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Hans-Peter Blossfeld: Integration durch Bildung

Cover Hans-Peter Blossfeld: Integration durch Bildung. Migranten und Flüchtlinge in Deutschland. Gutachten. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. 327 Seiten. ISBN 978-3-8309-3463-9. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR.

Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (Hrsg.).
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Thema

„Integration durch Bildung“ ist ein durch ein politisch unabhängiges Gremium (Mitglieder siehe unten) verfasstes Gutachten, welches die Chancen und Herausforderungen, die Dringlichkeit und die historische Bedeutung der Integration mittels Bildung darlegt, begründet und erklärt. Die Autor_innen empfehlen dringend die Entwicklung und Umsetzung eines Masterplans Bildungsintegration als Teil eines Masterplans Migration.

Mitwirkende

Dem Aktionsrat Bildung gehören namhafte Persönlichkeiten verschiedener (mit einer Ausnahme deutscher) Universitäten an, welche namentlich in der universitären Qualitätssicherung und -entwicklung sowie in der Unterrichts- oder allgemein in der Bildungsforschung tätig sind. Es sind dies (in alphabetischer Reihenfolge):

  • Hans-Peter Blossfeld, Professor für Soziologie am Europäischen Hochschulinstitut Florenz;
  • Wilfried Bos, Professor für Bildungsforschung und Qualitätssicherung an der Technischen Universität Dortmund;
  • Hans-Dieter Daniel, Leiter der Evaluationsstelle der Universität Zürich, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich;
  • Bettina Hannover, Leiterin des Arbeitsbereichs Schul- und Unterrichtsforschung an der Freien Universität Berlin;
  • Olaf Köller, Geschäftsführender Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz Instituts für Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik an der Christian-Albrecht-Universität zu Kiel;
  • Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg und Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz, Vorsitzender des Aktionsrats Bildung;
  • Hans-Günther Rossbach, Lehrstuhl für Elementar- und Familienpädagogik, Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe, Otto-Friedrich-Universität Bamberg;
  • Tina Seidel, Lehrstuhl für Unterrichts- und Hochschulforschung, Prodekanin der TUM School of Education, Technische Universität München;
  • Rudolf Tippelt, Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Bildungsforschung, Ludwig-Maximilians-Universität München sowie
  • Ludger Wössmann, Leiter des ifo Zentrums für Bildungs- und Innovationsökonomik, Ludwig-Maximilians-Universität Münschen.
  • Kay Heilbronner hat den Aktionsrat Bildung als externer Experte mit den Arbeitsschwerpunkten Ausländer- und Asylrecht begleitet.

Aufbau und Inhalt

Die zentrale Empfehlung des Aktionsrats Bildung ist die Einrichtung und Umsetzung eines Masterplans Bildungsintegration als Teil eines Masterplans Migration. Dies wird als dringende Aufgabe erachtet, welche keinen Aufschub duldet: „Es darf keine Illusion darüber bestehen, dass die Integration durch Bildung eine der mit Abstand wichtigsten Bildungsmassnahmen in der Geschichte der Bundesrepublik sein wird. Es ist die Aufgabe der Politik, die Bevölkerung über diesen Umstand aufzuklären und auf diesem Wege Akzeptanz und Unterstützungsbereitschaft im Hinblick auf die eigene Zukunftsfähigkeit des Landes herzustellen. Diese Massnahme hat hohe Priorität, wenn Deutschland seine Identität, seine produktive Kraft und seine Zukunftsfähigkeit erhalten und ausbauen will. Migrantinnen und Migranten können hierzu einen fundamentalen Beitrag leisten, wenn dies von ihnen erwartet, es ihnen aber auch möglich gemacht wird.“

Soweit die Autor_innen in der Einleitung (S. 15). Im Folgenden werden die Aufgaben und Rollen der Beteiligten aufgezählt. Es sind dies:

  1. der Bund (aufenthaltsrechtliche Klarheit, Zugang zu Bildungs- und Arbeitsmarkt auch durch verkürzte Berufsausbildungen für Teilqualifikationen sowie zu finanziellen Förderinstrumenten)
  2. Bund und Länder (Errichten von regionenzentralen Einrichtungen für die Koordination der Bildungsintegration)
  3. Länder und Kommunen haben zahlreiche Aufgaben in der Integration, u.a. sollen sie „integrationsfeindliche Aufenthaltsbedingungen“ beseitigen resp. verhindern, „darunter die Entstehung von Flüchtlingsghettos oder religiöse Intoleranz bei allen Beteiligten“
  4. die Bildungseinrichtungen, welche die Hauptlast der Bildungsintegration tragen, in dem sie für kontinuierliche Beratung jeder einzelner Person zuständig sind, ihre Lehr- und Lernformen noch stärker auf „kooperative und dialogische Grundlagen stellen“ müssen, um „viele Kommunikationsanlässe zu schaffen“, ihren Betrieb soweit wie möglich als Ganztagesbetrieb gestalten müssen und die Vernetzung von Eltern und Kindern „mit den Kommunen und deren ausserschulischen Angeboten organisieren müssen“,
  5. das Bildungspersonal mit den Aufgaben, die Erwartungen an die Bildungseinrichtungen umzusetzen, die Lernmotivation der Zugewanderten zu fördern, negativen Stereotypen bei Nichtzugewanderten entgegenzutreten sowie sich fort- und weiterzubilden,
  6. die Medien mit einem Bildungsauftrag besonders bezüglich Sprachlernangeboten,
  7. die Bildungswissenschaften (Begleitforschung zur Bildungsintegration der Flüchtlinge),
  8. ehrenamtliche Helfer_innen, welche Qualifizierungsmöglichkeiten und Vernetzung brauchen sowie schliesslich
  9. die Zugewanderten, welchen die klare Erwartung kommuniziert werden muss, dass sie sich aktiv an ihrer eigenen Bildungsintegration beteiligen müssen.

Dieser Katalog wird unterfüttert mit Zahlen und Fakten sowie jeweils am Schluss eines Kapitels (d.h. für die verschiedenen Bildungssituationen von Frühförderung in der Kindertagesstätte über den Hochschulbereich bis zur beruflichen Weiterbildung) mit konkreten Handlungsempfehlungen für die verschiedenen Ebenen ergänzt. Wo vorhanden, wird auf bestehende Beispiele guter Praxis verwiesen, so etwa im Hochschulbereich auf die Programme zur schnelleren und besseren Integration von studieninteressierten Flüchtlingen (S. 220 ff.). Selbstverständlich wird dabei auf den State of the Art der Qualitätssicherung der Hochschulen allgemein abgestellt, indem beispielsweise Massnahmen wie Austrittsgespräche mit Studienabbrecher_innen oder Orientierungs- und Einführungswochen für Studienanfänger_innen oder „Buddy-Systeme“ (Einsteiger_innen wird eine erfahrenere Person zur Seite gestellt) auf die Situation der Flüchtlinge übertragen werden.

Diskussion

Wie kann es sein, dass sich eine pragmatische Arbeitsanleitung wie ein utopischer Roman liest? Was heisst es, wenn man sich beim Lesen ertappt beim Gedanken „klar, so müsste es sein, aber das ist ja völlig unrealistisch“? Es tut einfach gut, eine solche Fülle von Fakten vor sich liegen zu haben und von guten Beispiele – welche ja umgesetzt werden! – zu lesen.

Das Buch ist von Bildungsprofis für Bildungsprofis und für die Politik geschrieben. Das mag der Grund sein, weshalb die Zivilgesellschaft eher knappe Erwähnung findet – als ehrenamtliche Helfer_innen. Ich bin der Meinung, dass ohne neuen zivilgesellschaftlichen Diskurs eine neue Migrationspolitik und damit auch ein Masterplan Integration durch Bildung nicht zu haben ist. Solche wichtigen und fundierten Arbeiten wie das vorliegende Gutachten müssen ergänzt werden durch unablässiges Informieren, Aufklären, Zuhören, Verstehen im Kleinen. Dies ist beispielsweise die Aufgabe von Vertreter_innen der Sozialen Arbeit, welche im Gespräch mit alten Menschen gesagt bekommen: „Klar, für mich gibt es kein Geld, aber die Ausländer, die bekommen alles.“ Hier entgegenzutreten und klare Informationen bereit zu haben und zu vermitteln, gehört im Gutachten zu den Aufgaben des Bildungspersonals (Punkt 5) – aber es ist ebenso eine Aufgabe aller Bürgerinnen und Bürger im Staat.

Damit werden manchmal auch fast Utopien Realität: So macht das kleine Dorf Riggisberg im Kanton Bern in der Schweiz von sich reden, weil dort eine Asylunterkunft mit 150 Menschen, grossmehrheitlich Männer aus Syrien und Eritrea zwar auch nicht auf ungeteilte Freude stiess, aber von der Gemeinde als Chance erkannt wurde, einen konkreten Beitrag zur Integration zu leisten. Dies ist keineswegs selbstverständlich, und die Mehrheit der 2500 Einwohner_innen des Dorfes wählt die Schweizerische Volkspartei (SVP). Möglich wurde dies vor allem durch das Engagement einiger Politiker_innen, vor allem aber auch von Freiwilligen, welche gegenüber Flüchtlingen und Dorfbewohner_innen klar kommunizierten: dass sich die Neuankömmlinge im Dorf über organisierte Arbeitseinsätze nützlich machen können, dass die teuren Pullover der Asylsuchenden aus der Kleidersammlung stammen. Dass von den heute noch in Riggisberg lebenden dreissig Personen mit Bleiberecht zwanzig eine Arbeitsstelle gefunden haben, auch in lokalen Gewerbebetrieben, kann nicht positiv genug eingeschätzt werden. Die Erfassung ihrer Kompetenzen und die Ermöglichung von Bildung für die Flüchtlinge ist aufwändig und wäre ohne ehrenamtliches Engagement nicht zu leisten. Der Erfolg jedoch gibt den Engagierten Recht.

Fazit

Eine absolute Schatzkammer für die Planung und Umsetzung von bildungspolitischen Massnahmen insbesondere für Flüchtlinge in Deutschland. Eine Wohltat im alltäglichen Gezeter und Geschrei über die „Flüchtlingskrise“. Ein Schrecken, der einem in alle Glieder fährt, wenn man merkt, dass das Normale wie eine Utopie wirkt.

Das Buch beinhaltet zahlreiche „good practice“ Beispiele, insbesondere aber auch Zahlen und Argumente. Das Buch ist jedoch in seiner Eigenschaft als Gutachten eher als Grundlagenmaterial zu betrachten, welches noch politisch umgesetzt werden muss. Eine sinngemässe Übertragung der Argumente, Forderungen und Handlungsempfehlungen auf andere europäische Länder scheint mir überaus einfach und dringend geraten.

Der einzelne Leser, die einzelne Leserin kann nicht die Bildungspolitik Deutschlands – oder eines anderen europäischen Landes – im Alleingang ändern. Jedoch ist es möglich und notwendig, im Kleinen zu wirken, sei es direkt im eigenen Berufsfeld, in den Medien, in einer Universität oder Fachhochschule oder auch in einem Betrieb, sei es in der Rolle als Citoyen_ne, welche_r sich gesellschaftspolitisch artikuliert.

Literatur:

Bericht über Riggisberg: Lukas Häuptli: Die Flüchtlingshelfer im SVP-Dorf. In Riggisberg (BE) suchen Freiwillige Arbeit für Asylsuchende. Das hat Pilotcharakter. NZZ am Sonntag, Zürich, 1. Januar 2017, S. 6.


Rezensentin
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 10.01.2017 zu: Hans-Peter Blossfeld: Integration durch Bildung. Migranten und Flüchtlinge in Deutschland. Gutachten. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. ISBN 978-3-8309-3463-9. Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (Hrsg.). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/20981.php, Datum des Zugriffs 16.01.2017.


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