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Pascal Jäggi: Die Theorie des kommunikativen Handelns als sozialpädagogische Handlungstheorie

Cover Pascal Jäggi: Die Theorie des kommunikativen Handelns als sozialpädagogische Handlungstheorie. Edition Soziothek (Bern) 2015. 66 Seiten. ISBN 978-3-03796-544-3.

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Thema und Entstehungshintergrund

Bei der Publikation handelt es sich um eine „exemplarische Fallanalyse zur Anwendbarkeit der Theorie des kommunikativen Handelns auf konkrete sozialpädagogische Handlungsprobleme in der Zusammenarbeit mit verhaltensauffälligen Jugendlichen“. Der Verfasser ist als Ausbildungsbegleiter in einer sozialpädagogischen Einrichtung für verhaltensauffällige Jugendliche in der Schweiz tätig; das ausgewählte und theoretisch analysierte Fallbeispiel entstammt dem Arbeitsfeld des Verfassers. Das elektronische Buch basiert auf einer Überarbeitung der vom Verfasser bei der Berner Fachhochschule eingereichten Bachelorthesis,

Aufbau

Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile.

  1. Im ersten Teil wird ein so genannter Theoriebogen entwickelt. Dieser Theoriebogen spannt sich von der Theorie des kommunikativen Handelns als sozialpädagogische Handlungstheorie über theoretische Ausführungen zur Verhaltensauffälligkeit bei Jugendlichen hin zu theoretischen Reflexionen auf der Ebene des Kontaktes.
  2. Dieser Theoriebogen ist die Reflexionsgrundlage für den zweiten Teil, die Analyse des Falles eines verhaltensauffälligen Jugendlichen. Bei der Analyse geht der Verfasser den umgekehrten Weg, beginnend mit dem letzten Teil des Theoriebogens und endend mit dem ersten theoretischen Ansatz.

Inhalt

Die Theorie des kommunikativen Handelns wird eingespannt in das Phänomen der gesellschaftlichen Deregulierung, die zu Legitimationsproblematiken führt, in deren Folge die Lösung sozialer Probleme zunehmend in die primären sozialen Netze rückverlagert wird. Die Differenz zwischen gesellschaftlichen Systemen und alltäglichen Lebenswelten muss vor diesem Hintergrund neu bestimmt werden und damit wird die Legitimation von Geltungsansprüchen zu einem Thema der Theorie des kommunikativen Handelns nach Habermas. Kommunikatives Handeln ist von strategischem Handeln, das der instrumentellen Vernunft unterliegt, zu unterscheiden. Erst ein partizipativer Diskurs, der unter herrschaftsfreien Bedingungen geführt werden muss, kann zu normativem Konsens führen.

Im sozialpädagogischen Handeln sieht der Verfasser beide Typen als gegeben an: Strategisches Handeln kann dazu führen, Beziehungsabbrüche zu vermeiden und Situation zu schaffen, in denen kommunikatives Handeln entstehen kann. Wobei zu beachten ist, dass bei strategischem Handeln bestehende Machtverhältnisse reproduziert werden; kommunikatives Handeln hingegen kann durch Zwang nicht auferlegt werden kann, es geschieht auf der Basis der Freiwilligkeit. Ausgehend von dieser Dichotomie wird in der Arbeit zwischen Systemintegration und Sozialintegration unterschieden Die Systemintegration unterliegt der instrumentellen Vernunft und damit dem strategischen Handeln, im Gegensatz zur Sozialintegration, die kommunikatives Handeln voraussetzt und „sich an lebensweltlichen Kontexten orientiert“ (S. 15)

Verhaltensauffälligkeiten von Jugendlichen werden durch die Referenz auf gesellschaftlich anerkannte Normen definiert und rufen Resozialisierungsprozesse aus. Die dabei beteiligten Institutionen sieht der Verfasser „auf einem Kontinuum zwischen Freiheit und Zwang. Dieses Kontinuum erstreckt sich von lebensweltlicher Eingewöhnung in die Kultur unserer Gesellschaft bis hin zum zwangsverordneten Eingesperrtsein“ (S. 18) Sozialpädagogische Einrichtungen müssen sich an der Sozialintegration ausrichten, von strategischem Handeln ausgehend Freiräume für kommunikatives Handeln ermöglichen.

Im folgen Kapitel wird das Phänomen der Verhaltensauffälligkeit bei Jugendlichen thematisiert. Der Soziale Ort nach Bernfeld wird als Kategorie bestimmt, die Verhaltensauffälligkeit rekonstruierbar und verstehbar machen kann. Des Weiteren bezieht sich der Verfasser in diesem Unterkapitel auf die Phase der Adoleszenz und deren Typologie nach Erdmann.

Der Abschluss des „Theoriebogens“ ist überschrieben mit „Die Ebene des direkten Kontaktes“. Hierzu wird ein Bezug zum Begriff der Phantasie nach Marcuse hergestellt. Nach Marcuse kann Phantasie ein Bild eines gelingenden Lebens entwerfen. Bezogen auf Verhaltensauffälligkeiten bei Jugendlichen bedeutet dies: „Erstens muss Phantasie zugelassen werden. Zweitens muss verhindert werden, dass die Phantasie in die Utopie abrutscht“ (S. 30).

In einem kurzen Abriss wird abschließend der Ästhetikbegriff von Bateson eingeführt, der auf Anerkennung des und Einfühlung in den jeweiligen sozialen Kontext gründet.

Der zweite Teil befasst sich mit einer exemplarischen Fallanalyse eines verhaltensauffälligen Jugendlichen. Diese Analyse wird in Form eines Theorie-Praxis-Transfers durchgeführt. Der Verfasser beginnt mit dem letzten Teil des Theoriebogens und thematisiert zunächst die Ebene des direkten Kontaktes. Danach wird der Fall hinsichtlich Bernfelds Kategorie des sozialen Ortes und der Adoleszenztheorie von Erdmann reflektiert. Die Arbeit schließt mit einem Bezug zur Theorie des Kommunikativen Handelns.

Diskussion

Ausgehend vom Titel wird die Erwartung geweckt, dass die Theorie des kommunikativen Handelns im Mittelpunkt der Arbeit angesiedelt ist und die Arbeiten von J. Habermas rekonstruiert und auf das sozialpädagogische Handeln bezogen werden. Überraschend stellt sich dann heraus, dass der Verfasser sich mit der Theorie des kommunikativen Handelns nur auf der Basis von Sekundärliteratur von M. A. Graf befasst, die dann referiert wird. Nicht richtig nachvollziehbar ist der vom Verfasser sogenannte Theoriebogen im ersten Teil. Die Auswahl der theoretischen Ansätze wirkt konstruiert; insbesondere im letzten Theorieteil zu den Ausführungen zu H. Marcuse und G. Bateson, die nur ansatzweise skizziert werden.

Auch die Fallanalyse wirkt konstruiert und man ist verwundert, dass dem Verfasser in der direkten Fallarbeit eine nahtlose Übertragbarkeit der Theorie in die Praxis gelungen ist. Es wird der Anschein geweckt, als hätte der Verfasser vor Beginn der Fallarbeit den Theoriebogen entwickelt, dessen Richtigkeit dann im Handeln verifiziert wird. Insgesamt kommt die eigentliche Fragestellung zu kurz.

Fazit

Eine Bachelorthesis, die auf einer sehr guten theoretischen Abstraktionsebene angesiedelt ist, die jedoch dem Anspruch, der in der leitenden Fragestellung formuliert wird, nicht gerecht werden kann. Die Begründung der Theorie des kommunikativen Handelns als sozialpädagogische Handlungstheorie ist in dem begrenzten Raum eines Bachelorthesis wohl nicht erreichbar.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Hochenbleicher-Schwarz
Homepage www.dhbw-vs.de
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Zitiervorschlag
Anton Hochenbleicher-Schwarz. Rezension vom 29.12.2015 zu: Pascal Jäggi: Die Theorie des kommunikativen Handelns als sozialpädagogische Handlungstheorie. Edition Soziothek (Bern) 2015. ISBN 978-3-03796-544-3. Elektronisches Buch. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19714.php, Datum des Zugriffs 30.09.2016.


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