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Gabriele Kawamura-Reindl, Sabine Schneider: Lehrbuch Soziale Arbeit mit Straffälligen

Cover Gabriele Kawamura-Reindl, Sabine Schneider: Lehrbuch Soziale Arbeit mit Straffälligen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 340 Seiten. ISBN 978-3-7799-3078-5. 29,95 EUR.
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Autorinnen

Gabriele Kawamura-Reindl, Jg. 1957, Dipl.-Kriminologin und Dipl.-Sozialarbeiterin, ist Professorin an der Fakultät Sozialwissenschaften der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm.

Sabine Schneider, Jg. 1972, Dr. rer. soc. ist Professorin für Soziale Arbeit an der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege der Hochschule Esslingen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Professionalität Sozialer Arbeit, Beratung, Soziale Arbeit mit Straffälligen, Qualitative Sozialforschung. (Verlagsangaben)

Inhalt

Kapitel 1 Allgemeine Grundlagen

Im ersten Kapitel werden wichtige Begriffe geklärt (Hellfeld, Dunkelfeld, Anzeigebereitschaft). Ein Unterkapitel befasst sich mit den Medien, denen vorgeworfen wird, sie „verhindern […] einen tieferen Einblick in soziale, ethnische und kulturelle Zusammenhänge“ von Kriminalität (S. 25). In einem dreiseitigen Exkurs werden Erklärungsansätze verschiedener Disziplinen für Kriminalität referiert.

Es folgt das Thema „Strafrechtlicher Umgang mit Kriminalität“ mit Themen wie Ablauf des Strafverfahrens, Strafrechtliche Sanktionen und „Selektionsprozess im System der strafrechtlichen Sozialkontrolle“. Diese These mündet in der Feststellung: „Soziale Arbeit (ist) in der Straffälligenhilfe im Ergebnis solcher Selektionsprozesse ganz überwiegend mit sozial benachteiligten Jugendlichen und Erwachsenen […] konfrontiert“ (S. 28). Das Kapitel schließt mit einer Abhandlung über Unterschiede und Gemeinsamkeiten von freier bzw. staatlicher Straffälligenhilfe und den Interessenverbänden.

Kapitel 2 Kriminalprävention

Der theoretische Ausgangspunkt sind kriminologische Straftheorien, insbesondere Theorien zu Prävention (Generalprävention, Spezialprävention). Als Ziele von Prävention werden Maßnahmen definiert, „die die Übereinstimmung der Gesellschaftsmitglieder mit diesen Normalitätsstandards sichern und so Störungen der gesellschaftlichen Ordnung im Vorgriff ausschließen“ (S. 47). Kriminalprävention fußt nach Ansicht der Autorinnen darüber hinaus auf der Annahme und Identifizierung kriminalitätsfördernder wie -minimierender Faktoren, wobei nach vorliegenden Befunden (insbesondere aus der sogenannten Resilienzforschung) alle Versuche, empirisch einfache Ursachen- Wirkungszusammenhänge herzustellen, z. B. zwischen Arbeitslosigkeit und Kriminalität […] oder zwischen vergangenem und künftigem Legalverhalten […] fehlgeschlagen sind.“ (S. 47)

Als wirksame kriminalpräventive Maßnahmen werden u. a. genannt:

  • risikoorientierte Kriminalprävention
  • Erhöhung des Entdeckungsrisikos
  • positive Spezialprävention (Erziehung, Resozialisierung) statt Bestrafung
  • Aktivierung von Ressourcen und Integration von Schutzfaktoren (Selbstwertstärkung, vertrauensvoller Raum)
  • „Verhaltenstherapeutische Konzepte“ statt „psychotherapeutische“ (sind nicht eigentlich „psychoanalytische“ gemeint?) Programme (S. 58-60)

Als Aufgabe der Sozialen Arbeit in der Straffälligenhilfe wird die sekundäre und tertiäre Prävention identifiziert, als Konkretisierung wird vorgeschlagen:

  • Straffälligenhilfe als Verbesserung der materiell-sozialen Rahmenbedingungen
  • Straffälligenhilfe als Förderung der individuellen und psychosozialen Kompetenz ihrer Klientel

Kapitel 3 Professionalität Sozialer Arbeit mit Straffälligen

Das Kapitel beginnt mit dem „Resozialisierungsgedanken“ als Wegbereiter Sozialer Arbeit mit Straffälligen. „Resozialisierung“ wird wie folgt definiert: „Resozialisierung als Unterfall der Spezialprävention, steht für ein Programm der Strafjustiz – Resozialisierung im engeren Sinne von Kriminalitätsvermeidung, ist nicht das primäre Ziel Sozialer Arbeit (ihre Ziele werden in den fachlichen Diskursen, Theorien und Konzepten Sozialer Arbeit bestimmt“ (S. 69 f). Hierzu werden als „grundlegende“ Theorien die Konzepte von Thiersch, Otto, Böhnisch, Staub-Bernasconi sowie ökosoziale Theorieansätze (letztere ohne Vertreter zu nennen) genannt, jedoch wird spätestens bei der Interpretation des „Doppelten Mandats“ deutlich, dass die Autorinnen vornehmlich Theorien von Hans Thiersch folgen. Nach diesen steht das „Doppelte Mandat“ für die Realisierung „subjektorientierter, individueller Hilfe und sozialer Gerechtigkeit“ (S. 71). Ebenso basieren die Professionalisierungsanforderungen Sozialer Arbeit weitgehend auf sozialpädagogischen Professionalisierungstheorien. Diese setzen sich auch in der methodischen Konkretisierung fort. Hier geht es um „Professionelle Grundhaltungen – ‚der Menschlichkeit‘ Rechnung tragen“ gemäß dem Grundsatz von Thiersch: „Norm- und grenzverletzendes Verhalten wird, ausdrücklich entstigmatisierend und entpathologisierend, auch als Anstrengung um Bewältigung verstanden; Hilfe im Kontext von Normalisierungsstrategien setzt auf Ressourcenaktivierung, Empowerment und Gestaltungskraft“ (S. 76). Explizit wird ausgeführt: „In Abkehr von einem Diagnose- bzw. Diagnostik-Verständnis, in welchem Schwierigkeiten von Menschen unter bereits festgelegte, meist pathologisierende Zuschreibungen und Kategorien subsumiert werden, wird in der Sozialen Arbeit vielerorts ein spezifischer sozialpädagogischer Blick bzw. ein spezifisches Fallverstehen gefordert“ (S. 77). Und auch in der Methodik sind die Autorinnen ganz auf sozialpädagogischer Linie. Sie setzen auf „sozialpädagogisches Verstehen“, also „Verstehen der Verwobenheit individuellen Handelns mit gesellschaftlichen Strukturen“, „Verstehen des biografischen Geworden-Seins, der Entwicklung konkreter Lebenssituationen und Lebensschwierigkeiten“ (S. 79). Dieses Verständnis sieht sich in bewusster Abgrenzung zu „Ansätzen, die überwiegend auf die Einschätzung von Risikofaktoren setzen oder stärker auf die Kriminalitätsentwicklung fokussieren“ (S. 79).

Auch eine weitere Konkretisierung der Methodik, die mit „Konkrete Unterstützungen als Beiträge zur Erziehung und Resozialisierung“ überschrieben ist, überführt sozialpädagogische Theorien in die Praxis und setzt dabei auf die „zentrale Beziehungsdimension“ (S. 81). Dabei ist aber immer zu bedenken: “Dennoch bleibt die Forderung berechtigt: Interventionen und Unterstützungen, die das Prädikat professionell verdienen, setzen Evaluationen bzw. Forschung hinsichtlich ihrer erzielten (Neben-)Wirkungen voraus – hier hat die Straffälligenhilfe wie die Soziale Arbeit insgesamt noch einiges nachzuholen“ (S. 81).

Angesichts des Zwangskontextes empfehlen die Autorinnen „Zurückhaltung hinsichtlich prognostischer Aussagen“ und fordern, dass Prognosen bezüglich sogenannter „krimineller Karrieren“ angesichts ihrer „unsicheren Basis sowie ihrer stigmatisierenden Effekte vermieden werden“ (S. 82). Sie befürworten ein „Ausbalancieren der widersprüchlichen Handlungsanforderungen von Hilfe und Kontrolle“. und dabei sich weder ausschließlich den Wünschen der Klientel verpflichtet zu fühlen, noch die Justiz über alles zu stellen (S. 82). Schließlich seien eine „Klärung und Reflexion der Zwangskontexte“ und „transparente Arbeitsbündnisse“ grundlegend (S. 83).

Schlussendlich soll Soziale Arbeit auf der „Strukturebene“ struktureller Problemlagen reflektieren und verändern. Dies soll dadurch geschehen, dass defizitäre Lebenslagen „angegangen“ werden und „Kriminalisierung statt Kriminalität“ thematisiert wird. Die Begründung hierfür lautet: „Kriminalität ist keine Eigenschaft, sondern entsteht durch das Aufstellen von Regeln und ihrer Anwendung“ (S. 85). Die Autorinnen gehen davon aus, dass die Straffälligen „überwiegend ‚zum Kreis der sozial Benachteiligten‘ zählen“ (S. 84), weshalb die Zusammenhänge zwischen Kriminalität und Armut thematisiert werden müssen (S. 84 f). Die Konsequenzen für die Methodik sind damit vorgegeben: „Die kritische Kriminologie warnt daher auch die Soziale Arbeit vor einer starken Orientierung an kriminologischen Konzepten, die die Beschreibung kriminogener Faktoren in den Mittelpunkt stellen. Von solchen Theorien abgeleitete Interventions- und Präventionsmaßnahmen Sozialer Arbeit sind prinzipiell kritisch zu betrachten (wenn nicht sogar hinfällig). Offensiver verfolgen sollte die Soziale Arbeit ‚die Förderung der individuellen und sozialen Entwicklung junger Menschen, die Ermöglichung von Bildungsprozessen in Richtung auf eine selbstbewusste und selbstbestimmte Lebenspraxis, den Abbau von Benachteiligungen und Ungleichheiten sowie positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien‘ (Anhorn/Bettinger 2002b S. 23)“ (S. 85).

Kapitel 4 (Handlungs-)Methoden Sozialer Arbeit mit Straffälligen

Vorangestellt wird ein grundlegendes Methodenverständnis, nach dem zunächst „direkt inter-ventions-, auf den Einzelfall- bzw. die Primärgruppen bezogene Methoden“ angeführt werden können. Ausdrücklich grenzen sich die Autorinnen von Screening-Verfahren, wie z. B. Risk-Assessment-Verfahren ab. Ausgeführt werden Methoden wie Täter-Opfer-Ausgleich, Beratung, Motivierende Gesprächsführung, Case Management, Krisenintervention etc. Des Weiteren werden „Gruppenbezogene und sozialraumbezogene Methoden“ genannt (Anti-Gewalt-Training, Sozialtherapeutische Gruppenarbeit, Sozialer Trainingskurs). Unter „struktur- und organisationsbezogene[n] Methoden“ verstehen die Autorinnen Supervision, Kollegiale Beratung und Selbstevaluation (diese werden aber nicht weiter ausgeführt). Struktur- und organisationsbezogene Methoden sind u. a. Öffentlichkeitsarbeit und Freiwilligenengagement. Bezüglich der sozialraumbezogenen Methoden wird allerdings betont, sie seien „in der Praxis häufig weniger präsent“ (S. 94). Anschließend werden einige der o. g. Methoden kurz erläutert.

Kapitel 5 Jugendhilfe im Strafverfahren – Jugendgerichtshilfe

Zunächst geht es um den Standort der Jugendhilfe im Strafverfahren/Jugendgerichtshilfe (JGH), von dem aus sich deren Ziele und Selbstverständnis bestimmen lassen. Den Autorinnen ist es ein Anliegen, die JGH in einem reformierten SGB VIII zu verorten, gleichzeitig aber bleibt sie mit ihrer Verankerung im Jugendgerichtsgesetz (JGG) Teil des Justizsystems. Die jeweilige Zugehörigkeit zu diesen beiden unterschiedlichen Systemen birgt entsprechend unterschiedliche Anforderungen: „Nicht Erziehung ist das Ziel des JGG, sondern die künftige Legalbewährung, also die Verhinderung von weiteren Straftaten“ (S. 116).

Dieser Grundkonflikt durchzieht sowohl das Kapitel als auch nach Meinung der Autorinnen die Arbeit in diesem Tätigkeitsbereich, wenn es um die Bestimmung ihrer Aufgaben geht (Klärung des Hilfebedarfs und entsprechende Beratung und Information, aber auch Persönlichkeits- und Umwelterforschung, Einschätzung der zu ergreifenden Maßnahmen, Berichte zum und Teilnahme an den Hauptverhandlungen, überwachende Tätigkeiten). Ansonsten gilt: „Die Klärung des Hilfebedarfs zielt auf die Probleme, die Jugendliche haben (nicht auf die, die sie machen)“ (S. 124).

Kapitel 6 Neue Ambulante Maßnahmen nach dem Jugendgerichtsgesetz

In dem Abschnitt über „Grundlegende Aspekte“ der Jugenddelinquenz geht es um deren Erscheinungsformen, sowie um Ergebnisse der Sanktionsforschung, den Erziehungsgedanken und Sanktionsformen im Jugendstrafrecht. Dabei wird deutlich, dass Freiheitsentzug keine geeignete Maßnahme zur Erziehung von Jugendlichen ist. Vielmehr führt „die Verhängung unbedingter Jugendstrafen bei Jugendlichen zur Verfestigung krimineller Karrieren […]: Positive Handlungsorientierungen der Betroffenen werden durch den Freiheitsentzug eingeschränkt und integrative soziale Kontakte reduzieren sich“ (S. 139). Stattdessen gilt es, Alternativen zu entwickeln: „Mit Blick auf die Normalität, Ubiquität und Episodenhaftigkeit eines ganz überwiegenden Teils der Jugenddelinquenz und vor dem Hintergrund der negativen Effekte formeller Sanktionierungen sowie der Erkenntnis, dass spezialpräventiv häufig schon das Entdecktwerden und entsprechende Ermittlungen gegen Jugendliche bzw. Heranwachsende ausreichen, sieht das JGG seither verschiedene Möglichkeiten vor, die Durchführung eines formellen Strafverfahrens bzw. eines Hauptverfahrens zu vermeiden“ (S. 140).

In den weiteren Unterabschnitten werden die wichtigsten nach dem JGG möglichen Maßnahmen dargestellt. Es sind dies:

  • Arbeitsauflagen und -weisungen nach dem JGG
  • Betreuungsweisungen
  • Sozialer Trainingskurs und Soziales Kompetenztraining
  • Anti-Gewalt-Training und Anti-Aggressivitäts-Training®

Schließlich werden einige übergreifende Probleme ambulanter Maßnahmen angefügt. Dazu gehört die unzureichende Nutzung der Maßnahmen, aber auch ein gewisser „Wildwuchs“ der ambulanten Maßnahmen (S. 157). So sei es bisweilen mehr oder weniger zufällig, welcher Betroffene in welche Maßnahme gerät.

Kapitel 7 Ambulante Soziale Dienste der Justiz

In diesem Kapitel geht es um die beiden staatlichen Fachdienste der Justiz, die (Soziale) Gerichtshilfe und die Bewährungshilfe (inklusive Führungsaufsicht).

Nach den rechtlichen Grundlagen und der Organisation der Gerichtshilfe werden Aufgabenbereiche und Wirksamkeit der Gerichtshilfe beschrieben. Anzumerken bleibt allerdings, dass die von den Autorinnen zitierten Untersuchungen mindestens 20 Jahre alt sind.

Auch der Unterabschnitt zur Bewährungshilfe beginnt mit ihren rechtliche Grundlagen, referiert die Organisation sowie Aufgaben und Funktionen der Bewährungshilfe. Zentraler Satz: „Im Zentrum der resozialisierenden Bemühungen stehen die Befähigung zu einem straffreien Leben, die soziale und die berufliche Integration der betreuten Person, wobei die Bewährungshilfe angesichts fehlender Ressourcen hierzu auf die Kooperation mit anderen Hilfenanbietern angewiesen ist“ (S. 173). Angefügt wird ein „Exkurs Führungsaufsicht“. Hier wird betont, dass es Aufgabe ist, „Probanden bei ihrer Lebensführung [zu] unterstützen und bei einer relevanten negativen Sozialentwicklung rechtzeitig erforderliche Maßnahmen zur Gefahrabwehr [zu] ergreifen“ (S. 176). Damit ist, so die Autorinnen, „die Bewährungshilfe natürlich nicht vollständig aus der Kontrollfunktion entlassen“ (ebd.).

Bei der Beschreibung der Abläufe der Bewährungshilfe orientiert sich das Buch an dem Evaluationsbericht der privatisierten Bewährungshilfe Neustart Baden-Württemberg. Die Wirksamkeit der Bewährungshilfe insgesamt glauben die Autorinnen durch die allgemeine Rückfallstatistik des Statistischen Bundesamtes nachweisen zu können. Probleme sehen sie hingegen hauptsächlich in den aus ihrer Sicht zu hohen Fallzahlen.

Kapitel 8 Täter-Opfer-Ausgleich (TOA)

Auch dieses Kapitel beginnt mit einer Darstellung der Grundlagen (was will TOA?), um im Folgenden Klientel und Eignungskriterien, Ziele und Vorgehensweise und Organisation zu beschreiben. Deutlich wird, dass TOA bislang nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt (1?3% aller Strafverfahren, S. 205). Die Datengrundlage für die Forschungsergebnisse ist die bundesweite TOA-Statistik.

Kapitel 9 Soziale Arbeit im Jugendstrafvollzug und Jugendarrest

Nach den rechtlichen Grundlagen werden ausführlich die Themen „Erziehung als grundlegende Orientierung“, „Erziehungsverständnisse“, „Erziehung im Jugendstrafvollzug“ referiert, um anschließend zu fragen: „Jugendstrafvollzug – ein Ort für ‚Erziehung‘?“ Auch hier wird erneut der Gegensatz zwischen „Legalbewährung“ und dem „Erziehungsgedanken“ betont. Als richtungweisende Strategien werden genannt:

  • Förderung der Entwicklung der inhaftierten jungen Menschen
  • Jugendstrafanstalten als Lernorte gestalten (Schulische Bildung, berufliche Ausbildung, Soziales Lernen)

Angesichts der sonst erkennbaren Vorliebe der Autorinnen für hermeneutische Methodik, ist die lobende Erwähnung von sozial-kognitiven Trainingsprogrammen zur Aggressionsverminderung (S. 217) bemerkenswert.

Im Unterkapitel „Jugendstrafvollzug im Überblick“ werden reichlich Zahlen und Statistiken vorgelegt, aber auch die Folgen der Haft, die Wirkungen des Strafvollzugs und die Gewaltproblematik referiert. Als zentrale Aufgabe einer Sozialen Arbeit im Kontext eines pädagogisch ausgerichteten Jugendstrafvollzuges wird die Entlassvorbereitung gesehen und ein „sozialpädagogischer Blick auf Kriminalität und abweichendes Verhalten“ angemahnt S. 224).

Es schließen sich Überlegungen zum „Jugendstrafvollzug in freien Formen“ an. Die (wohl rhetorisch gemeinte) Frage „Jugendarrest – ein ‚Veränderungsimpuls‘ für Jugendliche?“ wird selbstverständlich verneint, die (ebenfalls rhetorisch gemeinte) Frage „Untersuchungshaft – riskant und vermeidbar?“ genauso wenig überraschend mit der klaren Aussage „Untersuchungshaft für Jugendliche ist entbehrlich“ beantwortet.

Kapitel 10 Soziale Arbeit im Strafvollzug und in der Untersuchungshaft

Im Unterkapitel „Rechtliche Grundlagen“ geht es u. a. wieder um den Begriff der „Resozialisierung“. Aus dem § 2 StVollzG („…soll der Gefangene fähig werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen“) – im Prinzip also dem Auftrag der Rückfallvermeidung wird geschlossen: „Der Gesetzgeber hat in dieser Bestimmung unmissverständlich festgelegt, dass der Vollzug einer Freiheitsstrafe primär auf die Veränderung der inhaftierten Menschen und erst sekundär auf den Schutz der Allgemeinheit zielt. Auch wenn der Begriff nicht explizit verwendet wird, so wird mit § 2 StVollzG ‚Resozialisierung‘ als Ziel des Strafvollzuges verbunden und – jenseits der unterschiedlichen Definitionen – in der Regel als ‚Wiedereingliederung‘ der Inhaftierten in die Gesellschaft konkretisiert (was nicht mit einem Leben ohne Straftaten gleichzusetzen ist)“ (S. 236).

Als fachliche Grundorientierungen Sozialer Arbeit mit Inhaftierten werden subjektorientierte Unterstützungsprozesse, konkrete Unterstützung bei Problemen der Inhaftierten und die „strukturbezogenen Perspektiven Sozialer Arbeit in und jenseits von Haft“ verstanden. Letzteres betrifft die „gesellschaftliche bzw. sozialräumliche Ebene“. Es sind „Überlegungen zu intensivieren, wo Ansatzpunkte zur Förderung eines resozialisierungsfreundlichen Klimas liegen“ (S. 244).

Es folgen Unterkapitel zur Sozialen Arbeit mit inhaftierten Männern und Besonderheiten Sozialer Arbeit im Strafvollzug von Frauen. Mit der Darstellung Sozialtherapeutischer Anstalten bzw. Abteilungen und Sozialer Arbeit in Untersuchungshaft wird das Kapitel abgeschlossen.

Kapitel 11 Zum Vollzug freiheitsentziehender Maßregeln der Besserung und Sicherung

Die sogenannten Maßregeln zur Besserung und Sicherung haben ihre rechtlichen Grundlagen in den §§ 63 und 64 StGB. Die Unterkapitel „Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus“ und „Unterbringung in einer Entziehungsanstalt“ beschreiben die Unterbringungsform und zentrale Anforderungen an Soziale Arbeit. Eine interessante Anforderung findet sich auf S. 267: „Zentrale Aufgaben der forensischen Nachsorge bestehen darin, Entlassene unter Einbeziehung ihrer Risiko- und Schutzfaktoren in ihrem weiteren Verselbstständigungsprozess zu unterstützen, auf der Grundlage des meist im stationären Rahmen bereits erarbeiteten Rückfallvermeidungsplans krisenhafte Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und Maßnahmen einzuleiten, die geeignet sind, der Gefahr erneuter Straftaten entgegenzuwirken“ (S. 267 f). Nach der Darstellung der Sicherungsverwahrung und dem Maßregelvollzug für Jugendliche und Heranwachsende (beides zahlenmäßig eher von untergeordneter Bedeutung) findet sich ein Unterkapitel zu Aufgaben und Perspektiven Sozialer Arbeit im Maßregelvollzug. Die Aufgaben Sozialer Arbeit werden als in der Sozialadministration und Therapie befindlich beschrieben. Während aus juristischer und forensischer Sicht eher eine sozialadministrative Rolle erwünscht sei, geben die Autorinnen zu bedenken: „Dem steht allerdings die Einschätzung vieler Expertinnen und Experten gegenüber, dass Soziale Arbeit ‚mehr‘ zu bieten hat, als die ‚Abklärung von Kostenfragen‘ (Stiels-Glenn 2005, S. 4). Neben den bereits genannten Aufgaben als Netzwerkspezialisten, wird an verschiedenen Stellen vor allem auf die auch (sozial-)therapeutische Rolle Sozialer Arbeit hingewiesen.“ (S. 276 f)

Wie schon an anderer Stelle wird das Tätigkeitsspektrum Sozialer Arbeit „auf Strukturen bezogen“ erweitert. Zum wiederholten Male wird auf die Notwendigkeit einer verstärkten Öffentlichkeitsarbeit hingewiesen.

Kapitel 12 Soziale Arbeit im Übergang zwischen Strafvollzug und (Wieder-)Eingliederung

Hier geht es um das in Fachkreisen seit Jahrzehnten diskutierte Thema „Übergangsmanagement“. Damit ist auch schon die Ausgangslage beschrieben: Während es aus fachlicher Sicht unbedingt notwendig ist, Straftätern nach der Haft bei der Wiedereingliederung zu unterstützen, kooperieren die entsprechenden Systeme innerhalb und außerhalb des Justizvollzugs nicht in geeigneter Weise. Hier soll „Übergangsmanagement“ abhelfen.

Als Zielgruppen des Übergangsmanagements und der beteiligten Organisationen kommen prinzipiell alle Probanden der Bewährungshilfe infrage, wobei jedoch die „Entlassungssituation psychisch kranker Gefangener“ in besonderer Weise prekär ist. Ziel ist eine „optimale Verzahnung der Hilfen im Vollzug mit den Unterstützungssystemen nach der Entlassung.“ (S. 290) Als Maßnahmen und Methoden des Übergangsmanagements werden das Fall- und das Systemmanagement vorgeschlagen Allerdings wird die Organisation dieser sinnvollen Maßnahmen „noch kontrovers diskutiert“ (S. 295), was sich auch daran zeigt, dass im Anschluss als Beispiele aus der Praxis lediglich Modelle aus drei Bundesländern sowie ein noch nicht verwirklichter Vorschlag aus Brandenburg angeführt werden können. Noch dürftiger ist die Ausbeute zur Frage der „Wirksamkeit“. Hier kann bloß auf eine Untersuchung aus NRW verwiesen werden, in der es um die Integration auf den Arbeitsmarkt in Zusammenhang mit der Rückfallquote geht.

Kapitel 13 Angehörige Inhaftierter

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit den Folgen von Inhaftierung für die Angehörigen (Partnerinnen Inhaftierter, Kinder Inhaftierter, Eltern Inhaftierter) und mögliche Hilfeangebote für Angehörige Inhaftierter (Angebote der Haftanstalten, Beratung und Betreuung durch Freie Träger, Ehe- und Familienseminare und Eltern-Kind-Gruppen, Professionelle Online-Beratung).

Kapitel 14 Mehr Freiheit? Weniger Risiko? – Ergänzungsthemen

Als eine Art Appendix werden abschließend einige Themenfelder bearbeitet. Die „Vermittlung gemeinnütziger Arbeit“ kommt im Strafrecht bei verschiedenen Gelegenheiten zur Anwendung (z. B. bei der Einstellung des Verfahrens, zur Abwendung einer Ersatzfreiheitsstrafe oder als Auflage nach dem JGG).

Zu den Klienten dieser Hilfeform gehören „langzeitarbeitslose Menschen, die schwer vermittelbar sind, drogen- und alkoholabhängige Menschen, Psychiatriepatientinnen und -patienten und schließlich strafrechtliche vorbelastete Personen“ in extremen Lebenssituationen“ (S. 327). Zu den Aufgaben Sozialer Arbeit gehören die Organisation des Vermittlungsprozesses, Beratung und Betreuung und Kooperation mit den Einsatzstellen. Als Fazit halten die Autorinnen fest, dass diese Maßnahmen „ganz entscheidend zu ‚mehr Freiheit‘“ beitragen (S. 331).

Zu einer deutlich skeptischeren Bewertung kommen sie hingegen bei der „Elektronischen Überwachung von Straffälligen“ (EAÜ) nach § 68b Abs.1 S. 3 StGB. Diese Maßnahme ist gedacht für schwerwiegende Fälle von gefährlichen Straftätern. Die Autorinnen zitieren den derzeitigen Forschungsstand, nach dem es in der Zeit der EAÜ zu weniger Verstößen kommt als ohne Überwachung, für die Zeit nach der Überwachung sind diese Zahlen allerdings nicht mehr eindeutig (S. 336). Trotz dieser zumindest gemischten empirischen Bilanz kommen Kawamura-Reindl und Schneider in zu einer eher kritischen Bewertung, die darauf hinaus läuft, dass die Technik allein keine Verbrechen verhindert.

Im letzten Teilkapitel geht es um ein neues Konzept in der Straffälligenhilfe, das sich mit „Risikoorientierung in der (Sozialen) Arbeit mit Straffälligen“ (RO) umschreiben lässt. Die Autorinnen stellen zunächst die Hintergründe und das Programm dar, wobei sie sich dabei ausschließlich auf die Züricher Bewährungshilfe und ihren „Risikoorientierten Sanktionenvollzug (ROS)“ beziehen. Anschließend sollen „Fragen an das Konzept“ gestellt werden, ein Kapitel, das allerdings keine „Fragen“, sondern eine „Reflexion und Einschätzung dieses Konzeptes“ enthält.

  • Zum Stellenwert der RO: Die Verschiebung vom Ziel der „Sozialen Integration“ zur „Rückfallvermeidung“ sei der Sozialen Arbeit „nicht mehr angemessen“ (S. 345), ja „nur schwer vereinbar“.
  • Zum theoretischen Hintergrund der RO: RO würde keine „Theorien der Sozialen Arbeit integrieren, ihr psychologisches Interventionskonzept sei „individuumszentriert“, als politischer Hintergrund sei eine Kontrollkultur erkennbar.
  • Zur Methodik: Die Integration der nicht kriminogenen Faktoren sei ungeklärt, die Erweiterung des Kontrollaspektes widerspreche einer „ganzheitlichen und partizipativen Vorgehensweise“ (S. 347).
  • Zur empirischen Fundierung: „Reichen die empirischen Befunde zur Begründung einer Risikoorientierung aus – sind sie eindeutig?“ (S. 347) fragen Kawamura-Reindl/Schneider mehr rhetorisch. Sie bezweifeln dies mit einem Zitat von Dollinger: „eine zuverlässige Risikoabschätzung ist für Einzelfälle nicht möglich“ (S. 348).
  • Zu ethischen Dilemmata: An dieser Stelle werden grundlegende Probleme bei der Risikoabschätzung angeführt, etwa fehleranfällige Prognoseverfahren, die Gefahr, Risiken zu überschätzen. Auch hier wird fast ausschließlich auf die Arbeiten von Dollinger verwiesen.

Es verwundert nicht, dass das Fazit der beiden Autorinnen recht eindeutig ausfällt: „In jedem Fall stellen die Verschiebungen inhaltlicher Orientierungen ein Risiko für fachliche Grundprämissen Sozialer Arbeit dar“ (S. 350).

Diskussion

Zunächst ist den beiden Autorinnen zu bescheinigen, dass sie sich einen hochkomplexen „Gegenstand“ vorgenommen haben: eine sehr heterogene Zielgruppe, ebenso heterogene Organisationsformen der Justiz (Stichwort: Föderalismus) und vielfältige Arbeitsformen der Sozialen Arbeit. Das macht das Unterfangen reizvoll, aber auch nicht gerade einfach. Fast scheint es, die Autorinnen wollten diese Komplexität noch „toppen“, denn der Zusatz „Lehrbuch“, meint (um ausnahmsweise einmal Wikipedia zu zitieren), „eine besondere Form eines Sachbuches, das aufgrund seiner didaktisch aufbereiteten Lehrstoffe und -materialien für den Unterricht verwendet wird. Sofern Lehrbücher wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärte Fragen oder mehrere Meinungen bezüglich einer strittigen Frage enthalten, wird in einigen Disziplinen zwischen der herrschenden Lehrmeinung bzw. herrschenden Lehre und Mindermeinungen oder anderen Ansichten differenziert“ (in: https://de.wikipedia.org/wiki/Lehrbuch). Es soll also ein komplexer Gegenstand mit seinen „herrschenden Lehrmeinungen“ und „Mindermeinungen“ didaktisch adäquat dargestellt werden.

Zweifellos gelingt die gute Didaktik durch eine stringente Gliederung, Wiederholungsfragen am Ende der Kapitel und einen systematischen Durchgang durch die einzelnen Arbeitsgebiete. Die Autorinnen versehen ihre Artikel mit (zumeist) aktueller (allerdings nur deutschsprachiger) Literatur und vielen anschaulichen Informationen. Insgesamt also ist die Didaktik gelungen, es liegt ein gut les- und lehrbares Buch vor.

Bezüglich der Inhalte kann man sich (gerade in der Sozialen Arbeit) trefflich streiten, was „herrschende Lehrmeinung“ ist. Es scheint für die beiden Autorinnen eine ausgemachte Sache, dass z. B. „sozialpädagogisches Fallverstehen“ bei gleichzeitiger Ablehnung diagnostischer Verfahren und standardisierter Instrumente als Methodik Sozialer Arbeit „gesetzt“ ist. Dass diese Festlegung in der Lehre und Praxis nicht so eindeutig ist, zeigen eine Reihe von Veröffentlichungen beispielsweise aus der Klinischen Sozialarbeit (z. B. Gahleitner et al. 2014) und diversen Positionierungen in der Sozialen Arbeit (z.B. Staub-Bernasconi 2003; Heiner 2004). Damit soll dem sozialpädagogischen Ansatz keineswegs seine Berechtigung abgesprochen werden. Umgekehrt muss aber auch Raum sein für Entwürfe, die nicht an sozialpädagogischen Paradigmen orientiert sind. Deren Fachlichkeit darf nicht ohne Weiteres verneint werden, nur weil sie nicht mit den Grundprinzipien sozialpädagogischen Denkens übereinstimmen.

Aus einer anderen sozialarbeiterischen Perspektive erscheinen auch die beiden Ziele Rückfallverhinderung und Soziale Integration keineswegs als gegensätzlich und schon gar nicht eindeutig Justiz oder Sozialer Arbeit zuordenbar Denn die größtmögliche Desintegration ist Straffälligkeit und damit ist die Verhinderung von erneuter Straffälligkeit Teil der Sozialen Integration. Zudem gibt es eine Reihe von Klienten der Sozialen Arbeit, die sozial integriert und dennoch straffällig werden (z. B. Betrüger, Pädophile, Alkoholsünder im Straßenverkehr, Täter im Bereich häuslicher Gewalt), weil ihre Straffälligkeit nichts mit sozialer Randständigkeit und Hilfebedürftigkeit zu tun hat. Wäre es nicht klarer, umfassender und an die Aufträge der Justiz anschlussfähiger, von beiden Aufgaben „Soziale Integration“ und „Rückfallverhinderung“ auszugehen? Ist es – beispielsweise aus Sicht möglicher Opfer – wirklich sozialarbeiterisch unethisch, an der Verhinderung von Rückfällen zu arbeiten? Ergibt sich die von den Autorinnen vielfach angeführte Gefahr der Stigmatisierung wirklich durch die Arbeit an „kriminogenen Faktoren“ oder nicht vielmehr durch die Zugehörigkeit der Sozialen Dienste zum Justizsystem? Erscheint die dauernde Betonung, die Rückfallvermeidung sei kein Ziel Sozialer Arbeit, angesichts der Anforderungen des Arbeitsfeldes (besonders unter Bezugnahme auf die einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen beispielsweise des StVollzG) nicht reichlich widersprüchlich?

Die sich daraus ergebende Anfrage bezieht sich auf die eher unscheinbar auf S. 26 befindliche Fußnote 5. Dort heißt es: „Auf eine differenzierte Darstellung der Kriminalitätstheorien und empirischen Befunde verzichten wir in diesem Band, weil sie in einer Vielzahl von kriminologischen Lehrbüchern vorfindbar ist (zusammenfassend z.B. Suhling/Grewe 2010, S. 48-133 sowie Walter/Neubacher 2011, S. 43-89).“ Mit Verweis auf eine kriminalpsychologische und juristische (Jugendkriminalität betreffende) Erklärungstheorie wird auf den „sozialpädagogischen Blick“ auf Klientenphänomene verzichtet. Ein Verständnis für diese sozialpädagogische Sicht wird aber permanent vorausgesetzt, wenn z. B. Methoden beschrieben werden, die durchaus in einen Wirkzusammenhang eingreifen sollen. Es soll an dieser Stelle nicht der untrennbare Zusammenhang zwischen Erklärungs- und Handlungswissen ausgeführt werden, wohl aber muss man anfragen, wie sich die angeführten Methoden (z. B. „Fallverstehen statt defizitorientierter Diagnostik“, „Beiträge zur Erziehung und Resozialisierung“, „Reflexion ambivalenter Anforderungen und Kontexte“, „strukturbezogene Methoden“) empirisch und handlungstheoretisch im Feld der Straffälligenhilfe begründen lassen. Die eigenen professionsspezifischen Arbeitsansätze empirisch, erklärungs- und handlungstheoretisch zu begründen, ist auch deshalb notwendig, weil an anderer Stelle der Risikoorientierten Bewährungshilfe ihre empirische und handlungstheoretische Begründung abgesprochen wird.

Da sich die Methodik stets im konkreten Feld bewähren muss, verschärft sich die Problematik insbesondere bei den Klientinnen und Klienten, die im Lehrbuch leider nur im „Exkurs Führungsaufsicht“ angesprochen werden: jene nämlich, die mit aufgrund ihrer psychischen Vorbelastung negativer Kriminalprognose den Fachkräften im Zwangkontext der Führungsaufsicht begegnen, aber kein Interesse haben, sich auf einen Hilfeprozess einzulassen, die nicht in ihrer „biografischen Verwobenheit“ verstanden werden wollen, vielmehr aber manipulativ und widerständig sind. Es mögen derer nicht viele sein, aber sie sind es, die in besonderer Weise eine Anfrage an eine sozialpädagogisch ausgerichtete Methodik stellen. Wenn die Sozialpädagogik die Erkenntnisse der „erfolgversprechenden“ Strategien, die sich im Lehrbuch finden lassen (z. B. „Risikoorientierte Kriminalprävention, also die Minimierung von täter-, opfer- und situationsbedingten Risiken“ [S. 58] oder „Entlassene unter Einbeziehung ihrer Risiko- und Schutzfaktoren in ihrem weiteren Verselbstständigungsprozess zu unterstützen, […] krisenhafte Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und Maßnahmen einzuleiten, die geeignet sind, der Gefahr erneuter Straftaten entgegenzuwirken“ [S. 267 f]), auf die eigene Methodik anwenden würde, dann wäre man vielleicht bald bei einer effektiven Synthese aus Risiko- und Hilfeorientierung. Integrative Konzepte dieser Art werden schon seit vielen Jahren in den verschiedenen Bundesländern entwickelt und umgesetzt (vgl. Klug/Schaitl 2012). Im Übrigen bedarf es nur eines Blickes über die Grenzen des deutschen Sprachraumes, um zu erkennen, dass das Ausschließlichkeitsparadigma (entweder Resozialisierung oder Rückfallverhinderung) eine singulär deutsche Sichtweise ist (vgl. Weaver 2014). Die europäischen „Probation Rules“ sind hier schon ein ganzes Stück weiter (vgl. Morgenstern 2012).

An dieser Stelle sollen noch einige Stärken des Buches angesprochen werden: Für die Zielgruppe der „sozial benachteiligen Jugendlichen und Erwachsenen“ (S. 28) bietet das Lehrbuch eine Fülle von Informationen, wie Sozialpädagogik/Soziale Arbeit Hilfehandeln organisiert, aber auch in welcher Diversität und methodischen Vielfalt fachlich gehandelt werden kann. Das Buch zeigt beispielhaft, wie weit sich das faktische sozialarbeiterische Handeln mittlerweile vom Klischee des professionellen „Gutmenschen“ entfernt hat. Im Methodenrepertoire finden sich vielmehr Trainings, Vermittlungsangebote, Gruppen- und Einzelberatung, sowie Interventionen in das Gemeinwesen und zur Veränderung von stigmatisierenden Strukturen. In einem sehr lesenswerten und in seinem Grundanliegen nachdrücklich zu unterstützenden Kapitel über Sozialarbeit im Maßregelvollzug steht ein wahrlich großartiger Absatz, den bei einer der nächsten Fortbildungen mit Sozialarbeiter/-innen zu zitieren der Rezensent sich vornimmt: Wenn Soziale Arbeit sich auf das Sozialadministrative festlegen ließe, könne dies dazu führen, „dass sie [gemeint sind die Sozialarbeiter/-innen, W. K.] von anderen Berufsgruppen (vielleicht auch den Patientinnen und Patienten) in ihrer fachlichen Kompetenz auf die Regelung sozialer Fragen bzw. die Organisation finanzieller Hilfen reduziert werden – als ‚die Frau fürs Taschengeld‘ […] Dem steht allerdings die Einschätzung vieler Expertinnen und Experten gegenüber, dass Soziale Arbeit ‚mehr‘ zu bieten hat, als die ‚Abklärung von Kostenfragen‘ (Stiels Glenn 2005, S. 4)“ (S. 276 f).

Nimmt man dann noch die Bemühungen der beiden Autorinnen um den empirischen Wirkungserweis in einzelnen Arbeitsfeldern ernst und fügt internationale Forschungsergebnisse (z. B. Andrews/Bonta 2010) hinzu, ist man fast automatisch bei der Zusammenführung von Resozialisierung und der Risikoorientierung in einem integrativen Handlungsmodell (vgl. Weaver 2014).

Zusammenfassung und Fazit

Das Lehrbuch informiert umfassend über Grundlagen, Arbeitsbereiche und Aufgaben Sozialer Arbeit mit Straffälligen. Dabei werden alle klassischen Felder der Sozialen Arbeit mit dieser Zielgruppe dargestellt. Die theoretischen Grundlagen sind weitgehend der sozialpädagogischen Tradition verpflichtet, methodisch werden neben den reflexiven, hermeneutischen und strukturbezogenen Methoden, auch am faktischen Hilfebedarf in der Lebenswelt der Klientinnen und Klienten bezogene Vorgehensweisen beschrieben. Ergänzt wird das Methodenspektrum durch die Kurzbeschreibung gängiger Konzepte der Straffälligenhilfe (z. B. Motivierende Gesprächsführung, Anti-Gewalt-Training etc.). Im Wesentlichen konzentrieren sich die Autorinnen auf die Zielgruppe sozial benachteiligter Jugendlicher und Erwachsener, wobei sie den Schwerpunkt auf deren soziale Integration legen. Kritisch anzumerken bleibt das Fehlen einer eigenen, stringenten und aus der sozialpädagogischen Fachlichkeit dargelegten Theorie der Entstehung, Vermeidung und Verhinderung von Kriminalität, mit der das vorgeschlagene methodische Handeln begründet wird. Dieser Verzicht macht sich insbesondere bei den Klientengruppen bemerkbar, die nicht im unmittelbaren Fokus des Lehrbuches stehen, die aber auch zu den Klienten der Sozialen Arbeit der Justiz gehören (z. B. Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, Suchterkrankte). Für diese Klientel findet man wenig im Lehrbuch.

Trotz dieser Kritik ist das Lehrbuch auch wegen seiner guten didaktischen Komposition ein sehr brauchbares Lehrwerk, das sich besonders dann besonders gut für die Lehre eignet, wenn man seine (meist sozialpädagogischen) Prämissen akzeptiert oder einordnen kann. Insbesondere gefallen die reichhaltige Literatur, die an den Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit orientierte Systematik, die vielfältigen Informationen und die gut durchgehaltene Gliederung. Zudem verdient die Suche nach (leider im deutschen Sprachraum überaus spärlichen) Wirkungsnachweisen einzelner Methoden großes Lob.

Literatur:

  • Andrews, Don/Bonta, James (2010): The Psychology of Criminal Conduct, Cincinatti
  • Gahleitner, Silke Birgitta; Hahn, Gernot; Glemser, Rolf (Hrsg.) (2014). Psychosoziale Interventionen. Köln
  • Heiner, Maja (Hrsg.) (2004): Diagnostik und Diagnosen in der Sozialen Arbeit. Ein Handbuch. Frankfurt
  • Klug, Wolfgang; Schaitl, Heidi (2012): Soziale Dienste der Justiz. Mönchengladbach
  • Morgenstern, Christine (2012): Europäische Standards für die Bewährungshilfe, in: Bewährungshilfe Jg. 59, (3), S. 213-238
  • Staub-Bernasconi, Silvia (2003): Diagnostizieren tun wir alle – nur nennen wir es anders, in: Widersprüche. Heft 88, 23. Jg., S. 33-40
  • Weaver, Beth (2014): Control or change? Developing dialogues between desistance research and public protection practice, in: Probation Journal, Vol 61 (1), S. 8-26

Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Klug
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Fakultät Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Wolfgang Klug. Rezension vom 02.02.2016 zu: Gabriele Kawamura-Reindl, Sabine Schneider: Lehrbuch Soziale Arbeit mit Straffälligen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3078-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19615.php, Datum des Zugriffs 27.06.2016.


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