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Dalai Lama: Der Appell des Dalai Lama an die Welt

Cover Dalai Lama: Der Appell des Dalai Lama an die Welt. Benevento (Wals bei Salzburg) 2015. 3. Auflage. 56 Seiten. ISBN 978-3-7109-0000-6. 4,99 EUR.

Mit Franz Alt „Ethik ist wichtiger als Religion“.
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Entstehungshintergrund, Thema und Aufbau

Am 6. Juli 2015 wurde der Dalai Lama 80 Jahre alt, und aus diesem Anlass erschien dieses kleine Buch in allen Weltsprachen gleichzeitig. Es enthält den 15-seitigen Appell des Dalai Lama für eine säkulare Ethik und Frieden sowie ein 46-seitiges Interview des Journalisten Franz Alt mit dem Dalai Lama zu diesem Appell.

Es schließt mit Hinweisen zur Geschichte und mit Lebensdaten des Dalai Lama und mit Informationen zum Autor Franz Alt.

Zum Appell

Weil Religionen oft für die Durchsetzung wirtschaftlicher und politischer Interessen missbraucht werden, bedürfe es einer neuen Ethik jenseits aller Religionen. Mit dieser Aussage beginnt der Dalai Lama seinen Appell und fährt fort: „Wesentlicher als Religion ist unsere elementare menschliche Spiritualität. Das ist eine in uns Menschen angelegte Neigung zur Liebe, Güte und Zuneigung – unabhängig davon, welcher Religion wir angehören“ (S.9). Er vergleicht den Unterschied zwischen Ethik und Religion mit dem Unterschied zwischen Wasser und Tee: Tee ist möglicherweise schmackhafter als Wasser; der Hauptbestandteil von Tee ist aber Wasser: „Wir können ohne Tee leben, aber nicht ohne Wasser“ (S. 10). Die Vorstellung des Dalai Lama von Ethik bezieht sich aber nicht auf ein Gedankengebäude von Werten und Normen, sondern auf „neue Geisteszustände“ der Güte, des Mitgefühls und der Fürsorge, die durch regelmäßige Übung erreicht werden können: „Ich übe das täglich vier Stunden. Meditation ist wichtiger als ritualisierte Gebete“ (S. 11).

Zu den neuen Geisteszuständen gehören für ihn auch die Gewaltfreiheit, die „intelligente Feindesliebe“: „Durch intensives Meditieren werden wir feststellen, dass Feinde unsere besten Freunde werden können“ (S. 12). Es geht dem Dalai Lama um eine tiefere Ebene des Denkens, die er Achtsamkeit nennt: „Durch Meditation und Nachdenken können wir zum Beispiel lernen, dass Geduld das wichtigste Gegenmittel gegen die Wut ist, Zufriedenheit gegen Gier wirkt, Mut gegen Angst, Verständnis gegen Zweifel“ (S. 12). Politisch fordert er aufrichtigen Dialog und Abrüstung: „Abrüstung ist praktiziertes Mitgefühl“ (S.14). Trotz allen Leids, dass den Tibetern zugefügt worden sei, glaubt er, „dass die meisten menschlichen Konflikte durch aufrichtigen Dialog gelöst werden können. Diese Strategie der Gewaltfreiheit und der Ehrfurcht vor dem Leben ist das Geschenk Tibets an die Welt“ (S. 14).

Zum Interview

Das Interview von Franz Alt mit dem Dalai Lama nimmt die Gedanken des Appells auf. Es wird deutlich, dass der Dalai Lama seinen Appell nicht gegen die Religionen generell, sondern im Blick auf den Missbrauch von Religionen und im Blick auf die wachsende Zahl nichtreligiöser Menschen schreibt: Zu dem von ihm angestrebten säkularen Ethos „können natürlich alle Religionen einen wichtigen Beitrag leisten“ (S. 16). Er bezieht sich auf seine Prägung durch das säkulare Indien, wo alle Glaubensrichtungen „das alte indische Prinzip der Gewaltfreiheit, Ahimsa, mit dem Gandhi auch so erfolgreich war“ (S. 18), pflegen.

Der Dalai Lama sieht die Menschheit als eine einzige Familie und sagt, wir müssen lernen, „dass dazu auch Atheisten und die zunehmende Zahl der Agnostiker gehören“ (S. 20). Für die zu entwickelnde säkulare Ethik müsse noch viel geforscht werden, insbesondere auch in der modernen Hirnforschung. Deshalb führen westliche Forscher neurowissenschaftliche Studien mit Tibetern durch, um zu prüfen, welche biologischen Auswirkungen meditative Praxis habe. Das Ergebnis sei, dass Meditation gut sei für Gesundheit, Zufriedenheit und Wohlbefinden (S. 26 f). Geistesschulung und Herzensbildung können zur Erfahrung von Glück führen: „Ethik ist die Wissenschaft vom Glück […] Wir können lernen, dass Glück das Resultat einer inneren Reifung ist“ (S. 36).

Politisch verweist der Dalai Lama auf das Desaster, das der von George W. Bush im Jahr 2003 begonnene Irak-Krieg gebracht habe, und er fordert konsequente Abrüstung (S. 38). Mit Blick auf Tibet sieht er Zeichen der Hoffnung darin, „dass viele Chinesen unser politisches Anliegen unterstützen“ (S. 40). Gleichzeitig sieht er, dass viel Geduld vonnöten ist: „Wahre Geduld erfordert eine große innere Stärke. Es gibt drei Aspekte der Geduld: Geduld gegenüber jenen, die uns Leid zufügen, das Annehmen des Leids und das Annehmen der Wirklichkeit. Diese Geduld führt zu einem Prozess der Wandlung und Weiterentwicklung“ (S. 41).

Diskussion

Das kleine Buch macht die Stärken und die Grenzen der Botschaft des Dalai Lama deutlich: Der Dalai Lama überzeugt in seiner persönlich gelebten humorvollen und tiefgründig geduldigen, respektvollen gewaltfreien Haltung. Seine Aussagen über die politischen Konsequenzen bleiben dagegen vage: Es reicht nicht, auf Abrüstung und Geduld allein zu setzen. Der notwendige gewaltfreie Widerstand, wie ihn Gandhi vertrat, auf den er sich ausdrücklich bezieht, müsste differenzierter durchbuchstabiert werden.

Zwiespältig bleibt die Stellung des Dalai Lama zu den Religionen: Einerseits sieht er sie als Ressourcen für ethisches Verhalten, andererseits kritisiert er deren Missbrauch für politische und wirtschaftliche Interessen. Der Buchtitel „Ethik ist wichtiger als Religion“ kann in die Irre führen. Im Westen wird unter „Ethik“ eher ein Denkgebäude von Werten, Gesinnungen und Haltungen verstanden, während der Dalai Lama mit dem Begriff der Ethik ein praktisches Einüben von Gesinnungen und Haltungen verbindet sowie regelmäßiges tägliches Meditieren mit dem Ziel einer gewaltfreien Haltung gegenüber Menschen, Tieren und der ganzen Schöpfung. Der Begriff der transreligiösen Achtsamkeit und Spiritualität transportiert das Anliegen des Dalai Lama wahrscheinlich genauer als der der Ethik.

Das Interview mit Franz Alt hätte diese Doppeldeutigkeiten und Ambivalenzen diskutieren und klären können, aber leider geht es kaum über (manchmal ärgerliche wortwörtliche) Wiederholungen dessen, was der Appell des Dalai Lama sagt, hinaus. Es fehlt nicht nur eine Erläuterung und Reflexion dessen, was der Dalai Lama mit dem Begriff „Ethik“ meint. Es ist auch bedauerlich, dass der Aspekt der Einübung von Achtsamkeit und der beharrlichen, geduldigen Meditation, der die wirklich zentrale Botschaft des Dalai Lama an die Welt beinhaltet, im Interview nicht weiter vertieft wird.

Fazit

Trotz der genannten Kritik lohnt sich die Lektüre des Appells des Dalai Lama, der mit dem Aufruf zu einer gelebten, täglich durch Meditation und Nachdenken praktizierten Ethik der Achtsamkeit und Spiritualität eine wichtige Botschaft für die Welt beinhaltet. Das Interview beinhaltet nur wenig weiterführende Erläuterungen; lediglich die Situation Tibets wird ausführlicher behandelt.


Rezensent
Prof. Dr. Josef Freise
Homepage www.Josef-Freise.de
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Zitiervorschlag
Josef Freise. Rezension vom 02.01.2016 zu: Dalai Lama: Der Appell des Dalai Lama an die Welt. Benevento (Wals bei Salzburg) 2015. 3. Auflage. ISBN 978-3-7109-0000-6. Mit Franz Alt „Ethik ist wichtiger als Religion“. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/20235.php, Datum des Zugriffs 29.08.2016.


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