Joachim F. Müller: Organisationsentwicklung und Personalentwicklung [...]
Joachim F. Müller: Organisationsentwicklung und Personalentwicklung im Qualitätsmanagement der Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitswesens am Beispiel Altenhilfe. Rainer Hampp Verlag (Mering) 2004. 556 Seiten. ISBN 978-3-87988-860-3. 39,80 EUR.
Relevanz des Buchs
Der lange Titel legt es nahe: Hierbei handelt es sich um die Veröffentlichung einer Dissertation, geschrieben bei Professor Dr. Peter Faulstich in Hamburg. Damit ist auch klar: Wer leichte und eingängige Rezepte sucht, ist bei dieser Publikation falsch am Platz. Vielmehr geht es darum, wissenschaftlich und pragmatisch das Qualitätsmanagement der gewerblichen Wirtschaft auf die Altenhilfe zu transferieren. Ein sinnvoller und spannender Ansatz, muss sich der sogenannte "3. Sektor" doch zunehmend nicht nur ethisch, sondern auch ökonomisch etablieren. "Tue Gutes" reicht schon lange nicht mehr, um die Existenz einer Einrichtung des Sozial- und Gesundheitswesens zu legitimieren. Insolvenzen, oft schwer durchschaubare Praktiken und das enge Zusammenwirken privater und öffentlicher Interessen in diesem Bereich haben die Öffentlichkeit dafür sensibilisiert, nicht nur auf den guten Zweck zu achten, sondern auch dessen ethische und ökonomische Umsetzung einzufordern.
Der Autor bringt hierfür die richtigen Voraussetzungen mit: nach dem Studium der Erwachsenenbildung und Soziologie an der Universität Hamburg ist er seit 1996 als Berater und Trainer im Sozial- und Gesundheitswesen tätig. Als Fachberater Altenhilfe hat er zahlreiche Qualitätsprojekte durchgeführt und sollte daher die Theorie nicht nur auf den 3. Sektor transferieren, sondern auch anhand eigener Erfahrungen spiegeln können.
Inhalte des Buchs
Das Buch ist in acht Kapitel untergliedert, zusätzlich gibt es den Interview-Leitfaden und die Literaturliste als Anlage. Nach einem ersten einleitenden Kapitel werden in den nächsten drei Kapiteln die theoretischen Ansätze dargestellt. Das 5. Kapitel soll das Bindeglied zur Praxis sein, die sich dann in den Kapitel 6 und 7 findet. Den Kern bildet das 7. Kapitel mit den Fallstudien zur Anwendung von OE, PE und QM in Altenhilfeeinrichtungen. Eine kurze Schlussfolgerung mit Handlungsempfehlungen beendet die Publikation.
Kapitel 1 "Einleitung" schildert die Ausgangssituation, Problemstellung, Zielsetzung und Vorgehensweise. Die Fragestellung soll vor allem anhand von Fallstudien geklärt werden. Die theoretischen Kapitel erstrecken sich über immerhin 270 Seiten, was eine fundierte und aktuelle Abhandlung der drei Themenbereiche erwarten lässt. Im Einzelnen:
Das Kapitel 2 lautet "Organisation, Organisationsmanagement und Organisationsentwicklung". Hier werden zunächst die klassischen Ansätze der Organisationstheorie referiert, von Max Webers berühmten Bürokratieansatz bis zur relativ neuen Strukturationstheorie aus den 1990er Jahren. Es folgt der Versuch, das Management von Organisationen anhand dieser Theorien zu erklären. Abgeschlossen wird dieses Kapitel mit der Organisationsentwicklung, von ihrer Geschichte über Definitionsversuche bis hin zu Techniken und Instrumenten. Hier zeigt sich, dass die Theorien nur kurz referiert und eher praktische Anwendungsmöglichkeiten gesucht werden als dass eine fundierte Auseinandersetzung erfolgt. Für Leser, die bisher nicht oder nur kurz mit der Organisationslehre in Berührung gekommen sind, gibt dieses Kapitel einen lohnenswerten Überblick.
Das nächste Element, mit dem sich die Arbeit beschäftigt, ist das Personal. In Kapitel 3 erfolgt die Auseinandersetzung mit "Personal, Personalmanagement und Personalentwicklung." Auch hier werden wieder kurz einige wichtige Ansätze referiert und insbesondere der Personalentwicklung ein breiterer Raum eingeräumt, die als Bestandteil der Organisationsentwicklung aufgefasst wird. Auf die Darstellung der wenigen Theorien in diesem Bereich wird weitgehend verzichtet.
Deutlich ausführlich als dem Personal widmet sich der Autor in Kapitel 4 "Qualität, Qualitätsmanagement und Qualitätsentwicklung". Nach einem kurzen geschichtlichen Abriss wird die Praxis des Qualitätsmanagements relativ ausführlich dargestellt: Methoden und Ansätze des QM/TQM, Qualitätsnormen und brancheninterne Konzepte des QM im Sozial- und Gesundheitswesen. Im letzten Unterkapitel werden Theorie und Praxis bereits miteinander verwoben, insbesondere die QM-Ansätze in der Altenhilfe werden systematisiert.
Für den praxisorientierten Leser reicht es sicherlich, sich mit dem Kapitel 4 auseinander zu setzen, für Studierende sind auch die vorangegangen Kapitel von Interesse. Allerdings sind sie nicht unbedingt notwendig, um die Praxis zu verstehen. Im Kapitel 5 "Positionierung von Organisations- und Personalentwicklung im Qualitätsmanagement" verknüpft der Autor dann die drei theoretischen Kapitel miteinander. Dieses führt leider wieder etwas von der an sich spannenden Anwendung in der Altenhilfe weg. In den beiden folgenden Praxiskapiteln erfolgt dann wieder die Rückführung:
Das Kapitel 6 "Einrichtungen der Altenhilfe: Rahmenbedingungen und Veränderungsansätze" hätte besser an den Anfang der Publikation gehört, schildert es doch eindringlich die Notwendigkeit und Rahmenbedingungen des QM in der Altenhilfe. Finanzierung, gesetzliche und gesellschaftliche Erwartungen bilden einen Rahmen, der sich ständig ändert. Nach dem SGB XI ergeben sich Forderungen an ein QM-System, dem wohl viele Einrichtungen noch nicht entsprechen. Kritisch ist allerdings der Ansatz des Autors zu sehen, dass die QM-Bestrebungen die Ansätze der Personal- und Organisationsentwicklung abgelöst haben. Salopp formuliert könnte man anführen "Das hätte der QM-Manager wohl gerne", aber sowohl in Theorie als auch Praxis dürfte dieser Schritt noch lange nicht überall vollzogen worden sein. Im Gegenteil: Vielfach hat sich die Schwäche der traditionellen produktionsbezogenen QM-Systeme für Dienstleistungen gezeigt, deren Prozesse sie nur unzureichend abbilden können. Die Überarbeitung der DIN EN ISO 9000er Reihe zur 9000:2000 Reihe zeigt dieses deutlich auf.
Den Schwerpunkt der Publikation bilden die in Kapitel 7 dargestellten neun Fallstudien in der Altenhilfe. Vier Fallstudien behandeln ambulante Pflegedienste und fünf Fallstudien ambulante Alten- und Pflegeheime, wobei jeweils zwischen Klein- und Großstadt unterschieden wird. Anhand einer Inhaltsanalyse wurden die einzelnen Interviews analysiert, wobei die Aussagen sowohl dargestellt als auch die Daten zusammengefasst werden. Am Ende werden dann die QM-System in den einzelnen Einrichtungen verglichen und den Modellen DIN 9000 (3 Modelle), EFQM (4 Modelle) sowie jeweils einem Branchen- und Verbandsmodell zugerechnet. Außerdem werden die besonderen Merkmale herausgearbeitet.
In Kapitel 8 zieht der Autor seine Schlussfolgerungen: Die Organisationsentwicklung findet sich in den betrachteten Einheiten explizit kaum wieder, es werden höchstens einzelne Instrumente in Zusammenhang mit dem QM angewandt. Für Personalentwicklung gibt es mehr Verständnis, ohne dass es zu entsprechenden Strategien in den Einrichtungen kommt. Im Mittelpunkt des Interesses steht der Aufbau eines QM-Systems, so der Schluss des Autors. In seinen Handlungsempfehlungen ordnet der Autor daher PE und OE dem Qualitätsmanagement unter und sieht sie lediglich instrumentell als Bestandteil eines QM-Systems. Zu Recht führt er aus, dass seine qualitative Analyse nur Tendenzen aufzeigen kann, die erst durch eine breiter angelegte Studie verifiziert werden können.
Praxisbezug des Werks
Es dürfte unstrittig sein, dass Qualitätsmanagement in der Altenhilfe notwendig ist, nicht nur, weil es im SGB XI so gefordert wird, sondern auch aus moralischen Gründen. Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt dürfen nicht der Willkür ausgesetzt sein - dieses ist so selbstverständlich, dass es an sich keiner Erwähnung bedarf. Doch wie sieht es in der Praxis aus? Anhand von qualitativen Fallstudien hat der Autor versucht, diese Frage zu beantworten und gleichzeitig Modelle zu entwickeln. Letztlich können die Fallstudien als Beispiele von "Good Practice" verstanden werden, die wissenschaftlich analysiert und kommentiert werden. Betreiber von Einrichtungen der Altenhilfe haben so die Möglichkeit, Ideen für das eigene Vorgehen zu generieren oder Vergleiche anzustellen, das bekannte Benchmarking.
Für Leser aus der Altenhilfe sind einige Kapitel sicherlich verzichtbar, eine Dissertation ist eben kein Handbuch und soll es auch nicht sein. Da die Sprache aber leicht verständlich ist und keine metatheoretische Diskussion erfolgt, können auch Personen aus der Praxis diese Publikation ohne Probleme lesen. Ob angesichts von mehr als 500 Seiten Praktiker dieses tun werden, ist allerdings zu bezweifeln. Allerdings können ausgewählte Kapitel, beispielsweise 4, 6 und 7 durchaus nutzbringend gelesen werden. Für Studierende, die einen fundierten Einblick in die Thematik erhalten wollen, ist dagegen die gesamte Publikation durchaus empfehlenswert.
Angesprochener Nutzerkreis
Obwohl aufgrund der grundlegenden Einführungen in die Thematik nur wenige Vorkenntnisse zum Verständnis dieser Publikation erforderlich sind, ist der Nutzerkreis eingeschränkt. Sicherlich sind Studierende der Pflegewissenschaften und das Pflegemanagements ebenso wie der Gesundheits- und Sozialwirtschaft angesprochen. Ein weiterer Nutzerkreis dürften die Personalverantwortlichen und Qualitätsmanager in Alten- und Pflegeheimen sowie ihre Berater sein.
Fazit
Die Publikation ist eine Dissertation: das ist Fluch und Segen zugleich. Der Segen: der Leser erhält einen fundierten Überblick über die Theorien und historischen Entwicklungen von Organisationsentwicklung, Personalentwicklung und Qualitätsmanagement und erhält zudem Vergleichsmöglichkeiten, wie Einrichtungen der Altenhilfe diese Theorien umsetzen. Die wissenschaftliche Redlichkeit macht die Publikation entsprechend umfänglich und - das ist der Fluch - für den schnellen Leser damit nicht sonderlich reizvoll. Andererseits erlaubt gerade die umfängliche Darstellung es dem Leser, sich ausführlicher mit einzelnen Themen zu beschäftigen. Zudem merkt man dem Autor an, dass er schon länger in der Praxis ist: die Sprache ist leicht verständlich, vielleicht nicht immer exakt, hebt sich aber von den oft rezeptologischen Schriften in diesem Bereich wohltuend ab. Die Publikation ist sicherlich eine Bereicherung in einem Forschungsfeld, in dem noch viele Fragen offen sind.
Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Falk
Professor für Human Resource Management an der Fachhochschule Koblenz
RheinAhrCampus Remagen
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 12.10.2004 zu: Joachim F. Müller: Organisationsentwicklung und Personalentwicklung [...]. Rainer Hampp Verlag (Mering) 2004. 556 Seiten. ISBN 978-3-87988-860-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1959.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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