Bettina Gerken, Claudia Prüß: Trauerbewältigung in der Altenpflege
Bettina Gerken, Claudia Prüß: Trauerbewältigung in der Altenpflege. Erkennen - Erfahren - Handeln. Schlütersche Verlagsgesellschaft (Hannover) 2002. 110 Seiten. ISBN 978-3-87706-656-0. 22,00 EUR, CH: 45,00 sFr.
Einführung in das Thema
Die Begegnung mit Sterben, Trauer, trauernden Angehörigen und Kolleginnen und eigener Trauer ist eine, wenn nicht alltägliche, so doch recht häufige, Erfahrung in der Altenpflege, sei es im stationären, teilstationären oder ambulanten Bereich. Sie stellt eine der größten Belastungen in diesem Berufsfeld dar.
Während in der Öffentlichkeit durch eine immer umfangreicher werdende Literatur zu Sterbebegleitung und Trauer allmählich die herrschende Sprachlosigkeit aufgebrochen und zunehmend Hilfen für den Umgang mit diesem schwierigen Komplex angeboten werden, fällt es den Pflegekräften in vielen Altenpflege-Einrichtungen noch relativ schwer, offen über dieses Thema zu reden. Viele versuchen daher, das Thema entweder zu verdrängen bzw. sie stumpfen ab (Grund: Selbstschutz) oder sehen sich dadurch derartigen Belastungen ausgesetzt, dass dies — vor allem bei den jüngeren — mit dazu beiträgt, schon nach wenigen Jahren dem Beruf den Rücken zu kehren.
Dipl.-Pädagogin Bettina Gerken unterrichtet Didaktik, Dipl.-Theologin Claudia Prüß Religion an einer Fachschule für Altenpflege; sie leiten gemeinsam Fortbildungen zu Sterbe- und Trauerbegleitung in der Altenpflege.
Die Autorinnen bieten mit ihrem Buch Hilfen an, sowohl für in Aus- und Fortbildung Lehrende als auch für in der Altenpflege Arbeitende, zur besseren Bewältigung dieses sehr belastenden Themas. Sie möchten, in Anlehnung an ein Zitat von Beaudelaire: "In Asche all dieses Feuer" (13), in dem sie das Burn-Out-Syndrom beschrieben sehen, hier präventiv wirken und dazu beitragen, dass die Auseinandersetzung mit diesem Thema persönliche Weiterentwicklung sowie berufliche Kompetenz und Stabilisierung — wie der Phönix aus der Asche — zeitigt.
Inhalt und Gliederung
Das Buch enthält ein Vorwort von Helmut Peitz, dem Leiter der Fachschule für Altenpflege in Gyhum, an der die Autorinnen tätig sind, sowie eines von Sabine Dille, Leiterin der Trauerberatung des Ev. Kirchenkreises Berlin-Tempelhof.
Teil 1 "Trauernde verstehen und unterstützen" ist vor allem theoretisch ausgerichtet und befasst sich mit den Kontext von Trauerritualen; Teil 2 "Erfahrung und Umgang mit Trauer in der Altenpflege" fußt auf konkrete Erfahrungen aus der Praxis, bietet Handlungsmöglichkeiten an und bietet viele Praxisbeispiele an für Fragen zum Thema.
Jedes Kapitel enthält am Ende ein "Fazit", in dem in wenigen (Kern)Sätzen der Inhalt zusammen gefasst wird, Übungen zur Selbsterfahrung und Reflexion sowie für Gruppenarbeiten und eine Liste der verwendeten bzw. von weiterführender Literatur.
Im ersten Kapitel des ersten Teils Psychologische Theorien zum Verständnis von Trauer werden — nach einer allgemeinen Erörterung zu Trauer als einer menschlichen Grunderfahrung — die Theorien von Sigmund Freud und John Bowlby zu Trauer sowie Werke von J. William Worden und Verena Kast speziell zu Trauerberatung und —begleitung referiert.
Das zweite Kapitel Unterstützung trauernder Menschen in Deutschland beschreibt die aktuelle Situation in der Bundesrepublik, wobei ausdrücklich nur auf die alten Bundesländer Bezug genommen wird. Es werden Besonderheiten der Deutschen in Zusammenhang mit den Ereignissen des Dritten Reiches dargestellt, u. a. bezogen auf die "Unfähigkeit zu trauern" (A. und M. Mitscherlich). Es folgen Abschnitte zu Trauerbegleitung in verschiedenen Institutionen (Kirchen, Familie), im medizinischen Umfeld (Ärzte, Pflegepersonal, im psychosozialen Bereich Tätige). Die Geschichte und Beschreibung der Hospizbewegung und der palliativen Medizin unter Einbeziehung der Sterbeforschung (Elisabeth Kübler-Ross) und der Konzepte und bestehenden Formen von Hospizen sowie Trauerberatung (am Beispiel der Trauerberatungsstelle Essen) und Selbsthilfegruppen sind Inhalt des nächsten Abschnittes. Im letzten Abschnitt wird allgemein auf "Lebensbegleiter als Trauerbegleiter" (41) eingegangen. Es wird betont, dass gerade im Alltag den Trauernden bekannte Menschen eher auf die individuellen Bedürfnisse eingehen können, wobei die Aufgabe darin bestehe, die Trauer als Krise zu verstehen und einer Ausgrenzung der Trauernden entgegen zu wirken.
Im dritten Kapitel Todesrituale und Trauerbräuche verschiedener Religionen und Kulturen wird der Tod ein "soziales Ereignis" (45) genannt, zu dessen besseren Verständnis "Les Rites de Passage" von Arnold van Gennep (1909) heran gezogen wird. Es folgen Abschnitte zur Bedeutung von Bestattungsritualen sowie die verschiedenen Formen der Bestattung im jeweiligen kulturellen / religiösen Kontext. Diese werden dann im Einzelnen, angefangen beim "Alten Ägypten" (49) über das alte Rom und fernöstliche Religionen, Judentum und Christentum bis hin zum Islam und zu afrikanischen Religionen relativ ausführlich beschrieben.
Das erste Kapitel des zweiten Teils Trauerrituale und Abschied beschreibt eingangs, bezogen auf Deutschland, die sich verändernden Rituale, geht auf die neueren Tendenzen zu Bestattungsformen ein und bezeichnet Rituale als Hilfen, das Sterben zu begreifen und Trennung und Abschied in der eigenen Wirklichkeit "zu verankern" (62). Das Kapitel schließt mit einer Beschreibung von Möglichkeiten von und Empfehlungen für Abschiede sowie für Trauerrituale in Altenpflegeheimen, wobei auch auf allgemeine Trauergedenktage (Allerseelen, Volkstrauertag, Ewigkeitssonntag) hingewiesen wird.
Im zweiten Kapitel Umgang mit Angst wird Angst unter Bezugnahme auf Riemann (1998) als menschliche Grunderfahrung beschrieben; es folgen Abschnitte über den gesellschaftlichen Umgang mit Angst sowie über den Zusammenhang zwischen Angst und Persönlichkeit und über den persönlichen Umgang mit Ängsten. Der letzte Abschnitt vergleicht die Gefühle bei Trauer mit denen bei Angst. Man sieht hier einen Zusammenhang, vor allem auch bei den in den Heimen Lebenden.
Das dritte Kapitel Trauer in der Lebensgeschichte alter Menschen ist Biografie bezogen strukturiert; im Rahmen einer ganzheitlichen Betrachtung kommen die individuellen Lebenserfahrungen in den Blick, die Bedeutung von Lebenskrisen und deren Bewältigung (coping) sind hier thematisiert worden.
In Demenz als Trauersituation, dem vierten Kapitel, wird — nach einer Einführung zu Ursachen und Erscheinungsformen von Verwirrtheit / Desorientiertheit und Demenzen — auf die besondere Problematik dieser Personengruppe eingegangen, wobei Demenz als Verlusterfahrung begriffen wird, und es werden Empfehlungen für den Umgang mit Dementen beschrieben.
Das fünfte Kapitel Kommunikation und Gesprächsführung beginnt mit einer Darstellung der Bedeutung von Kommunikation; es folgt eine kurze theoretische Einführung anhand der Theorie von Friedrich Schulz von Thun (1999). Bezugnehmend auf Carl Rogers wird dann "unterstützende Gesprächsführung" (87) beschrieben.
Im sechsten Kapitel Zusammenarbeit im Team, mit Angehörigen und anderen Berufsgruppen wird kurz referiert, was darunter zu verstehen ist und welche Probleme auftreten können. Es schließt mit einigen Empfehlungen für die Zusammenarbeit in Trauersituationen.
Das siebte Kapitel Umgang mit Konflikten und Mobbing greift Konfliktsituationen im Trauerfall auf, beschreibt eine Konflikttheorie und bezeichnet Mobbing als destruktive Folge von nicht gelösten Konflikten im Arbeitsbereich.
In Generationsperspektive und Generationskonflikte in der Altenpflege (achtes Kapitel) werden Stereotypen von Jugend und Alter beschrieben. Das Berufsbild und das Berufsethos in der Altenpflege werden thematisiert, wobei Modelle der Interaktion zwischen Helfer und Hilfsbedürftigen vorgestellt werden und vor allem auf das Machtgefälle in dieser Beziehung eingegangen wird. Das Kapitel endet mit der Beschreibung von Generationskonflikten in der Altenpflege.
Das neunte Kapitel greift das Thema Stress und Stressbewältigung auf, dabei wird kurz Bezug genommen auf Selye (1977); Trauer wird als eine Stress-Situation beschrieben.
Der zweite Teil schließt im zehnten Kapitel mit Hinweisen für den Umgang mit Verlust, Schmerz und Trauer. Es werden in Kernsätzen Schlüsse aus dem vorher Dargestellten gezogen und als Handlungsempfehlungen formuliert.
Ein kurzes Sach- und Namensregister erleichtert das Auffinden bestimmter Begriffe.
Zielgruppen
Die Autorinnen richten sich vor Allem an Kolleginnen und Kollegen, die in Aus- und Fortbildung der Altenpflege tätig sind und an Pflegekräfte.
Diskussion und Einschätzung
Ein Thema, das seit Jahrzehnten ein "Dauerbrenner" bei Fortbildungswünschen in der Altenpflege ist und zu dem die Teilnehmenden zumeist mit sehr gemischten Gefühlen anreisen, wurde hier unter Einbeziehung wesentlicher theoretischer Erkenntnisse und praktischer Erfahrungen, sowohl aus Fachliteratur als aus der Lehrsituation, sachlich und sensibel bearbeitet.
Die Autorinnen richten sich an Lehrende und Fachkräfte; darüber hinaus ist das Buch aber auch für Auszubildende und in der Pflege Tätige, auch Hilfskräfte, durchaus geeignet, sich Hilfe zu holen. Handlungsempfehlungen bergen zwar in sich die Gefahr, als Rezept missverstanden zu werden, aber als Möglichkeiten, die eigene Hilf- und Sprachlosigkeit anzugehen, sind sie durchaus geeignet.
Durch die allgemein verständliche Sprache sind große Teile auch für diejenigen nachvollziehbar, die keine entsprechende Fachausbildung haben. Allerdings greift da, vor allem im zweiten Teil, die Erwähnung einiger Wissenschaftler und Theorien dann doch zu kurz (Beispiele: Schulz von Thun, Rogers, Selye). Die "Übungen zur Selbsterfahrung und Reflexion" sowie die Anregungen für Gruppenarbeiten sind aber auch so gut anwendbar.
Bei der Erörterung der Erkenntnisse von Bowlby hätte die Rezensentin sich gewünscht, dass ausführlicher auf seine Beobachtungen bei Kleinkindern nach der Trennung von der Mutterfigur (vor allem das Suchverhalten) eingegangen worden wäre. Denn dadurch wird das Verhalten mancher Trauernder (häufige Grabbesuche, Zimmer / Wohnung unverändert lassen, wiederholtes Aufsuchen des Unfallortes z. B.) verständlicher. Dieses Suchverhalten wird fast nur nebenbei (22) genannt.
Leider wird im Abschnitt über "Umgang mit demenzkranken Menschen" (83) der Begriff Validation nur buchstäblich am Rande erwähnt, ohne die grundlegenden Ausführungen von Naomi Feil und ihren theoretischen Kontext (Psychoanalyse) zu referieren; die Hinweise für den Umgang mit Dementen sind aber gut nachvollziehbar beschrieben.
Einigen der Themen in den letzten Kapiteln (ausführliche Erörterung zu Demenz, Kommunikation, Konflikten, Mobbing) fehlt auf dem ersten Blick der Zusammenhang mit Trauerbewältigung; die Erfahrungen zeigen aber, dass im Unterrichtsdialog auch diese Themen immer wieder von den Teilnehmenden angesprochen werden.
Es fiel auf, dass in als wörtliche Zitate gekennzeichneten Abschnitten — auch wenn sie schon etliche Jahre alt sind — immer die aktuellen Rechtschreibung verwendet wird; das "wörtlich" kann also nicht ganz wörtlich genommen werden.
Fazit
Alles in Allem ein empfehlenswertes Buch für alle, die, entweder für ihren Unterricht oder als persönliche Hilfe für sich selbst, sich mit dem Thema Trauer, Trauerbegleitung und Trauerbewältigung beschäftigen wollen.
Rezensentin
Kinie Hoogers
Diplom-Pädagogin
Fortbildungen in der Altenpflege, Gerontologische und altenpflegerische Forschung
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Zitiervorschlag
Kinie Hoogers. Rezension vom 14.05.2002 zu: Bettina Gerken, Claudia Prüß: Trauerbewältigung in der Altenpflege. Schlütersche Verlagsgesellschaft (Hannover) 2002. 110 Seiten. ISBN 978-3-87706-656-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/228.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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