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Ralf Marten: "Ich nenne es Kindergefängnis …" (Jugendhilfe der DDR)

Cover Ralf Marten: "Ich nenne es Kindergefängnis …". Spezialheime in Sachsen-Anhalt und der Einfluss der Staatssicherheit auf die Jugendhilfe der DDR. Mitteldeutscher Verlag (Halle (Saale)) 2015. 224 Seiten. ISBN 978-3-95462-550-5. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 20,95 sFr.
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Narben, die nicht heilen

Immer wenn Autoritäten oder solche, die durch undemokratische, diktierte und ideologisierte Machtausübung Macht über Menschen erringen und diese mit dem Ziel der Unterwerfung unter ihre Wertvorstellungen gegen ihren Willen zwingen, entstehen sichtbare und unsichtbare, körperliche und seelische Narben. Berichte darüber lesen und hören wir von Zeitzeugen und von Geschichtsforschern. Es sind Zeugnisse aus der Oral-History- und der Quellenforschung. Sie hören sich nicht selten als Horrorgeschichten und Untaten von Unmenschen an. Und doch sind es Erzählungen aus der Mitte der Gesellschaft und über Menschen, die im allgemeinen als „ganz normal“ und unauffällig in ihrer Umgebung wahrgenommen wurden. Es ist der schmale Grad zwischen Monströsität und Moralität, der Erstaunen, Erschrecken oder auch Nachsichtigkeit erzeugt.

Entstehungshintergrund und Autor

„Das Interesse an DDR-Geschichte hat auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht nachgelassen“, insbesondere zu Fragen zur Heimerziehung in der DDR. Es waren Orte, die sich „Jugendwerkhöfe“, „Spezialkinderheime“ und „Durchgangsheime“ nannten und den staatlichen Jugendhilfe-Einrichtungen unterstanden und dem Einfluss der Staatssicherheitsdienste ausgesetzt waren. Die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in die jeweiligen Erziehungsstätten erfolgte nicht nur nach den Richtlinien der staatlichen Sozialgesetzgebung und aus sozialpädagogischen Gründen, sondern auch wegen abweichenden Verhaltens oder der Störung der sozialistischen Ordnungsvorstellungen. Ziel war die „Umerziehung“ im Sinne der sozialistischen Ideologie. Menschen, die diesen Maßnahmen ausgesetzt waren, „berichten von körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt“, wie dies Norbert Bischoff, Minister für Arbeit und Soziales des Landes Sachsen-Anhalt, formuliert. Und die Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Sachsen-Anhalt, Birgit Neumann-Becker, stellt fest: „In Spezialheimen wurden unter der Verantwortung des Ministeriums für Volksbildung in Verbindung mit der örtlichen Jugendhilfe und teilweise ehrenamtlich besetzten Jugendhilfekommissionen Kinder und Jugendliche unter dem Vorwand der Umerziehung zur sozialistischen Persönlichkeit weggesperrt“.

Wir sind bei dem Forschungsbericht, den der Dresdner Historiker Ralf Marten (www.zeitenpunkt.de) im Auftrag der Landesregierung von Sachsen-Anhalt über die Heimerziehung während der DDR-Zeit im Land vorlegt. Er stellt fest, dass eine historische Aufarbeitung der Situation zur „DDR-Heimerziehung“ wegen fehlenden Quellenmaterials nur schwer möglich sei, es jedoch mittlerweile im Landesarchiv in Magdeburg Akten aus ehemaligen Jugendwerkhöfen gebe, die eine vorläufige Aussage ermöglichten.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert die Forschungsarbeit neben dem einführenden Text in weitere sieben Kapitel. Es geht um die Darstellung der gesellschaftlichen Relevanz und des aktuellen Forschungsstandes, um die Quellenlage, die Gliederung der Jugendhilfe in der DDR, um die Aspekte der Einflussnahme des Ministeriums für Staatssicherheit auf die DDR-Jugendhilfe, um die Auflistung der Spezialheime im Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts, um die Aufarbeitung der vorliegenden Daten und Entwicklungen, und um die Unterstützung, Beratung und Rehabilitierung von ehemaligen Heimkindern heute.

Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages hat in den Jahren 1992 bis 1998 die Geschichte und Folgen der DDR-Diktatur dargelegt. Dabei sind auch die Erziehungsziele, -methoden und Arbeitsweisen in den Spezialheimen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Das hat auch zu Aktivitäten geführt, wie etwa der Gründung der Initiativgruppe „Geschlossener Jugendwerkhof Torgau“ mit dem Ziel, an das Schicksal der Jugendlichen in dieser Einrichtung zu erinnern, eine Gedenkstätte einzurichten und in einer Ausstellung darüber zu informieren. Mehrere Einzelfallstudien, Biografien, Dissertationen und Publikationen zur Heimerziehung in der DDR liegen vor (siehe dazu auch: Anke Dreier / Karsten Laudien, Einführung. Heimerziehung der DDR. Der Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (Berlin) 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14859.php).

Wie bereits erwähnt, ist die Quellenlage zur Heimerziehung in der DDR dürftig. Fundstellen sind das Bundesarchiv, die Landesarchive, in unserem Fall das Landesarchiv Sachsen-Anhalt in Magdeburg, die Akten des Ministeriums für Staatssicherheit und wenige, zugängliche Privatarchive.

Das penibel geordnete System der Spezialheime der Jugendhilfe in der DDR gliederte sich in Spezialkinderheime, Jugendwerkhöfe, Durchgangsheime, Aufnahmeheime, geschlossene Jugendwerkhöfe und das Kombinat der Sonderheime., die über das Land verteilt waren. Das Spektrum der (Zwangs-)Maßnahmen reichte von Kindern und Jugendlichen, die durch individuelles und soziales normabweichendes Verhalten auffällig wurden, bis hin zu Formen von testierter Schwererziehbarkeit und kriminellen Verhaltens. Die ideologischen Zielsetzungen zur Formung eines „sozialistischen Menschen“ wirkten auch in der Heimerziehung mit der Erziehung hin zum Kollektiv, zur sozialistischen Arbeit, zur politisch-ideologischen Bildung und zur Erziehung zur Disziplin, Ordnung und Sauberkeit.

Dass dabei das Ministerium für Staatsicherheit entscheidenden Einfluss auf die DDR-Jugendhilfe ausübte, hat sich ja in vielfältiger Weise bestätigt. Sozialpädagogische und sozialgesetzgeberische Formen und Grundsätze hatten sich diesen machtpolitischen, ideologischen Grundsätzen unterzuordnen.

Mit der Benennung und Auflistung der Orte, in denen in Sachsen-Anhalt Spezialheime für Jugenderziehung verortet waren – Aschersleben, Bad Schmiedeberg, Bitterfeld, Bernburg, Burg, Calbe, Coswig, Dessau, Eckartsberga, Elleburg, Eisnig, Großpaschleben, Güntersberge, Halberstadt, Halle, Horburg, Kehnert, Loitsche, Magdeburg, Messdorf, Mücheln, Neinestedt, Oschersleben, Peseckendorf, Pretsch, Quedlinburg, Radis, Sandersleben, Schönebeck, Stendal, Tangermünde, Wartenburg, Weißenfels, Wernigerode, Wittenberg und Wolmirstedt .- verdeutlicht sich die Spannweite der Überwachungs- und Erziehungsziele und -pressionen der DDR-Kinder- und Jugendpolitik.

Mit dem Fonds „Heimerziehung in der DDR in den Jahren 1949 bis 1990“, der im Juli 2012 als Entschädigungs- und Wiedergutmachungsakt eingerichtet und zunächst mit 40 Millionen Euro ausgestattet wurde, sollte es gelingen, Betroffenen wenigstens eine finanzielle Entschädigung für entstandene Gewalt, Leid und Unrecht während der Unterbringung in den Spezial-Kinder- und Jugendheimen der DDR zu gewähren. Wie viel Unrecht sich tatsächlich ereignete, zeigte sich bald, so dass der Fonds auf bis zu 364 Millionen Euro aufgestockt werden musste. Der Bewertungszeitraum wurde zudem bis zum 31. Dezember 2018 verlängert. Dabei ist nicht nur eine finanzielle Entschädigung wichtig, sondern auch eine individuelle und gesellschaftliche Rehabilitierung, die noch anhält und als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden muss.

Fazit

Die Auseinandersetzungen und Forschungen über die Spezialheime für Kinder und Jugendliche mit unangepasstem und abweichendem Verhalten im Sinne der DDR-Ideologie sind ein wichtiger Bestandteil der Herausforderungen, denen wir uns gesellschaftlich zu stellen haben. Der Historiker Ralf Marten wählte für seine Untersuchung über die Spezialheime in Sachsen-Anhalt und den Einfluss der Staatssicherheit auf die Jugendhilfe der DDR als Titel die Aussage eines Zeitzeugen: „Ich nenne es Kindergefängnis“. Damit wird deutlich, dass es hierbei nichts zu beschönigen und nichts zu relativieren gilt. Es kommt darauf an, sich der Geschichte zu stellen und herauszufinden, wie wir geworden sind, wie wir sind!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.12.2015 zu: Ralf Marten: "Ich nenne es Kindergefängnis …". Spezialheime in Sachsen-Anhalt und der Einfluss der Staatssicherheit auf die Jugendhilfe der DDR. Mitteldeutscher Verlag (Halle (Saale)) 2015. ISBN 978-3-95462-550-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/20068.php, Datum des Zugriffs 27.06.2016.


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