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Ein Besuch in der KiTa Burattino

Cover Ein Besuch in der KiTa Burattino - Reportage über ein pädagogisches Juwel. AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2015. 19,00 EUR.

DVD 61 Min.
Recherche bei LOC.


Thema

Der Film stellt die KiTa Burattino im Brandenburgischen Petershagen-Eggersdorf vor. Der Titel verspricht eine Reportage über ein „pädagogisches Juwel“. Gezeigt wird, wie wesentliche Qualitätsstandards der Bildung, Erziehung und Betreuung, innovative Ansätze und spektakuläre Ideen für die Arbeit mit Kindern von 1-6 Jahren umgesetzt werden.

Die DVD enthält die „Reportage“, die Kapitelauswahl und das „Bonusmaterial“. Letzteres besteht aus Interviews mit der Kita-Leiterin, dem Bürgermeister und dem Hauptamtsleiter sowie einem „Resümee des Teams zum Drehtag“.

Herausgeberin

Herausgeber der DVD ist die AV1 Pädagogik-Filme in Kaufungen, die bereits im 30. Jahr unter der Leitung von Kurt Gerwig 43 Filme zur pädagogischen Arbeit mit Kindern produziert hat (www.paedagogikfilme.de).

Entstehungshintergrund

Über den Entstehungshintergrund werden explizit keine Aussagen gemacht. Interessant ist aber, dass hier eine Kita vorgestellt wird, in der überwiegend noch in DDR-Zeiten sozialisierte und ausgebildete Erzieherinnen arbeiten, die eindrucksvolle Beispiele eigener Entwicklungsprozesse einfließen lassen.

Aufbau

In 20 Kapiteln werden Einblicke in die Konzeption, in pädagogische Haltungen, Bausteine der Arbeit mit Kindern und Eltern, in die Qualität und Qualifizierung der Erzieherinnen und in die besonderen pädagogischen Ansätzen und Angebote gegeben. Diese werden durch Gespräche mit der Leiterin und den Erzieherinnen, die sich als Profis für einzelne Bildungsbereiche verstehen sowie mit Kindern und Eltern, angereichert. Die ergänzenden Interviews gewährleisten, dass alle wesentlichen Akteurinnen und Akteure die den Alltag und die Rahmenbedingungen einer Kita bestimmen, zu Wort kommen. Am Ende stellt der Moderator die Frage nach dem Kern des Erfolgs der Kita Burattino.

Inhalt

Die Darstellung der Inhalte erfolgt über einen Rundgang durch das gesamte Kitagebäude. Ganz nebenbei fließen die Inhalte ein. So erklärt die Einrichtungsleiterin, warum die Erzieherinnen und Erzieher als „Profis“ bezeichnet werden und zeigt die Bildungsbereiche, für die jeweils zwei Profis besonders qualifiziert sind. Während ein Kind am Computer vor der „Schlaufuchsecke“ begrüßt wird, erfahren wir, dass es einen Wechsel zwischen gruppenzentrierter und gruppenoffener Arbeit gibt.

Eine Erzieherin erörtert, dass der Situationsansatz zentral ist, aber dennoch aus anderen pädagogischen Richtungen, wie z. B. der Reggiopädagogik oder dem „Haus der kleinen Forscher“, dem die Kita angehört, jeweils das für sie Beste genutzt wird. Im Gespräch über den Morgenkreis wird auf die Bedeutung von „impliziten Sprachübungen“ und neuen Begriffen hingewiesen, „die gleich in die Synapsen der Kinder aufgenommen werden“, so die Leiterin. Zickzack-Linien auf den Fußböden sollen nicht nur der Bewegungsförderung der Kinder dienen, sondern auch die Hirnentwicklung fördern.

Die Kita präsentiert sich als Bildungseinrichtung mit vielfältigen Anregungen für Kinder und Eltern. Stationen wie der „Forscherturm“ sollen zum entdecken und ausprobieren anregen. Die Kinderdusche entpuppt sich als „Sternenwarte“, in der die Kinder sich mit naturwissenschaftlichen Phänomenen, z. B. mit Optik befassen.

Während der Film Kinder im Bewegungsraum zeigt, die Seile um die Bewegungsgeräte schlingen, wird erörtert, dass sie selbstbildend lernen, Knoten zu binden. Die Leiterin reflektiert mit großer Begeisterung den Wandel in der Wahrnehmung der Kinder von Objekten der Pädagoginnen – „früher haben wir Knoten geübt“ hin zum Perspektivenwechsel auf die Selbstbildungsprozesse der Kinder.

Besondere Spezialitäten sind die „Kinder als Postboten“: im Jahr vor der Einschulung dürfen jeweils zwei Kinder- mit dem Einverständnis der Eltern – gemeinsam eine Posttasche von der Kita ins Rathaus und zurück bringen. Dadurch sollen die Kinder auf selbstständige Wege zur Schule vorbereitet werden. Dieses Projekt wurde sensibel erprobt und hat sich etabliert. Obwohl die Kinder den Weg ohne Aufsicht durch pädagogische Fachkräfte gehen, erhält es von Kindern und Eltern hohen Zuspruch.

Partizipation der Kinder findet im täglichen Morgenkreis und in 14-tägigen Kinderkonferenzen statt. Dafür werden Ämter vergeben. Das Einüben von Selbst- und Mitbestimmung wird im Alltag durch eine „Wunschkiste“, Streitrituale und durch Meckerstühle, die es überall in der Einrichtung gibt, umgesetzt. Die Einübung in Tischsitten und bewusstes Essen findet mit Hilfe des „goldenen Tischs“ statt. Täglich wird dafür ein Tisch feierlich dekoriert. Zwei Kinder, die Geburtstag haben oder im Morgenkreis dafür ausgewählt wurden, dürfen dort sitzen, werden bedient und genießen es sichtlich. Die Erzieherin betont, dass die Kinder im Morgenkreis sehr gerecht darauf achten, dass alle Kinder von diesem Angebot profitieren können

Für Eltern gibt es attraktive Angebote: Auf dem Weg durch den Flur werden Eltern animiert, sich auf Schautafeln mit den Handlungsfeldern der Kita vertraut zu machen oder sich über die vielen Projekte zu informieren. Für Eltern wurden ansprechende Sitzecken mit bunten Sesseln und ein Elterntreff auf dem Dachgarten eingerichtet, wo sie sich ohne Erzieherinnen treffen können. Eltern werden ausdrücklich um ihre Meinung zur Kita gebeten. Neben dem obligatorischen Beschwerdebuch gibt es am Ausgang ein „Ratgeberhäuschen“, das einem Vogelhaus ähnelt, in das konstruktive Kritik und Vorschläge der Eltern eingeworfen werden können.

Die Qualifizierung des Teams und die Bildungsbegleitung der Kinder wird durch Beobachtungsdokumentationen, videobasiert nach der Marte Meo-Methode und durch „Portfolioarbeit“ vorgenommen. In der regelmäßigen kollegialen Beratung findet Reflexion und Austausch statt. Die Erzieherinnen und Erzieher schulen ihre Wahrnehmungskompetenzen ganz nebenbei und verstehen sich als Lernbegleitung der Kinder.

Die Tür zum Teamzimmer ist mit „Engelszimmer“ beschriftet. Der Name ist Programm. Die Kita Burattino zeichnet sich besonders durch eine die MitarbeiterInnen wertschätzende und demokratische Personalführung aus. Bei der Jahresplanung wird zuerst die Urlaubsplanung, dann der Veranstaltungsplan, das Fortbildungskonzept und zuletzt die inhaltliche Arbeit besprochen. Klare Strukturen, hohe Mitverantwortung bei der Planung, Selbstbestimmung, sind notwendig für die Zufriedenheit des Teams und eine Voraussetzung für die hohe Motivation und damit für die Qualität der Arbeit.

Diskussion

Der Film zeigt eine Kita, die die Merkmale einer bildungsorientierten und an einem zeitgemäßen Bild vom Kind ausgerichteten, elternfreundlichen Einrichtung repräsentiert. Die Zuschauenden werden beim Gang durch die Einrichtung mitgenommen und gleichzeitig mit den pädagogischen Grundideen der Einrichtung und phantasievollen innovativen Ansätzen und Ideen vertraut gemacht. Während die Bildungsbereiche und Angebote auf den ersten Blick neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechen, fehlen Berichte über interkulturelle, gendersensible und inklusive Ansätze, was bei einer Kita, die in 30 km Entfernung von Berlin ansässig ist, verwundert. Die fast durchgängig verwendete männliche Form in der Sprache der Erzieherinnen wirkt nicht mehr zeitgemäß und, gemessen an ihrem selbstbewussten Auftreten aus einer Westperspektive eher befremdlich. Hier wird möglicherweise ein Unterschied zwischen Ost- und Westkitas deutlich, dessen Bedeutung diskussionswürdig wäre.

Dem Moderator gelingt es, durch Nachfragen und vertiefende Gespräche mit der Leiterin und den Profis viele Blickwinkel einzufangen. Der Schwerpunkt des Films liegt auf der Darstellung der Einrichtung durch die pädagogischen Fachkräfte. Die Ernsthaftigkeit, Offenheit und Freude, mit der die Kitaleiterin ihren eigenen Werdegang als Erzieherin und Leiterin der Kita reflektiert, ist beeindruckend. Auch die Teammitglieder strahlen dieses Selbstverständnis aus. Die hier gezeigte professionelle reflexive Haltung und die besondere Betonung, selbst immer an Neuem interessiert zu sein, gern zu lernen und dieses mit Bewährtem zu verknüpfen, wird als ein Bestandteil des Kerns für den Erfolg der Einrichtung deutlich. Das Betonen der Arbeitszufriedenheit aller in der Kita tätigen und das Eingehen auf ihre Bedürfnisse nach Urlaub, Fortbildung, Teilhabe und Verantwortungsübernahme, verweist auf die Voraussetzung für ein gutes Arbeitsklima. In einem solchen Milieu kann Bildung gelingen. Die zu Wort kommenden Kinder und Eltern bestätigen, dass die Einrichtung auf einem guten Weg ist.

Fazit

Wie gelingt Kita? Der Besuch in der Kita Burattino zeigt, worauf es im Wesentlichen ankommt. Der gesamte Raum der Kita lädt ein: zum Entdecken, Spielen, Forschen, Lernen, sich Ausprobieren und mit anderen verständigen. Gefühle und Bedürfnisse von Kindern werden ernstgenommen, und sie erfahren, dass ihre Wünsche aufgegriffen werden. Aktive Teilhabe gilt für alle: Kinder, Eltern und das Team. Zufriedene Erzieherinnen, die für das Geschehen in der Kita Verantwortung übernehmen, sind eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen von Bildungsprozessen, Spaß an der eigenen Weiterentwicklung und ein Selbstbewusstsein eigener Stärken ebenso. Und letztlich zählen auch Respekt, Wertschätzung und Vertrauen in die Fachkräfte seitens des Trägers der Einrichtung.

Mit dem Verweis auf einen wünschenswerten diversitätssensiblen Blick, ist der Film für die Aus-, Fort- und Weiterbildung pädagogischer Fachkräfte sehr zu empfehlen.


Rezensentin
Prof. Dr. Margitta Kunert-Zier
Fachhochschule Frankfurt/Main
Fachbereich 4, Soziale Arbeit und Gesundheit
Professur für Pädagogik
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Zitiervorschlag
Margitta Kunert-Zier. Rezension vom 09.02.2016 zu: Ein Besuch in der KiTa Burattino - Reportage über ein pädagogisches Juwel. AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2015. DVD 61 Min. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19232.php, Datum des Zugriffs 25.08.2016.


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