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Judith Wilkinson: Das Pflegeprozess-Lehrbuch

Cover Judith Wilkinson: Das Pflegeprozess-Lehrbuch. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2012. 500 Seiten. ISBN 978-3-456-83348-4. 49,95 EUR, CH: 86,00 sFr.
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Thema

Beim vorgestellten Buch handelt es sich um ein umfassendes Werk zum „Wie“, „Was“ und „Warum“ des Pflegeprozesses.

Autorin und Herausgeber

Dr. Judith Wilkinson ist die Autorin des ursprünglich amerikanisches Werkes.

Jürgen Georg, Pflegefachmann, -lehrer, – wissenschaftlicher ist Lektor und Dozent für den Pflegeprozess

und

Jörn Fischer, M. A. Gesundheits- und Krankenpfleger, Berater und Dozent für Management im Gesundheitswesen sind die beiden deutschen Herausgeber.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Werk von Judith M. Wilkinson gilt als internationales Standardwerk für das Thema des Pflegeprozesses. Im Geleitwort werden zuerst als Leserschaft PflegeexpertInnen, -pädagogInnen und -managerInnen genannt, weiter auch Auszubildende und Studierende in der Pflege. Aber auch Familien, Angehörige und Gemeinden sollen angesprochen werden.

Aufbau

Strukturierter Aufbau in zehn Kapitel, das elfte Kapitel besteht aus dem ausführlichen Anhang, weiter werden verschiedene Verzeichnisse aufgeführt, z. B. Literaturverzeichnis, Anschriftenverzeichnis. Jedes Kapitel beginnt mit einer Einladung und formulierten Zielen, die der Leser nach der Durcharbeit eines Kapitels erreichen wird.

Merksätze sind in roter Schrift und mit dem Vermerk „Wichtig“ am Seitenrand gedruckt.

Der vorliegenden deutschen Ausgabe wurde von den deutschen Herausgebern ein Geleitwort hinzugefügt, in der die „Veränderungen“ für den deutschsprachigen Raum benannt wurden.

Kapitel 1 – Einführung in den Pflegeprozess

Unterteilt in 12 Unterkapitel befasst sich dieses Kapitel nach der Einleitung in den nächsten drei Unterkapiteln mit den Fragen „Was ist Pflege?“, „Warum ist der Pflegeprozess wichtig?“, „Was ist der Pflegeprozess?“, – diese Fragen bilden die Kapitelüberschrift. Weiter werden die notwendigen Fähigkeiten der Pflegekraft, aber auch der Gesellschaft und den strukturellen Gegebenheiten erläutert.

In den weiteren Unterkapiteln befasst sich die Autorin mit den Einflussfaktoren des Pflegeprozesses z. B. auf die Gesundheitsförderung, ethischen und kulturellen Gegebenheiten und der Fähigkeit, des kritischen Denkens.

Kapitel 2 – Kritisches Denken im Pflegeprozess

Ausführliche Definition des Begriffs „Kritisches Denken“ und der Frage nach dem WARUM kritisches Denken für eine Pflegeperson eine zentrale Rolle spielen sollte.

In weiteren Unterkapitel werden die „Fertigkeiten des kritischen Denkens“ kapitelartig beschrieben. Thematisiert wird auch die „Einstellung zum kritischen Denken“ anhand von Stichwörtern wie z. B. Unabhängiges Denken, Intellektuelle Bescheidenheit, intellektueller Mut, Vertrauen in die Vernunft usw.

Die stichpunktartig betitelten Unterkapitel wie z. B. „Sprachgebrauch“, „Wahrnehmung“, „Klären“ usw. bestehen aus Texten, Kästen mit Aufgaben an den Leser, Beispielen, Richtlinien und Aufzählungen.

Weiter werden „Arten“ des pflegerischen Wissens aufgezählt, wie z. B. empirisches Wissen, ästhetisches Wissen, ethisches Wissen, persönliches Wissen und praktisches Wissen. Auch hier wird der Text durch Kästen mit Aufgaben und Fragen („Zum Nachdenken“) an den Leser, Beispielen, Richtlinien und Aufzählungen ergänzt.

Weitere Unterkapitel wie „Kritisches Denken und Pflegeethik“, „Schulen des kritischen Denkens“ und „Anwendung: Kritisches Denken – Sprache gebrauchen“ (hier werden Jargon, Klischees und Euphenismen thematisiert) schließen dieses Kapitel ab.

Kapitel 3 – Das Assessment

In elf Unterkapiteln wird „Der erste Schritt des Pflegeprozesses“ bis hin zur „Zusammenfassung“ und „Anwendung des Pflegeprozesses“ dargestellt. Wieder wird ein Unterkapitel dem kritischen Denken gewidmet.

Die Datenerhebung befasst sich mit subjektiven und objektiven Daten. Der Text wird durch Tabellen mit Beispielen ergänzt. Primäre und sekundäre Datenquellen werden unterschieden, initiales und fortlaufendes Assessment wird vorgestellt und gegenübergestellt, sowie Basisassessment und Fokusassessment beschrieben.

Die Methoden der Datenerbung und der Einsatz von Computern wird in diesem Zusammenhang ebenfalls beschrieben.

In weiteren Unterkapiteln wird textlich auf Pflegemodelle, Datendokumentation und spezielle Assessments eingegangen. Dabei werden eventuelle Probleme, wie z. B. Vertraulichkeit und Rechtsstreitigkeiten thematisiert.

Kapitel 4 – Pflegediagnosen und diagnostisches Denken

Die elf Unterkapitel beschäftigen sich mit der Geschichte und Bedeutung der Pflegediagnostik, der Diagnostik des Gesundheitszustandes (zum Beispiel durch Stärken oder Ressourcen des Patienten), diagnostischem Denken und ethischen Erwägungen. Auch dieses Kapitel wird mit einer Fallstudie und einer Zusammenfassung sowie der Anwendung abgeschlossen.

Kapitel 5 – die diagnostische Fachsprache

In 17 Unterkapitel wird über die Notwendigkeit einer einheitlichen Pflegesprache berichtet, bestehende Systeme vorgestellt, z. B. die NANDA. Weiter werden Zusammenhänge zwischen Pflegediagnosen erläutert, aber auch Nachteile werden in einem eigenen Unterkapitel benannt.

Kapitel 6 – Pflegeplanung – Überblick und Ergebnisse

Als dritter und vierter Schritt des Pflegeprozesses benannt, werden sowohl initial und fortlaufende Planung beschrieben, eine spezielle Entlassungsplanung, sowie verschiedene Formen von computergestützten Plänen.

In weiteren Unterkapitel werden die Schritte von der Pflegediagnose zum Pflegeergebnis beschrieben. Dabei werden Pflegeziele (unterteilt in wesentlich und unwesentliche), Einflussfaktoren sowie Ergebnisaussagen genannt. Viele Beispiele befassen sich mit der richtigen Formulierung von Problemen und Zielen. Auch hier wird im Rahmen des kritischen Denkens eine Überprüfung der Pflegeplanung durchgeführt.

Kapitel 7 – Pflegeplanung – Intervention

Beschreibt die Interventionen, d. h. die Maßnahmen bzw. Pflegehandlungen im Rahmen des Pflegeprozesses. Woher wissen die Pflegenden, welche Maßnahme die Richtige für den Patienten ist? Welche Möglichkeiten gibt es überhaupt? Wie können die geplanten Maßnahmen überprüft werden?

Kapitel 8 – Pflegeimplementierung

Hier klärt sich der Zusammenhang zwischen der Planungsphase und der Durchführungsphase. In einem Unterkapitel wird auf die Frage des Delegierens eingegangen und auf notwendiges Material zur Durchführung der Pflege. Im Bereich der Dokumentation werden verschiedene Schemen vorgestellt, z. B.

  • SOAP-Schema (S – Subjektive Daten, O – Objektive Daten, A – Assessement, P – Plan) und das
  • PART-Schema (P – Problem, A – Aktion, R – Reaktion, T – Teachting – Schulung)

Weiter werden auch rechtliche Überlegungen kurz thematisiert.

Kapitel 9 – Pflegeevaluation

Ziele dieses Kapitel sollen unter anderem der Zusammenhang zwischen den einzelnen Schritten des Pflegeprozesses und die Bedeutung der Evaluation sein. So werden Standards und Kriterien beschrieben, beispielhafte Formulierungen genannt, verschiedene Arten der Qualitätssicherungsevalutationen erklärt, sowie das Verfahren der Qualitätssicherungsevaluation schrittweise aufgezählt.

Kapitel 10 – Die Erstellung eines Pflegeplans

Zeigt beispielhafte Pflegepläne (eine Sonderform wird als Critical Pathway bezeichnet) mit Erklärungen. Anhand speziell markierten Kästen wird ein Leitfaden zur Pflegeplanung aufgezeigt.

Diskussion

Die Übertragung von fremdsprachiger Pflegefachliteratur auf den deutschen Sprachraum bietet viele neue Blickwinkel für interessierte Einzelne und kann als Katalysator für den wissenschaftlichen Zweig der Pflege wirken.

Für die Praktikabilität scheint dieses Werk aufgrund seines Umfangs und seiner teilweise fast religiös wirkenden Ansätze derzeit (noch?) ungeeignet.

Theorie und Praxis entfernen sich immer mehr – wie dieses Werk deutlich zeigt. Die Diskrepanz zwischen dem Einsatz von Laienpflegende, Ehrenamtliche und Sonstige und die hohen Anforderungen an Professionalität können nicht in Einklang gebracht werden.

In der Ausbildung zum/ zur Gesundheits- und KrankenpflegerIn wird das Werk sicherlich aufgrund der manigfaltigen Perspektiven des Pflegeprozesses einen festen Platz finden.

Fazit

Auf der Buchrückseite ist zu lesen, dass das vorliegende Werk „der Mercedes-Benz unter den Pflegeprozessbüchern“ sei. Dabei scheint mir die Pflege im Allgemeinen noch immer vergleichbar mit einem praktisch-wendigen und leicht verbeulten Kleinwagen. – Und das ist die Diskrepanz, die sich durch die Gänze dieses Werks zieht.

Dieses Werk hat einen extrem hohen Anspruch an die Pflege und an die in der Pflege berufstätigen. Das Werk steht für höchste Professionalität und Vollständigkeit. Pflege ist ein anspruchvoller und verantwortungsvoller Beruf. Die Aufgaben, Fähigkeiten und Qualifikationen von Pflegenden ist komplex. In jeder Zeile von Wilkinson wird das mehr wie deutlich.

Es ist gut, dies zu lesen. Professionell Pflegende können sich nach dem Lesen auf die Schulter klopfen – aber solange an der Basis der Pflege aufgrund fehlender (geschweige denn hochqualifizierter) Pflegekräfte die Versorgung der Patienten nicht dauerhaft sichergestellt werden kann, wird dieses Buch im Regal stehen bleiben müssen.


Rezensentin
Sonja Fröse
Homepage www.sonjafroese.de
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Zitiervorschlag
Sonja Fröse. Rezension vom 15.06.2012 zu: Judith Wilkinson: Das Pflegeprozess-Lehrbuch. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2012. ISBN 978-3-456-83348-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1957.php, Datum des Zugriffs 09.12.2016.


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