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Jürgen Reyer: Die Bildungsaufträge des Kindergartens

Cover Jürgen Reyer: Die Bildungsaufträge des Kindergartens. Geschichte und aktueller Status. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 151 Seiten. ISBN 978-3-7799-3287-1. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Wo genau lässt sich der bildungspolitische Standort des Kindergartens im deutschen Erziehungssystem verorten? Diese Frage stellt sich das vorliegende Buch. Es sieht diesen Standort im Spannungsfeld zwischen drei unterschiedlichen Bildungsaufträgen frühpädagogischer Einrichtungen gebunden: erstens dem geltenden und die berufliche Praxis bestimmenden „sozialintegrativen“ – meint den traditionellen sozialpädagogischen – Betreuungs- und Bildungsauftrag, zweitens einem von Bildungsreformern eingeforderten „eigenständigen“ und drittens einem ebenfalls von Reformern vorgeschlagenen „systemintegrativen“ Bildungsauftrag.

Ist der Kindergarten „nur“ eine Betreuungsanstalt für Kleinkinder oder kann er einen echten „Bildungsmehrwert“ erzeugen, auf dem dann Grundschule und weiterführende Schulen aufbauen könnten? Trotz der aktuellen Reformdiskussion um eine weitere Professionalisierung und Qualitätssicherung der Kindertagesstätten, ist die Kita-Realität mehr oder weniger eine Fortschreibung des Modells einer sozialintegrativen Betreuungsanstalt. Würde ein Systemwechsel in Richtung einer Art „Vorschule“ eingeleitet, wären damit weitreichende pädagogische, vor allem aber institutionelle und bildungspolitische Fragen verbunden, die heute aber gar nicht im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion stehen.

Autor

Autor des Bandes ist der mittlerweile emeritierte Sozialpädagoge und Erziehungswissenschaftler Jürgen Reyer, der zwischen 1985 und 1992 als Professor für die Pädagogik der Frühen Kindheit an der Universität Tübingen und danach (bis 2008) als Professor für die Pädagogik der Frühen Kindheit und für Sozialpädagogik an der Pädagogischen Hochschule und Universität Erfurt wirkte. Im Rahmen dessen trat er als Autor zahlreicher Publikationen zur Geschichte und zur aktuellen Entwicklung der Institution Kindergarten und der (Kindergarten-) Pädagogik auf, deren Ergebnisse im vorliegenden Buch zusammengeführt werden.

Aufbau

Insgesamt setzt sich das Buch aus einer kurzen Einleitung und vier größeren Kapitel zusammen, von denen jeweils ein Kapitel der historischen Herleitung und der aktuellen Einordnung des sozialintegrativen, des eigenständigen und des systemintegrativen Bildungsauftrags gewidmet ist. Kapitel 4 knüpft hieran an, führt die Stränge zusammen und ordnet das Entstehen und die jüngste Entwicklung der akademischen Teildisziplin „Pädagogik der frühen Kindheit“ in die allgemeine Erziehungswissenschaft ein.

Inhalt

Die drei Kapitel zu Geschichte und aktuellem Status der unterschiedlichen Bildungsaufträge stellen die jeweils wichtigen Autoren und pädagogischen Schulen, relevante Diskussionen im Bildungsdiskurs und – wenn vollzogen – Reformschritte der Bildungspraxis vor.

In Kapitel 1 werden so die Entstehung, Verbreitung und Entwicklung der Einrichtungen öffentlicher Kleinkinderziehung vorgestellt, die von der Politik und den Trägern bis heute als sozialintegrative Orte entwickelt und weitergeführt werden. Mütter sollten durch sie in ihrer Betreuungsarbeit entlastet, ihre Kinder in ihrer Abwesenheit nach trägerspezifischen Ordnungs- und Wertvorstellungen erzogen werden. Rechtlich gehörten Kindergärten in Deutschland von Anfang in den Bereich der öffentlichen Fürsorge und waren nicht Teil des Bildungssektors. Im EU-Vergleich gehört Deutschland damit bis heute zu einer kleinen Minderheit.

Kapitel 2 zeichnet die Geschichte des eigenständigen Bildungsauftrags nach, also der Vorstellung, dass dem Kindergarten „ein eigener pädagogischen Wert unabhängig von der sozialen Situation der Familie zukommen soll [und] nicht auf eine Zulieferfunktion für die Schule reduziert wird.“ (S. 41) Diese Vorstellung wurde erstmals im Kaiserreich von den Neofröbelianern formuliert und fand in den Reformdiskussionen der 1970er Jahre größere Unterstützung. Heute gilt diese Position eher als veraltet und überholt. Reyer führt seine Schwäche darauf zurück, dass es nie gelang, echte Entwicklungsunterschiede von Familienkindern und Familien-/Kindergartenkindern empirisch nachzuweisen.

Kapitel 3 führt in die historische Entwicklung der systemintegrativen Position ein, deren Ziel es ist, einen Bildungsmehrwert im Kindergarten zu erzeugen und diesen curricular anschlussfähig zur Grundschule zu konzipieren. Historisch wurde diese Vorstellung schon früh von Christian Heinrich Wolke (1741-1825) und Friedrich Heinrich Christian Schwarz (1766-1837) entwickelt, blieb aber immer im Hintertreffen. In der heutigen Reformdiskussion schlägt sich diese Diskussion vor allem an drei Punkten nieder und findet mittlerweile auch positiven Niederschlag in den Erziehungs- und Bildungsplänen vieler Bundesländer: an der Strukturreform der Schnittstelle zwischen Kindergarten und Grundschule, an der Gestaltung dieses Übergangs und an der curricularen Anschlussfähigkeit.

Trotz der sehr hohen Betreuungsquote des Kindergartens hat sich grundlegend wenig an der Zuordnung des Kita-Bereichs in die öffentliche Fürsorge geändert. Alle Versuche der Verzahnung und qualitativen Annäherung stoßen an ihre Grenzen. Insofern zeigt sich Reyer skeptisch, eine „Bildungssystemtauglichkeit“ sieht er (noch) nicht: „Kindergärten sind nicht darum sozialintegrative Betreuungseinrichtungen, weil sie als Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe der öffentlichen Fürsorge zugeordnet wurden, sondern weil sie es aufgrund ihrer Geschichte, Funktion und Wirkungsweise nach wie vor sind.“ (S. 118)

Dies wird besonders deutlich mit Blick auf die Stellung der Frühpädagogik in den Hochschulen. Hier beobachtet Reyer eine sehr schwache akademische Verankerung. Er spricht sogar von einer „nahezu völlige[n] Unsichtbarkeit der Pädagogik der frühen Kindheit im akademischen Raum“. (S. 133) Begründet sieht er dies vor allem in der zu großen Nähe zur Sozialpädagogik, im zu großen Abstand zur Grundschulpädagogik sowie einer fehlenden Einbindung des Feldes der Familienpädagogik.

Diskussion

Die einzelnen Abschnitte und Kapitel des Bandes stehen in gutem Verhältnis zueinander, sie sind klar strukturiert und gut geschrieben. Es gelingt dem Autor, die verschiedenen pädagogischen Positionen immer wieder auf das Spannungsfeld der drei unterschiedlichen Bildungsaufträge zu fokussieren und hieraus ihre Bedeutung für die Bildungspraxis einzuschätzen. Dieser Ansatz hilft bei der Klärung und Sortierung der aktuellen Reformvorschläge. Dass trotz vieler gut gemeinter Forderungen ein Bruch mit der bisherigen sozialintegrativen Geschichte der Einrichtungen nicht vollzogen ist, kann Reyer gut begründen.

Fazit

Insgesamt liegt ein schmaler, aber sehr informativer Band vor, der vor Augen führt, wie wichtig eine historische Herleitung und Unterfütterung der aktuellen Diskussion um (mangelnde) Qualität im Kita-Bereich ist. Strukturentscheidungen des 19. Jahrhunderts wirken bis heute nach und erschweren es, Kindergärten zu einer vollwertigen Stufe innerhalb des Bildungssystems auszubauen.


Rezensent
Dr. Armin Müller
Studiengangsleiter Institut für Pädagogikmanagement, Steinbeis-Hochschule Berlin
Homepage www.steinbeis-ifpm.de
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Zitiervorschlag
Armin Müller. Rezension vom 15.12.2015 zu: Jürgen Reyer: Die Bildungsaufträge des Kindergartens. Geschichte und aktueller Status. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3287-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19218.php, Datum des Zugriffs 29.06.2016.


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