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Lars Charbonnier: Religion im Alter

Cover Lars Charbonnier: Religion im Alter. Eine empirische Studie zur Erforschung religiöser Kommunikation. Walter de Gruyter (Berlin) 2014. 562 Seiten. ISBN 978-3-11-030885-3. D: 99,95 EUR, A: 102,80 EUR, CH: 135,00 sFr.
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Thema

Die Studie erforscht anhand einer qualitativ ausgerichteten empirischen Untersuchung religiöse Lebensdeutungen im Alter, um daraus Impulse u.a. für die Reflexion kirchlich-religiöser Kommunikation zu ziehen. Sie versteht sich als Beitrag zur Grundlagenforschung. Theoretischen Reflexionen wird deshalb breiter Raum gewidmet.

„Im Zentrum [der] empirisch-qualitativen Studie stehen Zugänge zu den Lebenssinndeutungen im Alter durch selbst erhobenes Material in Form qualitativer Interviews, die mit Menschen geführt wurden, die im Jahr 1935 oder früher geboren sind und sich formal im ‚vierten Alter‘ befinden. Die forschungsleitenden Fragestellungen sind: Was lässt sich über den Lebenssinn im Alter und die Bedeutung dieser Kategorie für die Religion alter Menschen aussagen? In welchem Verhältnis stehen prägende Lebensereignisse und die Sicht auf den Sinn des Lebens und auf die Wahrnehmung des Alterns? Gibt es zentrale, fallübergreifende Aspekte, die erst im Alter auftreten oder zumindest relevant werden? Es geht also um eine Erhebung von Sinnressourcen, Lebensgestaltungskompetenzen und Deutungsmustern, die alte Menschen im Laufe ihres Lebens ausgebildet haben und mit denen sie nun auch das Alter(n) gestalten und bewältigen. Im Hintergrund steht auch eine Auseinandersetzung mit der nach wie vor diskutierten These, dass Religion mit zunehmendem Lebensalter eine bedeutendere Rolle spiele.“(S. 7f)

Autor

Lars Charbonnier arbeitet seit 2014 als theologischer Dozent an der Führungsakademie für Kirche und Diakonie und als Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Friedrichshagen. Seit 2014 ist er als Lehrbeauftragter an der Theologischen Fakultät der Humboldt Universität, Berlin, tätig.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich um die nur leicht überarbeitete Dissertationsschrift des Autors, die am Lehrstuhl für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin unter Betreuung von Prof. Gräb entstanden ist und im Mai 2012 von der Fakultät angenommen wurde. Sie wurde ausgezeichnet mit dem Hans-Werner Surkau Preis des Fachgebiets Praktische Theologie der Philipps Universität Marburg und dem Willi-Abts-Förderpreis der Albert und Loni Simon Stiftung.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit ist in fünf Teile gegliedert.

Teil A ist der praktisch-theologischen Verortung gewidmet (S. 13-90). Der für die Studie gewählte, praktisch-theologische Ansatz der „gelebten Religion“ wird unter verschiedenen Aspekten untersucht (Kapitel 1). Das folgende Kapitel (Kapitel 2) wendet sich dem Religionsbegriff zu. Dabei werden insbesondere die religionssoziologischen Theoriediskurse in den Blick genommen und zu dem Fazit geführt, „Religion als kulturelles Phänomen zu verstehen, das auf die Sinnfrage bezogen, kommunikativ verfasst und darin forschend beobachtbar ist.“ (S. 75) Mit der Unterscheidung der religiösen Sinndeutung von anderen Formen kommt der Transzendenzbegriff in den Blick. Dies führt in eine Diskussion der Unterschiede religionssoziologischer und religionstheologischer Ansätze. Um zu einer reflektierten Kombination beider Ansätze für das empirische Forschungsprojekt zu kommen, stellt Charbonnier die empirische Religionsforschung und ihre Methoden in der Praktischen Theologie in einem eigenen Kapitel vor (Kapitel 3). Hier geht es dem Autor vor allem darum, darzustellen, dass sich „die Wahrnehmungskompetenz der Praktischen Theologie durch den Einsatz empirischer Forschungsmethodik auszeichnet, die in qualitativer Ausrichtung insbesondere die kommunikative Verfasstheit von Religion als eine primär von einzelnen Subjekten gestaltete ernst nimmt“(S.10).

Teil B referiert den Forschungsstand zum Thema Alter(n) und Religion (S. 91-218). Der Zusammenhang von Religion und Alter(n) wird unter Berücksichtigung von gerontologischen, philosophischen, religionspsychologischen wie -soziologischen und theologischen Beiträgen erarbeitet. An eine Erörterung über die Pluralität des Alter(n)s (Kapitel 4) schließt sich eine Darstellung des Forschungsstandes zum Zusammenhang von Religion und Alter(n) an (Kapitel 5).

Teil C beschreibt die Konzeption der empirischen Studie (S. 219 – 318). Die konkreten Ziele, theoretischen Grundlagen und die forschungspraktischen Fragen hinsichtlich des Gegenstands „religiöse Kommunikation am Beispiel der religiösen Lebensdeutung im Alter“ werden in diesem Teil entwickelt. Mit einem für verschiedene Dimensionen offenen Verständnis von Religion als transzendierende Deutung des Lebens im gedanklichen Horizont gewährter Ganzheit (Kapitel 6, S. 271), erarbeitet der Autor im folgenden Kapitel 7 einen gestuften Religionsbegriff, der sowohl den Umgang mit existentiellen Kontingenzerfahrungen, die Anschlussfähigkeit der Kommunikation über die Sinnfrage, den Gottesbegriff und die traditionelle religiöse Semantik, die Idee einer Ganzheitsdimension und schließlich die altersspezifische Intensivierung der Sinnfrage in der Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit umfasst. Im Anschluss wird das Forschungsdesign (Kapitel 8), das sich im Anschluss an Norman Denzin als theoretische Triangulation versteht, vorgestellt. Die Auswertungsmethode ist an der Objektiven Hermeneutik orientiert. Von insgesamt 20 Interviews mit Menschen im Alter von 75 Jahren aufwärts wurden 14 für die Auswertung ausgewählt. Von diesen wurden schließlich drei Interviews der zentralen Einzelfallrekonstruktion unterzogen.

Teil D enthält die empirischen Analysen (S. 319 – 470). Zunächst werden die drei ausgewählten Einzelfälle vorgestellt (Kapitel 9), die im folgenden Kapitel 10 einer vergleichenden Analyse der Interviewpartner zugeführt werden. Hierbei werden zahlreiche Originalzitate aus den Interviews einer vertieften Interpretation unter verschiedenen Perspektiven (Deutung des Lebenssinns, Zukunftsperspektive und Altersweisheit, Umgang mit Tod und eigener Endlichkeit, Bedeutung von Religion und Gottesbegriff) unterzogen.

Teil E bietet zusammenfassende Reflexionen und praktisch-theologische Konsequenzen (S. 471 -508). Hier finden sich u.a. kritische Rückfragen aus den Einzelinterviews an die zuvor dargestellten Religionstheorien und die Theorien der empirischen Forschungsmethoden. Auch die Grenzen der Studie und die offenen Forschungsfragen werden angesprochen (Kapitel 11). In einem abschließenden Kapitel 12 richtet sich der Blick auf die praktisch-theologische Erforschung religiöser Kommunikation.

Diskussion

Angesichts der Tatsache, dass die Mitglieder der Großkirchen in besonderem Maße vom demographischen Alterungstrend betroffen sind, tut die Theologie gut daran, der religiösen Lebensdeutung alter Menschen hohe Aufmerksamkeit zu widmen. Ihre Erkenntnisse sind auch im Umgang mit nicht kirchengebundenen älteren Menschen wertvoll. Denn die vorliegende Studie zeigt erneut, dass die religiöse Pluralität der Bevölkerung die Grenzen kirchlichen Lebens längst übersteigt. Die Studie unterstreicht die Bedeutung der Biographie und der religiösen Sozialisation für die Ausprägung des subjektiven Altersbildes und die eigene religiöse Lebensdeutung. Ein Blick auf das Alter und Älterwerden, der diese Perspektive ausblendet, würde wesentliche Ressourcen für ein gelingendes Altern, die Bilanzierung der eigenen Biographie und den Umgang mit der Endlichkeit und Tod übersehen.

Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass es nicht allein die Frage nach dem Sinn des Alters ist, die alte Menschen bewegt. Offenbar werden auch dezidiert religiöse Sinndeutungsprozesse in Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und Sterben im Alter gesucht (S.496). In den Interviews zeigt sich, dass auch ältere Menschen eine hohe Kompetenz, zur selbständigen religiösen Lebensdeutung zeigen – unabhängig von kirchlichen Angeboten. Die religiöse Dimension wird allerdings von den alten Menschen als eine unter anderen (z.B. ethisch-soziales Miteinander, Sorge um Gesundheit, Selbstverhältnis) betrachtet und widerspricht damit kirchlichen Deutungen, die in der religiösen Botschaft, das sehen „was wirklich trägt“. Gegenüber einer solchen, immanente Deutungen abwertenden Haltung betont der Autor: „Der religiöse Sinnglaube trägt nur dann, wenn er mit den anderen Dimensionen vermittelt bleibt. Dann wächst ihm auch das Potential zu, eine stabilisierende Größe zu sein, wenn diese anderen Sinndimensionen fraglich werden“ (S.498). Daraus lässt sich das Desiderat einer multidimensionalen und theologisch fundierten Seelsorge im Alter ableiten. Hier sind die Kirchen und Religionsgemeinschaften gefordert, ausreichend Personal auszubilden und den Einrichtungen der Altenhilfe und den Gemeinden zur Verfügung zu stellen. Nicht zuletzt wäre darüber nachzudenken, ob solche Angebote als Bestandteil einer „humane(n) und aktivierende(n) Pflege unter Achtung der Menschenwürde“ (SGB XI, §11) nicht nur „durch die Pflegeeinrichtungen … zu gewährleisten“ (ebd.), sondern auch durch die Kostenträger mitzufinanzieren sind.

Zielgruppen

Interessant ist das Buch zunächst für die innertheologische Diskussion, insbesondere für die Auseinandersetzung mit Sinnfragen (im Alter). Ebenfalls für die in der Praktischen Theologie (im weitesten Sinne) Engagierten bietet die Beschäftigung mit den empirischen Befunden eine Orientierung. Wichtig ist die Arbeit auch für die Verantwortlichen in den Kirchengemeinden und (konfessionellen) Trägern der Altenhilfe. Wenn sie sich konzeptionell neu aufstellen – und dafür gibt es viele gute Gründe – dann kann die Beachtung der Erkenntnisse aus der Studie von Charbonnier eine echte Fundgrube sein.

Fazit

Die Anwendung des Konzepts der „gelebten Religion“ auf die religiöse Kommunikation im Alter ermöglicht einen hochinteressanten Einblick in die Praxis von (transzendenter) Sinngebung und Lebensdeutung alter Menschen. Es regt an, sich mit der gelebten Religion alter(nder) Menschen näher zu beschäftigen und mit ihnen in der Suche nach Lebensinn und -deutung neue Wege zu gehen. Insgesamt ist die hier vorgelegte Studie als eine sehr bedeutsame Arbeit im Kontext der Praktischen Theologie zu verorten, die sich einreiht in eine ganze Reihe hervorragender Publikationen von Kumlehn, Coors, Kubik und Klie. Hier ist es gelungen aus der Perspektive der protestantischen Theologie zu aktuellen Fragen der politisch-ethischen Debatte rund um die Frage des „guten Alterns“ substantiell Stellung zu nehmen und den Diskurs zu befruchten. Dies gilt auch für den interdisziplinären Diskurs mit den Lebenswissenschaften, hier ist der Beitrag der Theologie unverzichtbar.

Ebenfalls werden von der Veröffentlichung Impulse für die Reflexion kirchlich-religiöser Praxis vor Ort ausgehen, die längst überfällig sind. Beide großen Kirchen – sowohl die katholische wie auch die evangelische Seite – haben hier die Chance, im Rahmen von regional, quartiersnah und gemeinwohlorientierten Versorgungsangeboten ihren Beitrag zu einer lebensdienlichen Kultur des Alterns zu leisten. Das Buch von Charbonnier liefert die theoretische Grundlage für die Reflexion einer solchen Perspektive.


Rezensent
Dr. Hanno Heil
Lehrbeauftragter für Pastoraltheologie und Diakonische Theologie an der Theologischen Fakultät der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar
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Zitiervorschlag
Hanno Heil. Rezension vom 07.02.2017 zu: Lars Charbonnier: Religion im Alter. Eine empirische Studie zur Erforschung religiöser Kommunikation. Walter de Gruyter (Berlin) 2014. ISBN 978-3-11-030885-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/20896.php, Datum des Zugriffs 26.03.2017.


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