socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ekkehard Nuissl, Henning Nuissl (Hrsg.): Bildung im Raum

Cover Ekkehard Nuissl, Henning Nuissl (Hrsg.): Bildung im Raum. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2015. 184 Seiten. ISBN 978-3-8340-1460-3. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Bewusst auf dem Boden stehen

Der Mensch ist als anthrôpos, mit Verstand ausgestattet. Er strebt nach einem guten Leben, ist fähig, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und darauf angewiesen, (friedlich und gerecht) in Gemeinschaft mit den Mitmenschen zu leben. In der Scala naturae steht er an oberster Stelle. Sein „aufrechter Gang“, im physischen wie im moralischen Sinne, versetzt ihn in die Lage, an einer friedlichen, gerechten und gleichberechtigten (Einen?) Welt mitzuarbeiten und eine „globale Ethik“ zu leben (Kurt Bayertz, Der aufrechte Gang. Eine Geschichte des anthropologischen Denkens, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/17706.php). Weil aber diese Haltungen nicht in den Genen liegen und als selbstverständliche Einstellungen praktiziert werden, bedarf es der Bildung und Erziehung, wie dies z. B. in der von der UNESCO, der Bildungsorganisation der Vereinten Nationen, am 19. 11. 1974 verfassten „Empfehlung über die Erziehung zu internationaler Verständigung und Zusammenarbeit und zum Frieden in der Welt sowie die Erziehung zur Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten“ zum Ausdruck kommt: „Erziehung umfasst den Gesamtprozess des sozialen Lebens, innerhalb dessen Einzelpersonen und gesellschaftliche Gruppen es lernen, in ihrer eigenen Gesellschaft und im Rahmen der gesamten Weltgemeinschaft ihre persönlichen Fähigkeiten und Einstellungen, ihr Können und ihr Wissen bewusst und bestmöglich zu entfalten“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Empfehlung zur „internationalen Erziehung“, 2. Aufl., Bonn 1990, S. 16).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Es sind die Komponenten Raum und Zeit, die menschliches Dasein existentiell beeinflussen. Das Bonner Zentrum für Entwicklungsforschung hat eine Studie vorgelegt, in der dramatisch zum Ausdruck kommt, wie die zunehmende Degradation, also der Umgang mit den Böden,die Ernährung und Gesundheit von rund 3,2 Milliarden Menschen auf der Erde gefährde. Die Forscher fordern damit auf, den „bodenlosen Leichtsinn“ endlich aufzugeben und einen Perspektivenwechsel bei der Beachtung und Behandlung von natürlichen und kultivierten Räumen vorzunehmen und zu einer „Kultur des Raumes“ zu gelangen, lokal und global (Economics of land degradation and improvement. A global assessment for sustainable development. IFPRI issue brief 90. Ephraim Nkonya, Alisher Mirzabaev, Joachim von Braun). Die Missachtung und ökonomische Ausbeutung des Bodens zugunsten von kurzfristigen, kapitalistischen, neoliberalen und machtpolitischen Vorteilen hat mittlerweile Formen angenommen, die jedem humanem Bewusstsein Hohn sprechen (Wilfried Bommert, Bodenrausch. Die globale Jagd nach den Äckern der Welt, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13381.php).

Da melden sich seit einiger Zeit Raum- und GeisteswissenschaftlerInnen zu Wort, die für ein anderes „Raumwissen“ plädieren (siehe dazu auch: Markus Leibenath / Stefan Heiland / Heiderose Kilper / Sabine Tzschaschel, Hrsg., Wie werden Landschaften gemacht? Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf die Konstituierung von Kulturlandschaften, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14903.php; sowie: Jörg Döring / Tristan Thielmann, Hrsg.,: Spatial turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6606.php). Der Erwachsenenbildner von der Universitäten Kaiserslautern, Florenz, Timisoara und Torun, Ekkehard Nuissl und der Geograph von der Berliner Humboldt-Universität, Henning Nuissl, geben einen Sammelband mit dem Ziel heraus, bei den bisher weitgehend disziplinär und eher abgegrenzt geführten bildungs- und raumwissenschaftlichen Diskursen nach Brücken und Kooperationen Ausschau zu halten, wie „Bildung im Raum“ fachspezifisch und interdisziplinär besser verortet werden kann, und welche lokale und globale Bedeutung „Bildungslandschaft“ in der Gegenwart und Zukunft der Menschheit einnimmt: „Es gilt unablässig danach zu streben, Bildungsprozesse und -einrichtungen zu kontextuieren und so Schritt für Schritt eine Landschaft der Bildung wachsen zu lassen“.

Aufbau und Inhalt

Im Sammelband melden sich 15 Autorinnen und Autoren zu Wort, die aus ihrer fachspezifischen Position nach Schnittstellen für ein gemeinsames Bewusstsein von Bildung suchen und theoretisch und praktisch Konzepte und Beispiele für ein nachhaltigkeitsbestimmtes Lernen diskutieren.

Die Erwachsenenbildnerin von der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz, Katrin Kraus, zeigt mit ihrem Beitrag „Dem Lernen Raum geben: Planung, Gestaltung und Aneignung pädagogischer Räume“ die verschiedenen, individuellen, gesellschaftlichen, pädagogischen, sozialen, politischen und lebensweltlichen Dimensionen auf und diskutiert die planbaren und motivationsorientierten Möglichkeiten, wie die Aneignung von Lernorten in der Erwachsenenbildung gestaltet werden kann: „Wenn ein Ort explizit als Lernort ausgewiesen ist, dann erfolgt dies in der Regel intentional mit der Absicht der Ermöglichung und Förderung von Lernen an diesem Ort.“

Der Erwachsenenbildner von der TU Kaiserslautern, Rolf Arnold, reflektiert mit der Metapher „Da und doch nicht da!“ Aspekte der Enträumlichung des Lernens in der Moderne. Dabei unternimmt er den Versuch „aufzuräumen“, nämlich nach den jeweils fachspezifischen und alltäglichen Raumbegriffen zu fragen. Er findet dabei (Lern-)Räume als sakrale Orte, als Gefängnisse, als Museen und als Ateliers. Die Wirklichkeit hält eine weitere Anzahl von „Lern-“Räumen bereit, etwa die „Wechselstube“, bei der die SchülerInnen Fachräume und -lehrkräfte aufsuchen, den (Aus-)zahlraum, bei dem der „Nürnberger Trichter“ vorherrscht, aber auch die Wohnstube, in der sich die Lerner wohlfühlen können. Er verweist darauf, dass Lernen (im Prinzip) keine Räume bracht, Bildung jedoch schon. Arnold plädiert dafür, den Bildungsraum als alternativen Erfahrungsraum zu denken und einzurichten, „der nicht durch die überlieferten Elemente einer Überwachungsgesellschaft geprägt ist, sondern gewissermaßen von den Anforderungen einer Autonomie, Identität und Kompetenz stärkenden Lernerfahrung her ‚redesigned‘ wird“, und in der die Grundsätze der Begegnung und intellektuellen Auseinandersetzung mit den Wissens(be)ständen möglich werden, Lernen im und außerhalb des Lernraums vorhanden sind und Selbstbildung sich vollziehen kann.

Die Brandenburger Regionalplanerin Maike Bührer verdeutlicht mit ihrem Beitrag „Raumbezogene Bildungsarbeit und ihr Beitrag zur Stadtteilentwicklung“ am Beispiel von Bildungslandschaften in Berlin-Neukölln die vielfältigen Möglichkeiten an, wie Bildung und Stadtteilentwicklung zusammen wirken können, aber auch, wo Strukturen vorhanden sind, die eine lebensweltliche Bildung verhindern. Sie macht Mut, sich den längerfristig und konsequent planenden Herausforderungen zu stellen, für ein erweitertes Bildungsverständnis einzutreten und sozialräumlich orientierte, integrierte Organisationsformen zu erproben.

Der Erwachsenenbildner von der Universität Augsburg und Geschäftsführer des Sächsischen Volkshochschulverbandes, Ulrich Klemm, informiert mit seinem Beitrag „Eigenständige Regionalentwicklung als Leitidee für die Erwachsenenbildung im ländlichen Raum“ über seine Jahrzehnte langen Erfahrungen und entwickelt Perspektiven für das 21. Jahrhundert. Es sind vor allem sozialgeographische Zugänge, die seine Analyse bestimmen. Ohne dass er in seiner Bestandsaufnahme auf die aktuellen, besorgniserregenden und gefährlichen fremdenfeindlichen Auseinandersetzungen (auch) in Sachsen eingeht, stellen sich seine Forderungen nach einer institutionellen Intensivierung der ländlichen Erwachsenenbildung als relevant für die Situation Hier und Heute dar: „Bildungspolitisch geht es um die Stärkung der Bürgerbeteiligung“ im Sinne einer human und demokratisch verfassten Gesellschaft.

Die Bildungswissenschaftlerin von der Universität Koblenz-Landau, Nicole Hoffmann, und die wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Institut für Erwachsenenbildung, Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen, in Bonn, Ewelina Mania, informieren mit ihrem Beitrag „Zwischen Rechtsanspruch und Luxusgut – Erwachsenbildnerische Grundversorgung aus der Perspektive von Quartiersbewohnerinnen und -bewohnern“ über die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie, die im Rahmen des Projektes „Lernen im Quartier – Bedeutung des Sozialraums für die Weiterbildung“ durchgeführt wurde. Bemerkenswert zeigen sich dabei die Bewusstseinsstände und Erwartungshaltungen bei Angeboten zum lebensbegleitenden Lernen (bei Bewohnerinnen und Bewohnern eines großstädtischen Quartiers der ortsnahen erwachsenenbildnerischen Grundversorgung), die die Frage laut werden lassen, welche staatliche und gesellschaftliche Verantwortung und Vorgaben für lebenslanges Lernen vorgehalten werden müss(t)en.

Der Erwachsenenbildner Michael Schemmann von der Universität Köln thematisiert mit seinem Beitrag „Lokale (Weiter-)Bildungsberichterstattung als Fokussierung von Weiterbildung und Raum“, indem er diskutierte und relevante Konzepte erläutert, Befunde registriert und die Frage nach der Akzeptanz stellt. Mit der nationalen und internationalen Unterscheidung von Bildungsberichterstattung und Bildungsforschung konzentriert sich der Autor auf lokale Weiterbildungsberichte und deren Erhebungs-, Analyse-, Informations- und Veröffentlichungs-Instrumente. Er fragt nach den Stellenwert der Berichte, angesichts der verschiedenen Erwartungshaltungen der Abnehmer wie der Akteure und stellt heraus, was Weiterbildungsberichte nicht leisten können.

Die Soziologin von der TU Dortmund, Sandra Huning, setzt sich mit „Gender matters“ auseinander, indem sie auf geschlechtsspezifische Bildungsungleichheiten verweist, den demokratischen Wandel diskutiert und neue Anforderungen an Bildungseinrichtungen in peripheren Regionen aufzeigt und danach fragt, welche Antworten darauf regionale Bildungseinrichtungen geben können. Sie schlägt vor, „nachhaltige Regionalentwicklung querschnittsorientiert anzugehen und auch deren soziale und kulturelle Dimensionen zu gestalten“.

Im Schlussbeitrag fokussiert der Erwachsenenbildner von der Universität Florenz, Paolo Federighi, unter Mitarbeit von Andrea Bernert-Bürkle, Gianni Giagi, Steven Fletcher und Francesca Torlone, in englischer Sprache „Youth policies and institutional learning among regions“, indem das Team verschiedene Modelle von regionalen Bildungsaktivitäten vorstellt, in Baden-Württemberg, England und Italien. Sie ermöglichen damit zum einen den Vergleich bei den unterschiedlichen Konzepten und Situationen, zum anderen lenken sie den Blick auf „Today the objective of governments should not so much be the provision of short-term measures connected with the various transition phases of the young persons´ life, but rather personal and professional growth learning processes that accompany them throughout their life-cycle“.

Fazit

Bildungs(planung) und Raum(entwicklung) sind angesichts der sich immer interdependenter, entgrenzender und globaler entwickelnden (Einen?) Welt zu unverzichtbaren und notwendigen Paradigmen geworden. Lebenslanges und lebensbegleitendes Lernen wird dabei zum Angelpunkt von intellektuellem und tätigem Dasein der Menschen, und damit zur ganzheitlichen und nachhaltigen Herausforderung. Wie Bildungsprozesse angeboten, bereitgestellt, organisiert und institutionalisiert werden, sind Fragen, die fachspezifisch und fächerübergreifend beantwortet werden müssen. Die Disziplinen Erziehungs- und Raumwissenschaft können eine Reihe von Theorien und Praxisbeispiele dazu anbieten. Im Sammelband werden sie vorgestellt. Die Veröffentlichung leistet damit einen Beitrag zur Intensivierung des Forschungsansatzes „Bildung im Raum“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1118 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 08.03.2016 zu: Ekkehard Nuissl, Henning Nuissl (Hrsg.): Bildung im Raum. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2015. ISBN 978-3-8340-1460-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/20159.php, Datum des Zugriffs 27.09.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!