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Thorsten Uhle, Michael Treier: Betriebliches Gesundheits­management

Cover Thorsten Uhle, Michael Treier: Betriebliches Gesundheitsmanagement.. Gesundheitsförderung in der Arbeitswelt - Mitarbeiter einbinden, Prozesse gestalten, Erfolge messen ; mit 32 Tabellen. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2015. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. 423 Seiten. ISBN 978-3-662-46723-7. D: 44,99 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 56,00 sFr.
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Autoren

Thorsten Uhle wurde 1971 in Hagen in Westfalen geboren. Nach dem Studium der Psychologie an der Universität Wuppertal ist er seit dem Jahr 2008 bei der CURRENTA Leiter der Gesunden Arbeitswelt.

Er hat Fachpublikationen zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement, zur Psychologie der Arbeitssicherheit, zur Personalführung und zu methodischen Fragestellungen veröffentlicht.

Prof. Dr. Michael Treier lehrt an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW in den Bereichen Personal, Organisation und Psychologie. Schwerpunktmäßig beschäftigt er sich mit dem Demografie- und Gesundheitsmanagement und ist Berater von Unternehmen der Privatwirtschaft sowie Organisationen im öffentlichen Sektor.

Entstehungshintergrund und Thema

Die Publikation „Betriebliches Gesundheitsmanagement. Gesundheitsförderung in der Arbeitswelt – Mitarbeiter einbinden, Prozesse gestalten, Erfolge messen“, von Thorsten Uhle und Michael Treier erschien erstmals im Jahr 2011 und wurde bis dato im Zweijahreszyklus überarbeitet. Ziel ist es, das betriebliche Gesundheitsmanagement aus psychologischer Sicht zu beschreiben.

Aufbau

Es werden für ein Sachbuch – zumindest derzeit noch – ungewöhnliche Wege beschritten. So gibt es eine Avatarin „Sunny“, die anhand von symbolisierten Marginalien auf wichtige Inhalte hinweist. Es gibt viele Kästen und blau unterlegte Texte, um besonders wichtige Inhalte hervorzuheben, zudem werden viele Schlüsselwörter blau und fett hervorgehoben.

Ungewöhnlich ist sicherlich auch, dass die Autoren – mit Passfoto als Marginalie – ihre eigene Meinung wiedergeben. Insgesamt ist das Buch sehr aufwendig gestaltet, aber auch etwas „unruhig“. Ungewöhnlich sind auch die Interviews mit Fachleuten, die Aussagen belegen sollen. Zudem gibt es eine WEB-Seite beim Verlag, auf der zusätzliche Informationen gegeben werden.

Ein ausführlicher Anhang mit sieben Verzeichnissen schließt die Publikation ab; unter anderem finden sich ein Literaturverzeichnis, Checklisten, kommentierte Internetquellen und ein ausführliches Glossar.

Inhalte

Nach dem Vorkapitel „Unser Einstieg“, das quasi eine Anleitung zur Nutzung des Buches ist, beginnen die Autoren in Kapitel 1 mit „Die Ausgangslage: Empirische Herleitung“ (S. 15-33). Anhand verschiedener Kriterien wird untersucht, wie es um die Gesundheit der Deutschen bestellt ist, wobei vor allem auf die DEGS (Studie zur Gesundheit Erwachsener) des Robert Koch-Instituts Bezug genommen wird.

In Kapitel 2 „BGM-Gerüst: Eckpfeiler der BGM“ erfolgt die Einführung in das betriebliche Gesundheitsmanagement (S. 35-104). Neben den Vorstellungen der Autoren zu Handlungsansätzen, Trends und Visionen wird auch das Spannungsfeld zwischen Gesetz und betrieblicher Realität beschrieben. Den Abschluss bildet ein Interview mit Prof. Piekarski.

Um Ordnung im Begriffschaos zu schaffen, gibt es das Kapitel 3 „Maxime: Risiken bestimmen + Ressourcen fördern“ (S. 105-145). Nach der Definition der zentralen Begriffe werden die alltäglichen Risikofaktoren in der Arbeit sowie die zur Verfügung stehen persönlichen und organisatorischen Ressourcen geschildert.

Kapitel 4 nennt sich „Präventionsauftrag: Auf die Richtung kommt es an!“ (S. 147-214). Ganz bewusst gibt es hier weniger theoretische Bezüge, sondern es sollen konkrete Umsetzungsmöglichkeiten für Präventionsmaßnahmen geschildert werden. Werkzeuge für Psyche, Körper, Wissen, Motivation und Verhalten werden einzeln geschildert und die Toolbox des BGM vorgestellt.

Schon in den einführenden Worten zu Kapitel 5 „Gesundheitscontrolling: Steuerung und Qualitätssicherung“ (S. 215-357) wird deutlich, um was es hier geht: „Die Evaluation ist dass BGM-Rückgrat“. Leider erliegen auch die beiden Autoren dem Hang, alles dokumentieren zu wollen. Während in der gewerblichen Wirtschaft schon längst die Grenzen des Controllings erkannt sind, – vielleicht hat Controlling dort nie die Bedeutung gehabt, die ihm beigemessen wird – erlebt es in der Gesundheits- und Sozialwirtschaft seit Jahren einen Boom. So auch hier: Kennzahlen, Wirtschaftlichkeitsmessung, Scoring, Risikoanalysen, Monitoring. Hier lebt noch der Mythos von Peter Drucker „If You can´t measure it, You can´t manage it!“, obwohl er selbst diese Maxime wohl nie formuliert hat: „Measurement Myopia – Kurzsichtigkeit des Messens!“, so das Drucker Institute.

Den „Herausforderungen: Aktuelle Problemstellungen“ widmet sich Kapitel 6 (S. 359-409). Hier werden quasi die Nebenthemen abgearbeitet: altersgerechtes Arbeiten, Stressmanagement und Gesundheitsbildung im Wandel.

In Kapitel 7 geht es dann noch weiter in die Zukunft und es wird ein Ausblick auf die zukünftigen Herausforderungen gewagt. Aber es ist auch geschafft, wie die Kapitelüberschrift aussagt: „Am Ziel: Der gesunde Mensch in einer gesunden Arbeitswelt“ (S. 411-427). Das Buch schließt mit einem Dialog der beiden Autoren, wobei zum Schluss dann noch einige fiktive Sätze mit „Sunny“, der Avatarin, gewechselt werden, die „eine geschätzte Kollegin, zuverlässige Gesprächspartnerin und gute Freundin (geworden ist)!“

Diskussion

Es hat den Anschein, dass die Grenzen zwischen Sach- und Fachbüchern immer mehr verschwimmen. Dies muss nicht unbedingt ein Nachteil sein, wie einige bekannte Publikationen zeigen. Komplexe Inhalte werden so oft anschaulich, verständlich und unterhaltsam präsentiert und erreichen damit auch Zielgruppen, die sonst wahrscheinlich kaum für die Thematik zu interessieren wären. Allerdings ist es immer ein schmaler Grat zur unsäglichen Ratgeberliteratur, die für jedes noch so kleine Problem – oft widersprüchliche – Patentrezepte anbietet. Das rezensierte Buch ist zweifelsohne wissenschaftlich fundiert und insofern weit entfernt von jeder Beraterliteratur. Andererseits fließen viele Werturteile der beiden Autoren ein wie zum Beispiel „Alkohol am Arbeitsplatz – viele Führungskräfte sind mit diesem diffizilen Thema überfordert.“ (S. 159) Hier wird wahrscheinlich aus der eigenen Erfahrung heraus argumentiert, was die notwendige Distanz vermissen lässt. Auch die Interviews mit Fachleuten sind eher ein journalistischer als ein wissenschaftlicher Stil, ebenso wie die „persönlichen Tipps“.

Fazit

Aufgrund der vielen Beispiele, Interviews und Fallschilderungen ist es ein ansprechendes Sachbuch, das sich einfach und durchaus fruchtbar lesen lässt. Komplexe wissenschaftliche Theorien werden anschaulich dargestellt und anhand vieler Beispiele verdeutlicht. Allerdings fehlt die wissenschaftliche Distanz, jede theoretische Zu- und Einordnung. Titel und Aufmachung leiten einen auf eine möglicherweise falsche Spur. Oder um es mit den beiden Autoren zu sagen: „Die Kluft zwischen wissenschaftlich orientierten Ansätzen und praktizierbaren Strategien zur Problemlösung ist oftmals groß.“ (S. 182) Sie haben sich wohl an einfachen, praktikablen und ökonomisch sinnvollen Anleitungen orientiert, die der anwendungsorientierte Gesundheitspraktiker verlangt – warum auch nicht?


Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Falk
Professor für Human Resource Management an der Fachhochschule Koblenz
RheinAhrCampus Remagen
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 26.11.2015 zu: Thorsten Uhle, Michael Treier: Betriebliches Gesundheitsmanagement.. Gesundheitsförderung in der Arbeitswelt - Mitarbeiter einbinden, Prozesse gestalten, Erfolge messen ; mit 32 Tabellen. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2015. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-662-46723-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19445.php, Datum des Zugriffs 24.07.2016.


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