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Hendrik Höver: Entscheidungs­fähigkeit in diakonischen Unternehmen

Cover Hendrik Höver: Entscheidungsfähigkeit in diakonischen Unternehmen. Eine St. Galler Management-Studie. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2015. 330 Seiten. ISBN 978-3-643-13022-8.
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Thema

Sozialwirtschaftliche Unternehmen werden in zunehmendem Maße vor strategische Entscheidungen gestellt. Nicht selten befinden sie sich inmitten radikal veränderter Rahmenbedingungen und müssen Weichenstellungen mit möglicherweise existenzrelevantem Charakter vornehmen. Wie kann Entscheidungsfähigkeit in Trägern gestärkt werden, welche noch dazu einer speziellen Wertebindung unterliegen und multiple Ziele aufweisen?

Entstehungshintergrund

Hendrik Höver hat eine Studie zur Frage der Entscheidungsfähigkeit in diakonischen Unternehmen erstellt. Hintergrund seiner Untersuchung ist die Anforderung, unterschiedliche Logiken und multiple Rationalitäten in wertegebundenen Trägerschaften auszubalancieren und die kollektive Entscheidungspraxis der Organisation weiterzuentwickeln. Die Publikation ist zugleich seine Dissertation an der Universität St. Gallen.

Autor

Pastor Hendrik Höver hat Theologie und Betriebswirtschaftslehre studiert. Für seine Dissertation wurde er mit dem Johann Hinrich Wichern-Preis für Diakonie ausgezeichnet.

Aufbau und Inhalte

Die Publikation enthält sieben Abschnitte.

  1. In der Einleitung führt der Autor in die Fragestellung seiner Arbeit ein und stellt seine Kernthesen vor. Von besonderer Bedeutung erscheint uns die fünfte These, wonach Entscheidungsfähigkeit sich am besten pflegen, stärken und weiterentwickeln lässt über die gezielte Strukturierung von Kommunikation mithilfe eines abgestimmten Zusammenspiels von Kommunikationsplattformen in einer der Komplexität der Organisation angemessenen Management-Architektur. Der Autor betont desweiteren, dass die Weiterentwicklung von Entscheidungsfähigkeit auch von einer „achtsamen Entwicklung der Führungskultur“ abhängt, welche Bearbeitungsmuster modifizieren kann.
  2. Der zweite Abschnitt ist einer Orientierung in der Literatur gewidmet. Wichtige Annahmen in der verhaltenswissenschaftlichen Entscheidungstheorie werden dargelegt und kritisch analysiert. Hendrik Höver hebt die Systemtheorie von Niklas Luhmann als „attraktive theoretische Alternative zur Untersuchung von Entscheidungsfähigkeit in pluralistischen Kontexten“ hervor.
  3. Folgerichtig werden dann theoretische Grundentscheidungen getroffen, d.h. es wird die systemtheoretische Perspektive auf Entscheidungsfähigkeit in pluralistischen Organisationen gewählt. Im dritten Abschnitt wird zunächst das Konzept der Entscheidung als Grundbaustein eines systemtheoretischen Organisationsverständnisses umrissen. Mit dem Konzept der Struktur wird weiterhin aufgezeigt, wie sich Entscheidungen über die Zeit stabilisieren. Darüber hinaus werden die Prozessperspektive der Systemtheorie auf Entscheidungen dargestellt, die Konzepte zu einem Verständnis von Entscheidungsfähigkeit auf der Ebene von Gesamtführung verdichtet und Entscheidungsfähigkeit auf den Kontext pluralistischer Organisationen bezogen.
  4. Epistemologie und Methodologie der Arbeit werden im vierten Abschnitt dargelegt. Vor dem Hintergrund eines konstruktivistischen Verständnisses wird der Zugang der Studie als qualitative, feldnahe, longitudinale Einzelfallforschung expliziert. Die Operationalisierung der Forschungsfrage erfolgt folgendermaßen: Welche Prozesse unentscheidbarer Entscheidungen (im Sinne von Schlüsselentscheidungen) lassen sich beobachten? Welche Entscheidungspraxis zur Bearbeitung unentscheidbarer Fragen lässt sich beobachten? Wie wirken sich die Entscheidungspraktiken auf die Entscheidungsfähigkeit der Organisation aus? Hendrik Höver beschreibt in diesem Abschnitt darüber hinaus den Forschungsprozess, erläutert die gewählte Strategie der Datenerhebung bzw. -auswertung und diskutiert die Gütekriterien seiner Studie.
  5. Im fünften Abschnitt erfolgt eine Einführung in die Fallstudie. Forschungsgegenstand ist die Evangelische Stiftung Alsterdorf, ein diakonisches Unternehmen mit rd. 5.300 Mitarbeitenden, über 200 Millionen Euro Jahresumsatz und einer langen Historie. Die Evangelische Stiftung wird mit ihren Eckdaten umrissen, es wird ein Überblick über die historische Entwicklung gegeben und die unmittelbare Vorgeschichte von 1993 bis 2004 anschaulich dargelegt. Die Vorgeschichte ist u.a. geprägt von einer wirtschaftlichen Schieflage Anfang der 90er Jahre, wechselnden Schlüsselpersonen, einer ersten finanziellen Sanierung, einer ersten strategischen Neuausrichtung und strukturellen Reformen. In klarer und nachvollziehbarer Weise werden leitende „Themenströme“ dieser Entwicklung herausgearbeitet. Darauf aufbauend verdeutlicht der Autor die „traditionellen Entscheidungspraktiken im Sinne kollektiver Bearbeitungsmuster“ in diesem Zeitraum sowie die Zunahme unentscheidbarer Fragestellungen eines sozialwirtschaftlichen Großunternehmens.
  6. Die Entwicklung kollektiver Entscheidungsfähigkeit in drei Phasen ist Gegenstand des sechsten Abschnitts. Im Zentrum stehen die Fragen nach „Was wurde entschieden?“, „Warum wurde so entschieden?“, „Wie wurde entschieden?“ und „Welche Wirkungen hatte dies auf die Entscheidungsfähigkeit?“. Hendrik Höver rekonstruiert akribisch u.a. die in der ersten Phase eintretenden nicht-intendierten Nebenwirkungen des an sich rationalen Umbaus des Unternehmens zur Holding, als jedoch Budgets der Einzelgesellschaften bilateral vereinbart wurden und kollektive Entscheidungs- und Steuerungsorgane eine Abwertung erfuhren. Eine über Jahre verdeckte wirtschaftliche Schieflage tritt in der zweiten Phase offen zu Tage, es erfolgten strukturelle Veränderungen an der Spitze und eine Sanierung der Holding. Der bisherige Habitus des patriarchalischen Entscheidens wurde für die Krise verantwortlich gemacht und sollte modifiziert werden. Die personell neu besetzte Spitze des Sozialunternehmens intendierte eine finanzielle Transparenz sowie neue Praktiken der Einbindung verschiedener Funktionen und Managementebenen in Entscheidungen. Die dritte Phase stand im Zeichen der Rückgewinnung finanzieller und strategischer Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit bei weiterer Sanierung von verlustbringenden Tochtergesellschaften. Entscheidungen sollten stärker abgestimmt und damit sowohl konsensfähig als auch fundiert werden. Ausführlich wird auch die Entwicklung kollektiver Entscheidungsfähigkeit beschrieben. Dabei wurden unter anderem Schlüsselentscheidungen zwischen Aufsichtsebene und ersten Managementebene auf einer neuen Kommunikationsplattform tragfähig gemacht, hierarchieübergreifend Entscheidungen herbeigeführt und gemeinsam verantwortungsfähig gemacht sowie eine funktionsfähige Kommunikationsplattform zwischen der ersten und der zweiten Managementebene etabliert.
  7. Der siebente und letzte Abschnitt umreißt praktische und theoretische Implikationen der Studie. Im Hinblick auf die Managementpraxis wird u.a. angeregt, „Knappheit als Entscheidungszwang“ anzuerkennen, die Grenzen des patriarchalischen Entscheidens wahrzunehmen, eine angemessene Management-Architektur zu entwickeln, symmetrische Beziehungen zwischen Entscheidungsgemeinschaften anzustreben sowie gemeinschaftliches Entscheiden hierarchieübergreifend einzuüben. Die theoretischen Implikationen beziehen sich auf die Frage von Entscheidungsfähigkeit im Kontext unentscheidbarer Fragen sowie der kollektiven Systemleistung. Thematisiert werden darüber hinaus die Felder der Rekonstruktion kontextspezifischer und historisch gewachsener Bearbeitungsmuster.

Diskussion

Die Wahl der konstruktivistisch-systemtheoretischen Perspektive auf den Themenkomplex Organisation und Entscheidung hat sich für die Betrachtung von Entscheidungsfähigkeit in sozialwirtschaftlichen Unternehmen als tragfähig erwiesen. Dis gilt umso mehr, als es sich bei dem untersuchten diakonischen Träger um eine sehr große multiperspektivische Einheit handelt, die mit einer Vielzahl an externen Anforderungen und Zielen umzugehen hat. Ein wichtiger Fokus wurde bei der Analyse auf den Problemkomplex der effektiven Gestaltung von Managementarchitekturen und Entscheidungsplattformen im Sozialunternehmen gelegt, wobei auch der Prozess der Entscheidung gebührend berücksichtigt worden ist. Die Arbeit zeigt unter anderem anschaulich, wie es gelingen kann, unter Berücksichtigung der Prozessstruktur von Entscheidungen die Entscheidungsfähigkeit zurückzugewinnen. Dies ist umso wesentlicher, als dieser Wandel in einer Phase der Ressourcenverknappung, der steigenden Ansprüche der Stakeholder sowie einer dramatischen finanziellen Schieflage einzelner Tochterunternehmen gelungen ist.

Die Arbeit ist inhaltlich außergewöhnlich spannend, theoretisch sehr gut fundiert und methodisch hervorragend realisiert. Trotz des durchgehend anspruchsvollen Gehalts legt Hendrik Höver eine nicht übermäßig schwer rezipierbare Arbeit vor. Seine Analysen sind treffend und für die Praxis in hohem Maße anschlussfähig. Die Lektüre dieser Arbeit bringt Leserinnen und Leser einer Antwort auf die beiden Fragen „What do Managers really do?“ und „What should Managers really do?“ durchaus ein Stück näher.

Fazit

Eine sehr interessante und sehr fundierte Studie zu Beteiligungskultur in pluralistischen Sozialunternehmen.


Rezensent
Prof. Dr. Harald Christa
Professor für Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit in Dresden mit Schwerpunkt Sozio-Marketing, Strategisches Management, Qualitätsmanagement/ fachliches Controlling.
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Zitiervorschlag
Harald Christa. Rezension vom 13.10.2015 zu: Hendrik Höver: Entscheidungsfähigkeit in diakonischen Unternehmen. Eine St. Galler Management-Studie. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2015. ISBN 978-3-643-13022-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19416.php, Datum des Zugriffs 30.09.2016.


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