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Dagmar Domenig, Sandro Cattacin u.a. (Hrsg.): Vielfältig anders sein

Cover Dagmar Domenig, Sandro Cattacin, Irina Radu (Hrsg.): Vielfältig anders sein. Migration und Behinderung. Seismo-Verlag (Zürich) 2015. 169 Seiten. ISBN 978-3-03777-144-0. D: 33,00 EUR, A: 34,00 EUR, CH: 42,00 sFr.
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Thema

Migration und Behinderung stehen exemplarisch für die Analyse des Andersseins. Die Publikation ist ein Beitrag zur praktischen Arbeit mit Menschen mit Behinderung, die dazu noch einen Migrationshintergrund haben.

HerausgeberInnen

Dagmar Domenig ist promovierte Juristin, Sozialanthropoplogin und Pflegefachfrau. Migration und Gesundheit, transkulturelle Kompetenz und der Umgang mit Verschiedenheit im Gesundheits- und Sozialwesen sind ihre Schwerpunktthemen. Die Erstherausgeberin ist seit 2011 Direktorin der Stiftung Arkadis in Olten.

Sandro Cattachin hat an der Universität Genf eine Soziologieprofessur. Als Stadtsoziologe diskutiert er u. a. Fragen des Ein- und Ausschlusses vulnerabler Gruppen.

Irina Radu ist am Soziologischen Institut der Universität Genf wissenschaftliche Mitarbeiterin. Ihr Spezialgebiet sind die audiovisuellen Methoden

Entstehungshintergrund

Die Veröffentlichung basiert auf der Tagung Vielfältig anders sein: Migration und Behinderung, die 2013 von der Stiftung Arkadis durchgeführt wurde.

Aufbau

Teil I: Grundlagen

  1. Bill Hughes: Menschen mit Behinderung und Migrationshintergrund: Von der Gastfreundschaft zur Feindseligkeit
  2. Dan Goodley: Unkonventionelle Vorschläge zur Konzeptualisierung von Migration und Behinderung

Teil II: Forschungsperspektiven

  1. Barbara Jeltsch-Schudel: Vielfältig anders: Verständnisse und Konzeptualisierungen aus sonderpädagogischer Perspektive
  2. Kerstin Rathgeb: Ein Versuch, Intersektionalität und Interdependenz für die Behindertenarbeit auf die Füsse zu stellen
  3. Sandra Cattacin und Dagmar Domenig: Menschen mit pluralen und komplexen Identitäten im Gesundheits- und Sozialbereich

Teil III: Praxis

  1. Judy Gummich: Migrationshintergrund und Behinderung – Herausforderungen an einer diskriminierungsrelevanten Schnittstelle
  2. Irina Radu: Migration und Beeinträchtigung – Zum Filmprojekt Dort ist hier

Teil IV: Schlussbetrachtung

  1. Sandra Cattacin und Dagmar Domenig: Komplexe Identitäten: Chancen für eine offene Gesellschaft

Ausgewählte Inhalte

Bill Hughes stellt zu Beginn seiner Ausführungen fest das Behinderte und Migrierende in den Entwertungsrepertoires – beinahe – untereinander austauschbar sind. „Wenn die Politik der Gastfreundschaft und die Versorgung in einer Krisensituation historisch auf Eis gelegt werden, wenn Fremde Gefahr bedeuten, werden Menschen mit Behinderung und Migrierende als verunreinigend, bedrohlich und als Belastung dargestellt“ (S. 21). Wir haben es hier mit einer doppelten Marginalisierung zu tun.

Der Beitrag widmet sich den kulturellen Unterschiedlichkeiten, als da beispielsweise wären die Kultur der Abgeschlossenheit (in Anlehnung an Kafka) oder die auf Nietzsche basierende Schuldzuweisungskultur, die Sündenböcke produziert – und das sind die verabscheuten und angeschwärzten Anderen, die über die Projektion jedweder Probleme, Missstände und Übel dieser Welt, für dieselben auch noch verantwortlich gemacht werden. Für nicht behinderte Menschen ist „Behinderung das existentiell Fremde par excellence – ein nichtwillkommener Gast, ein Besucher, mit dem wir weder zusammen wohnen noch verkehren möchten, eine Bewährungsprobe für die Gastfreundschaft, die durch die lange Tradition des Ausschlusses und der Intoleranz zu dem geworden ist, was sie ist.“

Dan Goodley fragt danach, wie wir uns in einer aus den Fugen geratenen, globalisierten Welt dafür einsetzen können, Migration und Behinderung als miteinander verwandte Probleme zu betrachten.

Für den Gesundheits- und Sozialbereich stellen Sandro Cattacin und Dagmar Domenig heraus das sich viele Menschen nicht mehr einer klar definierbaren Gruppe zuordnen lassen, sondern plurale und komplexe Identitäten aufweisen. „Eine ältere Frau mit Migrationshintergrund, die an Demenz erkrankt ist, lebt demzufolge mit diversen Merkmalen, die ihre in der Folge auch plurale und komplexe Identität bestimmen“ (S. 104).

Die Autoren legen die Ergebnisse einer in Genf durchgeführten Studie zugrunde, die veranschaulicht, „wie Individuen die unterschiedlichen Dimensionen ihrer identitären Vielfalt in spezifischen Situationen und Kontexten selbst verorten und gleichzeitig die Art und Weise zu illustrieren, wie Gesundheits- und soziale Institutionen dieser Vielfalt in der Praxis begegnen“ (S. 108 f.). Es wird aufgezeigt, „wie sich verschiedene soziale Spaltungen oder Schichten ineinander verzahnen und sich in bestimmten Situationen und Kontexten gegenseitig beeinflussen“ (S. 109). Das Ziel dieser Untersuchung ist es zu eruieren, wie und auf welche Art und Weise identitäre Vielfalt und Komplexität, die institutionellen Praktiken verändern können. Zugrunde liegt die Arbeitshypothese, nach welcher alle Menschen mit pluralen und komplexen Identitäten mit ähnlich gelagerten Schwierigkeiten konfrontiert werden. Diese Schwierigkeiten werden institutionell herbeigeführt.

Diskussion

Aktualität bekommt die Publikation gegenwärtig, wenn wir über das sich bereits im Gange befindende Kalkül des Ressentiments und der Scham informiert werden: „Menschen mit einer Behinderung, Flüchtlinge und Asylsuchende bevölkern die Reihen der Abermillionen, die zu einem Abfallprodukt der globalen Neoliberalisierung geworden sind“ (S. 38).

Genau aus dem oben genannten Grund ist die Lektüre der besprochenen Publikation für haupt- und ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sehr empfehlenswert. Die Lektüre ist dringend erforderlich, damit sich Folgendes nicht wiederholt: „Auf eigene Faust kamen 49 Flüchtlinge aus Heinsberg zurück (nach Witten – CR), wo sie sich unmenschlich behandelt fühlten“ (Vaupel 2015).

Fazit

Die besprochene Publikation ist ein Beitrag zur praktischen Arbeit mit migrationserfahrenen Menschen mit Behinderung. Außerdem wird eine konzeptionelle Diskussion zu Intersektionalität und erweiterten Identitäten angeführt.

Das Buch kann als eine obligatorische Lektüre für Menschen in Betracht gezogen werden, die sich mit der Thematik Behinderung und Migration auseinandersetzen.

Literatur

Vaupel, Michael: Rückkehr und neue Flüchtlinge in Witten. URL: http://www.derwesten.de/staedte/witten/rueckkehrer-und-neue-fluechtlinge-in-witten-id11239058.html [Download: 02.11.2015].


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 11.11.2015 zu: Dagmar Domenig, Sandro Cattacin, Irina Radu (Hrsg.): Vielfältig anders sein. Migration und Behinderung. Seismo-Verlag (Zürich) 2015. ISBN 978-3-03777-144-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19541.php, Datum des Zugriffs 07.12.2016.


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