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Thomas Müller: Einrichtungen der stationären Altenpflege im Wandel

Cover Thomas Müller: Einrichtungen der stationären Altenpflege im Wandel. Veränderungs- und betriebswirtschaftliche Anpassungsprozesse und ihre Auswirkungen auf die Personalbeschaffung von Leitungskräften. Duncker & Humblot (Berlin) 2015. 266 Seiten. ISBN 978-3-428-14686-4. D: 89,90 EUR, A: 92,50 EUR, CH: 119,00 sFr.

Sozialpolitische Schriften, Bd. 92.
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Thema

Herausforderungen in der stationären Altenhilfe, vor allem der Spagat zwischen Wettbewerb und Fachlichkeit, bilden den Hintergrund dieser empirisch ausgerichteten Dissertation, die 2014 an der Universität Duisburg-Essen vorgelegt wurde. Anforderungen an Leitungskräfte und Fragen der Personalgewinnung markieren den inhaltlichen Schwerpunkt. Herausgearbeitet wird ein Spannungsverhältnis zwischen dem aus Expertensicht formulierten (betriebswirtschaftlichen) Anforderungsprofil und der fehlenden Anpassung entsprechender Rekrutierungsbemühungen im Hinblick auf das Leitungspersonal. Das zentrale Ergebnis wird von Ute Klammer und Horst Bossong im Geleitwort formuliert: „Die Personalrekrutierung von Leitungskräften, so Müllers Kernaussage, bleibt insofern weit hinter dem zurück, was sinnvoll und notwendig wäre. Weder werden die ‚richtigen‘ (bzw. überhaupt klare) Anforderungen an Leitungskräfte gestellt, noch optimale Wege und Methoden zu ihrer Rekrutierung genutzt. Müller konstatiert ‚Dopplungen sowie unklare Abgrenzungen der Verantwortungsbereiche der jeweiligen Leitungspositionen‘ und schlussfolgert nachvollziehbar, ‚dass die Festlegung von Anforderungen bzw. Verantwortungsbereichen in Einrichtungen der stationären Altenpflege präzisiert und weiterentwickelt werden muss‘“ (S. 6). Als Weg dafür wird empfohlen, sich stärker auf die betriebswirtschaftlichen Kompetenzen zu konzentrieren, die Netzwerkarbeit zu intensivieren (auch mit Universitäten) und gezielt eine attraktive Unternehmenskultur zu fördern. Ob diese Perspektiven tatsächlich tragfähig sind kann an dieser Stelle nicht diskutiert werden, einige Hinweise zum Schluss dieser Rezension mögen die Reflexion befruchten.

Aufbau und zentrale Inhaltsbereiche

Inhaltlich ist das Buch in fünf große Kapitel unterteilt, die wie folgt inhaltlich spezifiziert werden:

(1) In der Einleitung werden Ausgangssituation und Problemstellung, Forschungsstand (und das Forschungsanliegen) sowie Aufbau der Arbeit dargelegt. Der Forschungsstand, der sich ausschließlich auf den deutschen Bereich bezieht, wird als defizitär beschrieben, die Forschungsperspektive auf drei Ziele fokussiert, wobei die Sichtweise von Leitungskräften in der stationären Altenpflege im Vordergrund steht. Erstens sollen die aktuellen Veränderungen im Gegenstandsbereich nachgezeichnet werden, vor allem ökonomische, fachliche und konzeptionelle Anforderungen nach der Einführung der Pflegeversicherung. Zweitens geht es um die Beantwortung der Frage, wie betriebswirtschaftliche Anpassungsprozesse konkret in den Einrichtungen realisiert werden. Drittens interessiert die Analyse dieser Veränderungsprozesse im Hinblick auf Personalbeschaffung, vor allem bei Pflegedienst- und Heimleitungen. Viertens werden die eingesetzten externen Rekrutierungsinstrumente im Hinblick auf ihre Tauglichkeit kritisch eingeschätzt. Den methodischen Rahmen bilden – neben der Beachtung der Fachliteratur – qualitativ orientierte Experteninterviews mit Leitungskräften sowie quantitative Erhebungen, die vom Autor als Vertreter der Personalberatung conQuaesso® der contec GmbH als Projektleiter mit durchgeführt wurden.

(2) Die theoretische Erschließung relevanter Grundlagen umfasst einerseits die Beschreibung des sozialpolitischen Kontexts, insbesondere auch im Hinblick auf die Ökonomisierung des Pflege – und Gesundheitssektors. Andererseits leiten sich aus dieser Entwicklung Anforderungen an Personalbeschaffung des Leitungspersonals ab. Deutlich wird, dass hier noch erhebliche Erkenntnislücken bestehen, insbesondere wenn das Qualifikations- und Aufgabenspektrum nicht nur formal, sondern inhaltlich spezifiziert werden soll.

(3) Die Methodik (auch die Methodologie) wird differenziert beschrieben. Dabei imponieren u.a. die transparente Darstellung des Forschungsprozesses, die „Verteidigung“ von Mayrings qualitativer Inhaltsanalyse und die Einblicke in die Stichprobe, mit der 16 Interviews geführt wurden. Dabei ist die eigentliche Zielgruppe im Blick (Ebene des Betriebswissens), aber auch die Perspektive von Stakeholdern (Ebene des Kontextwissens).

(4) Darstellung und Diskussion der Befunde machen mit knapp 100 Seiten den größten Anteil der Arbeit aus (Seitenumfang insgesamt: 266). Dargestellt werden

  1. sozialpolitische Veränderungsprozesse (Fokus: Veränderungen nach Einführung der der Pflegeversicherung Mitte der 1990er Jahre),
  2. betriebswirtschaftliche Anpassungsprozesse (Desiderat: Fehlender Rekurs auf die Thematik der Organisationsentwicklung),
  3. Personalbeschaffung von Leitungskräften (Ergebnis: Fehlende ‚Stimmigkeit‘ zwischen betriebswirtschaftlichen Anpassungen und Anforderungen im Bereich der Personalentwicklung).

Resümee und Ausblick diskutieren das methodische Vorgehen durchaus kritisch, bringen zentrale Befunde (und Konsequenzen) der Studie auf den Punkt, enthalten fünf sehr interessante und weiterführende Hypothesen.

  1. Einrichtungen der stationären Altenhilfe richten ihr Handeln primär reaktiv an externen Bedingungs- und Einflussfaktoren aus.
  2. Betriebswirtschaftliche Professionalisierungsprozesse führen zu einem tiefgreifenden und durchgängigen innerorganisatorischen Veränderungsprozess.
  3. Einrichtungen zeigen die Tendenz zur ‚organisierten Unverantwortlichkeit‘.
  4. Leitungskräfte befinden sich in einer Diskrepanz zwischen extern induzierten betriebswirtschaftlichen Erfordernissen und einem unzureichenden innerorganisatorischen Professionalitätslevel.
  5. Es besteht ein Grunddilemma zwischen geforderter unternehmerischer Gestaltungskultur und der Orientierung an weitgehend staatlich vorgegebener Steuerungssystematik.

Zielgruppen

Verantwortliche in der Leitung von Pflegeheimen, vor allem Pflegedienst- und Heimleitungen bzw. solche, die es werden wollen; Träger, die an strategisch-konzeptionellen Überlegungen interessiert sind; Wohlfahrtsverbände, welche die Herausforderungen im betriebswirtschaftlichen Rahmen, aber nicht nur da, differenziert aus der Perspektive der Betroffenen, kennenlernen möchten.

Diskussion

Bei aller Zustimmung zu wesentlichen Aussagen des Buchs – es gibt aus meiner Sicht auch einige Kritikpunkte. Die beziehen sich weniger auf die methodisch-fachliche Qualität der Arbeit, eher auf ihre inhaltliche Stoßrichtung. Zur Verdeutlichung komme ich noch einmal auf die drei „Lösungsvorschlägen“ zurück, die bereits oben erwähnt wurden: Optimierung der betriebswirtschaftlichen Prozesse, Intensivierung der Netzwerkarbeit, attraktive Unternehmenskultur.

  1. Der erste Punkt führt in die Verbetriebswirtschaftlichung der Heime – und der Kerngedanke dahinter ist falsch. Pflegeheime werden sich in Profitunternehmen verwandeln (das ist bereits vielfach Realität), der eigentliche Sachzweck (fachliche angemessene Bewohnerversorgung) wird sekundär, die Steuerungslogik ist wettbewerblich konditioniert (mit allen Konsequenzen für Marketing und Inszenierungsprozesse). Nach meiner Einschätzung muss diese Entwicklung nicht optimiert, sondern kritisiert werden.
  2. Die Netzwerkarbeit – der zweite Punkt – ist wichtig. Aber dieses regierungstechnologische Rettungsprogramm ist sehr voraussetzungsvoll, scheitert häufig im Alltag auch an wettbewerblich-hierarchischen Koordinationsmodi. Solange nicht Hintergründe, Ursachen und Bedingungen für Entfremdungsprozesse problematisiert werden nützt Koordination wenig – wozu und für wen eigentlich? Und warum sich vernetzen, wenn der andere letztlich als Konkurrent gesehen wird? Auch dieser Apell muss kritisch reflektiert werden – sonst wird er verpuffen.
  3. Und die dritte Perspektive – die Unternehmenskultur – in der Tat ebenfalls eine große Agenda. Da tun sich Einrichtungen sehr schwer, gerade weil sie eher „außengesteuert“ sind und einer eigenverantwortlichen und autonomen Entwicklung vor Ort enge Grenzen gesetzt sind. Das ist nicht nur ein ökonomisches Thema, es gehört auf die politische Tagesordnung. Aber diese Perspektive wird vom Autor nicht verfolgt, er bleibt letztlich ganz seinem Paradigma verhaftet.

Insgesamt liegt ein ganz wesentliches Problem darin, dass eine inhaltliche Vision von guter Pflege (auch vom Autor selbst) ausgeblendet wird. Daran mangelt es in vielen Einrichtungen, die Treiber und Getriebene im beschleunigten Wettbewerb sind bzw. geworden sind. Die meisten Leitungen haben keine fachlich begründete Konzeption, können häufig zum Grundanliegen einer regional verankerten und am Gemeinwohl (und nicht nur am Profit) orientierten Altenhilfe eigentlich kaum mehr als Sprechblasen von sich geben. Was ist das Ziel der Einrichtung? Was bedeutet Lebensqualität der Bewohner? Warum macht eine quartiersbezogene Altenhilfe tatsächlich Sinn (und was wäre die Alternative?).

Fazit

Der wichtigste Satz steht zum Schluss: „Denn letztlich gilt es, die professionelle Versorgung pflegebedürftiger Menschen in quantitativer und qualitativer Hinsicht aktuell und zukünftig sicherzustellen“ (S. 231). Ja, und genau darüber kann man (auch mit dem Autor) trefflich streiten.

Das Buch ist sehr gut geschrieben, Herr Müller kennt sich im Feld ausgezeichnet aus, legt aus seiner Perspektive den Finger in die Wunde. Auch methodisch überzeugt die Arbeit, obwohl man natürlich an Mayrings Ansatz begründet Kritik üben kann (aber das kann man bei jedem methodischen Ansatz tun).

Insgesamt ist das Buch für jeden an Veränderungen in der stationären Altenhilfe Interessierten (und die sind nun einmal sehr stark ökonomisch bestimmt) zu empfehlen. Dem zentralen Ergebnis kann man zustimmen: Stationäre Pflegeeinrichtungen sind angesichts der (betriebs)-wirtschaftlichen Herausforderungen unzureichend vorbereitet, weitgehend konzeptionslos in ihrer Rekrutierungsstrategie, insgesamt wenig proaktiv ausgerichtet.

Abschließend – eine gute Studie, lesenswert, anregend, provokativ. Mindestens beim Rezensenten hat sie ihre Wirkung nicht verfehlt, Anerkennung!


Rezensent
Prof. Dr. Hermann Brandenburg
Lehrstuhl für Gerontologische Pflege , Fakultät für Pflegewissenschaft, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Homepage www.pthv.de
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Zitiervorschlag
Hermann Brandenburg. Rezension vom 06.01.2016 zu: Thomas Müller: Einrichtungen der stationären Altenpflege im Wandel. Veränderungs- und betriebswirtschaftliche Anpassungsprozesse und ihre Auswirkungen auf die Personalbeschaffung von Leitungskräften. Duncker & Humblot (Berlin) 2015. ISBN 978-3-428-14686-4. Sozialpolitische Schriften, Bd. 92. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19396.php, Datum des Zugriffs 26.07.2016.


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