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Barbara Ortland: Sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung

Cover Barbara Ortland: Sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung. Grundlagen und Konzepte für die Eingliederungshilfe. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2016. 253 Seiten. ISBN 978-3-17-029314-4. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Menschen mit Behinderung leben und arbeiten zumeist in (päd-)agogisch geprägten Institutionen. Die dort tätigen Fachkräfte sind gut ausgebildet und richten sich nach dem neuesten Stand der Wissenschaft. Genau den will das hier rezensierte Werk mitgestalten. Schon im Untertitel bestimmt es die Zielgruppe: „Grundlagen und Konzepte für die Eingliederungshilfe“.

Als Beleg der Wissenschaftlichkeit dient in dieser Publikation eine quantitative Erhebung auf der Grundlage von immerhin 640 Fragebögen. Wegen der Einschränkung auf nur wenige Einrichtungen ist diese Erhebung allerdings nicht repräsentativ. Dennoch strebt die Autorin mit der Arbeit Grundlagen und grundlegende Konzepte an. Ohne Zweifel ist der Bedarf dafür groß, denn die sexuell motivierten Probleme in Einrichtungen der Behindertenagogik setzen alle Beteiligten unter massive Orientierungslosigkeit. Für die betroffenen behinderten Frauen und Männer entstehen so alltäglich unfassbare Grundrechtsverletzungen, die ein demokratischer Rechtsstaat auf Dauer nicht tolerieren kann.

Barbara Ortland ist eine von wenigen, die sich nicht mit dem erreichten Entwicklungsstand der Eingliederungshilfe begnügen will. „Satt und Sauber“ ist ihr nicht genug. Sie stellt fest, dass da noch etwas fehlt: Das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit ohne das es keine wirkliche Gleichstellung gibt.

Autorin

Dr. Barbara Ortland ist Professorin für heilpädagogische Methodik und Intervention im Fachbereich Sozialwesen der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Münster.

Aufbau

  1. Einleitung
  2. Sexuelle Selbstbestimmung für erwachsene Menschen mit Behinderung
  3. Befragung von Mitarbeitenden in Wohneinrichtungen der Eingliederungshilfe
  4. Ergebnisse der Befragung
  5. Diskussion der Ergebnisse
  6. Konsequenten für sexualpädagogische/-andragogische Gesamtkonzeptionen
  7. Konzepte sexueller Selbstbestimmung in Organisationen
  8. Fazit und abschließend Literaturverzeichnis und Anhang

Ein klarer Aufbau schafft einen gut nachvollziehbaren roten Faden. Die Bewertungen sparen emotionale Betonungen nicht immer aus und erhöhen so die Aufmerksamkeit.

Inhalt

Nach der einleitenden Hinführung beschreibt die Autorin die bestehenden Einschränkungsrichtungen. Sie geht von der Definition des Ideals aus, das aktuell von der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen vertreten wird. Selbst das hochentwickelte Deutschland muss da Vergleiche fürchten, auf jeden Fall im Bereich sexueller Selbstbestimmung. So ist die aktuelle Behindertenagogik schon von Anfang an, schon bei der Formulierung der Befragung in der Defensive.

Das dritte Kapitel breitet die Befragung detailliert aus. Spannend wird es bei der Wiedergabe der Ergebniszahlen und spannender bei Diskussion und Bewertung der Zahlen durch die Autorin. Nun kommt die Befragung allerdings schon an ihre Grenzen. Auf dem Weg zu umfassenden Konzepten reichen die Belege nicht mehr aus. Im Text wimmelt es nun von Präsumtionen: „Es ist anzunehmen“, „können verstanden werden“, es „scheinen“, „lassen eher erscheinen“, „vermutlich“ u.ä. Jetzt gibt das Werk zunehmend persönliche Interpretationen wieder. Immerhin Meinungen und Deutungen einer wissenschaftlich arbeitenden Autorität. Dennoch ist bei der Lektüre die Möglichkeit der Fehlinterpretation mitzudenken.

Die Schwachstellen im System der Eingliederungshilfe werden von der Autorin hier in der Mitte des Buches immer dann mit Vehemenz beschrieben, wenn es um das Aufgabenfeld der Betreuerinnen und Betreuer geht. Zum Schluss des Buches formuliert die Autorin jedoch: „Unzureichend waren meine Vorannahmen insofern, dass ich bisher die Macht der Organisation als solche zu wenig im Blick hatte“ (Seite 236).

Als Königsweg zur Selbstbestimmung beschreibt die Autorin die supervidierte Reflexion für alle beteiligten Gruppen, behinderte Frauen und Männer, Mitarbeitende, Leitungen. In Supervisionen werden jedoch in der Regel nur solche Vorschläge gehört, die die bestehenden Muster der Supervidierten bestätigen. Supervisionen haben sich als stumpfe Werkzeuge erwiesen.

Mit dem roten Faden der Argumentation erweitert sich in den Kapiteln 6 (Konsequenzen) und 7 (Konzepte) der Blick auf das gesamte System und die jeweils institutionseigenen Organisationskulturen. Diese Kulturen zu verändern, zu erweitern, zu demokratisieren, dabei will Barbara Ortland behilflich sein und schafft ganz neue und hilfreiche Denkmodelle.

Im Fazit (Kapitel 8) werden Leserinnen und Leser dann letztlich aber doch allein gelassen und aufgefordert, zu reflektieren, sich zu prüfen und die Arbeitshaltung zu verändern. Es sei unabdingbar, „dass sich die gesamte Organisation auf den Weg machen muss.“ Ansonsten bleibe es Glücksache, dass sich der Bezugsbetreuer oder das Team für diesen Lebensbereich verantwortlich fühlt.

Diskussion

Forderungen nach umfassenden Bereitschaften, nach umfassenden Lösungen sind immer Verhinderungsforderungen. Bis die Gesellschaft sich zur Inklusion bereit erklärt, müsste sie einen ganz neuen Umgang mit dem Fremden, dem Leiden, mit der Verletzlichkeit des eigenen Lebensplanes zulassen. All die ausgemachten Repräsentanten des Leidens, Kranke, Sterbende, Behinderte, müssen wohl noch lange tabuisierbar bleiben. Dafür gibt der Staat dann viel Geld aus. Es soll ihnen gut gehen, dort, irgendwo.Institutionen übernehmen die Aufgabe so zu tun, als ob alle gut aufgehoben wären, versorgt. Tatsächlich sind die meisten ja auch gut versorgt. Das bestehende System der „Eingliederungshilfe“ erledigt die Versorgung gut. „Satt und Sauber“ reicht ja, anscheinend. Es gibt keine starke Lobby, die daran etwas verändern will.

Sexualität schafft Risiko und beim Risiko geht immer mal was schief. Wer ist schuld, wenn Probleme nicht mehr einrichtungsintern bleiben? Die Betreuenden im Gruppendienst! Sie sind vorsichtig, wenn eine Befragung es möglich machen könnte, dass sie wieder die Schuldigen sind. So vorsichtig, wie sie es in der hier vorliegenden Befragung waren. Barbara Ortlands Blick in dieser Ausarbeitung ist letztlich noch nicht umfassend genug.

Überall dort, wo sich Fachkräfte auf den Weg gemacht haben, sexuelle Selbstbestimmung Betreuter zu ermöglichen, waren es Fachkräfte aus den Gruppendiensten, die das Glück hatten, auf Leitungen zu treffen, die sie mindestens gewähren ließen. Glück hatten und haben deren Betreute. So verändert sich Gesellschaft! Vom Rande her. Bis die anderen sehen, das Glück möglich ist. Die Möglichkeit zum Glück ist unser aller verfassungsmäßiges Recht.

Fazit

Für dieses Buch kann die (Päd-)Agogik dankbar sein. Es sollte Pflichtlektüre werden für alle Mitwirkenden der sogenannten Eingliederungshilfe, auch wenn die Autorin Fehleinschätzungen einräumt, ja gerade weil das so ist. Mit dieser qualifizierten Publikation kann die bewegende Diskussion qualifiziert fortgeführt werden. Unterdessen könnten sich doch viele schon mal auf den Weg machen, wie es ganz schön viele schon getan haben: Die Möglichkeit zum Glück als Grundrecht Realität werden lassen. Sogar für behinderte Menschen, die ihre sexuelle Identität leben wollen, koste es Probleme soviel es sein muss.


Rezensent
Dipl.-Psych. Lothar Sandfort
Psychologischer Leiter des „Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (Trebel), seit 1971 querschnittgelähmt und so seit vielen Jahren als Peer-Counselor in Beratung und Psychotherapie tätig. Unter anderem Supervisor und Coach für Teams in Einrichtungen der Behindertenarbeit von körperlich, geistig bzw. psychisch behinderten Menschen.
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Zitiervorschlag
Lothar Sandfort. Rezension vom 22.02.2017 zu: Barbara Ortland: Sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung. Grundlagen und Konzepte für die Eingliederungshilfe. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-029314-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/22219.php, Datum des Zugriffs 28.03.2017.


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