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Elisabeth von Stechow: Von Störern, Zerstreuten und ADHS-Kindern

Cover Elisabeth von Stechow: Von Störern, Zerstreuten und ADHS-Kindern. Eine Analyse historischer Sichtweisen und Diskurse auf die Bedeutung von Ruhe und Aufmerksamkeit im Unterricht vom 16. bis zum 21. Jahrhundert. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. 158 Seiten. ISBN 978-3-7815-2035-6. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Die vorliegende Publikation verfolgt die Frage, welche Bedeutung Aufmerksamkeit und Ruhe Schülern im Rahmen eines gelingenden Unterrichts beigemessen wird. Mit Blick auf die Beantwortung der Frage widmet sich die Autorin u.a. Schulschriften aus der Zeit des 16. bis zum 21. Jahrhundert, die sie diskursanalytisch untersucht. Sowohl der Prozess der Analyse als auch die daraus gewonnenen Resultate erweisen sich als spannend und fruchtbar für die aktuell stattfindende Diskussion rund um das Thema Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

Autorin

Elisabeth von Stechow, Dr. phil., ist Professorin für Erziehungswissenschaften an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der emotionalen und sozialen Entwicklung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist inklusive Einleitung und exklusive Schluss in fünf Kapitel gegliedert.

In Kapitel 1 („Einleitung“) stellt die Autorin ihre diskursanalytische Herangehensweise an das Phänomen Aufmerksamkeit im schulischen Kontext vor. Ihr Fokus liegt dabei auf der Aufmerksamkeit bzw. Unaufmerksamkeit, der Ruhe bzw. Unruhe im Unterricht (vgl. S. 9f.). Von Stechows Untersuchung setzt an am modernen Schulwesen im 16. Jahrhundert und führt bis in die derzeit stattfindende Debatte rund um das Thema ADHS hinein.

In Kapitel 2 deutet die Autorin auf den Anspruch des Unterrichts in der frühneuzeitlichen Schule des 16. Jahrhunderts hin. Dieser bestand auch, aber nichts zuvorderst, in der Vermittlung von Kulturtechniken. An ersten Stelle war es das Ziel pädagogischen Bemühens, die Zöglinge zur Gläubigkeit zu führen (vgl. S. 27). Die schlechte Schulbildung der Heranwachsenden – nur etwa 1/3 der Bevölkerung konnte Lesen und Schreiben – war dabei nicht nur der unzureichenden Ausbildung der Lehrer geschuldet, sondern auch dem Nichtvorhandensein einer geeigneten Methode zum Unterrichten und zur Disziplinierung. Wohl aber wurde bereits zu dieser Zeit Aufmerksamkeit, Ruhe und Stillsitzen in den Schulordnungen thematisiert und als bedeutsam für einen gelingenden Unterricht erkannt, wenngleich dieser vorwiegend in Form eines ineffizienten Einzelunterrichts stattfand (vgl. S. 39).

Von Stechow gelingt es in Kapitel 3 eine neue Konnotation des Begriffs Aufmerksamkeit innerhalb der pädagogischen Schriften des 18. Jahrhunderts zu beleuchten. Diese Neubestimmung des Begriffs geht einher mit einem veränderten Verständnis von Lernen und Leistung. Um den modernen ökonomischen Anforderungen gerecht werden zu können, war es vonnöten, viele Menschen effizient und effektiv zu unterrichten. Die Vermittlung des Lernstoffs fand folglich in einer Weise statt, die mit einer Überwindung des Einzel- und Kleingruppenunterrichts einherging (vgl. S. 68ff.). Infolgedessen wurde Disziplin zu einer für den modernen Unterricht zwingend notwendigen Voraussetzung. Auf der anderen Seite war es das Ideal eines zeitgenössischen Bildungsverständnisses, das jenseits der ökonomischen Zurichtung zu positionieren ist, das sich die individuelle Vervollkommnung des Menschen und der Menschheit insgesamt zum Ziel setzte. Dieses Ideal zeigte sich ebenso bedeutsam für das, wofür Aufklärung sich von nun an als notwendig erwies.

Das 4. Kapitel konzentriert sich vorwiegend auf die Rolle der Aufmerksamkeit in den philosophisch-pädagogischen Überlegungen Herbarts. Für Herbart ist die Aufmerksamkeit die zwingende Voraussetzung für die Wahrnehmung und die Aneignung des Unterrichtsstoffs (vgl. S. 94ff.). Sowohl mangelndes Interesse als auch das, was heute unter dem Begriff Reizüberflutung firmiert, stellen sich nach Herbart als Störfaktoren der Aufmerksamkeit heraus.

In Kapitel 5 zeigt die Autorin die Verbindung zwischen der aktuellen ADHS-Problematik und dem analysierten und vorgestellten pädagogischen Diskurs um Aufmerksamkeit auf. Der Mangel an normativen Bezugspunkten und in diesem Sinne(!) geleisteter pädagogischer Arbeit in Schulen, aber auch bereits in Kindergärten, begegnet im Zuge dessen als ein nicht unwesentliches Moment der Entstehung von dem, was heute ADHS genannt wird. Es ist eben dieses Kapitel, was als ein Plädoyer zu mehr Mut für Pädagogik gelesen werden kann.

Diskussion und Fazit

Elisabeth von Stechow legt mit ihrem Buch eine Arbeit vor, die dringend notwendig ist. Es handelt sich um eine wissenschaftliche Arbeit ohne populärwissenschaftlichen Impetus, was gut und schade zugleich ist, denn das, was von Stechow sehr genau, sehr pointiert herausarbeitet, muss in die breite Masse getragen werden, hinein ins volle Menschenleben, dorthin, wo Pädagogik tagtäglich stattfindet. Aufmerksamkeit ist, so die Analyse, etwas, das über viele Jahre hinweg gelehrt und gelernt werden muss. Sie entwickelt sich nur unter bestimmten – eben auch normativen – Voraussetzungen, auf die Pädagogik Bezug nehmen muss. Findet das nicht statt, überlässt man Kinder und Jugendliche sich selbst, lässt sie unfrei werden. Ihren Mangel an dem, was damals noch guten Gewissens Selbstdisziplinierung genannt werden durfte, müssen diese Menschen heute zunehmend pharmakologisch kompensieren und begeben sich damit in eine neue Abhängigkeit. Wer zur Freiheit führen will, muss Mut haben zur Pädagogik – dies kann, aus Rezensentensicht, als Quintessenz der Publikation festgehalten werden. Empfehlenswert ist dieses Buch insbesondere – aber nicht ausschließlich – für Lehramtsstudierende.


Rezensent
Dr. Thomas Damberger
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Zitiervorschlag
Thomas Damberger. Rezension vom 03.11.2015 zu: Elisabeth von Stechow: Von Störern, Zerstreuten und ADHS-Kindern. Eine Analyse historischer Sichtweisen und Diskurse auf die Bedeutung von Ruhe und Aufmerksamkeit im Unterricht vom 16. bis zum 21. Jahrhundert. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. ISBN 978-3-7815-2035-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19242.php, Datum des Zugriffs 29.09.2016.


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