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Holger Brandes, Markus Andrä u.a.: Macht das Geschlecht einen Unterschied?

Cover Holger Brandes, Markus Andrä, Wenke Röseler, Petra Schneider-Andrich: Macht das Geschlecht einen Unterschied? Ergebnisse der „Tandem-Studie“ zu professionellem Erziehungsverhalten von Frauen und Männern. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. 180 Seiten. ISBN 978-3-8474-0616-7. D: 25,90 EUR, A: 26,70 EUR, CH: 36,50 sFr.
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Thema

Die Kernfrage der Untersuchung ist: Unterscheiden sich männliche und weibliche Fachkräfte hinsichtlich fachlicher Kriterien in ihrem konkreten Interaktionsverhalten und gibt es Unterschiede im „doing gender“? Dazu stellen die Autor_innen ausführlich eine empirische Studie vor.

Aufbau

Die Autor_innen betten ihre Fragestellung zunächst in die öffentlich nicht immer sehr differenziert geführte Diskussion über den „Wert“ der Männer als Erzieher in der Kita ein (Kap.2).

Anschließend setzen sie sich mit den Fallstricken vergleichender Geschlechterforschung auseinander (Kap.3) und bereiten den bisherigen Forschungsstand auf (Kap.4).

Es folgen Gesamtkonzeption der Tandemstudie und die Beschreibung der Strichprobenziehung (Kap.5). Die Ergebnisse werden dann getrennt nach ihrer jeweiligen Datenbasis dargestellt: die quantitativ ausgewerteten Beobachtungsdaten aus der standardisierten Einzelsituation zur Frage nach den Unterschieden im Verhalten (Kap.6), deren Erweiterung durch eine qualitative Analyse zum „doing gender“ (Kap.7) und die Daten aus den Interviews zu subjektiven Argumentationsmustern und Erfahrungen (Kap. 8).

Eine Diskussion der Ergebnisse zur Frage, ob das Geschlecht einen Unterschied macht, schließt die Arbeit ab (Kap.9).

Inhalt

Um die Komplexität dieser Frage in den Griff zu bekommen, wählen die Forscher_innen eine Tandemstudie, d.h. die Stichprobe besteht aus Tandems von je einem Erzieher und einer Erzieherin, die auch in der Einrichtung, in der sie mit ihren Kindern tätig sind, zusammen arbeiten. Insgesamt sind es 41 Tandems und eine Kontrollgruppe von 12 Tandems, die ausschließlich aus weiblichen Erzieherinnen bestehen. Beobachtet und ausgewertet werden zunächst 20-minutige Videoaufnahmen von Standardsituationen, in denen die Erziehenden je einzeln mit einem Kind ihrer Wahl an einer Bastelaufgabe arbeiten: sie können dazu aus den verschiedensten Materialien wählen und ein kleines Produkt erstellen. Ergänzt werden die Untersuchungen standardisierter Einzelsituationen durch die Untersuchung standardisierter Gruppensituationen, in denen die beiden Fachkräfte beteiligt sind und in denen sie das Spiel „Twister“ mit einer Gruppe von Kindern durchführen. Dabei handelt es sich um ein Wettkampfspiel, in dem körperliches Geschick gefordert ist. Auch diese Situationen wurden mit Video aufgezeichnet. Die Auswertung der Videoaufnahmen erwies sich allerdings als zu komplex, um das Verhalten der Erziehenden mittels Ratings in derselben Weise wie bei den Bastel-Standardsituationen zu beurteilen. Deshalb wurden die Videoaufnahmen der Gruppensituationen qualitativ ausgewertet und dafür bestimmte Schlüsselszenen zur Überprüfung des „doing gender“ definiert und interpretiert. Darüberhinaus wurden Leitfadeninterviews mit den Tandems durchgeführt und ein Persönlichkeitsfragebogen eingesetzt.

Was sind nun die Ergebnisse dieses aufwändigen Designs und der Sammlung so verschiedener Daten? Die erste Erkenntnis lautet: In der pädagogischen Qualität des Verhaltens gibt es zwischen Männern und Frauen als Fachkräfte kaum Unterschiede. Dimensionen des pädagogischen Verhaltens waren wie folgt definiert: Einfühlsamkeit (Unterstützung und Wertschätzung), Herausforderung (Ermutigung zum Experimentieren, Leistungsbetonung), dialogische Interaktion (Vorschläge aufgreifen, Reaktionen abwarten) Kooperation (beobachten, selbst handeln, miteinander handeln) und Kommunikationsinhalte( sachlich funktional, persönlich). Die Differenz innerhalb der Gruppe der Frauen und innerhalb der Gruppe der Männer war größer als die Differenz zwischen den Mittelwerten der Geschlechtergruppen. Es zeigten sich auch Gemeinsamkeiten der männlichen und weiblichen Erziehenden im unterschiedlichen Umgang mit Jungen und Mädchen: Mit Jungen wird eher sachlich kommuniziert, mit Mädchen eher persönlich, mit Jungen wird eher ein gemeinsames Projekt gestaltet, mit Mädchen eher an parallelen Teilprojekten gearbeitet.

Sehr deutlich allerdings kommen „geschlechtstypische Neigungen“ der Fachkräfte zum Ausdruck: Männliche Fachkräfte wählen z.B. lieber metallische Dinge, weibliche bevorzugen Perlen. Damit verstärken sie die auch bei den Mädchen und Jungen angenommenen Vorlieben und erzeugen einen hohen emotionalen Gleichklang bei der Bastelarbeit.

Die qualitative Analyse der Schlüsselszenen verstärkt diesen Befund: In der gleichgeschlechtlichen Konstellation verstärken die Fachkräfte durch ihre eigene Begeisterung für geschlechtstypische Produkte und den geschlechtstypischen Werkzeuggebrauch die Jungen bzw. die Mädchen, in nicht gleichgeschlechtlichen Konstellationen zeigen die Fachkräfte geringeres Engagement und geringere Beteiligung.

In den Mann/Frau Tandems zeigt sich auch in den Gruppensituationen eine klare Unterstützung der Jungen durch die männlichen, der Mädchen durch die weiblichen Fachkräfte. In diesen Situationen finden sich auch deutliche geschlechtstypische Zuschreibungen sowohl an Mädchen als auch an Jungen, die von den Fachkräften ausgehen.

Gerade in den spontanen Interaktionen kommt ihr „authentisches“ Verhalten zum Vorschein, das durch ein starkes „doing gender“ geprägt ist und das damit wohl nicht den professionellen Anforderungen entspricht. Andererseits finden sich in den Interviews mit den Erziehenden auch einige Reflexionen über die von den Jungen und Mädchen ausgehenden, geschlechtstypischen Erwartungen an die Fachkräfte, die nicht in jedem Fall erfüllt werden. Es scheint damit also eher an den biografischen Erfahrungen der Fachkräfte und nicht an ihrem Geschlecht an sich zu liegen, inwieweit sie geschlechterrollenkonform agieren oder eben nicht.

Die Forscher_innen ziehen folgende Schlussfolgerung aus ihren Erkenntnissen: bei gleicher fachlichen Ausbildung sind männliche Fachkräfte genauso fördernd für die kindliche Entwicklung wie weibliche. Wenn es mehr männliche Fachkräfte in einer Einrichtung gibt, erweitert sich auch das Lern- und Spielangebot in der Einrichtung für die Kinder. Aber, und das wird überdeutlich, eine Reflexion der eigenen Geschlechterrolle und des Umgangs mit den eigenen geschlechtstypischen Vorlieben aber auch mit denen der Jungen und Mädchen findet kaum statt. Hier steckt die professionelle Aufarbeitung des eigenen Verhaltens offenbar noch in den Kinderschuhen.

Diskussion

Die Ausgangsfrage der Untersuchung, ob das Geschlecht an sich einen Unterschied macht, wird auch durch die Vielzahl der Befunde nicht geklärt. Das ist auch nicht erstaunlich, denn um diese Frage wirklich empirisch beantworten zu können, hätten alle anderen Variablen(z.B. biografische Erfahrungen, Leitbilder, Rahmenbedingungen der Einrichtung) definiert und kontrolliert werden müssen, ein Ding der Unmöglichkeit. Und in der Geschlechterforschung gibt es auch geschlechtertheoretische Grundannahmen, die die Frage nach dem Einfluss des Mann/Frausein an sich gar nicht stellen würden, da sie davon ausgehen, dass alles Geschlechtliche im sozialen Kontext zu erfassen ist und der Schluss von dem zugewiesenen Geschlecht auf ein bestimmtes Verhalten einer Person zu kurz greift. Es geht also nicht um den Mann oder die Frau an sich sondern immer um eine Person mit einer geschlechtlichen Zuweisung und ihrer je spezifischen, biographischen Erfahrung und eigenen Verarbeitung dieser Zuschreibung. In der Studie wurden diese genauso wenig erhoben wie die geschlechterpädagogischen Zielsetzungen der Einrichtungen.

Umso bemerkenswerter sind die Ergebnisse zum „doing gender“ der Fachkräfte. Diese Form des Verhaltens lässt sich durch den methodischen Ansatz der Beobachtung spezifischer Interaktionen präzise erfassen. An dieser Stelle bieten die Erkenntnisse aus der Studie auch eine klare Orientierung: wer meint, dass durch den vermehrten Einbezug von männlichen Fachkräften gleich auch ein geschlechterpädagogisches Ziel erreicht wäre, der irrt. Vielmehr führt der vermehrte Einbezug männlicher Fachkräfte zu der Schlussfolgerung, dass alle Fachkräfte sich weitaus intensiver mit geschlechterpädagogischen Fragen auseinandersetzen müssen. Das „doing gender,“ das von männlichen und weiblichen Fachkräften den Jungen und Mädchen gegenüber authentisch praktiziert wird und das sicher auch von Jungen und Mädchen eingefordert wird, darf nicht als ein natürliches Ereignis betrachtet werden sondern muss als eine Herausforderung für Aus- und Weiterbildung aller Fachkräfte begriffen werden. Die empirischen Ergebnisse dieser Studie liefern dazu viele gute Anregungen.

Fazit

Die ausführliche Darstellung der empirischen Befunde in den Kapiteln 6 und 7 sind außerordentlich wertvoll: männlichen wie weiblichen Fachkräften in der Praxis, Ausbilder_ innen und Weiterbildner_innen bieten sie eine Fülle von Anschauungsmaterial und viele Anregungen, um die notwendigen Reflexionen zum „doing gender“ anzuregen. Aber auch für Eltern ist die Studie wichtig: Sofern sie keine geschlechtstypische Erziehung für ihre Kinder wünschen, bietet die Studie ihnen eine Menge Anregungen zu Gesprächen mit Fachkräften. Die Ergebnisse unterstreichen die Wichtigkeit, die Geschlechterpädagogik nicht dem Bauch oder der Authentizität der Person zu überlassen sondern sie vielmehr als reflexiven und selbstreflexiven Lernprozess auch für die Fachkräfte zu organisieren. Aus den Ergebnissen ergibt sich ein wichtiger bildungspolitischer Impuls.


Rezensentin
Dr. Barbara Stiegler
Bis zu ihrer Pensionierung Leiterin des Arbeitsbereiches Frauen- und Geschlechterforschung
Friedrich Ebert Stiftung, Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik
Homepage www.stiegler-barbara.de
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Zitiervorschlag
Barbara Stiegler. Rezension vom 21.03.2016 zu: Holger Brandes, Markus Andrä, Wenke Röseler, Petra Schneider-Andrich: Macht das Geschlecht einen Unterschied? Ergebnisse der „Tandem-Studie“ zu professionellem Erziehungsverhalten von Frauen und Männern. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. ISBN 978-3-8474-0616-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/20301.php, Datum des Zugriffs 25.05.2016.


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