Karolina Frenzel, Michael Müller u.a.: Storytelling. Das Harun-al-Raschid-Prinzip
Karolina Frenzel, Michael Müller, Hermann Sottong: Storytelling. Das Harun-al-Raschid-Prinzip. Die Kraft des Erzählens fürs Unternehmen nutzen. Hanser Verlag (München) 2004. 319 Seiten. ISBN 978-3-446-22687-6. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 36,00 sFr.
Einführung in die Themenstellung
Es war einmal ein Kalif mit dem Namen Harun-al-Rashid. Der mischte sich jeden Abend als Kaufmann verkleidet unters Volk in Bagdad. Dort lauschte er den Geschichten, die erzählt wurden. Was er über die Gewohnheiten und Nöte seiner Untertanen erfahren hatte, setzte er in gute Politik um. So erfuhr er mehr als ihm seine Berater im Palast jemals zur Verfügung stellen konnten. Und wenn er nicht gestorben wäre, würde er sicher heute noch aufmerksam den Geschichten zuhören. - Harun-al-Rashid haben sich einige Jahrhunderte später die Literaturwissenschaftler Karolina Frenzel, Michael Müller und Hermann Sottong für ihre Arbeit in Unternehmen zum Vorbild genommen. In München betreiben sie eine auf "Storytelling" spezialisierte Agentur. Über das Geschichtenerzählen haben sie nun auch ein Buch vorgelegt, in dem sie beschreiben, wie Geschichten wirken und wie Führungskräfte die Kraft des Erzählens im Unternehmen nutzen können.
Aufbau und Inhalte
Durch die Management-Theorien geistern immer wieder die ungewöhnlichsten Schlagwörter. Dazu gehört auch das "Harun-al-Rashid-Prinzip". Das hört sich sehr exotisch an, beschreibt aber ein im Grunde simples Prinzip: Wer Geschichten erzählt, hat einen direkten Zugang zu Menschen - und wer zuhört, erfährt oft die spannendsten Dinge. Die Manager von heute mischen sich nach Ansicht von Frenzel/Müller/Sottong nur äußerst selten unters 'Volk'. Damit entgehe ihnen etwas ganz Entscheidendes: die unternehmerische Realität. Diese bestehe in der internen Kommunikation im Wesentlichen aus Geschichten, die über den Flurfunk und in der Kaffeeküche die Runde machen. Die einzelnen Storys ergeben in der Summe ein umfassendes Bild der Unternehmenskultur. Doch die Manager erfahren nur das, was für sie bestimmt ist und aufbereitet wurde. Was in ihrem Unternehmen wirklich los ist, was die Mitarbeiter bewegt - davon bekommen sie meist nichts mit. Die Folgen: Fehlentscheidungen und Missverständnisse, schlechtes Betriebsklima, schlimmstenfalls Produktions- und Umsatzrückgang.
Aus dieser Problemlage Lösungen und Strategien zu entwickeln, hat sich anscheinend als sehr effektiv erwiesen. Storytelling-Ansätze spielen mittlerweile auf so unterschiedlichen Gebieten eine Rolle, zum Beispiel beim so genannten Change-Management. Ein Unternehmen zu verändern heiße letztlich nichts anderes, als seine Geschichte für die Zukunft neu zu schreiben, konstatieren die Autoren. Offensichtlich ist, dass Öffentlichkeitsarbeit mit guten - nicht erfundenen - Geschichten mehr Erfolg hat und eher einen Platz in den Medien findet. Image und Ruf eines Unternehmens bestehen aus einer Reihe von Geschichten. Die wiederum entstehen aus Eindrücken und Erlebnissen der Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten. Je besser die Eindrücke sind, desto besser sind die Geschichten, desto vorteilhafter entwickelt sich letztlich auch das Image. Gute Geschichten entwickeln ein Eigenleben auch außerhalb des Mediums, in dem sie ursprünglich zu Hause waren. Sie werden weitererzählt, lautet ein Grundsatz des "Harun-al-Rashid-Prinzips".
Geschichtenerzählen und Management in Unternehmen - auf den ersten Blick scheint das nicht zusammenzugehen. Emotionen und Phantasie gegen Vernunft und Fakten? Schaut man allerdings ein wenig genauer hin, stellt man leicht fest, dass Storytelling durchaus die Basis für innovatives Management sein kann. In den Geschichten, in denen sich Techniker erzählen, wie sie trotz widriger Umstände ihre Maschinen doch noch reparieren konnten, steckt eine Menge Know-how. Die drei Autoren belegen die Kraft des Erzählens auch anhand von Beispielen, etwa der Vernetzung der weltweit 25.000 Service-Techniker bei Xerox zu einer virtuellen Gemeinschaft, wo sie untereinander ihre Geschichten austauschen - was Servicezeit und Ersatzteileverbrauch innerhalb von zwei Jahren um zehn Prozent reduzierte.
Fazit
Frenzel/Müller/Sottong entwickeln Leitsätze, die für die Analyse von Organisations- und Kommunikationskulturen, aber auch als Interventionsinstrument genutzt werden können. Harun Al-Raschid dient dabei als Metapher für den Mächtigen, den Herrscher, der durch das Zuhören und die Annäherung an die Lebensverhältnisse der Menschen zu Weisheit gelangt -jenseits der engen Wahrnehmungsgrenzen im Palast oder vom Thron herab. Das Buch über das Geschichtenerzählen ist auch als Kulturkritik dreier Fürsprecher des Wortes an den zahlenfixierten Kommunikationsformen in der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts zu verstehen.
Rezensent
Thomas Mavridis
Inhaber der PR-Agentur DIE PR-KANZLEI am Bodensee (www.pr-kanzlei.de) und Lehrbeauftragter für PR, Marketing und Kommunikation an den Hochschulen München, Bamberg und Ravensburg. Auch auf Facebook und bei Twitter präsentiert und diskutiert Thomas Mavridis Wissenswertes rund um das Thema Public Relations & PR 2.0.
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Zitiervorschlag
Thomas Mavridis. Rezension vom 08.02.2005 zu: Karolina Frenzel, Michael Müller, Hermann Sottong: Storytelling. Das Harun-al-Raschid-Prinzip. Hanser Verlag (München) 2004. 319 Seiten. ISBN 978-3-446-22687-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2036.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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