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Frank Dieckbreder, Jonas Meine (Hrsg.): Vielfalt im Quartier

Cover Frank Dieckbreder, Jonas Meine (Hrsg.): Vielfalt im Quartier. Perspektiven inklusiver Stadtentwicklung. Bethel Verlag (Bielefeld) 2015. 167 Seiten. ISBN 978-3-935972-46-8. D: 10,90 EUR, A: 11,30 EUR, CH: 16,50 sFr.
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Thema

Kulturelle Vielfalt, soziale Differenziertheit und Ungleichheit werden erst auf der Quartiersebene virulent und erst auf dieser Ebene werden kulturelle Heterogenität und sozialstrukturelle Differenzierung zu einer Frage von Integration und Ausgrenzung, auch von Zusammenleben und alltäglicher Kommunikation. Schon unter normalen Bedingungen stellt sich die Frage, wieviel Vielfalt ein Quartier erträgt und wo die Grenzen der Belastbarkeit liegen, die durch kulturelle Vielfalt und Verschiedenheit entsteht.

Wie stellt sich die Frage dann erst, wenn es um Inklusion geht, also um die Möglichkeit der sozialen Verortung von Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen, in der sie Anerkennung erfahren, Zugehörigkeit fühlen, spüren, dass sie für andere von Bedeutung sind?

Was muss Stadtentwicklung lernen, wenn sie eine inklusive Stadtentwicklung werden will und welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen befördern und behindern diesen Lernprozess? Ist Inklusion einfach?

Herausgeber

Dr. Frank Dieckbreder ist Professor für Soziale Arbeit an der Fachhochschule der Diakonie Bethel.

Jonas Meine war Student an der Fachhochschule der Diakonie Bethel.

Autorinnen und Autoren

Die übrigen Autorinnen und Autoren kommen aus den Bereichen der Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit, aus der praktischen Sozialen Arbeit, aus Bereichen der Sozialplanung und -beratung, aus Bereichen der Integrationsarbeit oder sie sind Bewohner eines Quartiers, das Gegenstand eines Projekts war, an der alle mitgewirkt haben, auch studentische Arbeitsgruppen.

Entstehungshintergrund

Die Beiträge in diesem Buch basieren auf der Teilnahme an einem Projekt in Paderborn. Das Pontanus-Carré sollte überplant werden und ein Baubestand sollte durch einen neuen ersetzt werden. Dabei sollten die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Quartiers mit einbezogen werden und vor allem die, die durch ihre Beeinträchtigungen bislang am öffentlichen Leben im Quartier nicht angemessen beteiligt werden konnten.

Daraus erklärt sich der Aufbau des Buches.

Aufbau

Nach einem Grußwort des Bürgermeisters von Paderborn und nach einem Vorwort der Herausgeber werden in relativ kurzen Beiträgen eine Vielzahl von Themen in drei größeren Teilen behandelt:

  1. Perspektiven aus der Wissenschaft
  2. Perspektiven professioneller AkteurInnen im Quartier
  3. Perspektiven der Menschen im Quartier

Alle Beiträge sind nach dem Fokus, der Ausleuchtung und dem Ausblick untergliedert und allen Beiträgen ist jeweils eine Zusammenfassung des Beitrags vorangestellt.

Zum Vorwort der Herausgeber

Die Herausgeber erläutern hier das dem Buch zugrunde liegenden Konzept. Inklusion, Sozialraumentwicklung, Vernetzung und andere ähnlich gelagerte Begriffe waren mit der Aufgabe verbunden, zusammen mit den Betroffenen das Quartier zu verändern Zu den Hauptakteuren zählen die Bodelschwinghsche Stiftung und der Spar- und Bauverein Paderborn. Die Veränderung einer alten Bausubstanz erforderte ein spezifisches Projektmanagement, an dem von Anbeginn alle mit einbezogen waren, die als Akteure im Quartier zu tun hatten – einschließlich der Bewohnerschaft. Eine inklusive Stadtentwicklung ist eine besondere Herausforderung, die sich auch in der Konzeption des Buches widerspiegelt und die aus der Sicht der Herausgeber eine inkludierende Konzeption erforderlich macht. Der erste Teil ist von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gestaltet, die sowohl in der Hochschule als auch in der Praxis arbeiten. Im zweiten Teil finden sich jene wieder, die auf der operativen Ebene das Projekt durchgeführt haben und im dritten Teil berichten jene, die im Quartier wohnen.

Zu Teil I Perspektiven aus der Wissenschaft

Im Beitrag von Frank Dieckbreder geht es um Begriffsklärungen und Handlungsoptionen zu zentralen Begriffen wie Quartier, Sozialraum, Inklusion, Stadtentwicklung und Netzwerkarbeit. Diese Begriffe werden im Fokus erörtert und definiert, wobei der Schwerpunkt dann in der Ausleuchtung und im Ausblick auf der Netzwerkarbeit liegt.

Es werden vom Autor dann Netzwerke vorgestellt und Netzwerkarbeit erläutert. In seinem Ausblick macht der Autor einen Vorschlag in Anlehnung an ein Theaterstück. Der Prolog bildet die Ausgangssituation, im ersten Akt wird vom Allgemeinen her gedacht, im zweiten Akt wird von der Vernetzung her gedacht; im dritten Akt geht es um die Vernetzung der Akteure und im vierten Akt stellt sich die Frage, wie Vernetzung vom System her zu denken ist. Im fünften Akt wird von dem her gedacht, was wir wissen. Der Epilog schließlich ist eine Checkliste und Netzwerkkarte. Dies wird ausführlich dargestellt.

Christiane Grabe setzt sich in ihrem Beitrag mit der Wiederentdeckung von Nachbarschaft und Quartier auseinander. Im Fokus steht zunächst eine ausführliche Auseinandersetzung mit der modernen Gesellschaft, die hochgradig individualisiert, differenziert und globalisiert ist. Dabei geht es um die Frage, wie Teilhabe in einer solchen Gesellschaft überhaupt möglich ist und wie soziale Integration gelingen kann. In ihrer Ausleuchtung fragt die Autorin, wie Inklusion in einer durchökonomisierten Gesellschaft denkbar wird und welcher Ökonomie es bedarf, damit es gelingen kann. Dabei spielen Ansätze der Sozialökonomie eine Rolle, in der auch andere Akteure eine Rolle spielen, wie zum Beispiel die Kirchen und ähnliche Institutionen. Die Autorin beschäftigt sich dabei auch mit der Frage, was es bedarf, damit Menschen sich sozial verorten können, Anerkennung erfahren und Zugehörigkeit spüren, was weit über das Ökonomische hinausgeht. Ihr Ausblick ist dann auch mit der Frage verbunden, wie unter diesen veränderten Bedingungen nachbarschaftliche Vernetzung und Quartiersnetzwerke eine völlig andere Perspektive sozialer Integration bieten können.

Der Beitrag von Jutta Stratmann beschäftigt sich mit Leitzielen, Bedingungen und Verfahren der Quartiersentwicklung. Im Fokus wird eine allgemeine Einschätzung der Rolle des Quartiers als Lebensort und Planungsgröße abgegeben, bevor dann in der Ausleuchtung die Quartiersentwicklung in Paderborn definiert und an Hand von Beispielen dargestellt wird. Dabei reflektiert die Autorin ihre Erfahrungen in der Stadt Paderborn, geht auf Zielgruppen in den verschiedenen Projekten ein und entwickelt dann Leitlinien der Quartiersentwicklung. Dabei geht es um Teilhabe, Barrierefreiheit, Mobilität Begegnungs- und Kommunikationsmöglichkeiten, um ortsnahe Unterstützungs- und Beratungsstrukturen, um ein soziales Klima der Wertschätzung und gemeinschaftlicher Verantwortung, um kulturelle Sensibilität dem anderen gegenüber, der anders, aber mit mir gleich ist. Daraus ergeben sich spezifische Vorgehensweisen. In ihrem Ausblick geht es der Autorin um eine allgemeine Einschätzung der Entwicklungschancen einer integrierten Planung.

Im Fokus des Beitrags von Alla Koval steht die sozialräumliche Perspektive auf das Spannungsverhältnis von Nähe und Distanz in Interaktionen. Was ist, wenn das Fremde in die Nähe kommt…? Es geht in der Tat um räumliche Nähe, für das wir in der Regel ein Gefühl haben, egal, ob wir in der Großstadt aufwachsen, die durch eine soziale Dichte immer charakterisiert ist oder ob wir im ländlichen Raum groß geworden sind. Wir haben für beide Sozialräume ein Gefühl, wie nahe man jemanden kommen darf und was man auch als distanzlos einschätzt. Dies wird in der Ausleuchtung ausführlich dargestellt und erörtert.

Was bedeuten Teilhabe und multirationale Professionalität im Kontext des Sozialräumlichen fragt sich Thomas Zippert in seinem Beitrag. Dies wird vor dem Hintergrund der Professionalität der in der Diakonie Beschäftigten erörtert.

Im Fokus steht zunächst eine ausführliche Begründung des Teilhabebegriffs auch vor dem Hintergrund der Inklusionsdebatte. Der Teilhabebegriff wird dann in der Ausleuchtung differenziert begründet und in der Vernetzung der sechs Dimensionen Politik, Freizeit, Bildung, Ökonomie, Privatsphäre und Religion/Kultur dargestellt. Weiter werden diese Dimensionen qualitativ zu bestimmten Einrichtungen der Diakonie zugeordnet.

Im Ausblick werden dann schließlich die Kompetenzen erläutert und eingefordert, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in unterschiedlichen Einrichtungen brauchen, um in den sechs Dimensionen handlungsfähig zu sein.

Jonas Meine erläutert am Beispiel des Riemekeviertels wie gelebte Inklusion aussehen kann und wie auf der Basis von Community-Care Wohnen organisiert werden kann. Im Riemekeviertel liegt auch das Pontanus-Carré. Im Fokus diskutiert der Autor zunächst das Inklusionsverständnis einer Gesellschaft, in der die meisten Menschen mit Beeinträchtigungen in stationären Einrichtungen leben. In der Ausleuchtung wird dann das Modell der Community Care erläutert, das sich hauptsächlich auf den Bereich des Wohnens konzentriert, der mit Wohn- und Selbstzufriedenheit, Sicherheit, Schutz, Wärme und Vertrautheit assoziiert wird. Dabei wird auch der Begriff der Community reflektiert, der auf Gemeinschaft verweist. Das Konzept wird auch in seiner historischen Dimension erörtert. Dabei wird dem Begriff Freundschaft eine besondere Bedeutung beigemessen. Mit dem Begriff der Freundschaft wird auch die Überwindung von Hindernissen (Brücken!) verbunden.

In seinem Ausblick fragt der Autor schließlich, wie sich Professionalität verändert, wenn die Perspektive einer inklusiven Gesellschaft auf der Ebene lokaler Lebenszusammenhänge realisiert wird.

Die Mitglieder einer studentischen Projektgruppte (B. Kohring, P. Quack, A. Schwager, L. Tödtmann, C. Witting) setzen sich mit der sozialraumorientierten Arbeit als Grundlage der erfolgreichen Umsetzung inklusiver Bauprojekte auseinander. Dabei beschreiben sie den Beginn des Projektes im Pontanus-Carré. Dabei berichten sie, wie es mit einer Sozialraumanalyse angefangen hat, an der sie beteiligt waren. Sie reflektieren dabei die üblichen Ansätze und Methoden und die damit verbundenen Erkenntnisse. Die Arbeit an einem Methodenhandbuch war der Schlüssel zu den verschiedenen Ansätzen und Methoden, mit denen sich die Gruppe auseinandergesetzt hat. Die wichtigste Erkenntnis auf der praktisch-politischen Ebene ist, dass eine inklusive Stadtplanung und Stadtentwicklung die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen Institutionen und Trägern der Behindertenarbeit entwickeln müssen.

J. Becker, I. E. Billinger, A. Fallnich, A. M. Fuller, A. Janssen, M. Klamm; J. Meine, J. -Chr. Weitzel beschäftigen sich in ihrem Beitrag mit der durchgeführten aktivierenden Befragung. Auf der Basis der Sozialraumanalyse konzipierte die Gruppe eine aktivierende Befragung mit den drei klassischen Fragen: Wo stehe ich? Wo will ich hin? Und: Was ist mein Ziel?

Die Gruppe beschreibt dann, wie durch die Befragungen Probleme und Ängste offensichtlich wurden, und wie die Befragten zu Akteuren werden können, die etwas verändern können. Sie zeigen aber auch auf, wie sich Strukturen verändern müssen, damit das gelingt.

Die Gruppe mit M. Biesewinkel, D. Gehrke, M. Gosse, Chr. Götz und Andrea Schopohl fragt in ihrem Beitrag, wie die Theorie der Inklusion praktisch werden kann.

Dabei erörtert sie zunächst was Inklusion praktisch bedeutet, nämlich, dass sich Menschen ohne Behinderung und Behinderte vorurteilsfrei begegnen und kommunizieren. Die Gruppe setzt sich dann mit dem Verhältnis von Integration und Inklusion auseinander und diskutiert diese beiden Kategorien, ohne auf die sozialstrukturellen Bedingungen einzugehen, die gesellschaftliche Integration ermöglichen oder verhindern.

Die Gruppe bezieht diese Überlegungen dann noch auf das konkrete Projekt Pontanus-Carré.

Zu Teil II: Perspektiven professioneller AkteurInnen im Quartier

Der Vorstand des Spar- und Bauvereins Thorsten Mertens beschäftigt sich in seiner Rede bei der Eröffnung des ersten Bauabschnitts im Pontanus-Carré mit inklusiver Bebauung. Dabei werden allgemeine Überlegungen zur Politik, zur Wirtschaft und zur Gestaltung des Sozialen im Quartier angestellt, die inklusive Bebauung ermöglichen oder die deren Folgen sind.

Der Wohnraummanager Alexander Prior beschäftigt sich mit der Quartiersentwicklung im praktischen Alltag aus der Sicht der Wohnungsbewirtschaftung. Im Fokus verweist der Autor zunächst auf Schlagworte wie Selbsthilfe, Selbstbestimmung, Selbstverwaltung und -verantwortung, die das genossenschaftliche Denken bestimmen. Zusammen mit dem Ansatz für Toleranz und Respekt dem Nächsten gegenüber prägen sie auch das Konzept für das Pontanus-Carré. Dann leuchtet Prior sehr ausführlich die einzelnen Phasen des Quartierumbaus aus, der das Ziel hat, dass am Ende 90 Haushalte, eine Seniorenwohngemeinschaft, eine Sozialstation und ein Gemeinschaftsraum geschaffen werden. Am Ende ist der Ausblick, dass eine lebendige Nachbarschaft entwickelt wird und das Quartier ein Ort eines guten Lebens wird.

Detlef Hülsmann nennt in seinem Beitrag Gründe für eine Kooperation zwischen Wohnungsbaugenossenschaft und sozialem Dienstleister. Dazu müssten gemeinsam Barrieren überwunden werden, vor allem, wenn es – im Kontext von Bethel – um die Wohnbedürfnisse von Menschen mit Behinderungen geht. Dazu wird vor dem Hintergrund anderer Projekterfahrungen eine Reihe von Fragen gestellt.

Der Autor nennt dann in der Ausleuchtung einige Grundlagen und Impulse inklusiven Wohnens wie z. B. die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung.

Weiter diskutiert der Autor ausführliche Fragen wie

  • Wie wollen Menschen mit Behinderung denn tatsächlich leben?
  • Wie lässt sich auf dieser Basis sinnvoll planen?
  • Wie kann man inklusive Entwicklungen im Sozialraum fördern?

Der Ausblick beschäftigt sich dann mit der Frage, wie eine inklusive Quartiersentwicklung weiter realisiert werden kann.

Margit Adams beschreibt die Senioren-Wohngemeinschaft im Pontanus-Carré. Als Koordinatorin für ambulant betreute Wohngemeinschaften hat sie Erfahrungen in der Betreuung von Menschen mit Behinderungen. Zunächst beschreibt sie das Leben in der Gemeinschaft und was den Unterschied zum Altenheim ausmacht, wo Wohnen und Inanspruchnahme von Diensten getrennt sind. Die Autorin geht dann auf die Rolle der An- und Zugehörigen ein und erörtert die Frage nach den Interessentinnen einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft. Die Rolle dieser Wohngemeinschaft in einem gelingenden Quartierskonzept und der Anspruch an eine gelingende Quartiersentwicklung werden dann im Ausblick kurz beleuchtet.

Ehrenamtliches Engagement ist das Thema des Beitrags von Michael Kramps und Verena Rüthing.

Was die Autorin und der Autor im Fokus beschreiben, ist eher bürgerschaftliches Engagement, das nicht klar vom Ehrenamt getrennt dargestellt wird, das oft auch mit einem Mandat verbunden wird. Auf das Ehrenamt gehen die beiden dann eher im der Ausleuchtung ein, wo sie nach Potentialen suchen, die genutzt werden können, wie z. B. bei den aktiven Alten, die noch Ressourcen haben, anderen zu helfen. Dies wird ausführlich erörtert. Wichtig ist dabei der Hinweis, dass das Ehrenamt an lokale Lebenszusammenhänge gekoppelt ist, wo konkreter Alltag bewältigt wird. Im Ausblick wird dann noch auf die immense Bedeutung des Ehrenamts/des bürgerschaftlichen Engagements für die Gesellschaft und den Einzelnen in seiner sozialen Verortung ist.

Die Mitarbeiter des kommunalen Integrationszentrums O. Vorndran, B. Lünz und L. Karacöl beschreiben die integrative Projektarbeit des Zentrums im Kreis Paderborn. Der Schwerpunkt der Arbeit ist offensichtlich Migrationsarbeit. Dazu werden zunächst allgemeine Einschätzungen thematisiert.

Dann werden einige Projekte aus dem Bereich „Interkulturelle Öffnung des Sports“ vorgestellt, wobei sich die Arbeit auch auf die Verbesserung der interkulturellen Kompetenz der Sportvereine bezieht. Es geht um Integration durch Sport, der auch zunächst einen niedrigschwelligen Zugang zur Integration ermöglicht. Weiter beschreiben die Autoren Integration als Querschnittsaufgabe, gehen auf einen Stadtplan „Migration“ ein, stellen eine Anlaufstelle für Migranten in einem Stadtteil vor und kommen dann schließlich auch zum Pontanus-Carré.

ZuTeil III: Perspektiven der Menschen im Quartier

In diesem Teil beschreiben Bewohnerinnen und Bewohner ihr Leben im Pontanus-Carré.

Im ersten Beitrag beschreibt Hannelore Erkan die Geschichte des Vereins „Gezeiten – Miteinander leben im Pontanus-Carré e. V“. Im Fokus werden zunächst die Ziele des Vereins erörtert. Es geht um gemeinschaftlich miteinander leben. Jeder hat seine Wohnung und ist gleichzeitig ein vernetzter Teil der Gemeinschaft, die jeden unterstützt. Die konkrete Ausgestaltung ist ein Mehrgenerationenwohnhaus, das in Kooperation mit dem Spar- und Wohnverein Paderborn entstehen soll.

Die Entwicklungsgeschichte zu diesem Projekt von der ersten Idee bis zur Umsetzung des Bauvorhabens wird dann ausführlich ausgeleuchtet Weiter werden aktuelle Entwicklungen der Vereinsstruktur vorgestellt und es wird auf die Ziele des Vereins noch einmal ausführlich eingegangen.

Marina Junker beschreibt in einem Interview ihren Weg in das Pontanus-Carré. Dieser Weg begann in Bethel in einer betreuten Wohngruppe. Aus Paderborn kommend hat sie hier ein Zuhause gefunden – bis sie dann wieder in Paderborn landete.

Dieses Leben in Paderborn wird ausführlich beschrieben, als angenehme empfunden und das Gefühl der Anerkennung und Zugehörigkeit ist offensichtlich vorhanden. Frau Junker empfindet die Gemeinschaft als hilfreich und unterstützend und sie gibt ihr das Gefühl der Geborgenheit.

„Ein Altenheim war kein Thema für mich“ sagt Johanna Schättler und beschreibt in einem Interview das Leben in einer Wohngemeinschaft im Alter. Johanna Schättler kam aus der ehemaligen DDR nach Paderborn, wuchs bei Pflegeeltern auf und fand dann in Paderborn ihren Mann. Als das Projekt Pontanus-Carré anstand, entschied sich Frau Schättler für die Gründung einer Senioren-Wohngemeinschaft im Carré. Frau Schättler beschreibt dann ausführlich die Art der Rundum-Versorgung durch die Caritas und kommt dann zu dem Schluss, dass diese Wohnform für sie gerade richtig ist und dass sie das Gefühl hat, sich wohlzufühlen und dazu zu gehören.

„Inklusion war für uns immer ein Thema“ meint Uta Kohaupt, die einen behinderten Sohn hat. Im sozialen Brennpunkt, wo die Familie zuerst gewohnt hat, hat sie viele negative Erfahrungen gemacht. Dabei reflektiert Frau Kohaupt auch ihre Rolle und die ihres Mannes, die beide auch erst einmal lernen mussten, mit der Situation zurecht zu kommen. Inzwischen kommt die Familie in der neuen Umgebung des Rimekeviertels gut zurecht - auch bei anfänglichen Irritationen. Dazu hat auch die soziale Infrastruktur beigetragen, die in diesem Viertel besteht. Aber die Integration in das Quartier – auch unter dem Vorzeichen von Inklusion - dauert noch länger an und bedarf noch großer Geduld.

Unter dem Titel „Aufwachsen im Riemekeviertel“ gibt Carsten Seitz Einblicke in seine Lebensgeschichte. Zunächst gibt der Autor aber einen Einblick in die Geschichte des Riemekeviertels. Dieses Viertel hat sich mit dem Abriss der alten Bausubstanz und dem Neubau von Wohnungen auch sozialstrukturell verändert. Carsten Seitz beschreibt dann Kindheit und Jugend im Quartier und dann die Veränderungen, die mit dem Bau des Pontanus-Carrés verbunden waren. Bei aller Vielfalt, die jetzt das Quartier prägen – die mit der Inklusion von Behinderten verbundene Herausforderung sieht der Autor auch ein bisschen kritisch. Vor allem sieht er darin einen Prozess, der langsam Fortschritte macht, aber noch nicht zu einem Abschluss gekommen ist.

Diskussion

Vielleicht bedarf es ganz vieler kleiner Projekte, in denen Inklusion gelingen kann, wenn sich etwas verändern soll und vielleicht ist das Quartier wirklich der Ort, in der Inklusion virulent wird, weil dort auch Integration und soziale Verortung konkret gelingen – oder eben auch nicht.

Und verstehen wir Inklusion wirklich, wenn wir meinen, nur die anderen hätten Behinderungen und wir nicht? Denn Behinderung ist ja auch eine soziale Konstruktion. Wenn für eine bestimmte Klientel eine spezifische Politik gemacht werden muss, spezifische Unterstützungssysteme und Hilfen notwendig sind, spezifische Dienstleister erforderlich sind, wird immer auch eine Kategorisierung stattfinden und die Frage ist, ob die Kategorie spezifisch etikettiert wird. Einfach zu sagen: „Der Andere ist anders aber mit mir gleich“ ist für viele auch eine Überforderung, vor allem dort, wo das Buch Inklusion verankert: im Quartier. Denn dort wird – wie gesagt – diese Inklusion konkret erfahrbar, machbar und denkbar.

Denn das Quartier ist auch Gemeinschaft, also gekennzeichnet durch konkrete und auch dichtere Interaktionen im Alltag, diffusen Erwartungen an andere, an Nachbarn oder andere Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers. Und Gemeinschaft erzeugt zwangsläufig anders als Gesellschaft eine gewisse Nähe und Dichte von Beziehung, auch emotionale Beziehung. Somit ist Gemeinschaft eben nicht Gesellschaft, die rational, anonym und distanziert ist. Gemeinschaft zwingt eher zur vollständigen Integration, wo Gesellschaft immer Menschen nur unvollständig integrieren kann. Wie gelingt dann auf gesellschaftlicher Strukturebene Inklusion? Vielleicht ist dann das Quartier wirklich die realistischere Perspektive.

Das im Buch anzusprechen hätte die Einordnung der Quartiersebene in den Kontext gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen leichter gemacht. Und eine inklusive Stadtentwicklung ist dann auch überfordert, wenn die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Planung und die politischen Prämissen von Planung nicht verändert werden. Und inklusive Stadtentwicklung erfordert dann auch integrative Ansätze, die bedeuten, dass unterschiedliche Disziplinen aufeinander zugehen.

So bleibt inklusive Stadtentwicklung ein frommer Wunsch!

Fazit

Das Buch setzt sich auf unterschiedlichen Ebenen der Integration in ein Quartier mit den Problemen der Inklusion auseinander. Da der Ausgangspunkt ein konkretes Projekt der Überplanung war, orientieren sich die Beiträge auf die konkrete Ebene der Stadtentwicklungspolitik und weniger auf Konzeptionen oder gar theoretische Ansätze einer integrativen Stadtentwicklung. Viel wichtiger aber ist, dass die Beiträge deutlich machen, wie sehr sich Stadtentwicklung und Stadtplanung in ihren Verstehenszugängen entwickeln müssen, um das Andere nicht als anders zu empfinden sondern als integrativer Bestandteil einer komplexen und vielfältigen Stadtgesellschaft.

Wer aber Anregungen braucht, wie auf konkreter Ebene Inklusion organisiert und geplant werden kann, findet in dem kleinen Bändchen ganz viele Aspekte, Erfahrungen und Wunschvorstellungen.

Summery

This book deals with different aspect of integration in a quarter and on the structural level of an urban quarter. The focus is that what in the German discussion called “inclusion“ Inclusion refers to the integration of handicapped in all fields of behaviour of a society, especially in an urban residential area. The main question is how must a conception of city development must be developed, so that inclusion of handicapped people in a quarter uncomplicated succeeds.

The articles reflect on the on hand the scientific aspects of city development; on the other hand discuss the articles experiences in the practical city planning and city development of the professionals. Further the concerned people tell their experiences as handicapped people in their direct socio-spatial environment.

What must a city planning and a city development learn in order to understand, that handicap is a social construction what is also shaped by planning and development of quarters?


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 14.12.2015 zu: Frank Dieckbreder, Jonas Meine (Hrsg.): Vielfalt im Quartier. Perspektiven inklusiver Stadtentwicklung. Bethel Verlag (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-935972-46-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19488.php, Datum des Zugriffs 30.07.2016.


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