Hortense Hottmann-Maier: [...] Übungen zur Förderung autistischer Kinder
Hortense Hottmann-Maier: Felizitas lernt fliegen. Praktische Übungen zur Förderung autistischer Kinder. von Loeper Verlag (Karlsruhe) 2004. 150 Seiten. ISBN 978-3-86059-139-0. 19,90 EUR.
Reihe: KidS in der Praxis.
Vorbemerkung
Die Felizitas zu Anfang der Therapie ist ein vier ein halb Jahre altes Kind, das hinter bodenlangen Gardinen versteckt wenigen selbst erfundenen Beschäftigungen nachgeht. Sie spielt mit Bändern und Kordeln, die sie immer gleich durch ihren Mund zieht. Sie reibt zwei Bauklötze identischer Form und Farbe endlos aneinander. Felizitas blättert in Büchern, verweigert sich aber einem gemeinsamen Betrachten. Grundsätzlich scheint sie die Nähe von Menschen zu vermeiden. Besuchern drückt sie ein Spielzeug in die Hand, ohne sie anzusehen, dann verschwindet sie in ihrem Bett oder verbirgt sich wieder hinter den Vorhängen. Sie taucht erst wieder auf, nachdem der Besuch gegangen ist. Felizitas kommuniziert weder verbal noch über Mimik und Gesten. Auf die gewöhnlichen Kontaktangebote ihrer Familie geht sie nicht ein. Nur ihrer Mutter gelingt es für einen kurzen Zeitraum, Kontakt zu Felizitas herzustellen und zwar über Kinderlieder. Wenn sie ihre Tochter "ansingt", dann nimmt Felizitas sie wahr.
Inhalt
Das Buch beschreibt ein Therapieprogramm für die autistisch behinderte Felizitas, das drei Jahre umfasst und 20 bis 40 Stunden Training pro Woche beinhaltet. Entwickelt und durchgeführt wurde das Programm von Hortense Hottmann-Maier, der Mutter von Felizitas.
Nach einer relativ kurzen Einleitung listet das Buch über hundert Seiten praktische Übungen zu folgenden Themenbereichen auf.
- Erkennen, Benennen und Zuordnen
- Lesen, schreiben und Rechnen lernen
- Sprechen lernen und alle Sinne nutzen
- Gefühle, Empfindungen und Personen kennen lernen
- Übungen für die Fein- und Grobmotorik
- Toiletten, Ess- und Trinktraining
Um eine gute Handhabe zu ermöglichen, werden zu jedem Schwerpunkt die jeweiligen Förderziele vorangestellt. Es folgt danach die ausführliche Beschreibung der praktischen Übung mit Hinweisen auf das dafür nötige Material. Abgeschlossen werden die jeweiligen Fördereinheiten mit Erfahrungen aus der Förderung von Felizitas.
Und so schildert Hottmann-Maier den Beginn: Felizitas mag fremde Dinge nicht berühren, sie schiebt sie mit den Füssen weg, selbst ihre Trinkflasche fasst sie nicht an. Mit den Händen berührt sie nur Bänder, Kordeln und Klötze. Greifen und begreifen aber bauen aufeinander auf und Lernen vollzieht sich im sinnlichen Kontakt mit den Gegenständen. Kleinste Kinder richten ihre Aufmerksamkeit auf Objekte, greifen danach, berühren und betasten sie und machen Erfahrungen.
Felizitas verhält sich nicht so. Sie greift nicht spontan auf Spielzeuge zu, sondern eben immer nur auf ihre bekannten Bänder, Kordeln und Klötze. Genial ist daher die Idee der Mutter, neue Spielzeuge an die von Felizitas geliebten Kordeln zu binden und diese Kordeln täglich zu verkürzen, bis die Spielzeuge bei Felizitas "ankommen" und sie sie wahrnimmt, aufgreift und betastet. Auf diese Art und Weise lernt Felizitas Bauernhoftiere, Stapelringe und mehrere Stofftiere kennen. So bereichert sich ihre Welt - zuerst mit Gegenständen, später auch mit Personen.
Kommentar
Es gilt heute als gesichert, dass es sich bei der autistischen Störung um eine neurologische Fehlfunktion des Gehirns handelt, die sich konkret als Störung der Sinnes- bzw. der Wahrnehmungsverarbeitung zeigt. Es wird daher angenommen - und Selbstbeschreibungen autistisch behinderter Menschen bestätigen diese Annahme - , dass Menschen mit Autismus die Vielzahl von Sinneseindrücken nicht zu einem Ganzen zusammenfügen können. Sie haben Probleme, aus dem Wahrgenommenen Konzepte und Regeln abzuleiten. Anders als nicht behinderte Kinder, die sich die Welt durch Nachahmung erschließen, sind für Felizitas alle Selbstverständlichkeiten des Alltags Lernthemen. So lernt sie zum Beispiel die Räume des Hauses erst "Schritt für Schritt" kennen. Sie lernt, dass Drinnen und Draußen etwas Unterschiedliches sind. Sie lernt durch Hingehen, was "vor der Couch" bedeutet und was "neben der Couch" heißt. Sie lernt die Gegenstände, die zu den Räumen gehören. Sie lernt, dass Tassen Gegenstände der Küche und Zahnbürsten Gegenstände im Bad sind. Und sie lernt die Funktion der Gegenstände über den geführten Umgang mit den Gegenständen kennen.
Fazit
Deutlich wird in der Einleitung darauf hingewiesen, dass die vorliegende Struktur des Förderprogramms auf Felizitas zugeschnitten ist und nicht einfach für ein anderes Kind genommen werden kann. Die Inhalte und der Aufbau eines Förderprogramms müssen sich an den individuellen Stärken und den subjektiven Vorlieben des jeweiligen Kindes orientieren - und die sind bekanntlich bei jedem anders. Gleichwohl ist das Buch sehr empfehlenswert und wertvoll für Eltern und für Professionelle, die mit der Förderung von Kindern mit Autismus befasst sind. Es hält einen reichen Fundus an möglichen Übungen vor, aus dem kreativ geschöpft werden kann, und deren Systematik es lohneswert macht, ihre Anwendung in dieser oder ähnlicher Form für die eigene Situation zu bedenken. Darüber hinaus stellt das Buch die grundsätzlichen Prinzipien, die in der Förderung eines Kindes mit Autismus zu berücksichtigen sind, überzeugend dar: Erstens: Der Weg zum Neuen geht immer über das Vertraute oder die Vorliebe des Kindes. Und zweitens: Lernen setzt, und das ist basale Bedingung, immer eine Aufmerksamkeit für das Thema voraus. Nur das, worauf die Aufmerksamkeit gerichtet ist, kann behalten und erinnert werden.
Und so lernt Felizitas fliegen. Fliegen ist die Überwindung von weiten Entfernungen. Flügge werden bezeichnet den Zustand des fertig befiederten Jungvogels. Beide Bilder passen zu Felizitas - am Ende der Therapie.
Rezensentin
Dipl.-Pädagogin Ella Sebastian-Strube
Freie Bildungsreferentin und
Mitarbeiterin der Lebenshilfe Köln e.V.
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Zitiervorschlag
Ella Sebastian-Strube. Rezension vom 15.03.2005 zu: Hortense Hottmann-Maier: [...] Übungen zur Förderung autistischer Kinder. von Loeper Verlag (Karlsruhe) 2004. 150 Seiten. ISBN 978-3-86059-139-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2289.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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