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Stephan Quensel: Das Elend der Suchtprävention. Analyse - Kritik - Alternative

Stephan Quensel: Das Elend der Suchtprävention. Analyse - Kritik - Alternative. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. 358 Seiten. ISBN 978-3-531-14269-2. 29,90 EUR, CH: 52,20 sFr.

Einführung in das Thema

Mit diesem sozialwissenschaftlichen Werk setzt sich Stephan Quensel kritisch mit bestehenden Konzepten der Suchtprävention auseinander. Von Kapitel eins bis sechs widmet er sich dem Scheitern der Suchtvorbeugung im schulischen Bereich, wobei er die Mängel der Suchtvorbeugung in einen politischen Kontext stellt. Die ausschließlich negative Bewertung des Drogenkonsums und des Konsumenten ist laut Quensel nicht nur ein gesamtgesellschaftliches Phänomen sondern sogar politisch gewollt, um bestehende Drogenpolitik und Machtverhältnisse zu etablieren. Quensel fordert und zeigt in Kapitel sieben bis zehn seines Buches Lösungswege zu einer alternativen Suchtvorbeugung, die nicht mehr im negativistischen Sinne von Drogenprävention spricht, sondern von einer Drogenerziehung zu mündigen Drogenkonsumenten

Über den Autor

Stephan Quensel ist Professor am Institut für Suchtforschung der Universität Bremen. Er gilt als Begründer der deutschen "Kritischen Kriminologie" und war Herausgeber und Redakteur der " Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform " Er etablierte das Bremer Institut für Drogenforschung (BISDRO) und unterstützt das Archiv und Dokumentationszentrum für Drogenliteratur "ARCHIDO". Eines seiner grundlegenden Werke, welches 1982 veröffentlicht wurde trägt den Titel "Drogenelend".

Aufbau, Inhalte, Gliederung

Das Elend der Suchtprävention ist ein gut strukturiertes und differenziert gegliedertes Buch. Es besteht aus zehn Hauptthesen, die wiederum Unterthesen enthalten. Diese Unterthesen werden oftmals in Dreierschritten bearbeitet, was von der Gesamtstruktur an die Verschachtelung der "Matroschka" (Russischen Holzpuppen) erinnert. Jeweils am Anfang eines Kapitels erhält der Leser/die Leserin einen Vorblick. Gleichzeitig wird an das Wesentliche aus vorherigen Kapiteln angeknüpft. Am Ende der jeweiligen Kapitel gibt Quensel eine kurze Zusammenfassung (Rückblick).

Die Komplexität dieses Buches erschwert eine kurze Zusammenfassung des Inhaltes. Im Folgenden werden die zehn Thesen von Quensel vorgestellt, um einen Eindruck der Vielschichtigkeit des Werkes zu vermitteln.

  • These 1 Die gegenwärtigen Präventionsprogramme sind weitgehend gescheitert, ihre Ziele sind unklar, ihre Evaluation versagt.
  • These 2 Die Sucht-Prävention begreift Drogen, Drogenkonsum und Drogen-Konsumenten vom negativen Ende her.
  • These 3 Die Sucht-Prävention gründet in und beteiligt sich an einem kulturell ausgetragenen Konflikt zwischen den Generationen.
  • These 4 Die Sucht-Prävention kann die Realität der Peergruppe nicht adäquat erfassen.
  • These 5 Die Suchtprävention gefährdet die jugendliche Identitäts-Arbeit zwischen Ablösung und Peergruppen-Beziehung.
  • These 6 Die Sucht-Prävention verdeckt die realen Probleme, die an sich Aufgabe einer strukturellen Prävention sein müssten.
  • These 7 Drogen-Erziehung setzt Vertrauen zwischen den Beteiligten voraus. Vertrauen erwächst aus richtigen Informationen.
  • These 8 Das Nah-Ziel einer Drogenerziehung besteht darin, die Drogenmündigkeit der Jugendlichen zu fördern.
  • These 9 Als Fernziel fördert Drogenerziehung gegenseitiges Verständnis, Toleranz und Solidarität.
  • These 10 Einzelheiten einer Drogenerziehung sind in der Schule von allen Beteiligten gemeinsam zu erarbeiten.

Zielgruppe

Nach unserer Einschätzung richtet sich das Buch überwiegend an Wissenschaftler/innen (der Soziologie, der Pädagogik, der Psychologie, des Gesundheitswesens und der Politik) und an Fachkräfte der Suchtvorbeugung.

Tauglichkeit, Lesbarkeit

"Das Elend der Suchtvorbeugung" ist ein sozio-politisches Werk, welches zu kontroversen Diskussionen innerhalb der Fachwelt einlädt. Es ist eine umfangreiche wissenschaftliche Arbeit, basierend auf internationalen Studien, die Quensel durch zahlreiche Zitate belegt. Dementsprechend sind viele Passagen in englischer Sprache gehalten, zudem springt Quensel oft zwischen den Sprachen hin und her. Der Wechsel zwischen den Sprachen und die ausführliche Darstellung empirischer Forschungsergebnisse in Englisch erfordern beim Lesen ein hohes Maß an Konzentration und wirken auf Dauer ermüdend. Durch seine provokante Art und der zuweilen bissigen Polemik rüttelt er den Leser/die Leserin immer wieder wach. "Das Elend der Suchtprävention" ist kein Buch, welches man mit Leichtigkeit lesen und verstehen kann. Es erfordert ein gewisses Maß an philosophischen, historischen und politischen Kenntnissen, um es in seiner Komplexität zu erfassen. Durch die hohe Wissenschaftlichkeit stellt sich die Frage, ob das Buch an Praktikern der Suchtvorbeugung vorbeigeht (was bedauerlich wäre, weil gerade sie Quensels Anregungen in die Praxis umsetzen könnten).

Über 550 Literaturhinweise und 25 Seiten mit Anmerkungen lassen vermuten, dass dieses Werk ein Ergebnis seiner langjährigen und kontinuierlichen Arbeit im Bereich der Drogenpolitik darstellt.

Fazit

Für alle Fachleute, die mit dem Thema Suchtvorbeugung befasst sind, ist dieses Buch ein Standardwerk. Es ermöglicht eine kritische Auseinandersetzung mit der Suchtvorbeugungsarbeit und lädt zu einer Standortbestimmung ein. Die nicht immer berechtigte Kritik Quensels an der Suchtvorbeugung schießt durch die polemische Darstellung manchmal über das Ziel hinaus und mag bei dem einen oder anderen Leser dazu führen, das Buch zur Seite zu legen. Nachdem Quensel über 250 Seiten das Scheitern der Suchtvorbeugung detailliert beschreibt, bietet er auf den letzten 100 Seiten eher eine magere Alternative an.

Das, was in den letzten drei Kapiteln beschrieben wird, ist für Praktiker/innen zumindest im Land NRW nicht wirklich innovativ. "Drogenerziehung" mag als Begrifflichkeit neu erscheinen - die Inhalte sind in der praktischen Arbeit zumindest in NRW (soweit uns bekannt ist) längst auf den Weg gebracht. "Genussvoller Umgang", "richtige Informationen über Drogen" "gegenseitiges Verständnis und Vertrauen" sind wesentliche Elemente in der Arbeit mit konsumierenden Jugendlichen was spätestens seit dem Jahr 2002 (siehe evaluiertes Projekt MOVE, ("Motivierende Kurzintervention bei konsumierenden Jugendlichen") durch die Landeskoordinierungsstelle GINKO in NRW umgesetzt wird.

Eine Abkoppelung der Suchtvorbeugung von der Suchtkrankenhilfe, die Quensel als notwendig erachtet, um aus der Defizitperspektive herauszukommen, ist eine überdenkenswerte Anregung, und könnte der Prävention ein neues Profil ermöglichen.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Renate Schötz
Düsseldorfer Fachstelle für Suchtvorbeugung
Diakonie in Düsseldorf
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Rezensentin
Dipl. Soz.-Päd. Frauke Ullrich
Düsseldorfer Fachstelle für Suchtvorbeugung
Düsseldorfer Drogenhilfe e.V.
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Zitiervorschlag
Renate Schötz/Frauke Ullrich. Rezension vom 15.02.2005 zu: Stephan Quensel: Das Elend der Suchtprävention. Analyse - Kritik - Alternative. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. 358 Seiten. ISBN 978-3-531-14269-2. In: socialnet Rezensionen unter http://www.socialnet.de/rezensionen/2193.php, Datum des Zugriffs 12.03.2010.


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