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Martín Caparrós: Der Hunger

Cover Martín Caparrós: Der Hunger. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2015. 841 Seiten. ISBN 978-3-518-42512-1. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Hunger und Freiwilligkeit schließen einander aus

„Wie zum Teufel können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?“, diese Frage stellt sich und uns der argentinische Autor Martin Caparrós in dem umfangreichen Buch, das in 16 Sprachen 2015 beim Suhrkamp-Verlag herausgekommen ist. Fünf Jahre lang ist er in der Welt herumgereist, um in Niger, Indien, Chicago, Bangladesh, Madagaskar und im Sudan die Geschichte der Hungernden auf der Erde zu schreiben. Zum Jahresende hat die Wochenzeitung DIE ZEIT eine Statistik veröffentlicht, die der politische Journalist Jan Ross mit „Fürchtet euch nicht!“ titelt und in dem er dafür plädiert, trotz der lokalen und globalen Krisen, Katastrophen und unmenschlichen Entwicklungen Zuversicht und Hoffnung zu zeigen, dass es gelingen könne, eine gerechtere und humane Welt zu schaffen. Als Beleg führt er an, dass weltweit die Zahl der Hungernden auf der Erde von 1.010, 7 Millionen Menschen im Jahr 1990, auf 961 Millionen 2004 und 795 Millionen 2015 zurückgegangen sei. Obwohl er selbstverständlich betont, dass diese Zahl nach wie vor katastrophal und menschenunwürdig sei, sieht Ross doch die Chance, mit Optimismus und Tatkraft diesem Skandal Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Empathie entgegen zu setzen (Jan Ross, Fürchtet euch nicht! Gerade in Krisenzeiten brauchen wir Lebensfreude und politische Zuversicht, DIE ZEIT, Nr. 52 vom 23.12.2015, S. 4ff). Diesen Optimismus teilt Martin Caparrós erst einmal nicht. Die Schriftstellerin und Journalistin Elisabeth von Thadden hat im ZEIT-Magazin Literatur Martin Caparrós zu seinem Buch interviewt („Vom Recht auf Essen“, Nr. 48 vom 26. 12. 2015, S. 26ff). Dabei betont er, dass er mit seinem Bericht über den Hunger in der Welt bei den Leserinnen und Lesern keine Schuldgefühle erzeugen wolle, weil eine moralische Gefühlspolitik nicht weiter führe, sondern lediglich der Selbstgefälligkeit diene; vielmehr erhoffe er sich mit seinem Buch, dass die Menschen aufgrund der Faktenlage bereit wären, miteinander nach Lösungen zu suchen. „Es gilt darüber nachzudenken, wie eine Welt aussehen könnte, die uns nicht mit Scham, Schuldgefühlen oder Mutlosigkeit erfüllt – und nach Möglichkeiten zu suchen, wie man das erreichen kann“, das ist sein Anspruch und seine Hoffnung!

Das Menschenrecht auf einen menschenwürdigen Lebensstandard

Die eigentlich selbstverständliche, weil humane Forderung, dass jeder Mensch auf der Erde das Recht auf einen für die Gesundheit und das Wohlergehen von sich und seiner Familie angemessenen Lebensstandard hat, wie dies in Artikel 25 der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 proklamiert wird, ist Dauerthema bei den Fragen nach Gerechtigkeit in der Welt (Oliver Razum / Hajo Zeeb / Olaf Mueller / Albrecht Jahn, Hrsg., Global Health. Gesundheit und Gerechtigkeit, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18229.php). Die Erkenntnis sollte Allgemeingut sein, dass die Hungernden und Unterernährten, wie auch die Über- und Fehlernährten gut und gesund leben könnten, wenn die vorhandene Nahrung auf dieser Welt gerechter verteilt wäre. Doch Konsequenzen daraus werden, wie die inhumane und menschenunwürdige Entwicklung zeigt, dass, lokal und global die Wohlhabenden immer reicher und die Habenichtse immer ärmer werden, kaum gezogen (Asit Datta, Armutszeugnis. Warum heute mehr Menschen hungern als vor 20 Jahren, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/16400.php). Mit dem Sprichwort, dass Mensch mit einem vollen Magen nicht gut lerne, mit einem leeren erst recht nicht, kommt zum Ausdruck, dass der Mensch auf „Essen und die Gaben der Natur“ angewiesen ist und seine physische, psychische Entwicklung und Bildung davon abhängt, ob er über ausreichende und gesunde Ernährung verfügt (Birgit Althans / Friederike Schmidt / Christoph Wulf, Hrsg., Nahrung als Bildung. Interdisziplinäre Perspektiven auf einen anthropologischen Zusammenhang, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18385.php). Es ist höchstwahrscheinlich ganz selten, dass wir, die wir überwiegend in Wohlstand leben und die Möglichkeit haben, etwa zu uns zu nehmen, wenn wir Hunger verspüren, uns in die Lage von existentiell und alltäglich hungernden Menschen hineinzuversetzen. Die Berichte über den Hunger in der Welt und dem Skandal, dass jährlich mehrere zehn Millionen Menschen an fehlender oder einseitiger Nahrung sterben, sehen wir, wenn wir die Katastrophenmeldung nicht vorher wegdrücken, höchstens im Fernsehen oder lesen sie in den Berichten von „Brot für die Welt“ und anderen Hilfsorganisationen. Der Skandal, dass alle fünf Sekunden in der Welt ein Kind verhungert, ist uns bekannt; und doch sind wir meist hilflos und gelähmt ob unserer vermeintlichen wie tatsächlichen Ohnmacht. „Wir lassen sie verhungern“, klagt der Schweizer Ökonom, Globalisierungskritiker, der langjährige Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Menschenrecht auf Nahrung und Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats, Jean Ziegler (Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der dritten Welt, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14063.php).

Aufbau und Inhalt

„Wir kennen den Hunger, verspüren ihn zwei- bis dreimal am Tag. Hunger ist das Normalste von der Welt, und doch ist den meisten von uns nichts fremder als echter Hunger“; denn zwischen unserem Gefühl und Bedürfnis, etwas essen und trinken zu wollen und dem verzweifelten Hunger von Menschen, die nicht genug zu essen haben und oft nicht wissen, wie sie ihren Hunger stillen sollen, liegen Welten! Als Martin Caparrós in einem Dorf im westafrikanischen Niger mit dem Hungertod eines Kindes konfrontiert wurde, da musste er sich eingestehen: Ich hatte keine Ahnung! Das Land, das zwischen Wüste und Regenwald in der westafrikanischen Sahelzone liegt, wird regelmäßig von Dürrekatastrophen heimgesucht. Und die Menschen, die ansonsten mehr schlecht als recht von dem leben, was der karge, sandige Boden hergibt, meist von Hirsebrei und – wenn mal ein besonderer Tag ist – von einem Stück Ziegenfleisch, wissen nicht, wie sie sich und ihre Familien ernähren sollen. Die geschwächten, die jüngsten, die alten und aus vielen anderen Gründen an ihren angestammten Lebensraum gebundenen Hungernden bleiben wo sie sind und leben oder sterben. Die Aktiveren, die der Ausweg- und Perspektivlosigkeit entkommen wollen und können, machen sich auf, um eine neue Heimat zu finden, in der sie nicht hungern müssen (dass sie dabei nicht selten auf abwehrende Zäune und Mauern stoßen, diskriminiert und sogar mit scheinbar rechtsgültigen Argumenten abgewiesen werden, etwa, dass „Wirtschaftsflüchtlinge“ keinen Anspruch auf Asyl hätten, ist ein Thema, das in Caparrós´ Bericht nicht direkt, aber permanent indirekt und argumentativ behandelt wird; vgl. dazu: Jos Schnurer, „Schauen Sie nicht zu, sondern hin“, 23.10.2015, in: Schnurers Beiträge).

In den einzelnen, dokumentierten und kommentierten Fallbeispielen erzählt Martin Caparrós über „Strukturen des Hungers“, in Niger. Dabei betont er und deckt auf, dass unsere Informationen über die scheinbaren Naturereignisse der regelmäßig und in den letzten Jahrzehnten gehäuft auftretenden Dürrekatastrophen in den Gebieten der Sahelzone eine in den westlichen Medien und in der globalen Informationspolitik gern wiederholte, aber falsche Erklärung für den Hunger in der Region darstellt. Es sind vielmehr Ursachen, die in den Traditionen, Gewohnheiten und Mentalitäten zu suchen sind; etwa die Geburtenrate (auf dem Lande), die weltweit als die höchste registriert wird, die mangelnden Gesundheitsvorsorgen, die Last der Geschichte mit Sklavenhandel und Kolonialpolitik, die Korruption im Land, die unbarmherzige, kapitalistische und neoliberale Weltmarktpolitik, die hegemoniale Politik der Mächtigen, und viele anderen globalen Einflüsse, denen der Einzelne in seiner lokalen Gemeinschaft machtlos ausgeliefert ist. Da gilt es nach übergeordneten Ursachen zu fragen; etwa nach dem, wie wir Menschen geworden sind, was und wie wir sind: „Vom Hunger I“, fasst der Autor diese Analysen zusammen, mit dem Ergebnis: „Der Hunger war das bereits Vorhandene“, in der Geschichte der Menschheit bis heute!

Im zweiten Fallbeispiel „Indien“ arbeitet Caparrós aus dem Ursachenbündel von Hunger die Bedeutung von Traditionen heraus. In Kalkutta, einer nach europäischem Muster gebaute Stadt, mit fehlenden, menschenwürdigen Unterkünften für die vielen Menschen, die den unzulänglichen Lebensbedingungen auf dem Lande entfliehen, um im Moloch der Stadt nur noch größere Lebensnot anzutreffen. Günter Grass, der sich mit seiner Frau 1987 mehrere Monate in Kalkutta aufhielt und seine Erlebnisse in dem Tagebuch „Zunge zeigen“ schilderte und malte (Jos Schnurer, Zunge zeigen – Das Calcutta Social Project – Unterrichtsmaterialien, Paulo Freire-Verlag, Oldenburg, www.paulo-freire-verlag ), hat die Stadt einen „Scheißhaufen Gottes“ bezeichnet. In Biraul im Bundesstaat Bihar, der als einer der ärmsten im Land gilt, in dem die Geburt eines Mädchens als Katastrophe angesehen wird, die möglichst bereits vor der Niederkunft verhindert werden sollte, findet der Autor unsägliche und unmenschliche Zustände und Widersprüche: Fruchtbare Böden, die gute Ernten bringen: „Das Problem ist nicht, dass hier nichts wächst; das Problem ist, für wen“. Und dann in Chandigarh, der Hauptstadt der Bundesstaaten Haryana und Punjab, die in den 1950er Jahren nach Plänen des französischen Architekten Le Corbusier von der indischen Regierung errichtet wurde, angelegt mit breiten Straßen, Alleen und schmucken Häusern. Doch auch hier wird auf Schritt und Tritt deutlich, dass in Indien rund ein Drittel aller Hungernden in der Welt leben, um nicht zu sagen: vegetieren. Die Erzählungen im hunger(reichen) Land, das sich als die größte Demokratie der Welt nennt, gehen in Vrindavan, eine der heiligsten Städte des Hinduismus, weiter. Der Autor erzählt vom Leid der Witwen, die von den Verwandten und der Gesellschaft missachtet und geächtet werden, bis sie nicht selten Hungers sterben. Wie war das früher in der indischen Tradition? Wenn der Mann starb, verbrannten die Inder gewöhnlich die Frau gleich mit; heute natürlich nicht mehr! Die mittellosen Witwen sind heute gezwungen, in den Straßen um Almosen zu betteln; oder sie verkaufen für eine Rupie Wasser aus Tonkrügen, um überleben zu können. Als Lebensrettung zeigt sich der Aschram: „Komm, sing zu Gott, wir geben dir zu essen“, was Caparrós zu der Feststellung veranlasst: „Der Hunger ist eine große Stütze des Glaubens“. Dann Delhi, in der die Einen, die Wohlhabenden bis zu den Superreichen und die Anderen, die Habenichtse und Bettler im Land brutal aufeinanderstoßen und sich doch nicht begegnen. In der Hauptstadt des Landes, in der die Regierung darüber nachsinnt, wie die Armut gemildert werden kann; etwa durch den Ausbau der Landwirtschaft hin zur „grünen Revolution“, die jedoch nur die Weltmarkt- und Konzernabhängigkeiten erhöht und dazu beiträgt, dass die Reichen im Land reicher werden! Schließlich Bombay, die Hauptstadt des Bundesstaates Maharashtra, die heute Mumbai genannt wird und rund 12,5 Mio Einwohner zählt, die Mumbai Metropolitan Region etwa 20,5 Mio.: Die Wohlhabenden bis Superreichen leben in Palästen, und die Habenichtse vegetieren in Elendsvierteln: „Die Reichen leben in der Gegenwart und zugleich im 17. Jahrhundert, wo sie die Armen ausnutzen, die dort ohne all die Vorzüge der Gegenwart zurückgeblieben sind“; wie etwa Avani, die mit ihren drei Kindern in einem Verschlag lebt, der aus zwei Pappwänden besteht, die hinten an eine Hausmauer angelehnt und nach vorn zur Straße hin offen ist. Sie ernährt sich und ihre Kinder durch den geringen Verdienst, den sie gelegentlich als Putz- und Haushaltshilfe erhält. Ihr ganzes Streben richtet sich darauf, dass ihre Kinder es einmal besser haben sollen als sie selbst. Im analysierenden Teil „Vom Hunger II“ reflektiert Caparrós die Entwicklung, wie sie sich in Europa und in der Welt im Laufe der Jahrhunderte vollzog, als Entwicklungstheorien Erklärungsmuster für Hungersnöte und Wohlstandsperioden boten und zu Veränderungen und Stagnationen führten. Seine drastische Analyse: „Dass heute so viele Menschen jeden Tag etwas zu essen haben, ist ein Wunder: dass so viele nichts haben, eine Schweinerei“.

Das Leben in Bangladesch ist, wie Amena, die Frau, die nie eine Schule besuchen konnte, weil ihre Eltern arm waren, resignierend feststellt, kein Leben das lohnt zu leben. Als das hübsche Mädchen Hakim kennen lernte, der sie heiraten wollte, obwohl er schon verheiratet war aber seine Frau und die Kinder verlassen hatte, da dachte sie, dass das Leben jetzt komme. Aber da sie keine Mitgift in die Ehe einbringen konnte, schlug er sie und demütigte sie. Ein Kind nach dem andern kam, und als Hakim krank wurde und starb, blieb sie mit den Kindern allein. Sie weiß nicht, wie sie sich und die Kinder am Leben halten soll. Diejenigen, die in einer der Textilfabriken Arbeit finden und für wenig Geld ausgebeutet werden, haben jedenfalls größeres Glück als diejenigen, die überhaupt kein eigenes Einkommen haben. Auch wenn immer wieder in der Hauptstadt Dhaka oder in einen der anderen größeren Städte Gebäude, in denen Textilarbeiterinnen zu Hunderten und Tausenden eingepfercht sind, einstürzen und viele Menschen dabei verletzt werden oder zu Tode kommen, scheint das Schicksal und Konsequenz der kapitalistischen, boomenden Produktionsbedingungen im Land zu sein. Denn jeder fünfte Abgeordnete sei Textilunternehmen oder besitze Aktien oder kassiere Schmiergelder, damit sich am Lohn- und Produktionssystem nichts ändere. Wie und warum das globale Ausbeutungssystem funktioniert, deckt der Autor im Teil „Vom Hunger III“ auf, auch warum die Kluft zwischen den westlichen Industrieländern und den sogenannten Entwicklungsländern stetig größer wird.

Hunger ist überall! Auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten! Im Wolkenkratzer der Chicago Tribune sind in der Fassade Steinbrocken von Bauwerken aus aller Welt eingelassen, gewissermaßen als Metapher für kapitalistische und hegemoniale Macht. Die Protzigkeit des Geldes und die deutlich zur Schau gestellte Wohlhabenheit der Bewohner mischt sich mit Tausenden Mittellosen, Obdachlosen und abgerissenen Bettlern. Nein, Vermischung ist nicht das richtige Wort, eher wirkt da ein Filter oder ein ganz dünnmaschiges Sieb, die nur das durchlassen, was Wert ist und materiellen Wert hat! Die Spekulation ist es, mit der am Rad gedreht wird, auf dem mit riesigen Lettern PROFIT steht. Der Handel mit Erdöl und anderen industriellen Produkten hat sich längst ausgeweitet in Börsenspekulationen mit Getreide, Soja, Rinder, landwirtschaftliche Böden… „Bankiers und Spekulanten sitzen heute an der Spitze der Nahrungskette – die Raubtiere des Systems, die alles und jeden verschlingen“. Und die anpassen an den Teufelskreis von Hunger bis Fettleibigkeit, der sich als Fast-Food-Bequemlichkeit und „Gier aus Angst vor der Zukunft“ überall breit macht. In dieser Monstrosität von Fehlentwicklung ist es angezeigt, im Kapitel „Vom Hunger IV“ festzustellen: „Wir nennen es Ungleichheit“. Die moralischen wie existentiellen Forderungen nach lokaler und globaler Gleichheit bringen Menetekel hervor, die von der engagierten Menschenrechtsorganisation Oxfam beschrieben werden als Ungleichheiten, die mit den unterschiedlichsten sozialen Problemen verknüpft sind, „mit kürzeren, ungesünderen, unglücklichen Leben, mit höheren Raten von Fettleibigkeit, Teenager-Schwangerschaften, Kriminalität, Drogenabhängigkeit…“.

Wenn Caparrós von seiner Heimat Argentinien spricht, kommen Bilder zutage, die Außenstehende und Uninformierte eher nicht kennen; z. B. die Mülldeponie in José León Suárez, in der Lorena mit vielen anderen auf den Abfallhalden nach Verwertbarem und Essbarem sucht. Die alleinstehende Mutter mit fünf Kindern ernährt sich und ihre Kinder von dem, was sie hier findet: Hamburger, passierte Tomaten, Kartoffeln, Nudeln, Reis, wenn sie Glück hat auch einem Stück Fleisch. Und diejenigen, die in den Villen wohnen? Sie zäunen sich ein und lassen ihren Besitz und ihren Wohlstand von Sicherheitsdiensten bewachen. Auf die Frage – „Wie kann es sein, dass es in einem Land, das zu den größten Sojaproduzenten der Welt gehört, Hunger gibt?“ – liegen die Antworten parat: „Argentinien hat sich zu einem der großen Hotspots des globalen Agrargeschäfts gemausert“. In der Zusammenfassung des argentinischen Dilemmas „Vom Hunger V“ verdeutlicht der Autor in unmissverständlicher Weise das Problem seines Heimatlandes als neoliberales, kapitalistisches, globales (Miss-) Verständnis: „Trotz zweier Jahrhunderte wirtschaftlichen Wachstums lebt noch über eine Milliarde Menschen in äußerster Armut“. Dabei zeigt er auf das kleine Wörtchen „trotz“, indem er darauf verweist, dass ja gerade das ökonomische Wachstumsdenken und -handeln die Ursache der extremen Arbeit sei. Auch in Argentinien findet Caparrós Fingerzeige, wie aus der im globalen Diskurs favorisierten Politik der Ernährungssicherheit eine „Ernährungssouveränität“ entstehen könnte, wie sie z. B. von der internationalen Kleinbauernbewegung Via Campesina praktiziert wird.

Was ist los in Südsudan? Das jüngste Land der Welt wurde am 9. Juli 2011 gegründet. Es hat etwa die Größe Frankreichs, mit acht bis zwölf Millionen Einwohnern, wie man schätzt. Das Land verfügt über reiche Erdölvorkommen; deshalb wurden die linksgerichteten Bemühungen der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA) von den westlichen Mächten unterstützt. Der neu gegründete Staat aber wurde gleich nach der Unabhängigkeit und bis heute in die UN-Liste der „least developed countries“ aufgenommen: Mehr als ein Drittel der im Südsudan lebenden Männer und zwei Drittel der Frauen können weder lesen noch schreiben, vier von fünf Südsudanesen haben für ihre Existenz weniger als einen Dollar am Tag zur Verfügung. Die Begegnungen des Autors mit den Menschen im Land setzen die Ohnmacht fort, die auch an den anderen Orten der Welt zu der immer wiederholten Frage führen: „Wie zum Teufel können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?“. Dass auch in Südsudan einige wenige von den wenigen Vorteilen des Landes profitieren, während die Mehrzahl der Bevölkerung die Nachteile leben müssen? Die Paradoxien des Lebens der Menschen auf der Erde werden in der Reichtum-Armuts-Falle auch in Südsudan deutlich: „Natürlich ist Erdöl hässlich, schmutzig und böse, es verseucht die Erde und bringt Kriege. Doch immerhin entlastet die daraus gewonnene Energie Ochsenrücken und Menschenkörper, und das ist ein enormer Fortschritt, eine der großen Errungenschaften der Menschheit“. Mit dem Kapitel „Vom Hunger VI“ geht der Autor gewissermaßen in Konfrontation zu den Thesen des indischen Wirtschaftswissenschaftlers und Philosophen Amartya Sen, dass der Hunger dadurch zustande käme, dass ein bestimmter Personenkreis nicht genügend zu essen habe, nicht dadurch, dass auf der Welt nicht ausreichend Nahrungsmittel zur Verfügung stünden. Auch wenn dieser Analyse nicht widersprochen werden könne, käme es, so Caparrós, viel mehr darauf an, wer und was darüber entscheide, wie die Nahrung zwischen verschiedenen Bereichen einer Gemeinschaft verteilt werden.

Am Beispiel der Situation in Madagaskar, dem Inselstaat, der wie ein Anhängsel zum afrikanischen Kontinent liegt, und wie ein Spielball zwischen Afrika, Asien und der Welt wirkt. In der Hauptstadt des Landes; in Antananarivo, kurz Tana genannt, spiegelt sich das Ungemach der Ungerechtigkeiten in der Welt: „Tana ist eine Rumpelkammer oder ein Müllabladeplatz oder ein Friedhof für Gegenstände: die Destination der toten Gegenstände des Westens“. Es ist ein Spiegelbild der dominanten, wirtschaftlichen Macht der Industrieländer gegenüber den Ohnmachten der so genannten Entwicklungsländer. In einer Karikatur ist eine gierige Hand von europäischen, US-amerikanischen und asiatischen Kapitaleignern und Konzernen zu sehen, die nach dem Inselstaat greift, nicht mit militärischen, sondern ökonomischen Mitteln. Der Ausverkauf der industrie-landwirtschaftlich nutzbaren Böden zum Anbau von Pflanzen für Agrotreibstoffe, für Fleischproduktion, global vermarktbare Hölzer, Blumen, und sogar zur Kultivierung von Umwelt- und Schutzzonen, um damit die übermäßigen Treibhausgasemissionen der Fabriken in den Industrieländern gegen rechnen zu können. „Land Grabbing“, Landraub, ist eines der neuen, neokolonialen Entwicklungen vor allem in afrikanischen Ländern ( Wilfried Bommert, Bodenrausch. Die globale Jagd nach den Äckern der Welt, 2012, http://www.socialnet.de/rezensionen/13381.php; sowie: Stefano Liberti, Landraub. Reisen ins Reich des neuen Kolonialismus, 2012, http://www.socialnet.de/rezensionen/13968.php ). Der Ausverkauf von Gemeingütern, wie etwa Wasser, ist auch in Nyatanassoa, einem Dorf in Madagaskar zu besichtigen. Die Menschen dort wie auch in der gesamten Region leben seit Jahrhunderten davon, Reis anzubauen. Dafür wird viel Wasser benötigt, das die Bauern nach einem traditinellem Verteilungssystem aus dem Fluss entnehmen – bis ein Energiekonzern eingriff, Staudämme anlegte und das Wasser an die Bauern verkaufte. Zwar regt sich Widerstand, auch in Madagaskar; doch die Beschreibung einer Aktivistin klingt eher resignativ, weil machtlos: „Je mehr Land nicht mehr von den madagassischen Bauern für ihren Eigenbedarf bewirtschaftet wird, desto mehr Land befindet sich in ausländischer Hand und desto mehr Land wird dazu zweckentfremdet, um Ölpalmen oder Jatropha anzubauen, um Öl oder Treibstoff zu gewinnen, oder für den Anbau von Nahrungsmitteln, die in anderen Ländern verzehrt werden; desto mehr Land geht den Madagassen für ihre Nahrung verloren; desto mehr Hunger wird es in einem Land geben, in dem ohnehin schon viele Menschen hungern“.

Fazit

„Das ist ein Buch über die extremste Form des Hässlichen“, so charakterisiert Martin Caparrós seinen Bericht über den Hunger in der Welt. „Es ist ein Buch über den Ekel – den wir empfinden sollten für das, was wir getan haben; und falls wir uns davor nicht ekeln, sollten wir schon allein deshalb Ekel empfinden“. Die im Untertitel des Buches gestellte Frage; „Wie zum Teufel können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?“, benutzt der Autor immer wieder in den Fallbeispielen von Hungernden und in den Analysen „Vom Hunger I – VI“ eindringlich, aufgebracht, zornig und empathisch. Auch verzweifelt, weil sogar das eher wenig hilfreiche und nostalgische Nachdenken – „Ich erinnere mich noch an die Zeit…“ bei seinen Überlegungen zutage tritt, um den Hunger als die extremste Metapher dieser Zivilisation zu brandmarken. Sein Suchen nach einem humanen Ausweg stellen sich sowohl als evolutionäre Antworten dar: „Man könnte den Hunger ein Ende machen, ohne der Armut, der Ausbeutung der extremen Ungerechtigkeit, dem Umstand, dass Abermillionen überflüssig sind, ein Ende zu machen“, als Zugeständnisse an das Unveränderliche (?); sie werden auch als revolutionäre Perspektive aufgezeigt, auch wenn Caparrós kein eindeutiges Programm dafür an)bieten kann. Soviel jedenfalls sollte als Zielsetzung und -richtung erst einmal gelten: Hunger als die extremste Metapher einer Zivilisation der Überflüssigkeiten ist nur mit einem individuellen und gesellschaftlichen, lokalen und globalen Perspektivenwechsel möglich, dessen Grundlage eine andere, gerechte Umverteilung der Güter dieser Welt sein muss. Die von den Vereinten Nationen beauftragte Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ hat in ihrem Abschlussbericht vom November 1995 den Appell formuliert: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt , 2. erweit. Ausgabe, Bonn 1997, S. 18). Diese Herkulesaufgabe steckt auch in Caparrós´ umfangreicher Bestandsaufnahme über den Hunger in der Welt. Sie liegt in der Aufforderung „darüber nachzudenken, wie eine Welt aussehen könnte, die uns nicht mit Scham, Schuldgefühlen oder Mutlosigkeit erfüllt“; und dem tätigen, alltäglichen, individuellen und lokal- und globalgesellschaftlichen Engagement, Zuversicht und Ausdauer, dies auch erreichen zu wollen und zu können. So ist das Plädoyer zur Abschaffung des Hungers in der Welt ein hoffnungsvolles Zeichen für Menschlichkeit!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.01.2016 zu: Martín Caparrós: Der Hunger. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2015. ISBN 978-3-518-42512-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/20252.php, Datum des Zugriffs 08.12.2016.


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