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Sabine Hindrichs: Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen

Cover Sabine Hindrichs: Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen. Pflegefachliche und rechtliche Grundlagen zur Fixierungsvermeidung. Walhalla Fachverlag (Regensburg) 2016. 184 Seiten. ISBN 978-3-8029-7536-3. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Autorinnen

Die Autorinnen haben einen breiten beruflichen Hintergrund vor dem diese Ausführungen entstanden sind. Die erstgenannte ist Dozentin, Unabhängige Pflegesachverständige, Verfahrenspflegerin Werdenfelser Weg, Betriebswirtin und Qualitätsauditorin im Gesundheitswesen sowie Gerontopsychiatrische Fachkraft und Wundtherapeutin. Die zweite Verfasserin ist ebenfalls Unabhängige Pflegesachverständige und Verfahrenspflegerin Werdenfelser Weg, Pflege- und Sozialmanagerin, Heimleiterin, Dozentin, Fachkraft für Palliative Care und für Pflegebedürftigkeit sowie Qualitätsmanagementbeauftragte.

Thema

Freiheitsentziehende Maßnahmen (FEM) sind unter dem Blickwinkel von Grundgesetz sowie Menschenrechten, einschließlich der UN-Behindertenrechtskonvention sehr kritisch zu betrachten. Das vorliegende Buch, versteht sich als Leitfaden für Auszubildende, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Pflege und Betreuung, geht mit dieser Zielsetzung von der Alltagspraxis aus und benennt schon im Vorwort die Begrenztheit in den Ausführungen: „Wir haben uns bemüht, die Fachbegriffe aus beiden Disziplinen verständlich zu verwenden. Die Pflegefachkraft mag uns daher nachsehen, wenn die ‚Übersetzung‘ eines medizinischen Begriffes nicht umfänglich das Krankheitsbild umfasst. Die rechtlich Engagierten bitten wir um Nachsicht, dass nicht auf abweichende juristische Meinungen, Ausnahmefälle usw. eingegangen werden konnte.“ Es wird betont, dass sich am „betreuungsrechtlichen Normalfall“ orientiert wurde.

Ausgegangen wird von einem Verständnis, dass jeder Mensch nach Freiheit, Selbstbestimmung und Teilhabe strebt und dass mobil sein ein Grundbedürfnis von Menschen ist und somit auch sein Recht Mobilität zu leben. Festgestellt wird, dass Mobilität ein mehrdimensionales Gebilde ist und in diesem Zusammenhang physische und soziale Dimensionen unmittelbar miteinander verbunden sind. Deshalb bedarf es bei Mobilitätseinschränkungen einer genauen diagnostischen Betrachtung, um sowohl eine differenziert pflegerische als auch medizinische Behandlung und Betreuung zu gewährleisten.

Aufbau

Das Buch ist in sechs Kapitel unterteilt

  1. Das erste befasst sich mit den Grundlagen von Mobilität, Bewegungseinschränkung und dem damit verbundenen fachlichen Wissen, auch mit Auswirkungen, gesundheitsfördernden Anteilen und Risiken.
  2. Im zweiten wird auf die Problematik von bewegungs-, freiheitseinschränkenden bzw. freiheitsentziehenden Maßnahmen eingegangen.
  3. Kapitel drei enthält einen Überblick über die fachlichen Grundlagen und setzt sich vor allem im Kontext in einer längerfristigen Pflegebeziehung auseinander.
  4. Anschließend im Kapitel vier werden die rechtlichen Aspekte dargelegt.
  5. Viele praktische Anregungen und Beispiele, vor allem auch, was Prozessschritte im Zusammenhang mit FEM angeht, beinhaltet Kapitel fünf.
  6. Kapitel sechs schließt das Buch mit präventiven und alternativen Maßnahmen ab.

Die mehr als einhundert Fotos, Abbildungen und Graphiken machen die Thematik sehr plastisch, anschaulich und alltagstauglich.

Inhalt

Ausgehend von der Tatsache, dass Mobilitäteinschränkungen ein (pflegerisches) Risiko beinhaltet und die besonders im fortgeschrittenen Alter, gerade im Hinblick auf die Sturzgefahr, gravierende Folgen haben können, denen in der Regel mit Freiheitseinschränkenden Maßnahmen gegengesteuert wird, bildet die Basis der im Buch beschriebenen theoretischen Grundlagen und der vielfältigen aufgezeigten Alternativen zu FEM. Ein weiterer Grundgedanke ist zudem, dass aus pflegefachlicher und rechtlicher Sicht Fixierungen möglichst ganz zu vermeiden sind. Von daher ist es logisch, dass zu Beginn Bewegung und Gesundheit sowie damit verbundene Beeinträchtigungen, aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet werden. Die mit Einschränkungen verbundenen Freiheitsentziehenden Maßnahmen werden aufgelistet und die dahinter stehenden Gefahren, Motive und die Auswirkungen von FEM beleuchtet. In diesem Zusammenhang wird sehr deutlich darauf hingewiesen und bildlich aufgezeigt, dass es neben professionellen Sicherungssystemen auch eine Vielzahl von Sicherungsmaßnahmen gibt, die dem aktuellen Sicherheitsstandard nicht entsprechen, die – oft aus Unwissenheit – zu schweren Verletzungen führen können. Betont wird in diesem Kontext, dass beispielsweise vor einer Fixierung stets Alternativen abzuklären sind. Diese werden an unterschiedlichen Stellen aufgezeigt.

Für den Fall, dass sich FEM nicht vermeiden lassen, sind zehn Regeln für das Anbringen von Fixierguten festgehalten. Ein weiterer Aspekt, der in den facettenreichen Überlegungen nur kurz angesprochen wird, ist die Gabe von Medikamenten und im Zusammenhang mit FEM Psychopharmaka und deren Auswirkungen.

Die Anregungen für das Alltagshandeln und die theoretischen Hintergründe werden sehr gut nachvollziehbar im Text dargestellt mit Abbildungen, Graphiken und Tabellen verknüpft und konkretisiert. Dass die fachlichen Fundamente und die Verpflichtung der professionell Pflegenden auf ethischen Grundsätzen basieren müssen, zeigt das Kapitel zur Selbstverpflichtung der Pflegenden hinsichtlich der „Pflege-Charta“ auf. Um diese im Alltag anzuwenden, wird ein „Hilfsmittel“ der Nationale Expertenstandard „Sturzprophylaxe“ in seinen Ausgangspunkten und seiner Anwendung beschrieben.

Der rechtliche Teil befasst sich zunächst mit den gesetzlichen Grundlagen und geht vom Schutz der persönlichen Freiheit aus, die jedem Menschen in unserem Grundgesetz und in den internationalen Menschenrechtsübereinkommen garantiert wird. Die gesetzlich festgeschriebenen Paragrafen, welche die Einschränkung der Grundrechte erlauben, werden ebenso festgehalten wie die genehmigungspflichtigen Maßnahmen der Freiheitseinschränkung bzw. Freiheitsentziehung und die damit verbundenen Verfahren.

Anhand eines Beispiels werden Prozessschritte und Verfahrensablauf in vielen Details beschrieben und veranschaulicht. Dieses Fallbeispiel ist eine Fundgrube an Anregungen für die Alltagspraxis, sei es im Hinblick auf die Feststellung der Eigengefährdung, Entscheidungswege, Antragstellung oder des gesamten Prozesses von FEM. Dabei wird der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit nochmals deutlich hervorgehoben. Beispielsweise zeigen Graphiken, Formulare und Zwischenreflexionen sowie Entscheidungshilfen auf, welche Möglichkeiten einer sach- und fachgerechten Vorgehens möglich sind und im Sinne des Betroffenen abwägend zu einer Entscheidung führen können.

Die präventiven und alternativen Maßnahmen zeigen für ältere und hochbetagte Menschen eine Vielfalt auf und reichen von Antirutschmatten, integriertes Bewegungslicht und Bewegungsmelder über sensorische Techniken und Funksender bis hin zu Transponder, Schutzpolster und zahlreichen Systemen des Schutzes rund ums Bett sowie Gehhilfen und manuelle Rollstühle. Das Buch zeigt vor allem Fakten auf, vermittelt klar und verständlich konkrete Handlungsmöglichkeiten und Techniken.

Diskussion und Fazit

Eine von den Fakten her sehr gut gelungene Darstellung Freiheitsentziehender Maßnahmen sowie der „technischen“ Alternativen, schwerpunktmäßig für ältere Menschen. Die Veröffentlichung zeigt zentrale Fragestellungen, Handlungsmöglichkeiten sowie rechtliche Aspekte für die Altenpflege sehr alltagnah auf. Die aus meiner Sicht auch notwendigen kommunikativen Aspekte kommen insgesamt zu kurz, sei es verbal oder averbal. Vor allem im Hinblick auf Erklärungen und Verständnisvermittlung gegenüber dem hilfebedürftigen Menschen wäre dies ein weiterer möglicher Ansatz. Außerdem kann beim Titel davon ausgegangen werden, dass die Alternativen auch für andere Bereiche gelten, wie beispielsweise für jüngere krankheitsbedingt bewegungsbeeinträchtigte Menschen oder für Personen, die an einer psychischen Erkrankung leiden und von daher mit Freiheitsentziehenden Maßnahmen konfrontiert sind. Insofern wäre es bei einer Neuauflage sinnvoll den Personenkreis mit in den Titel zu nehmen.

Ich wünsche dieser Veröffentlichung eine weite Verbreitung! Sie sollte in keiner Alteneinrichtung und in allen Bereichen, die mit dieser Problematik befasst sind, fehlen!

Summary

Based on factual knowledge the book offers a well readable depiction of custodial measures and their physical alternatives mainly concerning elder people. The publication is very close to everyday describing central questions, possible actions and legal aspects in elderly care. From my point of view the necessary aspects of communication – verbal and nonverbal – are all in all neglected. This might be a further possible approach especially with regard to explanations and a contribution to understanding for people in need of help. The title of the book implies, that the alternatives also apply to other sectors, for example to jounger people who are restricted in movement due to illness or to persons, who suffer from a psychiatric illness and therefore face custodial measures. In case of a new edition is recommended, that the target group of persons appears in the title.

I hope for a wide spread for this publication. It should be found on the bookshelf of every institution for the elderly and in all sectors which deal with custodial measures.


Rezensentin
Hilde Schädle-Deininger
Dipl. Pflegewirtin, Lehrerin für Pflegeberufe, Fachkrankenschwester in der Psychiatrie, Fachbuchautorin, Leiterin der Bildungseinrichtung Weiterbildung zur Fachpflegerin/zum Fachpfleger für Psychiatrische Pflege an der Frankfurt University of Applied Sciences, Abteilung Forschung Weiterbildung Transfer, außerdem tätig für verschiedene Träger von Fort- und Weiterbildung sowie in unterschiedlichen Gremien und Arbeitsgruppen im psychosozialen Bereich
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Zitiervorschlag
Hilde Schädle-Deininger. Rezension vom 11.01.2017 zu: Sabine Hindrichs: Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen. Pflegefachliche und rechtliche Grundlagen zur Fixierungsvermeidung. Walhalla Fachverlag (Regensburg) 2016. ISBN 978-3-8029-7536-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/21975.php, Datum des Zugriffs 23.01.2017.


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