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Florian Sedlacek: Strategische Jugendlichen­therapie (SJT) […]

Cover Florian Sedlacek: Strategische Jugendlichentherapie (SJT) bei internalisierenden Störungen und Schulverweigerung. Eine Evaluationsstudie. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2015. 312 Seiten. ISBN 978-3-7386-1473-2. 39,00 EUR.
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Entstehungshintergrund und Thema

Unter den verhaltenstherapeutischen Schulen in Deutschland ist die Kognitive Verhaltenstherapie in der Formulierung von Harlich Stavemann aktuell wahrscheinlich am bekanntesten. Zu deren Erfolg haben sicher die Griffigkeit der ABC-Verhaltensanalyse und die marktorientierte Veröffentlichungspolitik beigetragen.

Daneben existiert unter anderem aber auch die systematische Ausformulierung der Verhaltenstherapie durch Serge Sulz, der seit über drei Jahrzehnten in München ausbildet und forscht. Seine Fassung einer modernen Verhaltenstherapie lief zunächst unter dem Begriff der Strategischen Kurzzeittherapie (SKT) und wurde dann zur Strategisch-Behavioralen Therapie (SBT) umbenannt. Gegenüber dem Ansatz Stavemanns vermeidet der von Sulz die kognitivistische Engführung. Sein Ansatz ist durchweg auch bedürfnis- und emotionstheoretisch sowie entwicklungstheoretisch untermauert und versteht sich als integrative Therapie im Sinne von Klaus Grawe. Die SBT wurde in zahlreichen Büchern und Aufsätzen vorgestellt; viele dieser Publikationen verweigerten sich jedoch ein wenig dem etablierten Therapiebuch-Markt der einschlägigen Verlage. Erst in jüngster Zeit erschien eine Darstellung des Ansatzes von Gernot Hauke bei Springer (Strategisch Behaviorale Therapie – SBT: Emotionale Überlebensstrategien – Werte – Embodiment, 2012).

Zu den Vorzügen der SBT zählt auch von Beginn an die Ergänzung durch spezifische Diagnostik- und Arbeitsmaterialien wie dem Verhaltensdiagnostiksystem (Sulz, Serge. VDS Verhaltensdiagnostik-Materialmappe. München: CIP-Medien 2009). Dieses kam inzwischen auch bei mehreren Wirksamkeitsuntersuchungen zum Einsatz und so auch in der Studie für das vorliegende Buch, mit dem Florian Sedlacek für die Therapieindikation ‚Jugendliche mit internalisierenden Störungen und Schulverweigerung‘ eine Adaption des SBT-Ansatzes mit einem kleinen, aber feinen Design empirisch überprüft hat.

Das Buch ist das Ergebnis eines Promotionsprojektes.

Aufbau

Der Band ist in zwei Teilen aufgebaut.

Zum ersten Teil

Die erste Hälfte ist den allgemeineren Zusammenhängen der Thematik gewidmet. Hier werden entwicklungspsychologische, psychotherapeutische und gesundheitspädagogische Theoriekomplexe dargelegt, die für das Verständnis von Jugendlichen mit Ängsten und Depressionen von Bedeutung sind.

Den Kern dieses Abschnittes bildet aber die konzise Darstellung des SBT-Ansatzes. Dazu werden die zentralen Konstrukte der ‚Überlebensregel‘ und der ‚Reaktionskette‘ vorgestellt.

  1. Erstere ist ein individuell erlerntes psychoregulatives Schema, das dem Einzelnen einen möglichst konfliktfreien Umgang mit seinen zentralen Bedürfnissen und Ängsten ermöglicht, das aber auch die Grenze seiner Anpassungsfähigkeit markiert.
  2. Das zweite Theorem, die Reaktionskette, meint den in der Mikroverhaltensanalyse aufweisbaren Ablauf, der von einer primären Emotion und einem primären Handlungsimpuls ausgeht und dann über die Antizipation der Folgen dieses Impulses und der Mobilisierung einer gegensteuernden Emotion mit einer Vermeidung der primären Bewältigungsreaktion zu einem resultierenden Handlungsimpuls führt.

Die Bearbeitung dieser beiden Konstrukte stellt den Kern des psychotherapeutischen Vorgehens dar. Weiterhin ist für die SBT die Einbettung dieser verhaltenstheoretischen Konzepte in eine Entwicklungsperspektive charakteristisch. Mit ihr wird die Therapie entwicklungspsychologisch modifiziert. Dazu greift der Ansatz auf die klinische Entwicklungstheorie von Robert Kegan (Die Entwicklungsstufen des Selbst. Fortschritte und Krisen im menschlichen Leben. Stuttgart: Klett-Cotta, 6. Aufl. 1994) zurück. Der Darstellung seiner kognitiv-affektiven Entwicklungstheorie ist ein ganzer Abschnitt gewidmet.

Die weiteren Ausführungen zum Therapieansatz gehen dann auf die Therapieplanung und den Therapieprozess mit Jugendlichen allgemein ein und schildern dann detailliert die Strategische Jugendlichentherapie im teilstationären Setting. Weil aber die Psychotherapie nur einen Ausschnitt im Leben der Jugendlichen erreichen kann, behandelt der Autor auch die Verknüpfung der Psychotherapie mit pädagogischen und sozialarbeiterischen Kontexten.

Zum zweiten Teil

Die zweite Hälfte des Buches bildet dann der wissenschaftliche Bericht über eine Evaluationsstudie zu diesem Therapieansatz. In technischen Begriffen wurde ein quasiexperimentelles Design mit einer Eigenkontrollgruppe bei einer maximal 6-monatigen Wartezeit durchgeführt. Studienteilnehmer waren 14- bis 18-jährige Jugendliche in einer psychiatrischen Ambulanz, die wegen Ängsten und Depressionen nicht in der Lage waren, die Schule zu besuchen und dabei eine deutliche Schulunlust entwickelt hatten. Sie wurden teilstationär an fünf Tagen in der Woche behandelt. An die Behandlung schloss sich nach sechs Monaten eine Katamnese an. Die Fragestellung bezog sich überwiegend auf die Wirksamkeit des Ansatzes. Dazu wurde eine Reihe von Standardfragebögen sowie auch Fragebögen aus dem Verhaltensdiagnostiksystem wiederholt vorgegeben. Untersucht wurde nicht nur die statistische Wirksamkeit sondern auch die klinische Relevanz der erzielten Veränderungen.

Im Ergebnis zeigte sich eine sehr gute Entwicklung bei der erreichten Symptomreduktion, der Verbesserung der Lebensqualität und mehreren Aspekten des Selbstkonzepts. Die Zufriedenheit mit der Behandlung war bei Jugendlichen und ihren Eltern zu über 90 % gut oder sehr gut. Schließlich gingen zum Zeitpunkt der Katamnese zwei Drittel der Jugendlichen weiter regelmäßig zur Schule.

Diskussion

Das Buch befasst sich mit einer zeitgemäßen Psychotherapie für Jugendliche mit eher leisen Störungen, die aber persönlich und sozial folgenschwer sind. Es zeigt sehr anschaulich, wie bei ihnen in einer differenzierten Weise eine intensive Psychotherapie durchgeführt werden kann und es weist auf mehreren Ebenen die Wirksamkeit des vorgestellten Ansatzes nach.

Für das tiefere Verständnis der Problematik der betroffenen Jugendlichen wird durch die gründlichen, aber nicht ausufernden Kapitel zur Entwicklungstheorie und Psychotherapietheorie gesorgt. Die Darstellung geht auch einzeln auf die Bausteine der Therapie ein und macht die Detailarbeit in der Einzel- und der Gruppentherapie, im Elterntraining und in der alltagsorientierten Milieutherapie durchsichtig. Sie wird plastisch durch die mehrfach aufgenommenen Fallbeispiele, wie das des 17-jährigen Christoph, der in die 11. Klasse eines Gymnasiums geht, aber meist an etwa zwei Tagen pro Woche fehlt und an einer mittelschweren depressiven Episode leidet.

Das Buch lässt sich als Einführung in das vorgestellte Therapiekonzept für Jugendliche lesen, es stellt aber kein Manual dar. Gleichwohl werden sämtliche relevante Therapiematerialien darin nachgewiesen und lassen sich leicht auffinden. Neben der spezifischen Jugendlichentherapie führt das Buch aber auch allgemein in den Ansatz der Strategisch-Behavioralen Psychotherapie in einer knappen und anschaulichen Weise ein.

Die SBT stellt eine störungsunspezifische Therapie dar, für die mittlerweile eine Reihe von Wirksamkeitsuntersuchungen für verschiedene Indikationen durchgeführt wurde. Hier knüpft das vorliegende Buch an und offeriert weitere überzeugende Wirksamkeitsbelege. Es zeigt dabei auf exemplarisch Weise, wie mit einem noch überschaubaren Aufwand ein individuenbezogenes Programm in einem naturalistischen Umfeld professionell evaluiert werden kann. Der Leser mit Evaluationsinteressen kann hier eine Vielzahl praktischer Einzelheiten lernen, wie etwa die Konstruktion einer Eigenkontrollgruppe, die Auswahl und den Einsatz geeigneter Instrumente, um Verlauf und Ergebnis in mehreren Perspektiven abzubilden, oder auch eine Auswertungstechnik, die sowohl auf statistische Signifikanz als auch auf klinische Wirksamkeit zielt.

Von den vielen Ergebnissen sei nur auf eines hingewiesen, das für die Soziale Arbeit von Bedeutung ist: Klienten, bei denen die Empfehlung zu einer Fortführung der Betreuung, zum Beispiel mit einer Familienhilfe nicht umgesetzt wurde, schnitten beim längerfristigen Therapieerfolg deutlich schlechter ab. Hier wird die Notwendigkeit eines professionsübergreifenden Zusammenwirkens einmal empirisch belegt und nicht nur programmatisch gefordert.

Fazit

Das Buch berichtet wissenschaftlich anspruchsvoll, aber auch anschaulich und gut verständlich aus der Werkstatt der Psychotherapieforschung. Es schildert die Konzeption eines integrativen und hochaktuellen Ansatzes der Jugendlichentherapie und bietet darüber hinaus eine Einführung in den Strategisch-Behavioralen Ansatz allgemein. Schließlich kann es auch als Anleitung zu einer praxisnahen, aber professionellen Wirkungsforschung für individuenzentrierte Interventionsansätze mit großem Gewinn gelesen werden.

English version, translated from German version by Carl Heese

Background

Among behavioural schools in Germany the cognitive behavioural therapy by Harlich Stavemann is probably the best known at the time being. The fact that the ABC behavioural analysis is easily graspable and a policy of market-oriented publications have contributed to its success. Besides that however there exists the behavioural therapy formulated by Serge Sulz who has been teaching and researching in Munich for more than three decades. His version of a modern behavioural therapy was first known as Strategic Brief Therapy and was later renamed to Strategical Behavioural Therapy (SBT). Compared to Stavemann Sulz avoids the limitation on the cognitive. His approach is consistently substantiated by theories of needs, emotions and development – it defines itself as integrative therapy in the terms of Klaus Grawe. The SBT has been presented in various books and professional articles. Yet many of these publications have not been open to the market of established therapy books in relevant publishing companies. Only recently a presentation of the theory by Gernot Hauke was published by Springer.

One of the advantages of SBT is the supplementation with different diagnostic and working materials, e.g. the VDS. This has been used in different efficacy researches like the study by Florian Sedlacek who has tested the adaption of the SBT approach for the therapeutically indication “youth with internalising disorders and school refusal”. The book is the result of a doctoral project.

Structure

The volume consists of two parts. The first half attends to the general context of the topic. It gives a summary of theories on developmental psychology, psychotherapy and health education that are of relevance for understanding juveniles with anxiety and depression. The centre point of this part however is the concise description of the SBT approach. To achieve this the essential constructs “rule of survival” and “Chain of reaction” are described. The first is an individually learned psychological pattern that allows the individual to deal with his/her central needs and anxieties as free of conflict as possible and at the same time marks the limits of his/her adaptability. The second theorem, the chain of reactions, means a process that can be verified in micro behavioural analysis. It starts with a primary emotion and a primary impulse to act; an anticipation of the results of such acting followed by the mobilisation of a counter-steering emotion and the avoidance of the prime coping reaction leads to a resulting acting impulse. Work on both concepts is the centre of behavioural therapy. Furthermore the SBT is distinguished by the integration of the concepts into a prospect of development. Thus the therapy is modified in a developmental psychological respect.

For that purpose the approach refers to the clinical theory of development by Robert Kegan. A complete chapter is dedicated to the description of his cognitive-affective developmental theory. This is followed by general explanations on planning and performing therapy with juveniles and a detailed description of Strategic Juvenile Therapy in a semi residential setting. Because therapy can only reach one part of the life of adolescents the author deals with the connection of psychotherapy and contexts of pedagogy and social work.

The second half of the book is the academic report about an evaluation of this therapy approach. In technical terms a semi-experimental design with a self-controlling group and six months waiting-time has been executed. Participants of the study were adolescent out-patients between 14 and 18 who were not able to go to school due to anxiety and depression and as a result had developed a clear tendency to avoid school. They were treated five days a week. The treatment was followed by six months catamnesis. Questioned was mainly the efficacy of the approach. Used were standard questionnaires and elements out of the behavioural diagnostic system.

Analysed was not only the statistical efficacy but the clinical relevance of the achieved changes. The results showed a very good development concerning the reduction of symptoms, the improvement in quality of life and various aspects of self-concept. Contentment of juveniles and their parents with the treatment was at 90% good or very good. At the time of the catamnesis two thirds of the young patients went to school regularly.

Discussion

The book is about an up to date psychotherapy for adolescents with rather mild troubles that however may be of serious personal and social consequences. It shows how here an intensive psychotherapy can be performed in a differentiated way and it proves in various dimensions the efficacy of the approach in question.

Deep understanding of the problems of affected juveniles is achieved by the thorough chapters on theories of development and psychotherapy. A detailed account of the different parts of the therapy is provided and elements of single- as well as group-therapy are made transparent. It is filled with life by using case-studies like that of 17-year-old Christopher who attends the 11th form of a “Gymnasium” but suffers from a medium depression and misses school about two days a week.

The book can be read as an introduction into the topic but is not a manual. However, all relevant materials for the therapy are verified and can be easily found. Besides informing about the therapy for adolescents the book is a short but clear introduction into the general use of the SBT.

SBT is a therapy unrelated to special forms of disturbances for which various efficacy-studies for different indications have been conducted. The book in hand ties in with these studies and offers further convincing prove of efficacy. It shows further how an individual programme can be manageably evaluated in a natural environment. Readers interested in evaluation can learn a lot of practical details like the construction of a self-control-group, the selection and the use of instruments to represent the process and the results on different scales as well as an evaluation technique that aims at statistical significance and clinical efficacy.

Of the multiple results we only point at one of importance for social work: Clients who neglected the advice to continue using psycho-social care showed lower results in long-term therapy-success. Here the necessity of cooperation between different professions is empirically verified and not just postulated.

Conclusion

The book reports scientifically demanding but readable on therapy-research. It depicts the concept of an integrative and highly actual approach within therapy for adolescents and beyond that offers a general introduction into SBT. Finally it can be read as instruction for a practical but highly professional efficacy-research for an approach of intervention centred on the individual.


Rezensent
Prof. Dr. Carl Heese
Homepage www.ku.de/ppf/paedagogik/sozpaed/lehrstuhl/
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Zitiervorschlag
Carl Heese. Rezension vom 22.10.2015 zu: Florian Sedlacek: Strategische Jugendlichentherapie (SJT) bei internalisierenden Störungen und Schulverweigerung. Eine Evaluationsstudie. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2015. ISBN 978-3-7386-1473-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19655.php, Datum des Zugriffs 26.06.2016.


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