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Mechthild Dörfler (Hrsg.): Beziehung als Schlüssel zur Sprache

Cover Mechthild Dörfler (Hrsg.): Beziehung als Schlüssel zur Sprache. Erzieherin-Kind-Interaktion bei der Sprachförderung. Klett-Kallmeyer (Seelze/Velber) 2015. 160 Seiten. ISBN 978-3-7800-4827-1. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Kinder erlernen Sprache in ihrem Alltag. Sie nutzen Sprache unter anderem, um den Erwachsenen ihre Wünsche und Ideen mitzuteilen. Durch Gesprächssituationen erleben die Kinder, dass sie vom Gesprächspartner wahrgenommen und beachtet werden. Sie erhalten Antworten auf ihre Fragen. Einige Kinder benötigen aber neben den Sprachmodellen im Elternhaus auch die Erzieherinnen und Erzieher als weitere Modelle. Sprachförderung ist unter anderem deshalb eine zentrale Aufgabe der Kindertageseinrichtungen. Neben speziellen Sprachförderungsangeboten geschieht das Erlernen und Vermitteln von Sprache in Situationen im Alltag der Kinder. Das vorliegende Buch befasst sich mit dem Einfluss der Beziehung der Mitarbeiter in den Kindertageseinrichtungen zu den Kindern hinsichtlich des Spracherwerbs und wie diese Beziehung im beruflichen Alltag der Kindertageseinrichtung sinnvoll gestaltet werden kann.

Ein besonderer Schwerpunkt wird dabei auf die Kinder gelegt, die die deutsche Sprache nicht als Erstsprache, sondern als Zweitsprache oder sogar Drittsprache erlernen.

Autorin

Mechthild Dörfler, Dipl. Päd., Supervisorin (DGSv) ist durch ihren eigenen beruflichen Werdegang mit dem Thema Spracherwerb in Kindertageseinrichtungen vertraut. Sie war selber als Leiterin einer Kindertageseinrichtung in der Praxis tätig. Als wissenschaftliche Referentin des Deutschen Jugendinstitutes und Bildungsreferentin der Pädagogischen Akademie des afw-Elisabethenstiftsbefasste sie sich mit den Themen Konflikte unter Kindern und Weiterbildung und Beratung von Mitarbeitern in Kindertageseinrichtungen. Besondere Arbeitsschwerpunkte der Autorin sind dabei die frühkindliche Bildung, Konfliktkultur, Diversität, Organisationsentwicklung und Öffnungsprozesse in Kindertageseinrichtungen.

Entstehungshintergrund

Das Buch orientiert sich bei den vorgestellten Strategien zur Beziehungsgestaltung und zur alltagsintegrierten Sprachförderung an dem kanadischen Programm Learning Language and Loving it des Hanen Centers Toronto. Impulse und Anregungen wurden von Mitarbeiterinnen des Hanen Center und von Sprachtherapeuten, die Erfahrungen mit diesem Programm haben, eingebracht.

Das Programm „Learning Language and Loving it“ setzt seinen Focus auf die Interaktion zwischen Kind und Bezugsperson. Die Erzieherinnen und Erzieher werden sensibilisiert für die Tatsache, dass die Vertiefung von Erfahrung nur mittels Sprache möglich ist und der Dialog mit dem Kind entscheidend zu seinem Spracherwerb beiträgt. Im Vordergrund steht deshalb, die Kompetenzen der Erzieherinnen und Erzieher für die Interaktionen mit den Kindern zu fördern. Das Buch stellt anhand von Beispielen diese Strategien zur Förderung der Interaktion in Deutschland vor.

Aufbau

Das Buch stellt auf 160 Seiten nach einer kurzen Danksagung und einer Einleitung in drei Kapiteln die Thematik der Sprachförderung als Teil der Sprachbildung dar.

  1. Im ersten Kapitel werden die theoretischen Annahmen und Hintergründe dargestellt, die für die Praxis der Sprachbildung und Sprachförderung notwendig sind.
  2. Im zweiten Teil des ersten Kapitels werden die theoretischen Annahmen und Strategien des Programms Learning Language and Loving it vorgestellt. Das zweite Kapitel setzt sich mit dem praktischen Handeln auseinander: Im ersten Teil dieses Kapitels werden anhand von Beispielen die Anwendung der Strategien zum Aufbau des Kontaktes mit den Kindern dargestellt. Im zweiten Teil rücken die Strategien zur Stärkung der komplexer werdenden Sprache durch den Einsatz von Büchern und Geschichten in den Blickpunkt.
  3. Das dritte Kapitel stellt die Reflexion des eigenen Handelns in den Vordergrund. Zwei Erzieherinnen berichten in dem ersten Teil des Kapitels über ihre persönlichen Erfahrungen mit der Umsetzung des Programms in die Praxis.

Danach befinden sich praktische Hinweise zur Verwendung von Videoaufzeichnungen zur Reflexion und Hinweise, wie Weiterbildungen einzelner Erzieherinnen und Erzieher zum Gewinn für das gesamte Team werden können. Das Buch schließt mit einem Quellenverzeichnis und einem Literaturverzeichnis. Zwischen den beiden Verzeichnissen sind noch einmal in tabellarischer Form die sechs Strategien zur Förderung der Interaktion aufgeführt.

Inhalt

Im ersten Kapitel, welches zum Einstieg in das Thema dient, werden von der Autorin Mechthild Dörfler grundsätzliche Überlegungen zum Verstehen der Prozesse des Spracherwerbs dargestellt. Im ersten Teil des Kapitels werden grundsätzliche Informationen gegeben, wie Kinder die Sprachentwicklung durchlaufen. Dabei geht die Autorin auf die Bereiche Satzbau und Wortbildung und auch auf die ersten Besonderheiten bei einem zweisprachigen Aufwachsen ein. Der zweite Teil des Kapitels liefert Informationen, um den Stand der Sprache eines Kindes richtig einzuschätzen. Ein wichtiger Abschnitt befasst sich dabei auch mit dem Thema der Verzögerung der Sprachentwicklung bei Kindern und was diese Kinder als gezielte sprachliche Unterstützung bedürfen. Im weiteren Verlauf des Kapitels werden Qualitätsmerkmale für eine positive Interaktion im didaktischen Dreieck zwischen Kind, Erzieherin und dem Thema bzw. Gegenstand vorgestellt. Am Ende dieses Kapitels stellt die Gastautorin Jancie Greenberg die Hintergründe und drei Strategien des Hanen-Programms vor. Dabei werden die Strategien OWL (Observe- Wait- Listen), die Strategien SSCAN (Strategie für die Kleingruppenarbeit) und die sprachfördernde Strategie der Erzieherin bzw. des Erziehers SSSS-R (für alltägliche Wörter).

Das zweite Kapitel ist in zwei größere Bereiche A (Kinder kommen zu Wort) und B (Die Welt der Bücher und Geschichten) unterteilt.

  1. Zu Beginn des ersten Teils werden zwei Szenen einer Bilderbuchbetrachtung aufgeführt und analysiert. Aus dieser Analyse werden im weiteren Verlauf Handlungsstrategien vorgestellt. In dem zweiten Abschnitt des ersten Teils des zweiten Kapitels wird die Anwendung der Strategie OWL vorgestellt, um sich aufeinander in der Praxis durch Beobachten, Warten und Hören in der Praxis einzulassen. Im dritten Abschnitt werden die drei Strategien Imitieren, Interpretieren und Kommentieren mit Beispielen beschrieben und ausgeführt, wie der Erziehende sparsam mit Fragen umgeht. Darauf folgen Ausführungen anhand von Beispielen zur Wirkung von Kleingruppen bei der Unterstützung des Spracherwerbs. In diesen können die Kinder intensiver in soziale Interaktionen eingebunden werden. Im fünften Abschnitt dieses Kapitels wird beschrieben, wie Kinder mit unterschiedlichen Lernerfahrungen im sprachlichen Bereich integriert werden können. Dazu helfen dem Erziehenden, die unterschiedlichen Stufen der Beteiligung der Kinder wahrzunehmen. Im vorletzten Abschnitt wird von der Autorin die Bedeutung der wertvollen Minuten der Aufmerksamkeit erläutert. Dazu wird ein Dreierschritt des Erziehenden (Kontakt aufnehmen, Kontakt erweitern, sich zurückziehen) als Förderstrategie vorgestellt. Im letzten Abschnitt des Teils A werden Angebote beschrieben, die sich besonders wirksam zur Förderung der Kommunikation erwiesen haben und vielfältige Möglichkeiten aufgeführt, die eine Begegnung mit Sprachen und Schriften ermöglichen.
  2. Im zweiten Bereich des zweiten Kapitels werden die Bedeutung der Welt der Bücher und Geschichten für den Spracherwerb vorgestellt. Im ersten Abschnitt des Bereiches wird ausgeführt, wie soziale Rituale genutzt werden können, um Sprache bewusst einzusetzen. Anhand eines Beispiels wird dargestellt, wie wichtig es ist, bei einem Projekt mit Kindern mit Deutsch als Zweitsprache, die Kinder mit ihren Sprachkenntnissen richtig einzuschätzen. Im weiteren Verlauf des Kapitels wird anhand eines Projektes die Umsetzung der Strategie SSSS-R vorgestellt. Es folgt ein Abschnitt über die Bedeutung der Bilderbuchbetrachtung in der Arbeit in Kindertageseinrichtungen und wie man sich vom Thema der Kinder leiten lassen kann. Im elften Unterkapitel werden Methoden vorgestellt, wie Bilderbücher als wirksamste Form der Sprachförderung eingesetzt werden können. Dabei wird herausgestellt wie bei einer Betrachtung die Sprache der Kinder modelliert werden kann und die Sprechfreude der Kinder angeregt werden kann. Dazu wird die Strategie SSTaRs vorgestellt, mit der Kinder sich auch schwierige Wörter für ihren Wortschatz erschließen können. Das folgende Unterkapitel beschäftigt sich mit der Sprache als Werkzeug des Denkens und Lernens. Dazu werden unter anderem Fragen vorgestellt, die ein Thema vertiefen und zum Nachdenken anregen können. Es folgt ein Abschnitt der beschreibt, wie bei den Kindern das Verständnis von Geschichten vertieft und erleichtert werden kann. Es wird die komplexe Entwicklungsaufgabe Erzählungen angemessen zu gestalten herausgestellt und beschrieben, wie jedes Kind dabei gefördert werden kann. Das vorletzte Unterkapitel klärt darüber auf, welche Strukturen beim Verstehen, dem Erinnern und dem Nacherzählen von Bilderbüchern und Geschichten helfen können. Dabei wird vorgestellt, wie das Erzählen im Alltag unterstützt und erleichtert werden kann. Der letzte Teil des Bereiches stellt verschiedene Formen des Erzählens vor. Dazu werden Beispiele aus der Praxis wie die Geschichte von den Storytellern und dem Erzählen mit dem japanischen Papiertheaters Kamishibai beschrieben.

Das dritte Kapitel ist in drei Unterkapitel eingeteilt.

  1. Im ersten Unterkapitel wird ein Gespräch der Erzieherinnen Sabine Rusko und Diana Ungerer wiedergegeben. Beide haben an der Weiterbildung „Sprachliche Bildung in Kindertageseinrichtung“ teilgenommen und berichten von ihren Erfahrungen mit der anspruchsvollen Aufgabe, den Interessen der Kinder zu folgen.
  2. Der zweite Abschnitt des Kapitels befasst sich mit der Methode der Videoaufzeichnung als Mittel der Reflexion. Es werden Hinweise zur Auswertung von Videoaufzeichnungen gegeben und beschrieben, wie mit dieser Methode das Wechselspiel in der Kommunikation besser wahrgenommen werden kann.
  3. Im letzten Abschnitt des Kapitels werden Hinweise gegeben, wie mit der Problematik umgegangen werden kann, dass nicht alle Erzieherinnen und Erzieher einer Einrichtung über das Wissen zu den Strategien aus Fortbildungen verfügen. Es werden Hinweise dazu gegeben, wie beide Seiten voneinander lernen können und damit das gesamte Team einer Einrichtung von Fortbildungen profitieren kann. Dazu wird unter anderem das Schleifenmodell zur Selbststeuerung vorgestellt.

Diskussion

Dieses Buch ist gut für die Praxis geeignet. Den Erzieherinnen und Erziehern werden im ersten Kapitel hilfreiche Anregungen und Informationen zum Thema Spracherwerb und Zweitspracherwerb gegeben. Das Buch erhebt dabei nicht den Anspruch, Erzieherinnen und Erzieher zu Sprachwissenschaftlern weiterzubilden, sondern vermittelt Grundkenntnisse. Gelungen ist auch die Vorstellung des Programmes „Learning Language and Loving it“. Die Beschäftigung und die Anwendung der Strategien ziehen sich durch das ganze Buch.

Das zweite Kapitel ist mit vielen anschaulichen Praxisbeispielen versehen. Diese sind sehr hilfreich, um die Umsetzung der Strategien des Programms in die Praxis nachvollziehen zu können.

Das dritte Kapitel hat mich persönlich nicht so angesprochen, setzt sich aber sinnvoll mit den Möglichkeiten der Reflexion durch Videoaufzeichnungen auseinander. Gut gefallen haben mir die Info-Einschübe, Fotos, Grafiken und die Tipps.

Fazit

Das Buch ist für alle Personen geeignet, die in Kindertageseinrichtung tätig sind. Es ist für mich eine Hilfe, um eigene Strategien zur Erweiterung der Sprachkompetenz der Kinder zu reflektieren und durch die Strategien des Hanen-Programms zu erweitern. Es ist besonders für den Einsatz in der beruflichen Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern geeignet.


Rezensent
Diplom Pädagoge Volker Raupach-Keimer
Lehrtätigkeit an einer Fachschule
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Zitiervorschlag
Volker Raupach-Keimer. Rezension vom 22.03.2016 zu: Mechthild Dörfler (Hrsg.): Beziehung als Schlüssel zur Sprache. Erzieherin-Kind-Interaktion bei der Sprachförderung. Klett-Kallmeyer (Seelze/Velber) 2015. ISBN 978-3-7800-4827-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19557.php, Datum des Zugriffs 30.06.2016.


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