Rudolph Bauer: Personenbezogene Soziale Dienstleistungen
Rudolph Bauer: Personenbezogene Soziale Dienstleistungen. Begriff, Qualität und Zukunft. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2001. 233 Seiten. ISBN 978-3-531-13599-1. 23,00 EUR.
Ziele und hohe Erwartungen
Der Titel der von Rudolf Bauer vorgelegten Publikation ist vielversprechend. Steht doch die Diskussion um Dienstleistungen und besonders soziale Dienstleistungen, ihre Bedeutung, ihre Finanzierung, ihre Qualität und ihre Neuorganisation in der sozialen Arbeit im Zentrum der Fachdiskussion von Lehre und Forschung. Adressaten der Publikation sollen nicht nur "Eingeweihte" sein, sondern auch "Außenstehende", wie der Verfasser in der Einleitung formuliert. Ziel sei es, die "babylonische Sprachverwirrung" zu überwinden und die "großen Vereinfachungen", die in den "akademischen, fachlichen und öffentlichen Diskussionen" meist kritiklos transportiert werden, zu korrigieren.
Übersicht über die einzelnen Kapitel: Breite Vielfalt inhaltlicher Aspekte
Nur konsequent betitelt Bauer das erste Kernkapitel mit "Personenbezogene Dienstleistungen: Diffusion statt Definition und Klassifikation". Bauer beginnt mit einer Übersicht vorhandener Typologien bzw. der vorhandenen Konfusion in der einschlägigen Literatur. Die vorgestellten Begriffe zeigen die Vielfältigkeit vorhandener Terminologien: Dienstleistungen, soziale Dienste, Sozialleistungen, personenbezogene Dienstleistungen u.v.a.m. Selbst die ehrenwerten Fachlexika beteiligen sich an dem Verwirrspiel. Um so erfreulicher ist es, wenn der Verfasser (allerdings erst nach ca. 70 Seiten) auf mehrere Handlungsebenen bezogen die begrifflichen Elemente zuordnet:
- Auf der Ebene der personenbezogenen Interaktion, also der Ebene des konkreten sozialarbeiterischen / sozialpädagogischen Handelns, finden "personenbezogenen Dienstleistungen" statt.
- Auf der Ebene der Funktionsgewährleistung, also auf den gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozesses bezogen, spricht man von "Sozialen Dienstleistungen"
- Auf der institutionell-organisatorischen Ebene, also wenn es sich um Aktivitäten der Wohfahrtsverbände oder der kommunalen Sozial- oder Jugendämter handelt, ist der Terminus "Soziale Dienste" angebracht.
Kritisch bleibt anzumerken, daß der Verfasser bei den Merkmalen der Personenbezogenen Sozialen Dienstleistungen (Uno - Actu —Prinzip, Ortsgebundenheit, nicht existierende Speicherbarkeit, etc. das Merkmal des "Vertrauensgutes" übersieht. Handelt es sich in den verschiedenen Tätigkeitsfeldern der sozialen Arbeit doch häufiger um Klienten oder Patienten, die nicht in der Lage sind, ihre eigenen Interessen zu vertreten und für die der handelnde Sozialarbeiter/Sozialpädagoge die wohlverstandenen Interessen des Hilfesuchenden zu vertreten hat. Auch wenn man die vom Verfasser in resümierender Absicht vorgetragene Formalisierung bezüglich der Dimensionen und Handlungsebenen der vorgeschlagenen begrifflichen Klärung kaum nachvollziehen kann, so stellt dieser Teil des Buches einen Gewinn dar.
Zwei weitere Teile des Buches erwecken die Neugier des Lesers: Modernisierung des Sozialwesens durch innovative Dienstleistungen und das Kapitel zur Qualitätsdiskussion. Besonders interessant ist die kritische Auseinandersetzung mit dem instrumentellen Qualitätsbegriff. Wie schon aus anderen Publikationen des Verfassers bekannt, setzt er sich kritisch mit Donabedian auseinander (Struktur,- Prozess und Ergebnisqualität) und setzt statt dessen auf ein vierstufiges Qualitätsverständnis:
- subjektiver Qualitätsbegriff, der sich auf das unmittelbare Handlungsgeschehen und den Kunden bezieht,
- objektiver Qualitätsbegriff, der die Rahmenbedingungen des Handelns betrifft,
- instrumenteller Qualitätsbegriff, der die organisatorischen Voraussetzungen thematisiert,
- normativ-funktionaler Qualitätsbegriff, der die Frage stellt, was im Rahmen des Sozialleistungssystems durch das Handeln bezweckt werden soll.
Wohltuend kritisch setzt sich der Verfasser in diesem Kapitel mit der Praxis von Qualitätsmanagement, Zertifizierung und der "Quantifizierungswut" vieler Träger auseinander. Kritisch ist hier anzumerken, daß der Verfasser auf der Ebene des instrumentellen Qualifikationsbegriffs die ISO-Normen nur kurz anspricht und überhaupt nicht auf die Revision der 9000 ff Normen und die Bedeutungen für Anwendbarkeit auf soziale Betriebe eingeht. Angesichts des großen aktuellen Interesses an Zertifizierungen nach der neuen ISO-NORM hätte dies die Diskussion belebt.
Am Ende dieses Kapitels bleibt der Eindruck, daß es der Verfasser dem Leser schuldig bleibt, auf der praktisch-empirischen Ebene, Alternativen zu der von ihm teilweise zu Recht kritisierten "Qualifizierungswut" zu benennen. Eine auf die Praxis bezogene Übersicht über die Wege, die die großen Träger beim Qualitätsmanagement einschlagen, fehlt ebenso wie die kritische Auseinandersetzung mit den vielfältigen Bemühungen um Zertifizierung. Hier wäre die Diskussion spannend geworden und könnte für die praktische Qualitätsbestimmung personenbezogener sozialer Dienstleistungen Irrwege vermeiden helfen und neue Wege aufzeigen.
Die Kapitel "Hilfetraditionen und Wohlfahrtskulturen Europas" sowie "Die freien Träger sozialer Dienste in Europa: Dritter Sektor oder Dritte Sektoren" bieten einen interessanten Überblick, werden aber in einem Buch mit dem Titel "Personenbezogene Soziale Dienstleistungen" nicht erwartet. Zudem beschränkt sich das Kapitel Hilfetraditionen und Wohlfahrtskulturen Europas im wesentlichen auf den Migrationsaspekt.
Das Schlusskapitel "Die Zukunft der Dienstleistungen in Sozialwesen" ist ein interessanter Ausblick und bietet Stoff für die aktuelle Diskussion um soziale Dienste. Nur unterstreichen kann man die Forderung des Verfassers, "soziale Dienste als Kollektivgüter bereit(zu)stellen, deren Vorhandensein in modernen Gesellschaften unerläßlich ist". Die Skepsis gegenüber der Implementierung von Marktkriterien in die Steuerung sozialer Dienste kann man nur teilen. Allerdings taucht die Frage auf, ob die vom Verfasser vorgeschlagene Lösung, "den Bedarfspersonen den Status von Nutzer/inne/n zu ermöglichen und sie selbst mit den erforderlichen Tauschmitteln (Geld, Gutscheine) auszustatten", der richtige Weg ist.
Resümee: 230 Seiten mit unterschiedlicher Qualität
Das von Bauer vorgelegte Werk stellt wichtige Aspekte der aktuellen Diskussion um soziale Dienste und Personenbezogene Soziale Dienstleistungen zusammen. Lesbarkeit und Gesamteindruck leiden allerdings darunter, daß der Verfasser zu viele Einzelaspekte zusammenstellt und das Entstehen von Teilen der Arbeit sehr lange zurückliegt und mit der heutigen Diskussion kaum kompatibel ist. Das Buch gibt keinen Überblick über die Sozialen Dienste in Deutschland, ihre Organisation, Praxis, Qualität und Probleme der Weiterentwicklung. Angesichts der bereits in allen wichtigen Sozialgesetzen implementierten marktähnlichen "Neue — Steuerungskonzepte" (Neues Steuerungs-Denken, das um Produkte, Budgets, Contracting und Controlling kreist) stellt sich die Frage, ob dies der richtige Weg für die Weiterentwicklung sozialer Dienste ist. Welche Konsequenzen zeichnen sich bereits jetzt für die in unserem Sozialstaat so wichtigen sozialen Dienstleistungen ab? Hier hätte sich der Leser eine pointiertere Antwort und klarere Perspektive gewünscht.
Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hofemann
Fachhochschule Köln, FB Sozialpädagogik
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Zitiervorschlag
Klaus Hofemann. Rezension vom 14.05.2002 zu: Rudolph Bauer: Personenbezogene Soziale Dienstleistungen. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2001. 233 Seiten. ISBN 978-3-531-13599-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/209.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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