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Thomas Beyer, Edmund Görtler u.a. (Hrsg.): Seniorengenossenschaften. Organisierte Solidarität

Cover Thomas Beyer, Edmund Görtler, Doris Rosenkranz (Hrsg.): Seniorengenossenschaften. Organisierte Solidarität. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 298 Seiten. ISBN 978-3-7799-2993-2. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Der Zwischenbereich zwischen staatlich und parastaatlich vorgehaltenen und privatwirtschaftlich angebotenen Leistungen bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit im Alter, der sogenannte Dritte Weg, ist mittlerweile ein buntes Feld: Nachbarschaftliche Hilfe auf Zuruf, Quartiersinitiativen, Hilfebörsen, Besuchsdienste, Ehrenamtsgruppierungen. Vieles an Initiativen hat sich hier gebildet, teils von Kommunen, Vereinen oder Kirchengemeinden angestoßen, teils autonom entstanden. Das mag sich rechtlich verselbstständigen oder einfach beim Initiator angebunden sein. Seniorengenossenschaften haben sich in dieser selbsthelferischen Szene als organisierte gegenseitige Hilfe Engagierter in den 1990er Jahren vernehmlich bemerkbar gemacht. Ihre Potenziale, Methoden, Rechtsformen und Wirkungen ergründet der auf Anstoß des Bundesministeriums für Bildung und Forschung BMBF entstandene, bei Beltz Juventa erschienene Band „Seniorengenossenschaften. Organisierte Solidarität“.

Autor

Herausgegeben wird der neue Band „Seniorengenossenschaften“ von Professor Dr. iur. Thomas Beyer für Recht der Sozialen Arbeit und Sozialwirtschaft an der Technischen Hochschule Nürnberg, Dipl.-Politologe Edmund Görtler vom Institut für Wirtschafts- und Sozialforschung Bamberg und Professorin Dr. rer. pol. Doris Rosenkranz für Soziologie und Sozialwirtschaft an der Technischen Hochschule Nürnberg.

Aufbau und Inhalt

Die 33 Einzelbeiträge des Bandes „Seniorengenossenschaften“ sind in die drei Abschnitte gegliedert

  1. Grundlagen und Rahmenbedingungen,
  2. Seniorengenossenschaften: Neue Partnerschaften oder neue Konkurrenz? und
  3. Praxisbeispiele.

In den Beiträgen Grundlagen und Rahmenbedingungen werden die Freiwilligkeit einer Seniorengenossenschaft, die Bereitschaft zum Engagement ihrer Mitglieder und die Erhöhung der gesellschaftlichen Teilhabe der Beteiligten betont. Gewarnt wird davor, sie als Ersatz für Leistungen der öffentlichen Daseinsvorsorge in der Altenhilfe und zu deren Verringerung zu missbrauchen. Die Verbindlichkeit der generierten gegenseitigen Hilfe, wobei man bei Wohlergehen anderen hilft, bei Hilfebedürftigkeit von diesen Beistand bekommt, schlägt sich in einer Rechtsform nieder. Dabei überwiegt der eingetragene Verein mit 77 Prozent weit, und die eigentliche eingetragene Genossenschaft, also die eG im engeren Sinn, wie auch die Gesellschaft bürgerlichen Rechts GbR und die Gesellschaft mit beschränkter Haftung GmbH sind in der Minderzahl. Für 2013 gibt Stefanie Fraaß im neuen Band bundesweit 198 Seniorengenossenschaften an. Die Aktiven erhalten entweder eine auszahlbare Aufwandsentschädigung oder ansparbare Zeit-/Punkte-Gutschriften für späteren Hilfe-Bezug. Die Hilfebedürftigen rufen die Leistungen an Diensten und/oder Beistand ab und werden mit einem Betrag belastet, der mit durchschnittlich 8 Euro etwas höher liegt als der den Aktiven gewährte Aufwandsersatz. Oder aber die Hilfeempfänger setzen ihnen gutgeschriebene Stunden bzw. Punkte ein. Für die organisatorische Arbeit wird eine Verwalterpauschale eingerechnet. Hauptamtliches Personal ist in der Minderheit. Die auf Gegenseitigkeit der Hilfe angelegte Reziprozität problematisieren Ursula Köstler und Frank Schulz-Nieswandt sogar mit dem Hinweis auf ein Mehr an Hingabe und der Bereitschaft zu einem Gabe-Überschuss, weswegen einige Initiativen das Ansammeln von Gutschriften begrenzen. Bei der Untersuchung der Besonderheit des seniorengenossenschaftlichen Engagements in Anbetracht der in die Nähe des Mindestlohns kommenden Aufwandsentschädigungen sieht Thomas Beyer aber dennoch die Förderung des selbstbestimmten Lebens im Alter im Vordergrund stehen. Folglich entsteht hier ein Gegenmodell zu profitorientiertem Kapitalismus und ein Schritt zur Postwachstumsgesellschaft. Für Thomas Klie hat die Subsidiarität in Zusammenschlüssen kleinräumigen Miteinanders auch die eigenständig-eigensinnige Verantwortungsübernahme lokaler Vor-Ort-Einheiten zu respektieren. Groß-organisationelle Stromlinienform bleibt dann zu Recht außen vor. Regional werden Blicke auf seniorengenossenschaftliche Bestrebungen in Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen geworfen. Es folgen noch die praktische Schilderung des Entstehens eines genossenschaftlichen Betreuten Wohnens durch Andreas Wieg und der Bericht von der Bildung einer Seniorengenossenschaft durch Gerd K. Schaumann.

Im Abschnitt Neue Partnerschaft oder Konkurrenz? geht es um das Verhältnis zwischen dieser neuen genossenschaftlichen Selbsthilfe im Alter und den etablierten Trägern der Wohlfahrt in Staat und Verbänden. Auf den urdemokratischen Charakter der Genossenschaft ohne Majorisierung durch Starke wird verwiesen. Der Vorteil von vor Ort gelebter Solidarität wird unterstrichen. Seniorengenossenschaften eigneten sich als Quartiersentwickler und -koordinatoren. Akzente können nach den Bedürfnissen der Basis gesetzt werden. Problematisiert werden aber auch die Kompetenzen der Ehrenamtler sowie die drohende Verantwortungsabschiebung der Kommunen auf die Selbsthilfe. Unterbezahlte Selbsthilfe-Akteure dürfen Professionellen aber auch keine unerlaubte Konkurrenz machen. Dies ist im vorpflegerischen Bereich aber nicht problematisch. Besonders im ländlichen Raum leisten Seniorengenossenschaften sogar einen Beitrag zur Daseinsfürsorge.

Im seinem Schlussteil schildert der Band Seniorengenossenschaften nach einer Einleitung von Edmund Görtler zu Finanzierung, Versicherungsschutz, Öffentlichkeitsarbeit und Nachhaltigkeit der Genossenschaften 15 Praxisbeispiele von Senioreninitiativen in Riedlingen, Bad Ditzenbach, Ravensburg, Mannheim (Baden-Württemberg), Heroldsbach, Kronach, Nandlstadt, Nürnberg, München (Bayern), Hofheim, Dietzenbach (Hessen), Preußisch Oldendorff, Sundern, Hamm (Nordrhein-Westfalen) und Ried (Österreich).

Diskussion

Eine Alternative zur dualen Altenhilfe (aus staatlichen/parastaatlichen Organisationen und privatwirtschaftlichen Diensten) in Form selbstorganisierter Hilfsaggregate ist wichtig und willkommen. Seniorengenossenschaften können in diesem Zwischenbereich mit ihrem ehrenamtlichen Angebot und der Mitglieder-Nachfrage bereichernd sein. Sie haben strukturelle Vorteile: Direkt-demokratische Willensbildung ohne Majorisierung durch Starke, gelebte Solidarität, unbürokratisch geltend machbare Bedürfnisse, auf sich ändernde Gegebenheiten schnell reagierende Nachhaltigkeit.

Wenn es so ist, müssten die Seniorengenossenschaften im engeren Sinn, also sich als eingetragene Genossenschaft betätigende Mitgliederorganisation, viel verbreiteter sein. In Wirklichkeit haben aber nur 6 Prozent der untersuchten Seniorengenossenschaften diese Rechtsform. Über diese geringe Verbreitung, die den einzusetzenden, finanziellen Genossen-Anteilen, der belastenden Verwalterpauschale und der Kosten verursachenden Zugehörigkeit zu einem genossenschaftlichen Prüfverband geschuldet ist, sagt der Band wenig aus. Immerhin räumt Edmund Görtler für die geschilderten Praxisbeispiele ein, dass es sich nur zum Teil um echte Seniorengenossenschaften handelt (Seite 195). So nimmt es auch nicht Wunder, dass die organisationskritischen Beiträge mehr strukturell bei der Rechtsform ansetzen und die Vorliebe der Seniorengenossenschaften im weiteren Sinn für die Rechtsform des eingetragenen Vereins hervor kehren. Hier gelangt man schnell in Abgrenzungsschwierigkeiten zu Nachbarschaftshilfen, Generationsprojekten, Hilfebörsen, Mehrgenerationsaktivitäten, Freiwilligendiensten, Quartiersbelebungen und sonstigen Wohltätigkeitsinitiativen.

Schließlich sind auch Genossenschafts-Einlagen von 10.000 Euro bei Rechtsträgern mit hauptamtlichem Personal kein Pappenstiel (Seite 113). Der ökonomische Benefit dürfte auch da gering sein, wo monatliche Kosten von durchschnittlich 1.300 Euro (Seite 111) für ein Wohnprojekt anfallen. Die Leistungsbezieher ambulanter Hilfen zahlen durchschnittlich auch 8 Euro für eine empfangene Hilfe- bzw. Beistand-Stunde, was für Kleinrentner schon an die Schmerzgrenze kommt; vor allem, wenn sie kein persönliches Stunden-/Punkte-Guthaben mehr zur Verfügung haben.

Hier reflektieren die Buch-Beiträge auch zu wenig den psychologisch belastenden Effekt der Schieflage des persönlichen Genossen-Kontos, wenn auf diesem das aus guten Zeiten durch Dienste-Erbringung in Zeit bzw. Punkten Angesparte in Mangelsituationen aufgebraucht ist, somit bei Dienste-Abruf ins dauernde Defizit gerät. Denn eine Besserung der persönlichen Situation zur aktiven Leistungsfähigkeit mit dem erneuten Einsammeln von Stunden oder Punkten zum Löschen der Negativbilanz ist dann meist nicht mehr zu erwarten. Im Fall Ravensburg werden in diesem Fall nur 4 Euro pro Stunde verlangt (Seite 226).

Durch die hohe Zahl der Einzelbeiträge des Bandes wird die demografische Ausgangslage in ihrem Wandel darin zu oft thematisiert. Immer wieder das Gleiche zu lesen ermüdet. Zu wenig hinterfragt hingegen werden beim propagierten Care-Mix und Wohlfahrtspluralismus die Kosten dieser Mehrfachstrukturen und die Unübersichtlichkeit des Gesamtsystems für die Nutzer.

Auch wird die mangelnde Kompetenz der nichtprofessionellen Ehrenamtler nicht ausreichend genug zur Sprache gebracht. Freiwillige Ehrenamtliche als Quartiersentwickler und Hilfekoordinatoren vorzusehen (Seite 151) ist recht kühn. Der Satz, dass durch Seniorengenossenschaften „professionelle Leistungen nicht vollständig ersetzt werden können“ (Seite 176) ist in seiner hohen grundsätzlichen Erwartungshaltung sehr mutig. Im Grunde können sie es nämlich aus haftungsrechtlichen und berufspolitischen Gründen gar nicht.

Ein geografischer Fehler ist im Steckbrief auf Seite 218 unterlaufen: Bad Ditzenbach liegt in Ostwürttemberg und nicht in Nordrhein-Westfalen.

Fazit

Die Schilderung der Seniorengenossenschaften ist eine brauchbare Reflexionshilfe bei der Konzipierung freier Altenhilfe-Initiativen. Voraussetzungen, Rechtsform, Finanzierung und Möglichkeiten zum Bilden und Betreiben einer Seniorengenossenschaft werden anschaulich dargetan. Die Kritik an den Möglichkeiten von Seniorengenossenschaften im engeren Sinn im gegenwärtigen deutschen System der Altenhilfe bleibt jedoch unterbelichtet. Die Schwächen der Organisationsform für die Alten-Selbsthilfe werden eher zwischen den Zeilen sichtbar.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 05.02.2016 zu: Thomas Beyer, Edmund Görtler, Doris Rosenkranz (Hrsg.): Seniorengenossenschaften. Organisierte Solidarität. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-2993-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19762.php, Datum des Zugriffs 28.07.2016.


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