-R) ; deutsche Fassung der Family child care environment rating scale von Thelma Harms, Debby Cryer und Richard M. Clifford. verlag das netz (Berlin) 2015. 21 Seiten. ISBN 978-3-86892-069-7. D: 23,90 EUR, A: 24,60 EUR, CH: 34,50 sFr.
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Thema

Die als deutsche Fassung der Family Child Care Environment Rating Scale von Harms, Cryer und Clifford (USA) nun als Neuauflage der Kindertagespflege-Skala (TAS-R) erschienene Version versteht sich als Instrumentarium zur Feststellung, Entwicklung und Sicherung pädagogischer Qualität in den Kindertagespflegeeinrichtungen. Anhand von 43 Qualitätsmerkmalen werden die erforderlichen Maßstäbe beschrieben und durch eine Beschreibung vielfältiger Einzelanforderungen sichtbar und überprüfbar gemacht.

Herausgeber und AutorInnen

Neben den Herausgebern

  • Prof. Dr. phil. Wolfgang Tietze, Professor an der Freien Universität Berlin, bis 2010 dort Leiter des Arbeitsbereichs Kleinkindpädagogik, Geschäftsführer der PädQUIS gGmbH, Arbeitsschwerpunkte Feststellung und Entwicklung pädagogischer Qualität sowie internationaler Vergleich
  • Prof. Dr. phil. Hans-Günther Roßbach, Lehrstuhl für Elementar- und Familienpädagogik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe e.V., Arbeitsschwerpunkte empirische Bildungsforschung im frühpädagogischen Bereich, Längsschnittforschung und Fragen der Qualitätsentwicklung

haben als AutorInnen mitgewirkt:

  • Dr. phil. Eveline Gerszonowicz, wissenschaftliche Referentin beim Bundesverband für Kindertagespflege, Arbeitsschwerpunkt Entwicklung von Betreuungsqualität für Kleinkinder
  • Dipl.-Päd. Filipe Martins Antunes, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fachhochschule Potsdam, Arbeitsschwerpunkte Lehre und Forschung zu Fragen der Bildung in der Kindheit und im Bereich der pädagogischen Qualität und Evaluation
  • Dipl.-Päd. Rebecca Nattefort, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der PädQuis gGmbH, Arbeitsschwerpunkte pädagogische Qualität, externe Evaluation und Zertifizierung von Kindertageseinrichtungen

Entstehungshintergrund

Anknüpfend an die erstmalige Veröffentlichung der Kindergarten-Einschätz-Skala (KES) im Jahr 1997 durch PädQUIS® als ein wissenschaftlich fundiertes Instrument zur objektiven Feststellung pädagogischer Qualität in Kindertageseinrichtungen folgte 2005 die Kindertagespflege-Skala für die Qualitätsentwicklung und Evaluation auch für den Bereich der Kindertagespflege. Ihre nun vorliegende Weiterentwicklung zur TAS-R beruht auf der amerikanischen „Family Child Care Environment Rating Scale“ von Harms, Cryer und Clifford aus dem Jahr 2007, die durch fünf speziell für den deutschsprachigen Raum entwickelte Kriterien ergänzt wurde.

Die Kindertagespflege hat insbesondere im letzten Jahrzehnt quantitativ deutlich zugenommen und einen eigenständigen Stellenwert in der außerfamiliären Betreuung von Kleinkindern in der Altersgruppe bis drei Jahre erlangt. Durch die Einführung des Rechtsanspruchs für unter Dreijährige steht der weitere Ausbaus der Betreuungsplätze auch in der Kindertagespflege an. Kindertagespflege hat ihren Stellenwert als gleichwertiges Betreuungsangebot mit dem Auftrag qualifizierter Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern erlangt. Damit steht sie vor der Herausforderung, die Qualität weiterhin deutlich zu verbessern, um den gestiegenen Anforderungen an die Förderung gerade für unter Dreijährige gerecht zu werden. Die Sensibilität gerade von Kindern in dieser Altersgruppe und der entscheidende Einfluss der Betreuung auf die weitere Entwicklung verlangen eine aufmerksame Begleitung der Qualitätsentwicklung dieser Form der Betreuung in allen Qualitätsfacetten. Kindertagespflege ist überwiegend nicht eingebunden in übergeordnete, qualitätssichernde Trägerstrukturen. Qualifikation und Anforderungen an die Tagespflegepersonen und an die erforderlichen Rahmenbedingungen werden zwar zunehmend definiert, vorausgesetzt und überprüft. Jedoch ist es für alle Beteiligten (Jugendämter, Erziehungsberechtigte und auch für die Tagespflegepersonen selbst) nicht leicht, die alltägliche Gewährleistung zu beurteilen und Entwicklungsnotwendigkeiten zu verorten. Die TAS-R soll diese Begleitung allen Beteiligten erleichtern.

Aufbau

Das im Querformat mit Ringheftung aufgelegte Buch lässt sich in drei Bereiche aufteilen.

  1. In seinem ersten Teil werden das zugrunde liegende Qualitätskonzept für die zunächst beschriebene Kindertagespflege in Deutschland erläutert und Hinweise zum Aufbau, zur Anwendung und zu den Nutzungsmöglichkeiten der TAS-R gegeben. Ergänzt werden diese Ausführungen durch die Erläuterung von Begrifflichkeiten, der technischen Qualität der TAS-R sowie durch die Mitteilung weiterführender Literatur.
  2. Kernbestandteil des vorliegenden Heftes ist die Skala selbst, die zu jedem der 43 Qualitätsmerkmale Bewertungskriterien aufführt, diese den Stufen der Bewertungsskala zuordnet und ergänzende Hinweise für deren Erfassung und Beurteilung liefert.
  3. Der dritte, als Anlage bezeichnete Teil enthält den TAS-R Einschätzungsbogen für die einrichtungsbezogene Einzelerfassung der Erkenntnisse zu den einzelnen Kriterien und ein die Einschätzungen zusammenfassendes mehrseitiges Auswertungsblatt zur Errechnung einer Gesamtbewertungssumme. Mit der dritten Anlage kann sodann ein Profil der jeweiligen Kindertagespflegestelle erstellt werden.

Inhalt

Im einleitenden Teil beschreiben die Verfasser kurz die Entwicklung der Kindertagespflege in Deutschland. Sie verweisen darauf, dass auch die Kindertagespflege qualitativen Anforderungen zu genügen hat und Kindertagespflegestellen einer Pflegeerlaubnis bedürfen. Die Tagespflegepersonen, die diesen Beruf oftmals ohne pädagogische Ausbildung und mit vergleichsweise geringer Eingangsqualifikation ausüben, benötigen eine tätigkeitsbegleitende Qualifizierung. Die TAS-R wird als Instrument der Selbstevaluation und Fremdevaluation sowie als Instrument für die Steuerungsaufgaben auch der öffentlichen Jugendhilfe vorgeschlagen, mit dessen Hilfe Entwicklungspotentiale erkannt werden und in eine fachliche individuelle Beratung münden können.

Das der TAS-R zugrunde liegende Qualitätskonzept nimmt die Sichtweise des Kindes und dessen Interesse an guter Erziehung, Bildung und Betreuung in den Mittelpunkt der pädagogischen Qualität. Daraus werden vier Ebenen pädagogischer Qualität abgeleitet: die pädagogische Orientierungsqualität der Tagespflegeperson, die pädagogische Strukturqualität der Rahmenbedingungen, die pädagogische Prozessqualität der Dynamik des Geschehens und des Umgangs mit dem Kind sowie die Qualität des Familienbezugs im Hinblick auf die Bedürfnisse der Familien der betreuten Kinder.

Die Erläuterung des Aufbaus der TAS-R erfolgt durch die Zuordnung der 43 Einzelmerkmale in acht kurz beschriebene übergeordnete Bereiche: Platz und Ausstattung, Betreuung und Pflege der Kinder, Zuhören und Sprechen, Aktivitäten, Interaktionen, Strukturierung der pädagogischen Arbeit, Eltern und Tagespflegeperson sowie Übergänge.

Ausführlich beschrieben wird sodann die Anwendung der TAS-R in der beobachtenden Praxis. Die Handhabung der Skala wird erklärt und der Beobachter wird darauf aufmerksam gemacht, was bei der Beobachtung besonders zu beachten ist. Zur Anwendung gehören auch die Bewertung und Auswertung, die ebenfalls veranschaulicht werden.

Die Anwendung wird zudem erleichtert durch eine Glossar der Begriffe und Erläuterungen in der TAS-R.

In einem kurzen Ausblick werden die Nutzungsmöglichkeiten der TAS-R für die Selbst- und Fremdevaluation, für Eignungsfeststellung und – überprüfung und für die wissenschaftliche Untersuchung der Kindertagespflege in Deutschland vorgestellt.

Etwas breiteren Raum nimmt sodann die Erläuterung der technischen Qualität der TAS-R ein. Hierbei geht es um die Messgüte, die sich durch Objektivität, Reliabilität, Validität auszeichnet. Und auch die Möglichkeit des Ergebnisvergleichs wird thematisiert.

Auf über 80 Seiten folgt dann der Abdruck der 43 Einzelkriterien der TAS-R. Hier findet sich jeweils eine Seite je Kriterium mit einer Bewertungsskala von unzureichend bis ausgezeichnet und mit feststellbaren Umständen für jede der Bewertungsstufen. Ergänzt wird die jeweilige Skala auf der zweiten Seite mit Hinweisen zum Verständnis der zu beobachtenden Umstände sowie durch die Beobachtung verbessernde und erleichternde Fragen.

Für die Erfassung erhält die Anlage einen (zur Vervielfältigung gedachten) Erfassungsbogen, in den die Beobachtungsergebnisse je Tagespflegeeinrichtung eingetragen werden können. Auch hier gibt es unterstützende Fragen und Anmerkungen.

Die gefundenen Ergebnisse können dann mit einem Wert versehen in das individuelle Auswertungsblatt eingetragen und eine Gesamtbewertung errechnet werden.

Mit Hilfe der beobachteten Ergebnisse lässt sich dann abschließende ein Profil der Einrichtung erstellen. Dazu findet sich in der Anlage ein Vordruck für ein einrichtungsbezogenes TAS-R Profil.

Diskussion und Fazit

Die TAS-R ist insgesamt sehr gut geeignet, die pädagogische Qualität in dem sensiblen und weiter anwachsenden Bereich der grundsätzlich in Alleingestaltung und -verantwortung der Tagespflegepersonen liegenden Kindertagespflege sichtbar und überprüfbar zu machen. Sie gibt daneben aber auch durch ihren Detailreichtum und die vielen Anhaltspunkte für Beobachtung und Bewertung praktische und gut nachvollziehbare Anregungen für die Weiterentwicklung. Die TAS-R hat dadurch auch ohne das Ziel einer Evaluation und Bewertung hohen praktischen Nutzen für jede einzelne Einrichtung oder für die Beratung.

Auch Erziehungsberechtigten kann sie eine gute Hilfestellung bei der Auswahl, bei der Begleitung ihrer Kinder in Tagespflegestellen und bei der Akzeptanz dieser Betreuungsform sein. Wünschenswert wäre dafür ein günstiger Zugriff z.B. online auf die Skala oder deren Verfügbarkeit in den Kindertagespflegestellen und den Jugendämtern.

Einzig der einleitende Informationsbereich hätte eine gute Ergänzung erfahren, wenn dort auch die bisherigen Erfahrungen mit der TAS reflektiert worden wären. Außerdem wird nicht auf die in manchen Bundesländern möglichen und auch zunehmenden sog. Großtagespflegestellen eingegangen. Es wäre hilfreich, wenn wenigstens die sich daraus ergebenden zusätzlichen Anforderungen Erwähnung gefunden hätten.

Die TAS-R kann uneingeschränkt empfohlen werden. Sie wird zu einer weiteren guten Entwicklung der Kindertagespflege in Deutschland beitragen.


Rezensentin
Prof. Dr. Sabine Mönch-Kalina
Lehrgebiet Sozialrecht an der Hochschule Wismar
Homepage www.wi.hs-wismar.de/de/personen_ausstattung/profess ...
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Zitiervorschlag
Sabine Mönch-Kalina. Rezension vom 01.02.2016 zu: Wolfgang Tietze, Hans-Günther Roßbach, Thelma Harms (Hrsg.): Kindertagespflege-Skala. (TAS-R) ; deutsche Fassung der Family child care environment rating scale von Thelma Harms, Debby Cryer und Richard M. Clifford. verlag das netz (Berlin) 2015. ISBN 978-3-86892-069-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19199.php, Datum des Zugriffs 27.05.2016.


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