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Christoph Lorke: Armut im geteilten Deutschland

Cover Christoph Lorke: Armut im geteilten Deutschland. De Wahrnehmung sozialer Randlagen in der Bundesrepublik und der DDR. Campus Verlag (Frankfurt) 2015. 469 Seiten. ISBN 978-3-593-50268-7. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR, CH: 63,10 sFr.
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Thema

Die Frage ist hier nicht, wie arme Menschen in beiden deutschen Staaten lebten, sondern wie und von wem diese Lebenslage wahrgenommen, beschrieben, diskutiert und politisch instrumentalisiert wurde. Armut war ja „eigentlich“ im westdeutschen Wirtschaftswunderland, der reichen, kapitalistischen Bundesrepublik, ebenso wenig vorgesehen wie in der klassenlosen, sozialistischen Gesellschaft der DDR: Wie also haben im Systemwettbewerb beide Lager die Fakten von Armut im eigenen Land erklärt, wie aber auch haben sie die Widersprüche im anderen Staat propagandistisch genutzt?

Autor und Entstehungshintergrund

Der Autor ist Historiker, wurde mit der vorliegenden Studie promoviert und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Münster.

Der Druck wurde von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Geschwister Boehringer Ingelheim Stiftung und der Hans-Böckler-Stiftung finanziell unterstützt.

Aufbau

Im Einführungskapitel erläutert der Autor sein Forschungsdesign, die Datenlage und das Ziel seiner Untersuchung.

Der Hauptteil besteht aus drei chronologisch geordneten Kapiteln.

  • Kapitel I behandelt die Armut in den Nachkriegsjahren bis zum Mauerbau 1961,
  • Kapitel II die Jahre des „Wachstums“, vom Bundessozialhilfegesetz bis zur Ölkrise 1973,
  • Kapitel III die Jahre nach dem Boom bis zum Ende der DDR.

Diese drei Kapitel sind in sich gegliedert, teils chronologisch, teils nach BRD und DDR und deren Wahrnehmungsbezüge ausdifferenziert.

Der Band endet mit einem kurzen „Schluss“(S.377-386) und den diversen Übersichten, Nachweisen und bibliografischen Angaben.

Inhalt

Wie die etwa 600 Fußnoten (Quellennachweise, weitere Belege, Erläuterungen) und ungefähr 1.200 Titel im Literaturverzeichnis zeigen, hat Lorke eine enorme Fülle von Material aufbereitet. Um die öffentlichen, politischen wie wissenschaftlichen Kommunikationen nachzuzeichnen, hat er etwa 100 Medien, vor allem Printmedien ausgewertet, dazu auch vier Zeitzeugen befragt. In der Hauptsache sind es Tages- und Wochenzeitungen, wissenschaftliche Veröffentlichungen, Verlautbarungen der Parteien und Verbände, die auf die Kategorie „Arme“ bzw. „Armut“ hin durchgesehen wurden.

Während es in beiden Teilen Deutschlands zunächst darum ging, die unmittelbaren Kriegsfolgen, insbesondere die Zerstörung von Wohnungen, Hunger und Kälte zu überwinden, Kriegsopfer und Hinterbliebene zu versorgen, wurden schon bald die stärksten Armutsrisiken sichtbar: Rentnerinnen, Alleinerziehende, kinderreiche Familien. In beiden Staaten wurden aber auch „unwürdige“ Arme registriert, z.B. „Haltlose und Arbeitsscheue“ (Fürsorgetag Stuttgart 1952); der NS-Jargon klang allenthalben noch mit. In der DDR setzte sich früh der Begriff des „Asozialen“durch.1968 wurde „asoziale Lebensweise“ (§ 249 StGB) sogar Straftatbestand. Im Jahr 1989 verdankte ein Viertel der Gefängnispopulation diesem Paragrafen seine Haft.

Mit der deutschen Teilung behauptete jede Seite die Überlegenheit ihres Systems, wobei die Bundesrepublik vor allem mit der Rentenreform von 1957 punkten konnte. Die DDR-Renten blieben anhaltend mickrig. In den 1960er Jahren hielten die westdeutschen Gesellschaftspolitiker und Experten das BSHG und den dazugehörigen „Warenkorb“ für einen entscheidenden Schritt in der Armutsbekämpfung. Generell sollte Armut für die „nivellierte Mittelstandgesellschaft “ kein Thema mehr sein, die „Unterschicht“ war klein. Tatsächlich wurde dieses Bild immer mehr von Journalisten und Sozialwissenschaftlern durchkreuzt, die mit „Sozialreportagen“ (Ernst Klee) auf die Notlagen hinwiesen.

Die DDR brüstete sich in den 1970er Jahren mit Wohnungsbauprogrammen und Vollbeschäftigung. Größere Erklärungsprobleme hatte die Regierung jedoch angesichts der Tatsache, dass es weiterhin „Asoziale“ gab, die dann auch regelmäßig, zur Abschreckung, auch zur Bestätigung klein-bürgerlicher Normen, in der Wochenpost und anderen Blättern vorgeführt wurden: Neben charakterlichen Mängeln wie Trunksucht waren es ja doch auch gesellschaftliche, politisch gestaltbare Bedingungen, Bildungsmängel und miserable Behausungen, die diese Lebenslage förderten.

Von den Meinungsmachern in der DDR hingegen wurde die Wohnungslosigkeit in den westdeutschen Städten wiederholt bebildert, übrigens ganz im Einklang mit den Experten der Wohlfahrtsverbände. Material über die „neue Armut“in der Bundesrepublik bekamen die Journalisten und Politiker der DDR in den 1970er Jahren reichlich geliefert, zum Beispiel beim Bundesparteitag der CDU 1975 in Mannheim, speziell mit der Studie von H.Geißler, wonach über zwei Millionen westdeutscher Haushalte unter der Armutsgrenze lebten.

Demgegenüber waren es in der DDR eher einzelne Recherchen, nicht selten Dissertationen im Umfeld des MfS, die die depravierten Lebensumstände kinderreicher Familien inklusive karger, unkultivierter Freizeitgestaltung (Fernsehen, Alkohol) benannten.

Die 1980er Jahre im Westen waren von der Tatsache der Massenarbeitslosigkeit bestimmt. Gewerkschaften und die SPD, dann als Oppositionspartei, sorgten für ausführliche „Armutsberichte“, die Wohlfahrtsverbände und die Grünen machten zusätzlich Druck. Die DDR konnte demgegenüber Vollbeschäftigung reklamieren, die Unterbeschäftigung blieb verdeckt.

Führende Funktionäre (u.a Honecker im Neuen Deutschland1987) behaupteten, in der DDR seien die Bedingungen so, dass keine Randgruppen mehr entstehen könnten. Armut sei, im Gegensatz zu den kapitalistischen Ländern endgültig überwunden. Dass die Realität eine andere war, illustrierte unter anderem Daniela Dahn mit ihrer Prenzlauer-Bergtour Ende der 1980er. Viele empirische Studien thematisierten die niedrigen Einkommen in den Niedriglohngruppen, die leicht zur Verschuldung führen konnten. Rentnerinnen führten ein kärgliches Leben, zumal wenn Westpakete ausblieben. Bekanntlich konnten DDR-Rentnerinnen und -rentner, anders als die Werktätigen, jederzeit problemlos zum Verwandtenbesuch in die Bundesrepublik reisen, wobei es nicht unerwünscht war, wenn sie dort verblieben und fortan die westdeutsche Rentenkasse bemühten.

Die DDR-Berichterstattung über die Bundesrepublik stellte weiterhin, ja in der Zeit der massenhaften Ausreiseanträge immer wieder von Neuem heraus, dass in vielen Städten, in West-Berlin, im Ruhrgebiet etwa, die blanke Not herrsche, z.B. Zwangsräumungen an der Tagesordnung wären, Hunderttausenden Obdachlosigkeit drohte.

Diskussion und Fazit

Der Autor liefert eine beeindruckende Menge an Fundstellen und Befunden zum Thema „Armut“. Dabei sind die Kirchen, die Wohlfahrtsverbände, die Jugendorganisationen und die lokalen, z.B studentischen Projekte im Umfeld noch gar nicht ausführlich gewürdigt. Das Argument, dazu habe das Pendant in der DDR gefehlt, ist nicht stimmig. Es hätte sich auch angeboten, am Beispiel der Fernsehkrimis, also Tatort vs. Polizeiruf 110, zu zeigen, wie dem breiten Publikum Armut als eine mögliche Ursache des abweichenden Verhaltens erklärt wurde. Aber insgesamt ist der Fundus, den Lorke herstellt und und ausschöpft, eine großartige Leistung.

Überzeugend sind die vielen Beispiele, mit denen Lorke dokumentiert, wie die Regierungen beider Staaten gerade auch die Sozialpolitik nutzten, um die Überlegenheit des eigenen Systems zu belegen. Die verschiedenen Ausformungen von Armut, klassisch in Form von Massenarbeitslosigkeit bzw. der Versorgungsengpässe jenseits der Grundnahrungsmittel, konnten jeweils abgrenzend und selbst-bestätigend dienlich sein. Insofern war der andere deutsche Staat sicher auch Referenzpunkt. Nicht selten stimmt erstaunlicherweise auch überein, was Lorke „soziale Images“ nennt, also Stereotypen etwa über verwahrlosende kinderreiche Familien, in denen Fernsehen und Alkoholkonsum dominierten.

Die These von Lorke geht aber darüber hinaus. Er behauptet ja, Ost und West seien durch „Prozesse gegenseitiger Wahrnehmung und Beeinflussung“ miteinander verbunden gewesen. Häufig formuliert er dies so, dass die eine Maßnahme hier „wohl kaum ohne“ einen relevanten Vorgang auf der anderen Seite getroffen worden wäre. In der Abstraktion ist das unbestritten, konkret aber doch kaum nachweisbar. Leider ist zwischendurch auch viel Jargon; da ist von „performativen Machttechniken“, „sozialkommentierenden Akteuren“ u.ä. bis hin zu „visuellen Repräsentationen“ (d.h. Fotos) die Rede.

Eine umsichtige, reichhaltig Material aufbereitende Studie zu Aspekten der Sozialpolitik und mithin Geschichte beider deutschen Staaten!


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 04.05.2016 zu: Christoph Lorke: Armut im geteilten Deutschland. De Wahrnehmung sozialer Randlagen in der Bundesrepublik und der DDR. Campus Verlag (Frankfurt) 2015. ISBN 978-3-593-50268-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/20417.php, Datum des Zugriffs 26.03.2017.


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