socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Anja Schmidt (Hrsg.): Pornographie im Blickwinkel der feministischen Bewegungen (...)

Cover Anja Schmidt (Hrsg.): Pornographie im Blickwinkel der feministischen Bewegungen, der Porn Studies, der Medienforschung und des Rechts. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. 176 Seiten. ISBN 978-3-8487-3199-2. D: 46,00 EUR, A: 47,30 EUR.

Schriften zur Gleichstellung, Band 42.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Pornographie ist gesellschaftliches Thema. Oft wird sie problematisierend diskutiert, wissenschaftliche Herangehensweise, die das Für und Wider von Pornographie aus Nutzer_innen- und aus Produzent_innen-Perspektive erwägen, erreichen in der Regel nicht die breite öffentliche Debatte. Der vorliegende Band stellt den aktuellen wissenschaftlichen Sachstand zur Wirkung von Pornographienutzung vor. Er wird mit der gesellschaftlichen Debatte – PorNo- und PorYes-Kampagnen – diskutiert.

Herausgeber_in

Die Herausgeberin Anja Schmidt ist promovierte Juristin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozessrecht und Rechtsphilosophie an der juristischen Fakultät der Universität Leipzig. Ihre Dissertation verfasste sie zum Thema „Strafe und Versöhnung. Eine moral- und rechtsphilosophische Analyse von Strafe und Täter-Opfer-Ausgleich als Formen unserer Praxis“ (2012, Berlin); ihre Forschungsschwerpunkte liegen neben dem Strafrecht und der Rechtsphilosophie im Themenfeld der Legal Gender Studie.

Entstehungshintergrund

Im Kontext der Legal Gender Studies befasst sich die Herausgeberin mit Fragen zur Regulierung von Geschlecht und Sexualität. Aus diesem Hintergrund und mit Blick auf die aktuellen gesellschaftlichen Debatten (PorNo, PorYes) geht der vorliegende Band hervor. Er wurde in der Reihe „Schriften zur Gleichstellung“ im Nomos-Verlag veröffentlicht; die Reihe wird von Prof. Susanne Baer, Marion Eckertz-Höfer, Prof. Jutta Limbach, Prof. Heide Pfarr und Prof. Ute Sacksofsky herausgegeben. Der Druck des Bandes wurde von der_dem Gleichstellungsbeauftragten der Universität Leipzig und der Rosa Luxemburg Stiftung gefördert.

Aufbau und Inhalt

Der vorliegende Band untergliedert sich in sechs gleichberechtigte Beiträge. Dabei wird durch die ersten beiden Beiträge die aktuelle gesellschaftliche Diskussion umrissen; der dritte Beitrag nimmt eine Begriffsbestimmung von „Pornographie“ vor und führt in die Porn Studies ein; die Beiträge vier und fünf erläutern den wissenschaftlichen Kenntnisstand zur Wirkung von Pornographie, einerseits allgemein, andererseits fokussiert auf Jugendliche; der abschließende Beitrag der Herausgeberin führt die Perspektiven zusammen und schlägt eine juristische Würdigung des Kenntnisstandes vor.

Der erste Beitrag „PorNO! Radikalfeministische Positionen gegen Pornographie“ ist von Michael Bader verfasst. Er übernimmt die thematische Einführung in das Themenfeld Pornographie. Dabei gibt er – mit kritischer Distanz – einen Überblick über die Positionen solcher aktuellen internationalen und deutschen feministischen Gruppierungen, die sich gegen Pornographie aussprechen. Zentral in diesen Positionen ist, dass Pornographie als Problem beschrieben wird, da Frauen erniedrigt, misshandelt und zu Objekten gemacht würden.

Der zweite Beitrag „PorYES! Strömungen der sexpositiven Frauenbewegung“ von Ekaterina Nazarovastellt die gegenteiligen feministischen Positionierungen vor. Auch von ihnen wird solche Pornographie kritisiert, in der Frauen zu Objekten gemacht werden, die stets auf einen (oder mehrere) aktiv handelnden männlichen Partner reagierten. Allerdings folgern die PorYes-Vertreter_innen daraus keine restriktiven gesetzlichen Bestimmungen, sondern sprechen sich sexpositiv für alternative queer-feministische Pornographie aus. Auch diese solle sexuell eindeutig sein, aber nicht einseitig Frauen (oder andere Personengruppen) objektivieren. Nazarova erläutert in ihrem Beitrag auch die Entstehungshintergründe der PorYes-Strömungen und ihre Ziele.

Nina Schumachers Aufsatz „Mehrdeutige Neuverhandlungen: Porn Studies und nicht-sexuelle Pornographie aus kulturwissenschaftlicher Perspektive“ übernimmt die Überleitung zu den sich anschließenden Beiträgen, die sich mit der Wirkung von Pornographie befassen. Schumacher erläutert die aufgekommene wissenschaftliche Disziplin der „Porn Studies“, ihre Entstehungsgeschichte und Untersuchungsgegenstände. Pornographie sei gesellschaftlich oft als „obszön“ und „anstößig“ gelesen worden – um diese Einordnung in Zweifel zu ziehen, könne es hilfreich sein, auch solche Darstellungen von Tätigkeiten, die „niemals obszön waren“ (S. 71) in die Analyse von Pornographie einzubeziehen. So gebe es auch andere Genre, die zentrale Charakteristika von Pornographie trügen – z.B. ihr Authentizitätsversprechen, ihre Intensität, Lüsternheit, (Schau-)Lust und ihren Grenzgang –, aber als nicht so verwerflich und als nicht-sexuell gelten. Schumacher erläutert diesen Zugang der Porn Studies ausführlich, indem sie (sexuelle) Pornographie unter anderem mit verschiedenen Soaps und weiteren TV-Formaten vergleicht, die auf Schaulust, Lüsternheit und Umgang mit Ekel basierten.

Richard Lemke und Mathias Weber eröffnen mit ihrem Beitrag „Was wir über die Wirkung von Pornographie wissen (und warum wir vieles nicht wissen)“ einen ausführlichen Studienüberblick und diskutieren die Untersuchungen kritisch. Dabei befragen sie gerade die in den Studien angewandten Methoden und kritisieren die zuweilen parteiische negative Fokussierung. Auch teils gezeigte Wirkungen, die als „positiv“ gewertet werden könnten – wie „mehr sexuelle Freizügigkeit“ und „größere sexuelle Offenheit“ – würden in Studien und vor allem in der gesellschaftlichen Debatte negativ gewendet. Insgesamt zeige sich bei einem Überblick über die Studien, dass Effekte von Pornographie – sofern sie feststellbar waren – im Vergleich mit Kontrollgruppen gering waren. Die Autor_innen schließen eine mehrseitige Tabelle an, in der sie einen Überblick über die Studien zur Wirkung von Pornographienutzung geben.

Mit Blick auf die Wirkung auf Jugendliche schließt Ralf Vollbrecht an. In seinem Aufsatz „Pornographienutzung im Jugendalter und ihre Folgen aus medienpädagogischer Sicht“ gibt er einen ausführlichen Studienüberblick und übernimmt eine Einordnung. Es zeige sich, dass Jugendliche Pornographie bewusst konsumierten und klare Abgrenzungen gegen Gewalt und Ekel vornehmen würden; ihre eigene Sexualität differenzierten sie zum Gesehenen. Dafür, ob ein Jugendlicher etwa gewalttätig oder frauenverachtend werde, sei nicht die Pornographie, sondern das soziale Umfeld bedeutsam: „Von der Beobachtung eines Verhaltens bis zur eigenen Ausführung ist es ein sehr weiter Weg. Entscheidend beim Modell-Lernen dürfte sein, ob man selber, die Bezugsgruppe und die normativen Vorgaben der Kultur mit dem Verhalten in Einklang stehen.“ (S. 130) Aus der Studienlage heraus liege aus der Sicht Vollbrechts die Freigabe einfacher Pornographie für Jugendliche nicht fern.

Anja Schmidt leistet mit ihrem Aufsatz „Die strafrechtliche Bewertung von Pornographie vor dem Hintergrund der feministischen Bewegungen, der Porn Studies und der Medienforschung“ den Abschluss des Buches. Sie führt dabei die Erkenntnisse aus den übrigen Beiträgen zusammen und stellt zusätzlich den aktuellen juristischen Stand und die Forderungen der beiden feministischen Gruppierungen (PorNo, PorYes) zu seiner Änderung vor. Bei Würdigung des vorliegenden Kenntnistandes hält Schmidt den aktuellen juristischen Stand für plausibel, fordert allerdings ein, dass in dem entsprechenden §184 des Strafgesetzbuches konkret die strafwürdigen Darstellungen benannt werden und nicht mehr pauschal von Pornographie geschrieben wird, da der Begriff zunehmend unscharf geworden sei. Sie erteilt mit ihrer Einschätzung Forderungen aus PorNo-Kreisen nach einer Verschärfung des Strafrechts eine deutliche Absage.

Diskussion

Alle Beiträge sind gründlich und fundiert gearbeitet. Gerade der Beitrag von Lemke und Weber ist als sehr guter internationaler und bundesweiter Überblick über die Ergebnisse von Studien zur Wirkung von Pornographiekonsum sehr empfehlenswert. Aber auch die übrigen Aufsätze fassen den aktuellen Erkenntnis- und gesellschaftlichen Debattenstand unaufgeregt zusammen; gleichzeitig eröffnen sie einige neue Perspektiven.

Deutlich wird, dass alle am Band Beteiligten eine positive Sicht auf Sexualität haben und auch Pornographie nicht per se ablehnen. Es handelt sich also nicht um eine politische Kampfschrift in die eine oder andere Richtung, auch wenn die Bewertung des Kenntnisstandes schließlich in eine eindeutige Richtung geht.

Den Kenntnisstand geben die Autor_innen umfassend wieder; es werden sowohl die (feministischen) gesellschaftlichen Strömungen als auch die qualitativen und quantitativen wissenschaftlichen Studiendaten wiedergegeben, die sich mehr „positiv“ und die sich mehr „negativ“ zu Pornographie positionieren.

Einzig der Satz von Vollbrecht bzgl. der Freigabe von Pornographie für Jugendliche kann ggf. missverstanden werden. Aus dem Gesamtkontext des Buches und des Beitrags von Vollbrecht wird klar: Jugendliche nutzen derzeit Pornographie, ob im Fernsehen oder Internet, und machen sich damit – selbstverständlich – nicht strafbar (sofern es sich nicht um Kinder- und Jugendpornografie handelt). Durch den §184 ist lediglich die „Weitergabe von Pornographie an Jugendliche“ untersagt (mit Einschränkung bezogen auf Erziehungsberechtigte). Der Paragraph zeigt sich als zeitgemäß, der Hinweis von Schmidt bzgl. einer Präzisierung des genutzten Pornographie-Begriffs sollte bedacht werden.

Fazit

Der vorliegende Band ist eine ruhige Zusammenfassung des gesellschaftlichen Debattenstands und des wissenschaftlichen Kenntnisstands zu Pornographie. Er ist für alle empfehlenswert, die sich über den aktuellen Sachstand informieren möchten.


Rezensent
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Forschungsprofessur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung (gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen) Hochschule Merseburg FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
E-Mail Mailformular


Alle 14 Rezensionen von Heinz-Jürgen Voß anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Heinz-Jürgen Voß. Rezension vom 17.11.2016 zu: Anja Schmidt (Hrsg.): Pornographie im Blickwinkel der feministischen Bewegungen, der Porn Studies, der Medienforschung und des Rechts. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. ISBN 978-3-8487-3199-2. Schriften zur Gleichstellung, Band 42. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/21968.php, Datum des Zugriffs 23.03.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!