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Judith Kessler, Roland Kaufhold (Hrsg.): Edith Jacobson: „Gefängnis­aufzeichnungen"

Cover Judith Kessler, Roland Kaufhold (Hrsg.): Edith Jacobson: „Gefängnisaufzeichnungen". Psychosozial-Verlag (Gießen) 2015. 247 Seiten. ISBN 978-3-8379-2513-5. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema

Edith Jacobson war eine der wichtigsten Psychoanalytikerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie studierte Medizin, arbeitete als Kinderärztin, machte eine Ausbildung in Psychoanalyse. Nach der Flucht vor den Nazis lebte und arbeitete sie ab 1938 in den USA, wo sie 1978 starb.

Das Buch veröffentlicht erstmals ihre Gefängnisaufzeichnungen und die seltsame Geschichte ihres Fundes und ordnet diese biografisch ein.

Aufbau

Das Buch besteht aus drei Teilen:

  1. Einem Bericht von Judith Kessler, wie diese Unterlagen unerkannt bei ihr lagerten und sie endlich den Zugang fand. Sodann folgen „Biografische Notizen Edith Jacobson“ von Roland Kaufhold, einem Experten in Sachen psychoanalytischer Emigrationsforschung.
  2. Im zweiten Teil sind die Abschriften der Gefängnisaufzeichnungen von Edith Jacobson abgedruckt, überwiegend sind es Gedicht(-entwürf-)e und ein Aufsatz „Zur Technik der Analyse Paranoider“.
  3. Im dritten, letzten Teil sind diese Abschriften als Faksimile nochmals zu sehen.

Ein ausführliches Literaturverzeichnis rundet die Veröffentlichung ab.

Inhalt

Im Vorwort bedankt sich Hermann Simon, Direktor der Stiftung „Neue Synagoge Berlin-Centrum Judaicum“, für diesen Mosaikstein, der im Original zur Verfügung gestellt wird, um Zeugnis über eine starke Persönlichkeit ab zu geben. „So entfaltet sich Geschichte und ermöglicht Perspektiven und Erkenntnisse.“

Zu 1.

Seit 1988 befanden sich auf dem Dachboden der Herausgeberin, die sich als Redakteurin mit jüdischer Gegenwartskultur sowie Biografieforschung beschäftigt, Kartons aus dem Nachlass ihrer Mutter, die sie 1995 zum ersten Mal durchschaut. Erst 2005 erkennt sie bei einem Besuch der „Topografie des Terrors“-Ausstellung: mit eben diesem Namen „Edith Jacobson“, war ein schwarzes Heft in den Unterlagen beschriftet. Doch erst weitere 10 Jahre später im Gespräch mit Roland Kaufhold erkennt sie die mögliche Bedeutung dieses Heftes. Ihre Recherche zu Edith Jacobson beginnt.

Bis zu ihrer Verhaftung 1936 wohnte Edith Jacobson in der Emser Str. 39 in Berlin-Wilmersdorf. Hier wohnt auch der Vater der Autorin. Ob das nur Zufall ist, oder mit dem Weg der Unterlagen zu tun hat, bleibt letztlich offen, es ist jedenfalls der Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit der Person Edith Jacobsons, die seit den 70ger Jahren auch in Deutschland wieder wahrgenommen – und veröffentlicht wurde.

Judith Kessler liest das „Schwarze Heft“ und entschließt sich es zu veröffentlichen. Da E.Jacobson eine der wenigen Psychoanalytikerinnen ist, die sich politisch im Widerstand betätigt haben, gibt die Auseinandersetzung mit ihrer Person auch wichtige Hinweise zum Verhalten der Psychoanalytischen Gesellschaft damals bis hin zu heute.

Zu II.

In den „ Biografischen Notizen Edith Jacobson“ von Roland Kaufhold erfahren wir auf knapp 40 Seiten einiges über das Leben dieser interessanten, und wie ich finde unangepassten Frau. Von Kollegen wird sie z.B. als sehr liebe, sehr warmherzige, aber militante Psychoanalytikerin bezeichnet. Schon früh hat sie sich gegen Freuds Weiblichkeitstheorie geäußert.

Aus einem Arzthaushalt kommend studiert sie ebenfalls Medizin, mit Schwerpunkt Pädiatrie. Inspiriert von der Lektüre Sigmund Freuds und Wilhelm Reichs macht sie eine analytische Ausbildung in Berlin und nimmt an den Kinderanalytischen Seminaren bei Anna Freud teil. Von 1929 bis zu ihrer Verhaftung betreibt sie eine eigene Praxis.

Besonders interessant fand ich die Beleuchtung der Haltung der seinerzeitigen Psychoanalytischen Vereinigung zu angeblicher Neutralität. Der vermeintlichen Ideologiefreiheit von Wissenschaft folgend verbot das Berliner Psychoanalytische Institut 1936 seinen Mitgliedern sich politisch zu betätigen, um „die Psychoanalyse in Deutschland zu retten“ !!

Diesem Verbot folgte E. Jacobson, die seit 1932 in der linken Widerstandsgruppe „Neu Beginnen“ aktiv war, nicht. Sie arbeitete mit Patienten aus dem Widerstand. Auch politisch engagiert sie sich, publiziert in KPD-nahen Schriften, arbeitet für die Fürsorge und eine Sexualberatungsstelle.

Sie liest Hitlers „Mein Kampf“ und „war entsetzt“. Trotzdem wandert sie nicht aus; R.Kaufhold interpretiert das als Solidarität mit ihren Patienten. (S. 54) Da sie die Daten einer verhafteten Patientin nicht weitergibt, wird sie ebenfalls verhaftet und wg. Hochverrats verurteilt.

Daraufhin verbringt sie insgesamt 28 Monate im Gefängnis. Die faksimilierten Gedichte geben ihren Zustand zu dieser Zeit eindrücklich wieder und werden auch von R. Kaufhold sehr behutsam in die „marginale Rezeptionsgeschichte“ eingeordnet.

„Eine Arbeit über das weibliche Über-Ich entstand im Gefängnis, wurde herausgeschmuggelt und 1936 – anonym – auf dem Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Marienbad verlesen. In diesem Text kritisierte sie Sigmund Freuds Weiblichkeitstheorie. Ihrer Ansicht nach muss eine Frau, um ein stabiles Ich und selbständiges Über-Ich zu entwickeln, statt das Über-Ich des Mannes zu übernehmen, ihr weibliches Genital als wertvoll akzeptieren lernen und einen Weg zurück zu mütterlichen Ich- und Über-Ich-Identifizierungen finden.“ (Zitat aus https://de.wikipedia.org/wiki/Edith_Jacobson)

Während einer Krankheit gelingt ihr die Flucht aus dem Krankenhaus und über die Tschechoslowakei ins amerikanische Exil, wo sie recht schnell wieder beruflich Fuß fasst.

Von 1954 bis 1956 ist sie Vorsitzende der New York Psychoanalytic Society. Heute gilt sie als führende Theoretikerin und Klinikerin der nachfreudianischen amerikanischen Psychoanalyse und als „eine der wichtigsten Vertreterinnen der Theorie der Objektbeziehungen und der Ich-Psychologie“. (wikipedia)

Einige ihrer Arbeiten befassen sich explizit mit Traumatisierungen aufgrund von Gefängnisaufenthalten, ihre eigene Betroffenheit verschweigt sie allerdings ihr Leben lang. Auch politisch wird sie nicht mehr aktiv, sieht man davon ab, dass sie relativ bescheidene Honorare verlangt, was zumindest für eine bestimmte Haltung spricht.

Fazit. Oder: Warum lesen wir das heute?

Die biografischen Notizen erhellen die Situation fortschrittlicher PsychologInnen in den 30ger Jahren, zeigen auch wieder einmal, dass man durchaus erkennen konnte, wohin sich das Land politisch bewegte, welche Spielräume genutzt werden konnten und wie weit der vorauseilende Gehorsam ging.

E. Jacobsons Aufzeichnungen aus dem Gefängnis sind sehr persönlich, sowohl die Erschütterung der Anfangszeit als auch die Solidarität im Verlaufe spiegelnd. Beeindruckend auch ihre Weiterarbeit an wissenschaftlichen Themen (s.o.) im Gefängnis und der Umgang damit. Die Gedichte stehen für Reflexion und Kraftquelle gleichermaßen.

Die ganze Bandbreite der Geschichte des dritten Reiches wird an diesem persönlichen Schicksal wie mit einem Brennglas fokussiert: Wahrnehmen, Verleugnen, Handeln, Verdrängen, Aushalten, Fliehen und das von psychologisch professioneller Seite aus.

Auch wenn ich als Pädagogin E.Jacobsons Fachlichkeit nicht beurteilen möchte, so habe ich das Buch mit Neugier gelesen und fand es spannend. Eine kleine Kritik wäre, warum die Aufzeichnungen vollständig faksimiliert wurden, dies macht immerhin 90 Seiten aus, da hätten mir ein paar Beispiele genügt, da ja die Abschriften komplett sind.

Gleichwohl: Heute ist das Thema Flucht und Vertreibung so aktuell wie seinerzeit, konfrontieren wir uns damit!


Rezensentin
Dipl. Päd. Sabine Kamp
Mediatorin BM. Systemische Mediation für Unternehmen und Organisationen
Mitarbeit bei Mensch & Organisation im Wandel www.mow-mediation.de
Homepage www.mut-projektberatung.de
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Zitiervorschlag
Sabine Kamp. Rezension vom 14.08.2015 zu: Judith Kessler, Roland Kaufhold (Hrsg.): Edith Jacobson: „Gefängnisaufzeichnungen". Psychosozial-Verlag (Gießen) 2015. ISBN 978-3-8379-2513-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19473.php, Datum des Zugriffs 25.06.2016.


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