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Antonio Brettschneider, Ute Klammer: Lebenswege in die Altersarmut

Cover Antonio Brettschneider, Ute Klammer: Lebenswege in die Altersarmut. Biografische Analysen und sozialpolitische Perspektiven. Duncker & Humblot (Berlin) 2016. 461 Seiten. ISBN 978-3-428-14790-8. D: 89,90 EUR, A: 92,50 EUR.

Sozialpolitische Schriften, Band 94.
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Thema

Die Reformen der Alterssicherung in Deutschland haben ihre Spuren hinterlassen. Eine Konsequenz daraus ist die zunehmende Thematisierung von Altersarmut in den Medien aber auch ihre wiedergewonnene Bedeutung in Politik und in einschlägiger Forschung. Die vorliegende Studie widmet sich ebendieser Thematik in explorativer und umfassender Weise und räumt hierbei vor allem den individuellen (Erwerbs-)Biografien der von Altersarmut betroffenen Personen und der darauf basierenden Identifikation von Risikogruppen breiten Raum ein.

Autor und Autorin

  • Antonio Brettschneider war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politikwissenschaft insb. Sozialpolitik an der Universität Duisburg-Essen. Aktuell ist er wissenschaftlicher Referent für Vorbeugende Sozialpolitik am Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung.
  • Ute Klammer ist seit 2015 geschäftsführende Direktorin des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen. Zuvor war sie Professorin für Sozialpolitik an der Universität Duisburg-Essen.

Aufbau und Inhalt

  • Kapitel I geht detailliert auf die zentralen Aspekte und Zahlen zur Grundsicherung allgemein, sowie zur Grundsicherungsbedürftigkeit im Alter ein.
  • Die biografischen Determinanten der Grundsicherungsbedürftigkeit im Alter werden in Kapitel II erläutert und anhand von Ergebnissen einschlägiger Forschungsarbeiten erläutert.
  • Nach der Darlegung des methodischen Zugangs (Kapitel III) folgen in Kapitel IV (Risiken und Risikodimensionen) und V (Zentrale Risikogruppen) die wesentlichen empirischen Ergebnisse.
  • In Kapitel VI werden aufbauend auf den zuvor präsentierten Ergebnissen wahrscheinliche ‚Entwicklungen zur Grundsicherungsbedürftigkeit in Gegenwart und Zukunft‘ skizziert, bevor die (sozial-)politische Diskussion zu ‚Altersarmut‘ kritisch analysiert wird (VII).
  • Das Buch schließt mit einem Kapitel zu den ‚Konsequenzen und Handlungsempfehlungen‘(VIII), sowie der Zusammenfassung und dem Ausblick (IX).

Gleich zu Beginn konstatieren die AutorInnen, dass in ganz Europa ein Übergang vom Sozialversicherungsparadigma zu einem Mehrsäulenparadigma feststellbar ist, der zugleich einer (sukzessiven) Aufgabe des gesetzlichen Ziels der Lebensstandardsicherung gleichkommt und von einer wachsenden Rolle der privatwirtschaftlich, kapitalgedeckten Formen der Vorsorge begleitet wird. Die Verantwortungsübertragung für die eigene Zukunft wurde (und wird) immer mehr vom Staat auf den/die Einzelne/n übertragen. Während dieser Wandel anfänglich von politischer Seite durchaus breit von Hoffnungen getragen war und sich in Reformen niederschlug (Zukunftsfähigkeit des Sozial-, respektive Rentensystems), so warnen Forschungen nunmehr vor der Rückkehr der Altersarmut und steigender Ungleichheit als wesentliche Folgen dieses (Reform-)Wandels. In der Folge hat sich die Bekämpfung der Altersarmut nun allmählich als politische Zielsetzung etabliert, um die (un-)intendierten (?) Nebenfolgen zu korrigieren – wenngleich sich diese Zielsetzung akutell mehr in Form von Versprechen in Regierungsprogrammen denn als feststellbares Ergebnis von Reformen identifizieren lässt (vgl. insb. Kapitel VII).

Die besondere sozialpolitische Brisanz von Armut im Alter und damit auch das Interesse an diesem Forschungsgegenstand begründen die AutorInnen damit, das es sich – anders als Armut in anderen Lebensphasen – um keine transitorische Phase im Lebensverlauf der betroffenen Personen handelt die vorübergeht, sondern um einen biografischen „Endzustand“, bei dem gängige Aktivierungsmaßnahmen nicht greifen. In diesem Sinne lässt sich die Studie auch als Ursachenforschung der AutorInnen auf Ebene der Lebensverläufe lesen, die die Rekonstruktion individueller Risikolagen zum Ziel hat. Insgesamt wurden 49 biografisch-problemzentrierten Interviews mit grundischerungsbedürftigen SeniorInnen der Geburtsjahrgänge 1938-1947 geführt (Alter 65-75 Jahre) und als Analyseergebnis eine Typologie zentraler Risikogruppen erstellt.

  1. Die bedeutendste Risikogruppe stellt jene der „familienorientierten Frauen“ dar, die vor allem in den alten Bundesländern Deutschlands die größte Gruppe der MindestsicherungsbezieherInnen darstellen. Für sie ist ein mehrjähriger familienbedingter Ausstieg (Ehe, Haushalt, Kinderbetreuung, Pflegetätigkeit) aus einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung der Grund dafür, dass kein existenzsicherndes eigenständiges Einkommen im Alter erzielt werden konnte. Insbesondere die lange Zeit, die gänzlich außerhalb des Arbeitsmarktes oder jedenfalls ohne sozialversicherungspflichtige Beschäftigung verbracht wurde, ist für diese Frauen ausschlaggebend für die sehr niedrigen individuellen Altersrenten aus der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV). Brettschneider und Klammer konstatieren zudem, dass diese Gruppe in naher aber auch mittlerer Zukunft nicht stark an Bedeutung verlieren wird, da das diesem ‚Typus‘ zugrundeliegende männliche Ernäherermodell keineswegs in den Folgegenerationen obsolet wurde. Vielmehr hat sich de facto ein ‚modernisiertes‘ oder modifiziertes Ernährermodell durchgesetzt, bei dem der Mann in der Partnerschaft nach wie vor die Haupternährerrolle übernimmt, während die Partnerin geringfügig oder teilzeitbeschäftigt das Haushaltseinkommen aufbessert (vgl. S. 322 ff.).
  2. Die zweite Risikogruppe umfasst „ehemalige Selbstständige“ und – trotz ihrer Heterogenität in punkto individueller (Erwerbs-)Biografien – damit primär westdeutsche Männer. Die Gemeinsamkeiten lassen sich, den AutorInnen folgend, als „„Drei-Phasen-Modell“ gescheiterter Selbstständigkeit“ bezeichnen (S. 221). Einer ersten Phase abhängiger, sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung – aus der die im Alter übrigens einzige Einkommensquelle resultiert –, folgt eine Phase der Selbstständigkeit und damit eine GRV-befreite Zeit, die von der dritten Phase gescheiterter Wiedereinstiegsversuche in abhängige Beschäftigung, von Bezug von Mindestsicherungsleistungen, sowie von Vermögensverzehr gefolgt wird. Abhilfe würde hier eine Pflichtversicherung in die GRV leisten, die jedoch von einem Großteil der Betroffenen nach wie vor abgelehnt wird.
  3. Eine weitere Gruppe wird von jenen der „zugewanderten Personen“ gebildet. Innerhalb dieses ‚Typus‘ sind die drei größten Gruppen jene der sogenannten „Gastarbeitern“ der ersten Generation, die jüdischen Kontingentflüchtlinge, sowie die (Spät-)AussiedlerInnen. Während bei der Anzahl der beiden letzten Gruppen in der Grundsicherung im Alter kurz- und mittelfristig vermutlich zunimmt, so zeichnet sich langfristig ein klarer Rückgang (aufgrund der bereits ausgelaufenen gesetzlichen Grundlage für diese Formen der Zuwanderung) aus. Für die erste Gruppe der ArbeitsmigrantInnen, sowie die Nachfolgegenerationen aller „zugewanderten Personen“ gilt jedoch generell, dass eine „konsequente Integrationspolitik (…) langfristig auch zur Begrenzung der Grundsicherungsbedürfigkeit im Alter beitragen [könnte].“ Denn hier sind es insbesondere exogene Faktoren, wie Benachteiligung im Bildungssystem oder am Arbeitsmarkt, die über die Möglichkeiten auf die Realisierung einer „guten“ (Erwerbs-)Biografie entscheiden (vgl. S. 395).
  4. Die vierte Gruppe ist jene der „umbruchgeprägten Ostdeutschen“, die vor dem Hintergrund der Entwicklungen am ostdeutschen Arbeitsmarkt ab den 1990er Jahren künftig stark an Bedeutung gewinnen wird.
  5. Die letzte und heterogenste Gruppe ist die der „komplex Diskontinuierlichen“, bei der individuelles Scheitern gegenüber strukturellen Komponenten den bedeutenderen Anteil an der Grundsicherungsbedürftigkeit im Alter ausmacht.

Mit Blick auf die künftigen Entwicklungen werden zwei weitere Risikogruppen identifiziert, und zwar jene der „langjährig prekär und diskontinuierlich Beschäftigten“ und jene der „langjährig Geringverdienenden“. Während bei der ersten Gruppe der Faktor Zeit ausschlaggebend ist, dass heißt zu wenige Jahre ausreichend sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen nachgegangen wird, ist es bei der zweiten Gruppe der Faktor Geld.

In der Gegenüberstellung von empirischen Ergebnissen und politischen Reformen und Debatten konstatieren Brettschneider und Klammer eine „immer größere Kluft zwischen den hohen (…) biografischen Normalitäts- und Kontinuitätsanforderungen des Alterssicherungssystems auf der einen Seite und der zunehmenden Pluralität und Diskontinuität der Lebensverläufe auf der anderen Seite.“ (S. 351) Gerade weil dieses Fazit unter Miteinbeziehung der jüngsten politischen Reformanstrengungen gezogen wird, sollte es von den Verantwortlichen als deutliche Warnung verstanden und ernst genommen werden. Und zwar dahingehend in punkto Altersarmut nicht auf das falsche Pferd der Klientelpolitik zu setzen, sondern die breite Absicherung vor bereits überwunden geglaubter Armut im Alter möglichst aller BürgerInnen als Ziel vor Augen zu haben.

Fazit

Die umfassende und detaillierte Studie leistet durch die Kombination einer empirisch explorativen Vorgehensweise mit Fokus auf individuelle (Erwerbs-)Biografien und der verallgemeinernden Typologisierung der Risikogruppen viel. Neben den überaus interessanten Falldarstellungen, die breiten Raum einnehmen (Kapitel V), sind die Darstellungen der Rahmenbedingungen zur Alterssicherung und vor allem Altersarmut umfangreich und informativ. Die Auseinandersetzung mit der politischen Debatte und den Reformen der jüngeren Vergangenheit, die vor allem im Hinblick auf ihre Zielerreichung in punkto Vermeidung von Altersarmut kritisch zerpflückt werden, führt dem Leser/der Leserin vor Augen, dass das Thema Altersarmut uns in nächster Zeit (leider!) noch weiter begleiten wird. Die abschließenden Handlungsempfehlungen zeigen zudem auf, dass alternative Lösungen bestünden, wobei deren Umsetzungspotentiale angesichts der Stoßrichtung jüngster „Reformen“ recht fraglich erscheinen.


Rezensentin
Laura Sturzeis
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Zitiervorschlag
Laura Sturzeis. Rezension vom 07.06.2016 zu: Antonio Brettschneider, Ute Klammer: Lebenswege in die Altersarmut. Biografische Analysen und sozialpolitische Perspektiven. Duncker & Humblot (Berlin) 2016. ISBN 978-3-428-14790-8. Sozialpolitische Schriften, Band 94. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/20658.php, Datum des Zugriffs 26.03.2017.


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