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Aladin El-Mafaalani, Sebastian Kurtenbach u.a. (Hrsg.): Auf die Adresse kommt es an

Cover Aladin El-Mafaalani, Sebastian Kurtenbach, Klaus Peter Strohmeier (Hrsg.): Auf die Adresse kommt es an .... Segregierte Stadtteile als Problem- und Möglichkeitsräume begreifen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 300 Seiten. ISBN 978-3-7799-3293-2. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Ja, in der Tat kommt es auf die Adresse an. „Sage mir wo du wohnst, und ich sage dir, wer du bist.“ Wir stellen immer mehr fest, dass Handlungsfelder der Reproduktionssphäre für die Statusbestimmung immer bedeutsamer werden. Natürlich wissen wir, dass Segregationsprozessen zunächst auch „natürliche“ sozialräumliche Verteilungsprozesse einer Bevölkerung in einem sozialen Raum zugrunde liegen. Was aber zunehmend Bedeutung gewinnt, ist die damit verbundene soziale Ungleichheit, die sich sozialräumlich widerspiegelt – eine klassische These der Chicagoer Schule. Damit verbunden ist in der Regel, dass sich privilegierte Quartiere und benachteiligte Quartiere ausbilden, die immer homogener werden und damit auch unzugänglicher für andere werden. Diese Integrations- und Ausgrenzungslogik hat zur Folge, dass sich ein Zusammenhang zwischen sozialräumlicher Segregation und sozialer Exklusion ausbildet. Welche negativen Segregationseffekte können wir also ausmachen, die dazu führen, dass Menschen über ihre Adresse bevorzugt werden oder eben benachteiligt werden? Wann wird ein benachteiligtes Quartier über die Adresse zu einem benachteiligenden Quartier?

Herausgeber

  • Dr. Aladin El-Mafaalani ist Professor für Politische Soziologie an der Fachhochschule Münster.
  • Sebastian Kurtenbach M. A. ist Doktorand am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität zu Köln und Mitarbeiter am Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung der Ruhr-Universität Bochum.
  • Dr. Klaus Strohmeier ist Seniorprofessor „Soziologie/Stadt und Region, Familie“ an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum.

Autorinnen und Autoren

Die übrigen Autorinnen und Autoren kommen aus den Bereichen der Soziologie, der Stadt- und Regionalforschung, der Migrationsforschung, der Bildungsforschung, der Sozialen Arbeit und der Kulturanthropologie oder sind Verantwortliche in der Ministerialverwaltung oder der Kommunalpolitik.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach einem Vorwort der Herausgeber in vier große Abschnitte mit vier bzw. fünf Beiträgen:

  1. Abschnitt I: Allgemeine Fragen der Segregationsforschung
  2. Abschnitt II: Gefährdungspotentiale und Interventionsinstrumente
  3. Abschnitt III: Segregierte Gebiete als Chancenräume anerkennen
  4. Abschnitt IV: Ethnische Segregation – Potential und Realität

Es folgt dann noch ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Zum Vorwort

Die Herausgeber erörtern zunächst den Segregationsbegriff, stellen den Begriff der residentiellen Segregation vor, stellen auch fest, dass Segregation mit dem Städtischen verbunden ist – quasi seit es Städte gibt, gibt die die räumliche Konzentration von Menschen mit bestimmten Merkmalen, ob Ethnie oder sozialer Status. Segregation hat auch etwas mit sozialer Entmischung zu tun und sie erwähnen kurz, dass nach Lage der Forschung sozialräumliche Segregation auch mit sozialer Exklusion einhergeht. Und Segregation ist ein „normaler“ Prozess der Verteilung einer Bevölkerung in einem sozialen Raum nach bestimmten Kriterien wie sozioökonomische Ressourcen oder sozio-kulturelle Präferenzen.

Die Autoren gehen auch kurz mit einer kritischen Bemerkung auf das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ ein und sie stellen auch fest, dass segregierte Quartiere, in denen Armut und soziale Deprivationen vorherrschen, besonders gefährdet sind.

Im weiteren Verlauf des Vorwortes gehen die Autoren auf die einzelnen Beiträge näher ein.

Zu: Abschnitt I: Allgemeine Fragen der Segregationsforschung

Zu: Segregation und Lebenswelt. Die räumliche Dimension sozialer Ungleichheit (Aladin El Mafaalani, Klaus Peter Strohmeier)

In ihrer Einleitung definieren die Autoren noch einmal den Begriff der Segregation differenzierter; es geht um

  • soziale Segregation als die räumliche Trennung von arm und reich,
  • demographische Segregation als die räumliche Trennung von Alt und Jung, von Familienhaushalten und anderen Haushaltformen und
  • ethnische Segregation als die räumliche Trennung von Migranten und Einheimischen

Sie beschreiben dann segregierte Quartiere in ihrer Benachteiligung in allen Dimensionen ihrer Lebenslage und erläutern dann das Ziel ihres Beitrags, nämlich Einblick in die Bedingungen und Folgen segregierter Armut in der Stadt zu geben.

Sie fragen dann, wie Segregation entsteht und wie die Entstehungsbedingungen auch mit sozialer Ungleichheit zusammenhängen.

Weiter diskutieren sie die Frage, wie Segregation in der Politik wahrgenommen wird, wobei ethnische Segregation eher wahrgenommen wird als andere Segregationsformen.

Am Beispiel der Kaufkraft und der SGB II-Quote in Kreisen und kreisfreien Städten in NRW machen die Autoren deutlich, wie sich soziale Ungleichheit räumlich strukturiert. Weiter zeigen sie einen deutlichen Zusammenhang zwischen ethnischer und sozialer Segregation im Ruhrgebiet. Dies wird erläutert und graphisch unterlegt.

Welche Folgen Segregation hat, wird weiter diskutiert und die Autoren machen das an bestimmen Indikatoren fest.

Zentrale Symptome segregierter Armutsquartiere ist die hohe Fluktuation, der Mangel an Solidarität und Partizipation, die mangelnde Identifikation mit dem Stadtteil und das fehlende Gefühl, ein Teil einer res publica zu sein, die man mit gestalten kann. Das wird beschrieben und es wird dann auf jugendspezifische Umgangsformen eingegangen, die Ausdruck dieser Symptome sind und die sich aus dem Milieu heraus erklären lassen.

Die Autoren beschäftigen sich dann noch mit der Frage, wie segregierte Quartiere als Lebenswelt erklärbar sind, diskutieren dabei die Habitustheorie und empirische Habitusanalysen. Dabei ist ein interessanter Aspekt, wie der Strukturwandel im Ruhrgebiet Arbeiterviertel verändert hat und ähnliche Effekte hervorbringt wie segregierte Armutsquartiere. Dies wird zum Schluss noch ausführlich erörtert.

Zu: Soziale Mischung als Kontext (Jürgen Friedrichs)

Ist soziale Durchmischung noch ein realisierbares und zugleich befriedigendes Modell des Zusammenlebens in der Stadt?

Friedrichs setzt sich mit der angemessenen Mischung von Quartieren auseinander und entwickelt eine Kontextmodell der sozialen Mischung, wobei er zwei Formen der Mischung diskutiert: die sozioökonomische und ethnische Mischung.

Den Kontext definiert der Autor als „eine sozial-räumliche, zeitlich begrenzte Struktur, die für den Handelnden mit Erwartungen, Opportunitäten und Restriktionen verbunden ist und so sein Verhalten beeinflusst“. Dieses Modell wird ausführlich auch an Hand der Literatur diskutiert und auf der Makro- und Mikroebene werden Probleme sozialer Mischung erörtert.

Weiter geht Friedrichs auf empirische Verteilungen und Mischungen ein. Am Beispiel von Köln stellt der Autor fest, dass in deutschen Großstädten die Stadtteile sehr unterschiedlich sind. Das belegt Friedrichs an Hand der Spanne der Anteile der Personen mit Migrationshintergrund, an Hand der Spanne der SGB II-Empfänger, an Hand der Spanne der Alleinerziehenden und an der Beteiligung an der Bundestagswahl 2013. Friedrichs stellt dann die Verteilung nach Einkommensgruppen vor und untersucht die ethnische Mischung.

Welche Folgerungen sind daraus zu ziehen? Friedrichs kommt auf acht Problemkreise, die weiter untersucht werden müssen:

  1. Handelt es sich um die jeweilige Mischung und selektive Zuwanderung von einzelnen Gruppen in das Gebiet?
  2. Gibt es Gemeinsamkeiten der Mischung, nach dem diese sehr unterschiedliche Dimensionen hat.
  3. Welche Sachverhalte sollen untersucht werden, die sich der Mischung zurechnen lassen?
  4. Wer beeinflusst wen und wo bei sehr unterschiedlichen Gruppen?
  5. Ab welchem Anteil der Gruppe kann von Dominanz gesprochen werden?
  6. Steigt mit der ethnischen Mischung auch die Zahl der interethnischen Kontakte oder nicht?
  7. Gibt es eine optimale Mischung?
  8. Gibt es Schwellenwerte, ab denen eine Mischung Kontexteffekte hervorruft (z. B. abweichendes Verhalten)?

Zu: Segregierte Räume von ihren Grenzen her denken (Mario Paul)

Segregierte Räume sind durch Differenzen und Grenzen im Inneren gekennzeichnet. Damit leitet der Autor seinen Beitrag ein und setzt sich zunächst auch mit den Wesenszügen segregierter Räume auseinander.

Am Beispiel zweier städtischer Quartiere, die in besonderer Weise von der urbanen Dynamik abgekoppelt sind, will der Autor die Lebenswirklichkeit von Akteuren beschreiben, die in diesen Quartieren wohnen oder arbeiten. Diese Quartiere haben einen bestimmten Ruf außerhalb und werden als Orte bezeichnet, in denen der Zusammenhang von sozialräumlicher Ausgrenzung und sozialer Exklusion besonders deutlich wird. Es handelt sich einmal um die Dortmunder Nordstadt und um eine Straße am Rande einer Stadt, die aus guten Gründen anonym bleibt.

Zunächst stellt der Autor Transkriptionsausschnitte aus einer Gruppendiskussion mit Jugendlichen vor, um dann Rückschlüsse auf die Strukturen des Quartiers zu ziehen.

Haben segregierte Räume auch ein Kapital? fragt der Autor weiter. Wenn Menschen sich durch Anerkennung und dem Gefühl, relevant für andere zu sein, sozial verorten können - ja! Dies wird ausführlich diskutiert und mit Beispielen unterlegt. Ein anderes Beispiel zeigt, wie schwer die Integration durch Anerkennung gelingt, wenn Gewalt mit im Spiel ist.

Und es gibt kollektive Identifikationsmuster, die notwendig sind, um sich von der Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen und die sich in der Dortmunder Nordstadt zeigen. Der Autor geht dann auf Distanzierungen des Leibes ein, denn Grenzen gelten nicht nur für soziale und geographische Räume, sondern auch für den menschlichen Leib. Dies belegt der Autor wiederum an Hand von Transkriptionsausschnitten aus Gruppendiskussionen mit Jugendlichen. Weiter werden Konflikte ausgemacht, die vor allem an den Grenzen sozialer Ordnung aufkommen. Auch dies wird ausführlich dargestellt. Zum Schluss werden die Überlegungen zusammengefasst und gefragt, wie Grenzen überwunden werden können.

Zu: Abschnitt II Gefährdungspotentiale und Interventionsinstrumente

Zu: Segregierte Kinderarmut und Gesundheit (Thomas Groos, Volker Kersting)

Die Autoren thematisieren zunächst allgemein den Zusammenhang von Armut von Kindern und Gesundheit, man könnte auch sagen: von Familienarmut und Gesundheit, denn Kinderarmut ist Familienarmut. Die familiären Rahmenbedingungen werden auch kurz angesprochen, auch der Zusammenhang von großstädtischer Segregation, Bildungsarmut und Gesundheit.

Die Autoren fragen in ihrem Beitrag einmal, wie groß das Ausmaß sozialer Benachteiligung und sozialer Segregation (was ist mit sozialer Segregation gemeint?) in der Kindheit und großstädtischen Bedingungen ist und zum anderen, wie die individuellen und kontextuellen Einflüsse zwischen Armutslagen und Kindergesundheit zusammenhängen. Weiter diskutieren sie theoretische Zusammenhänge zwischen Armut und Gesundheit, setzen sich mit dem Phänomen der Armut und dessen Begriff auseinander, diskutieren den Ressourcenansatz im Unterschied zum Lebenslagenansatz und fragen nach den Folgen der Armut für die Gesundheit. Sie erörtern dann den Begriff der Kindergesundheit und fragen nach dem Zusammenhang von Armut und Gesundheit bei Kindern – auch im Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit. Sie diskutieren in diesem Kontext auch die räumliche Konzentration der Armut von Kindern und machen das an empirischen Ergebnissen fest.

Weiter stellen sie ein Fallbeispiel vor, das sich mit der Körperkoordination bei Einschulungskindern beschäftigt und auf Kontexteffekte des Wohnquartiers verweist.

Zu: Ist sozialräumliche Segregation ein Einflussfaktor der Jugenddelinquenz? (Dirk Baier, Susann Prätor)

In ihrer Einleitung verweisen Baier und Prätor zunächst auf den strafrechtlichen Aspekt der Kriminalität im Unterschied zur Delinquenz, als allem abweichenden Verhalten, das nicht strafrechtlich von Bedeutung ist. Danach erörtern sie ihren theoretischen Bezugsrahmen, stellen einschlägige Studien vor und beziehen sich auf die Literatur. Daraus erwächst der hier relevante Bezugsrahmen der Desorganisationstheorie, aus der die Autorin und der Autor drei Hypothesen ableiten

  1. Je stärker die Segregation eines Stadtteils ist, desto geringer ist seine kollektive Wirksamkeit.
  2. Je stärker die Segregation eines Stadtteils ist, desto häufiger verhalten sich Jugendliche delinquent.
  3. Der Zusammenhang ist weitestgehend durch kollektive Wirksamkeit vermittelt.

Diese Hypothesen werden ausführlich diskutiert und mit empirischen Ergebnissen unterlegt.

Weiter diskutieren Baier und Prätor die Frage der Erfassung von Segregation, stellen Beziehungen zwischen Segregation und kollektiver Wirksamkeit her, verbinden diese Beziehung mit Jugenddelinquenz und kommen dann zu Einflussfaktoren der Jugenddelinquenz. Dabei werden Faktoren benannt und operationalisiert wie Gewaltnormen, Freizeit und delinquente Freunde.

Diese Ergebnisse werden ausführlich diskutiert.

Zu: Sozialraum als Bezugspunkt für Jugendhilfeplanung und methodisches Handeln in der Jugendhilfe (Joachim Merchel)

Zunächst erörtert der Autor die sozialräumlichen Perspektiven in der Sozialen Arbeit, speziell in der Kinder- und Jugendhilfe. Gerade in segregierten Quartieren wird diese besonders relevant. Er diskutiert dann weiter den Begriff des Sozialraums als Kategorie der Jugendhilfeplanung, kommt nach ausführlicher Erörterungen zur methodischen Ausgestaltung sozialräumlicher Planungsprozesse und diskutiert dann die Sozialraumorientierung als methodisches Handlungsprinzip, wobei in Anlehnung an Bude und Früchtel das Arbeiten mit den Stärken der Adressaten, die fallunspezifische Ressourcenmobilisierung, die Flexibilisierung von Organisationen und die stadtteilbezogene Steuerung und das Sozialraumbudget zusammenfassend von Bedeutung sind.

Zu: Diskriminierende Praktiken Jugendlicher als Quartierseffekt? Perspektiven für Intervention und Forschung (Steffen Amling)

Welche sozialräumlichen Handlungskontexte haben Einfluss auf die die Entstehung von Praktiken, die soziale Ungleichheit reproduzieren und verfestigen? Dieser Frage geht der Autor im Rahmen einer rekonstruktiven Forschung nach. Dabei konzentriert sich der Autor auf jugendliche Peergroups. Die Fragestellung, die Methodologie und die Datengrundlagen werden ausführlich erörtert und mit Literatur unterlegt.

Gibt es Distinktionspraktiken und milieuspezifische Orientierungen der Zugehörigkeit? Dieser Frage wird an Hand einer komparativen Analyse von zehn Gruppendiskussionen nachgegangen. Dabei identifiziert der Autor drei Typen der Distinktion:

  1. Abgrenzung von auffälliger Körperlichkeit von einzelnen.
  2. Abgrenzung von „sinnlosem“ Verhalten und Konstruktion stabiler Identitäten.
  3. Abgrenzung von nicht authentischem oder „oberflächlichem“ Verhalten.

Diese Typen werden ausführlich vorgestellt und mit Zitaten aus den Gruppeninterviews unterlegt.

Zum Schluss erörtert der Autor noch Perspektiven für die Forschung und die Intervention.

Zu: Abschnitt III Segregierte Gebiete als Chancenräume anerkennen

Zu: Schule und Sozialraum. Erziehungswissenschaftliche Perspektiven (Merle Hummrich)

Einleitend formuliert die Autorin zunächst in Anlehnung an den Bildungsphilosophen und Pädagogen Bollnow einen Raumbegriff, der sich vom physikalischen Raum unterscheidet: den gelebten Raum, in dem Menschen interagieren, ihm eine Bedeutung geben, weil sie dort ihre Interessen realisieren können und Bedürfnisse befriedigt bekommen. Sie setzt sich dabei an Hand der Literatur ausführlich mit dem Raumbegriff auseinander, bevor sie auf die Schule als Sozialraum kommt, und zwar die Schule im Sozialraum und die Schule als Sozialraum. Diese Überlegungen diskutiert die Autorin auf der globalen Ebene, auf der Ebene der Gesellschaft, auf der Ebene der Institutionen und des Milieus und auf der Ebene der Interaktionen.

Weiter setzt sich die Autorin sehr ausführlich mit der bereits erwähnten Unterscheidung von Schule als Institution und Schule im Sozialraum auseinander.

Nach der ausführlichen Auseinandersetzung kommt sie zu theoretischen Schlussfolgerungen:

  • Global gesehen ist Schule der Sozialraum, in dem Erziehung und Lernen stattfindet.
  • Gesellschaftlich finden wir normative Annahmen, wie Schule zu sein hat.
  • Regional konkretisiert sich die nationalstaatliche – gesellschaftliche – Rahmung.
  • Institutionell geht auf der Ebene der einzelnen Schule um die konkrete Adresse.
  • Auf der Ebene der Interaktionen geht es um Ausgestaltung pädagogischer Verhältnisse.

Zu: Aberkennung von Erziehungsfähigkeit. Klientelkonstruktionen als Ausdruck lokaler Bildungskulturen? (Laura, Fölker, Thorsten Hertel, Nicolle Pfaff)

Das Autorenteam stellt hier Rekonstruktionen vor, die im Rahmen einer Studie zu Praktiken der bildungsbezogenen Integration an Schulen in sozialstrukturell benachteiligten Gebieten durchgeführt wurde.

Zunächst geben die Autoren einen Überblick über die Forschungslage zu professionellen Klientelbildern in pädagogischen Handlungsfeldern. Die Ergebnisse der Forschung zeigen trotz unterschiedlicher Forschungsansätze und -perspektiven, dass Professionelle auf der Basis ihres (Alltags-)wissens bestimmte Vorstellungen von einer Klientel entwickeln, Stereotype haben, die sich im Spannungsfeld von Familie und Bildungsinstitutionen zeigen. Dies zeigen die Autoren auch auf und sie diskutieren diese Konstruktionen unter den Bedingungen sozialräumlicher Segregation, gehen dann auf die schulische Praxis ein, die diese Muster kulturell vereinnahmt, diskutieren dann den interessanten Ansatz der Erziehung als Aufgabe einer lokalen Öffentlichkeit (community education?) und kommen dann in ihrem Fazit auf die Frage der Aberkennung von Erziehungsfähigkeit als interprofessionelle Klientelkonstruktion.

Zu: Soziale Netzwerke als Ressource für den Bildungsweg. Ein Vergleich der egozentrierten Netzwerke leistungsstarker und leistungsschwacher Hauptschülerinnen und Hauptschüler (Magdalena Bienek)

Auf der Basis einer qualitativen Studie, in der der Einfluss von sozialen Netzwerken bildungsbenachteiligter Hauptschüler mittels eines Verfahrens der egozentrierten Netzwerkanalyse untersucht wurde und die Netzwerke leistungsstarker und -schwacher Schüler verglichen wurden, will die Autorin die Bedeutung sozialer Netzwerke als Ressource für den Bildungsweg herausarbeiten. Sie stellt zunächst soziale Netzwerke als soziales Kapital für den Bildungsweg dar, wo bei zwei Wirkungsweisen erörtert werden. Einmal geht es um praktische Unterstützungsformen, wie materielle und informationelle Ressourcen, zum anderen geht es um emotionale Unterstützung und Rückhalt. Dies wird ausführlich diskutiert. Die Autorin beschreibt dann die egozentrierte Netzwerkanalyse als Zugang zu Sozialkapital und Lebenswelt von Jugendlichen, geht dann auf die Untersuchungsgruppe ein und diskutiert dann strukturelle Merkmale eines Gesamtnetzwerks und Netzwerkpersonen und auch die strukturellen und qualitativ-funktionalen Beziehungsmerkmale.

Zu: „Ghettos und Gossen“ als Chancenräume. Herkunft als subkulturelles Kapital im Gangsta-Rap (Marc Dietrich)

Der Autor beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit der Gangsta-Rap in bestimmten benachteiligten Milieus segregierter Stadtteile für Jugendliche identitätsstiftend und integrationssichernd ist. Der Rap ist eine Teildisziplin des afroamerikanisch dominierten HipHop. Dabei geht es zunächst auch um eine kurze Einschätzung sozialräumlich bedingter Benachteiligung und ihre Folgen, bevor Räume des (Gangsta-)Rap vorgestellt und diskutiert werden. Dann erläutert der Autor seine theoretischen Vorannahmen in Anlehnung an Bourdieus These, dass die Positionierung von Akteuren im Raum von der Verfügbarkeit von Kapitalsorten abhängt.

Dann folgt eine ausführliche Darstellung des Polit- und Gangsta-Rap, der Bezug zum deutschen Gangsta-Rap und dessen Analyse und Texte, die zum Schluss ausführlich interpretiert werden und mit Bildern unterlegt werden.

Zu: Das Raumparadoxon der Bildungspolitik. Warum Bildungsinvestitionen sozialräumlicher Segregation nicht entgegenwirken (Aladin El-Mafaalani, Sebastian Kurtenbach)

Hilft eine gute Schule im segregierten Quartier nicht oder führt sie eher zu einer paradoxen Situation, in der die Spannung zwischen dem angeeigneten Wissen und den Möglichkeiten seiner Nutzung nur noch größer werden? Diese Frage stellte sich der Rezensent nach dem Lesen des Beitrags. Die Autoren stellen in ihrem Beitrag fest, dass Bildungsinvestitionen nichts nützen und machen das am Beispiel der Stadt Dortmund empirisch fest. Sie gehen zunächst auf den Zusammenhang von Segregation und Bildung ein und diskutieren dann die Auswirkungen von Schule und Stadtteil auf die Bildungsbeteiligung. Weiter verfolgen sie die Frage nach den Auswirkungen von Bildungsinvestitionen auf den Sozialraum und stützen ihre These mit empirischen Ergebnissen, dass Bildungsinvestitionen nicht desegregierend wirken, sondern keine Auswirkungen haben auf das Ausmaß der Segregation. Zwar helfen sie dem einzelnen Individuum, das mit der Spannung leben muss, eben das nicht realisieren zu können, was ihm auf Grund der Bildung vorschwebt, aber auf den Stadtteil insgesamt haben Bildungsinvestitionen keine strukturellen Auswirkungen. Dies wird ausführlich erörtert und mit weiteren empirischen Ergebnissen belegt.

So bleibt die interessante Überlegung im Raum, ob Bildungsinvestitionen Teil einer Stadtentwicklungspolitik werden können und wie dies ermöglicht wird.

Zu: Abschnitt IV Ethnische Segregation - Potential und Realität

Zu: „Ethnische Segregation“ (Wolf-Dieter Bukow)

Zunächst setzt sich der Autor mit der Logik der Segregationstheorie auseinander, um deutlich zu machen, dass es um mehr geht als um eine Ausdifferenzierung von Teilsystemen; vielmehr geht es – grob gesagt – um die durch die stadtgesellschaftliche Dynamik erzeugte Abkoppelung von Gruppen und Räumen von eben dieser Dynamik. Dies wird zunächst ausführlich begründet und erörtert, bevor Bukow zur ethnischen Aufladung von Segregationsprozessen kommt. Das meint von anderen gespeiste und verinnerlichte Vorstellungen von ethnisch geprägten Quartieren, die sich in einem längeren historischen Prozess heraus gebildet haben.

Wann wird eine ethnische Segregation problematisch? Dieser Frage geht der Autor nach, wenn er nachzeichnet, wie aus migrationsspezifischen sozialen Formaten ethnische Segregation wird. Der Autor setzt sich dann mit ethnisierten Stadträumen in guter Gesellschaft auseinander. Und zum Schluss diskutiert er die für eine kritische Sozialforschung wichtigen zwei Fragestellungen.

  • Was passiert, wenn in einer Stadtgesellschaft eine bestimmte Bevölkerungsgruppe längerfristig einem noch dazu aus der Zeit gefallenen Ethnisierungsdruck ausgeliefert ist?
  • Wie schafft es eine Gesellschaft, ihre nationale Deutungsroutine angesichts der Tatsache aufrecht zu erhalten, dass immer wieder die Adressaten ausgetauscht werden müssen?

Zu: Vom Segregationsdiskurs zur urbanen Alltagspraxis (Erol Yildiz)

Der Autor geht zunächst auf die stigmatisierenden und ethnisierenden Metaphern ein, die den öffentlichen Migrationsdiskurs beherrschen. Dabei ist Mobilität in Form von Migration sozial- und stadtgeschichtlich immer schon prägend und typisch gewesen. Warum werden also bestimmte Stadtviertel als Ghettos und Problemviertel wahrgenommen, in der eine Ethnie vorherrscht? Der Autor geht dieser Frage differenziert und ausführlich nach und fordert dann eine Notwendigkeit eines Perspektivwechsels.

Eigene Studien zeigen auf, dass in Städten die ethnischen Zuordnungen in der Alltagspraxis immer fragwürdiger werden, zumal man nicht an einem einzigen Ort alles macht. Hier geboren und aufgewachsen zu sein, wo anders zu arbeiten und seinen Lebensabend zu verbringen, ist Normalität und prägt die Lebenswirklichkeit der meisten Menschen in den Städten.

Zu: Ankunftsgebiete – Segregation als Potential nutzen (Sebastian Kurtenbach)

Der Autor hat das Ziel, das Konzept der Ankunftsgebiete zu konkretisieren und unter Verwendung eines Mehrmethodenansatzes am Beispiel von Dortmund empirisch zu untersuchen.

Zunächst stellt der Autor die Ankunftsgebiete als stadtsoziologisches Konzept vor. In Rekurs auf die Chicagoer Schule stellt er fest, dass Zuwanderer ihre eigenen kleinräumigen communities entwickeln, die ihre eigenen Normen, Gesetze und Logiken der Integration und Ausgrenzung kennen. Und Zuwanderer verteilen sich in den Städten nicht gleichmäßig, sondern konzentrieren sich oft in eben solchen communities. Dies wird ausführlich erörtert, bevor der Autor empirisch das Ankunftsgebiet der Dortmunder Nordstadt analysiert. Dabei stellt er zunächst eine Faktorenanalyse vor, die sich auf die Faktoren Fluktuation und Segregation bezieht. Nach einer differenziert dargestellten empirischen Analyse ordnet der Autor die Ergebnisse in die aktuelle Städtebauförderungspraxis ein.

Zu: „Gekommen, um zu bleiben“?! Eine ethnographische Sicht auf die Zuwanderung von Personen aus Rumänien und Bulgarien in den Duisburger Stadtteil Marxloh (Anna Caroline Cöster)

In ihrer Einleitung geht die Autorin auf die politische und mediale Reaktion der Städte und auf die verstärkte Zuwanderung von Rumänen und Bulgaren ein und bewertet sie kritisch. Dann beschreibt sie den Duisburger Stadtteil Marxloh und dessen Wandlungsprozess, dessen spezifischer Charakter, auch seine spezifische Logik von Integration und Ausgrenzung. Dann geht die Autorin auf die Bewertung von EU-Neubürgerinnen und -bürgern ein und beschreibt die tatsächliche Struktur der Bulgaren und der Rumänen und die Reaktion auf sie. Sie schildert auch, wie unterschiedlich beide Gruppen sich selbst sehen, wenn man sie nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit fragt. Weiter diskutiert die Autorin Risiken und Potentiale der EU-Neuzuwanderung für den Stadtteil Marxloh in den Bereichen Arbeit, Bildung und Wohnen.

Zu: Migration und Soziale Netzwerke von Familien im Ruhrgebiet (Banu Citlak, Agnes Schwegmann)

Einleitend gehen die Autorinnen auf die allgemeine Bedeutung sozialer Vernetzung ein und beschreiben dann die Bedeutung, die familialer Netzwerke und die eigene ethnische community für die Integration und die Sicherung der Identität haben. Auch für die soziale Verortung auf lokaler Ebene sind diese Netzwerke von Bedeutung. Sie sichern zunächst auch Anerkennung, Bedeutung zu haben für andere, Zugehörigkeit und Teilung von Werten und Vorstellungen des Zusammenlebens. Dies wird auch an Hand von Studien nachgewiesen.

Die Autorinnen gehen dann auf die Familien aus der Türkei näher ein und beschreiben ihre Lage in den Städten des Ruhrgebietes als meist von Armut und sozioökonomischer Deprivation geprägt, aber auch, dass dort die meisten Kinder und Jugendlichen leben.

Die lokalen Lebensräume von zugewanderten Familien werden an Hand der Ergebnisse zweier regionaler Studien beschrieben. Dabei werden die soziale Lage der Familien beschrieben, ihre sozialräumliche Einbettung in das Wohngebiet erörtert, um dann die ethnische Segregation im Wohngebiet und die sozialen Netzwerke zu diskutieren. Dies wird ausführlich dargestellt und auch an Hand empirischer Daten analysiert und erörtert.

Diskussion

Die Frage, warum es auf die Adresse ankommt, wird äußerst facettenreich und differenziert diskutiert. In der Tat kann man sozialräumlich segregierte Stadtteile auch in ihren Möglichkeiten begreifen. Bei aller eher thematisierten Problembehaftetheit dieser Stadtteile sieht oft auch ihre Bewohnerschaft Möglichkeiten der Identitätssicherung und der sozialen Zugehörigkeit, sie sind im Rahmen ihrer Möglichkeiten auch insofern identitätsstiftend, als dass Menschen dort gegenseitig Anerkennung erfahren, eben weil sie den Werten, Erwartungen und Normen dort genügen, sie auch teilen. Welche Potentiale damit auch sozialpolitisch und stadtentwicklungspolitisch verbunden sind, wird nicht immer hinreichend ausgelotet.

Das Buch macht auf der anderen Seite auf einige andere Facetten aufmerksam. Es dient vielleicht auch dazu, den Zusammenhang von sozialräumlicher Segregation und Armut, Ungleichheit, Deprivationen, ja sozialer Exklusion noch mehr und vor allem differenzierter ins Bewusstsein zu rücken. Deutlich wird auch allenthalben, was soziale Exklusion erzeugt, wer eigentlich ausgrenzt, wenn bestimmte Quartiere einen bestimmten Ruf in der Stadt haben.

Alle Beiträge schließen mit einer ausführlichen Literaturliste ab.

Fazit

Ein Buch, das vor allem allen denen anempfohlen wird, die sich alltagspraktisch, politisch und theoretisch mit den Erscheinungsformen und Folgen sozialräumlicher Segregation auseinandersetzen (müssen).


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 18.09.2015 zu: Aladin El-Mafaalani, Sebastian Kurtenbach, Klaus Peter Strohmeier (Hrsg.): Auf die Adresse kommt es an .... Segregierte Stadtteile als Problem- und Möglichkeitsräume begreifen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3293-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19301.php, Datum des Zugriffs 23.03.2017.


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