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Marshall B. Rosenberg: Erziehung, die das Leben bereichert

Cover Marshall B. Rosenberg: Erziehung, die das Leben bereichert. Gewaltfreie Kommunikation im Schulalltag. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2004. 167 Seiten. ISBN 978-3-87387-566-1. 16,90 EUR, CH: 30,10 sFr.

Originaltitel: Life enriching education.
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Einführung in das Thema

Das vorstehende Buch ist ein Spezialbuch für die Schule und für Ausbildungssituationen. Es tritt eigenständig neben die bereits zum Thema Gewaltfreie Kommunikation erschienenen Bücher (Marshall B. Rosenberg, "Gewaltfreie Kommunikation, Aufrichtig und einfühlsam miteinander sprechen" und Ingrid Holler "Trainingsbuch, Gewaltfreie Kommunikation"). Es wendet sich speziell an alle, die mit der klassischen Schulsituation in Kontakt sind, speziell die Lehrer, die Verwaltungsmitarbeiter, die Eltern, die Schüler. Die dort enthaltenen Ansätze sind aber auch auf alle Unterrichts- und Fortbildungssituationen in Unternehmen unter dem Ansatz des lebenslangen Lernens des Menschen übertragbar.

Wer das Buch ohne Kenntnisse zur gewaltfreien Kommunikation liest, wird die einzelnen Elemente der gewaltfreien Kommunikation und deren Umsetzung in Kapitel 3 und 4 beschrieben finden. Die Darstellung erfolgt speziell aus dem Blick des Lehrers in der Lehrsituation. Dieses Wissen war oftmals nur durch Teilnahme an Seminaren mit Marshall Rosenberg und Videos von solchen Seminaren in Teilaspekten für sich selbst erreichbar. Das Buch stellt - neben diesem verfügbaren einzelnen Pusselteilen - endlich das vollständige Gesamtkonzepts dar. Es ist ein Buch aus der Praxis für die Praxis. Man merkt an den Beispielen und Übungen, dass es auf den Erfahrungen aus Marschall B. Rosenbergs Schularbeit in den USA und anderen Teilen der Welt stammt. Dort wurde es nach Darstellung des Autors bereits an verschieden Schulen erprobt und umgesetzt.

Aufbau

Im Buch sind folgende Kapitel enthalten:

  1. Auf dem Weg zu einer Erziehung, die das Leben bereichert
  2. Lebensbereichernde Inhalte vermitteln
  3. Aussagen einfühlsam hören
  4. Wie sich partnerschaftliche Beziehungen zwischen Lehrern/innen und Schülern/innen aufbauen lassen
  5. Aufbau einer Gemeinschaft. Lernen auf der Grundlage gegenseitiger Verbundenheit
  6. Schulen transformieren

Inhalt

Das Buch ist nicht nur ein "Theoriebuch", sondern enthält auch für den Lesenden sieben Übungen aus Schulsituationen, an denen der Leser ein Gefühl dafür entwickeln kann, ob eine Botschaft gewaltfrei im Sinne der GFK geäußert wurde oder nicht. Diese kleinen Übungen geben auch kleine Einzelbeispiele, wie etwas gewaltfrei ausgedrückt werden könnte. Sie lassen erahnen, wie das umgesetzte Modell den Schulalltag verändern könnte. Die Darstellung erfolgt aus typischen Problemsituation mit den Lehrer umgehen müssten. Dabei wird die Wirkung der veränderten Umgehensweise der gewaltfreien Kommunikation weiter durch fünf eingestreute Geschichten aus konkret erlebten Schulsituationen plastisch gemacht.

Im ersten Kapital plädiert Marschall B. Rosenberg für Organisationen, die das Leben bereichern. Wichtig ist ihm, dass es zwischen Teilnehmern solcher Organisationen eine emphatische Verbindung untereinander gibt. Diese Personen haben das Interesse für die Bedürfniserfüllung des Anderen sowie der eigenen Bedürfnisse. Sie machen dies aus einem Bewusstsein des miteinander verbunden sein und handeln mit der Intention, das eigene Leben und auch das Leben Anderer zu bereichern.

Lebensbereichernde Erziehung versucht ein symbiotisches System aufzubauen. Diese Systeme sind gekennzeichnet durch die Aspekte partnerschaftlich zusammen zu arbeiten, kooperativ und einvernehmlich Arbeitsziele festzulegen, eine prozessorientierte Sprache zu gebrauchen (gewaltfreie Kommunikation). Diese lenkt die Aufmerksamkeit auf

  1. Die Gefühle und Bedürfnisse, die den jeweiligen Menschen motivieren.
  2. Auf die Frage, welche Aktivitäten den eigenen Bedürfnissen am besten gerecht werden und zwar nicht auf Kosten des anderen Menschen.

Wichtig ist das Schüler durch ihre ursprüngliche Lebensfreude motiviert werden und nicht durch Angst vor Strafe oder versprochene Belohnung. Zu Beginn jeden Schuljahres sollen die Bedürfnisse des Einzelnen festgestellt werden. Sie finden also nicht erst am Ende statt, um zu bestimmen, ob die einzelnen Schüler bestraft werden sollen. An Stelle von Zensuren treten Beurteilungen der Lernfähigkeit der Schüler, in denen beschrieben wird, welche Fertigkeiten und welches Wissen Sie erworben haben. Es soll Lerngemeinschaft entstehen, die Schüler dazu anhält, sich umeinander zu kümmern und Anderen beim Lernen zu helfen, statt mit ihnen um eine begrenzte Anzahl von Preisen für besonders gute Leistung zu kämpfen. Eine Gemeinschaft, deren Anliegen es ist, alle Schüler darin zu unterstützen, dass sie ihre Ziele erreichen. Alle Regeln und Bestimmungen werden einvernehmlich von den Beteiligten festgelegt von Schülern, Lehrern, Eltern und Verwaltungsangestellten. Macht wird nur zum Schutz von Bedürfnissen wie Gesundheit und Sicherheit ausgeübt, niemals mit der Absicht jemanden zu bestrafen.

In Kapital 2 widmet sich Marshall B. Rosenberg dem Thema, wie lebensbereichernde Inhalte zu vermitteln sind. Hier werden die Einzelbausteine der gewaltfreien Kommunikation, konkret auf die Lehrersituation dargestellt, die ja klassisch von einer Über/Unterordnung in einem richtig und falsch gekennzeichnet ist. Im Einzelnen wird besprochen:

  • klar zu beobachten ohne Bewertung mit einfließen zu lassen,
  • Gefühle wahrnehmen und ausdrücken,
  • Bedürfnisse erkennen,
  • Bitten zu formulieren, die das Leben schöner machen.
  • Der Unterschied zwischen Bitte und Forderung.

Kapital 3, "Aussagen einfühlsam hören", beschäftigt sich mit dem Thema der Empathie (Einfühlsamkeit). Wie kann man mit dem Anderen Kontakt aufbaut, insbesondere wenn dieser durch eigene Emotionen wie starke Gefühle, Wut, Hass und Angst blockiert sind?

Kapital 4 widmet sich dem Thema partnerschaftliche Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern. Dabei kommt er auf das Kernproblem zu sprechen, wie man als Lehrer, der ja als Beamter seine Vorgaben hat hinsichtlich des Unterrichtsinhaltes und der zu lernenden Unterrichtsgegenstände, diese vorgegebenen Vorgaben in einem partnerschaftlichen System umsetzen kann. Wie geht man mit dem Nein des Schülers um, "das will ich nicht lernen". Er stellt dabei klar, dass er kein autoritäres Konzept (die Lehrer bestimmen die Ziele) aber auch kein antiautoritäres Konzept (nur die Schüler bestimmen die Ziele) anstrebt, sondern eine lebensbereichernde Erziehung, die nur Ziele verfolgt, auf die sich Lehrer und Schüler gemeinsam geeinigt haben. Nachfolgend erörtert er, wie man zu einem solchen Einigungsprozess kommen kann. Er begründet die These, weswegen solche Systeme für die Schüler motivierender und besser nachzuvollziehen sind als autoritäre Systeme. Er legt dar, weswegen er für Verantwortlichkeit: "Ja" plädiert und für Zensuren: "Nein". Die Alternative zur den Zensuren besteht in Beschreibung der erreichten Ziele und der erfolgten Entwicklung. Dies ähnelt dem, was anstelle der Zensuren derzeit (in einigen Bundesländern) für die 1. und 2. Klassen der Grundschulen praktiziert wird.

Im Kapital 5, Aufbau einer Gemeinschaft Lernender auf der Grundlage gegenseitiger Verbundenheit, zeigt der Autor konkret, wie dieser Prozess der gemeinsamen Zielvermittlung, Kontrolle und Erreichung konkret aussieht. Der Lehrer wird "vom autoritären Pauker" zum "Lernreiseberater und Feed-back-Geber". Über Tutorensysteme unterrichten Schüler sich gegenseitig. Diese aus Kleinstschulen kommende Idee, wo mehrere Jahrgänge in einer Klasse unterrichtet werden müssen, hätten sich dort gut bewährt und zu erstaunlichen Ergebnissen geführt. Schüler könnten oftmals Schülern Sachverhalte besser erläutern als ein Lehrer. Marshall B. Rosenberg bietet zwei Beispiele aus der Praxis für gemeinschaftliches Aufstellen von Zielen. Einmal an einem Beispiel einer Lehrerin einer Grundschule und einmal an einem Beispiel eines Universitätsprofessors in einem Einführungskurs für Politikwissenschaften. Z. B. wird mit dem Schüler vereinbart, dass der Schüler am Ende des Schuljahres in der Lage ist, ein bestimmtes Buch zu lesen. Einzelne Schritte wären dann das Erlernen der Buchstaben, das Bilden der Silben, das Lautlesen, das Berichten über einen gelesenen Text.

Im letzten Kapital, Schule transformieren, schreibt Marshall B. Rosenberg über Mediation als Lösungsverfahren in Prozessen in der Schule. Er gibt Empfehlungen, die den Prozess einer Umsetzung in der Schule unterstützen könnten.

Fazit

Wer Gewaltfreie Kommunikation in Lehrsituationen anwenden will, dürfte aus dem Buch viel Unterstützung für seine Arbeit gewinnen.


Rezensent
RA Claus-Rudolf Löffler
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Familien-, Steuer- und Erbrecht, Mediator, Leiter einer Übungsgruppe in Hannover
Homepage www.scheidung-direkt.de
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Zitiervorschlag
Claus-Rudolf Löffler. Rezension vom 09.11.2004 zu: Marshall B. Rosenberg: Erziehung, die das Leben bereichert. Gewaltfreie Kommunikation im Schulalltag. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2004. ISBN 978-3-87387-566-1. Originaltitel: Life enriching education. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1999.php, Datum des Zugriffs 25.09.2016.


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