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Iris Winkelmann: Systemisch-ressourcen­orientiertes Arbeiten in der Jugendhilfe

Cover Iris Winkelmann: Systemisch-ressourcenorientiertes Arbeiten in der Jugendhilfe. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2014. 217 Seiten. ISBN 978-3-8497-0018-8. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema

Das Buch befasst sich mit der Verknüpfung von Systemischem Denken, Salutogenese-Konzept und Capabilities-Approach, die jeweils unterschiedliche Perspektiven auf Ressourcenorientierung in der Sozialen Arbeit bereithalten. Es zeigt die praktische Umsetzung in der Jugendhilfe basierend auf einer ressourcenfördernden Grundhaltung anhand zahlreicher Anregungen und Beispiele auf.

Autor

Dr. phil. Iris Winkelmann ist Systemische Therapeutin und Systemische Supervisorin. Die Autorin war 15 Jahre lang in der Gruppen- und Einrichtungsleitung der stationären Jugendhilfe tätig.

Entstehungshintergrund

Entstanden ist das Buch weil die Autorin, ihre Erkenntnisse aus 15jähriger Tätigkeit in den Hilfen zur Erziehung miteinander verknüpfen und für die LeserInnen nutzbar machen wollte. Dabei trieb sie insbesondere der Wunsch an, einen eigenen Beitrag zur Qualitätsverbesserung in der Praxis zu leisten. Das Buch baut auf der Dissertation der Autorin aus dem Jahr 2010 auf.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in folgende sechs Kapitel aufgeteilt:

  1. Ressourcenförderung aus drei Perspektiven
  2. Bewältigungsanforderungen spezifischer Lebenslagen
  3. Hilfen zur Erziehung
  4. Anregungen für eine systemisch-ressourcenorientierte Praxis in den Hilfen zur Erziehung
  5. Woran die Hilfen zur Erziehung sich messen lassen sollten – ein Beitrag zum Diskurs über »wirkungsorientierte Kinder- und Jugendhilfe«
  6. Schluss

Die Kapitel recht unterschiedlich von der Länge, der stärkste Fokus liegt auf den Kapitel drei und vier.

In Kapitel 1 prüft die Autorin drei Modelle der Ressourcenförderung, nämlich die systemische Theorie, das Konzept der Salutogenese und den Capabilities-Ansatz daraufhin, wie sie zur Förderung der Ressourcen der Kinder, Jugendlichen und Familien beitragen können. Das Besondere in diesem Kapitel sind die Ausarbeitungen zu entwicklungsförderlichen pädagogischen Beziehungsaspekten im Rahmen der Systemtheorie. Des Weiteren ist in diesem Kapitel eine kritische Einordnung des Ressourcenansatzes zu finden.

Kapitel 2 wendet sich dann noch einmal differenzierter dem Konzept der Salutogenese zu. Es geht darum, Bewältigungsanforderungen spezifischer Lebenslagen und Entwicklungsaufgaben sowohl von Jugendlichen und jungen Erwachsenen als auch von Eltern aufzuzeigen. Die Beziehungen der Kinder und Jugendlichen zu ihren Eltern, aber auch die Prägung durch die Herkunftsfamilie stehen hier im Mittelpunkt.

In Kapitel 3 befasst sich Iris Winkelmann zunächst vertiefend mit der Darstellung der stationären Hilfen zur Erziehung. Sie wendet sich dafür zum einen historischen Entwicklungen zu, greift zum anderen aktuelle Trends auf und stellt zudem fünf verschiedene Forschungsstudien vor, einschließlich ihrer eigenen Studie im Rahmen der Dissertation. Es werden insbesondere die Gelingensfaktoren herausgearbeitet. Ein weiteres Unterkapitel widmet sich den ambulanten Hilfen zur Erziehung. Auch hier wird die historische Entwicklung kurz skizziert, aktuelle Trends aufgezeigt, wie der inzwischen etablierte systemische Zugang und hierzu vier verschiedene Studien anhand ihres Ertrages für gelingende Jugendhilfe vorgestellt. Mit dem Blick auf Weiterentwicklung von Qualität der stationären und ambulanten Hilfen greift ein drittes Unterkapitel die Themen Partizipation und Beschwerdemanagement auf.

Im Kapitel 4 diskutiert die Autorin die bisher vorgestellten Theorien und Untersuchungsergebnisse für die Weiterentwicklung der Hilfen zur Erziehung und bietet Anregungen für eine systemisch-ressourcenorientierte Praxis. Dabei geht es um folgende Schwerpunkte: Ressourcenfördernde Grundhaltungen, Hilfeplanung, Selbstwirksamkeitserfahrungen, spezielle Themen der stationären Kinder- und Jugendhilfe, Gestaltung von Übergängen, spezielle Themen der ambulanten Hilfen zur Erziehung und Mitarbeiter als Ressourcen.

Das kurz gehaltene Kapitel 5 beinhaltet die Positionierung der Autorin zur Debatte um die Wirkungen der Hilfen zur Erziehung. Ausdrücklich wird herausgestrichen: „Maßstab für das Gelingen von Hilfen zur Erziehung muss die Verbesserung der Entwicklungs- und Lebenschancen des konkreten Kindes sein, die vor dem Hintergrund der Möglichkeiten unserer Gesellschaft verantwortbar sind.“ (S. 191) Es werden im Weiteren ‚Ermutigung als Schlüsselaufgabe‘, ‚Beziehungsangebote‘ und ‚ermöglichende Jugendhilfe‘ als relevante Wirkfaktoren benannt.

Die Publikation schließt mit einem kurzen Schlusswort, welches für die LeserIn auf den Punkt bringt, auf welche Erkenntnisse es aus Sicht von Iris Winkelmann ankommt. Es geht um eine systemisch-ressourcenorientierte pädagogische Haltung der Fachkräfte aber auch der Leitung, die Sorge für die entsprechenden Rahmenbedingungen, Qualifizierungen aber auch die Personalpflege trägt.

Diskussion

Das vorliegende Buch mit dem Titel „Systemisch-ressourcenorientiertes Arbeiten in der Jugendhilfe“ von Iris Winkelmann kann als fundiertes und anschauliches Fachbuch für PraktikerInnen in der Kinder- und Jugendhilfe bewertet werden. Der theoretische Teil führt sehr gut verständlich und auf den Punkt gebracht in die verschiedenen Perspektiven ein und das folgende Kapitel bietet einen guten und interessanten Überblick über die stationäre Kinder- und Jugendhilfe sowie über verschiedene Studien, die für das Thema von Interesse sind. Schritt für Schritt legt die Autorin so die Grundlagen, damit im größten Kapitel zu den Anregungen für systemisch-ressourcenorientiertes Arbeiten in den Hilfen zur Erziehung die verschiedenen Vorschläge und Beispiele auch entsprechend verstanden und eingeordnet werden können. Die Abrundung mit einem Kapitel zum Thema Qualität und dem konkreten Nutzen des systemisch-ressourcenorientierten Arbeitens ist in diesem Buch eine logische Konsequenz.

Einen zentralen Stellenwert, und dies überzeugend, weist die Autorin der Haltung der Fachkräfte zu. Dies durchzieht das ganze Buch bis zum Schluss und ich betrachte das Herausstreichen der Haltung wie auch der systemischen Betrachtung des gesamten Arbeitsfeldes einschließlich der Schaffung der Rahmenbedingungen als besonders gelungen. Wer in diesem sehr praxisbezogenen Buch nach einzelnen konkreten – bspw. systemischen – Methoden sucht, wird hier nicht fündig. Das ist auch nicht Ziel dieses Buches. Vielmehr geht es um das Verständnis systemisch-ressourcenorientierten Arbeitens in der Jugendhilfe und um die Chancen eines solchen Ansatzes für das Gelingen der gemeinsamen Anstrengungen.

Das Buch bietet mit seinem Anliegen der Qualitätsverbesserung dienen zu wollen auch eine interessante Auseinandersetzung mit dem Thema Partizipation in der Kinder- und Jugendhilfe. Iris Winkelmann setzt ganz zentral auf Beteiligung und Selbstwirksamkeitserfahrungen der beteiligten Kinder, Jugendlichen und Eltern. Dafür sind Rahmenbedingungen nötig, die nicht nur die verfügbare Zeit und Qualifizierung für systemisch-ressourcenorientiertes Arbeiten bereithalten, sondern auch eine systemisch-ressourcenorientierte Sichtweise der Leitungsebenen erfordern.

Fazit

Derzeit vertiefend mit dem Thema Gelingen und Erfolg in der Sozialen Arbeit befasst, lautet mein Fazit, dass es sich bei dem Buch von Iris Winkelmann um eine absolut überzeugende Darbietung und Bearbeitung des Themas handelt. Ressourcenorientierung so verstanden, bietet PraktikerInnen, aber auch Leitungskräften wichtige Einsichten und Einblicke. Die LeserInnen erfahren anschaulich, wie ambulante und stationäre Jugendhilfe gelingen können und welcher Voraussetzungen es dafür bedarf. Darüber hinaus ist das vorliegende Buch durch seine praktische Anschaulichkeit bei solider theoretischer Einführung auch vorzüglich für Studierende der Sozialen Arbeit sowie für Lehrende geeignet.

Es handelt sich um ein sehr gutes Buch, es ist ein reichhaltiges Buch, es sollte von vorn bis hinten gelesen werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Grit Behse-Bartels
Professur für Soziale Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig
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Zitiervorschlag
Grit Behse-Bartels. Rezension vom 03.02.2016 zu: Iris Winkelmann: Systemisch-ressourcenorientiertes Arbeiten in der Jugendhilfe. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2014. ISBN 978-3-8497-0018-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/20051.php, Datum des Zugriffs 06.12.2016.


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