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Maria Lüttringhaus, Hille Richers: Handbuch aktivierende Befragung

Cover Maria Lüttringhaus, Hille Richers: Handbuch aktivierende Befragung. Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis. Stiftung MITARBEIT (Bonn) 2003. 244 Seiten. ISBN 978-3-928053-82-2. 10,00 EUR.

Hrsg.: Stiftung Mitarbeit. Reihe: Arbeitshilfen für Selbsthilfe- und Bürgerinitiativen - Nr. 29.
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Wechselnde Interessen an aktivierenden Befragungen

Die Herausgeberinnen legen mit ihrem Handbuch eine Arbeitshilfe für alle jene Akteure vor, die - auf welchem Arbeitsfeld immer - Bürger und Bürgerinnen eines bestimmten Sozialraums nach ihren Meinungen und Einstellungen befragen, sie gleichzeitig aber auch dazu anregen wollen, für ihre Interessen einzutreten und bei der Lösung von Problemen im Gemeinwesen mitzuwirken. Aktivierende Befragungen sind klassische Methoden aus der Gemeinwesenarbeit, die Datenerhebung mit politischer Aktivierung verbinden. Sie richten sich insbesondere an Bevölkerungsgruppen, die sich an herkömmlichen Partizipationsverfahren weniger beteiligen, und sind damit (so das Vorwort von Adrian Reinert/ Stiftung Mitarbeit) "ein Beitrag zur Demokratieentwicklung von unten".

Mit dem Niedergang der Gemeinwesenarbeit im Laufe der späten 70er und 80er Jahre war auch die Methode der Aktivierenden Befragung weitgehend aus den Arbeitszusammenhängen von Sozialer Arbeit und Stadtentwicklung verschwunden. Erst in den 90er Jahren erlebte sie eine Renaissance, im Kontext neuer Konzepte von Sozialraumorientierung, Sozialplanung und Sozialmanagement. Besondere Schubkraft bei der Wiederentdeckung der alten Methode entwickelte das städtebauliche Bund-Länder-Programm "Soziale Stadt. Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf": Die von Armutsforschung und Stadtforschung im Laufe der 90er Jahre immer wieder konstatierte 'Spaltung der Städte' hatte für die Erkenntnis gesorgt, dass bei der Unterstützung von Stadtentwicklungsprozessen zu den herkömmlichen städtebaulichen Konzepten und Maßnahmen zwingend soziale Maßnahmen hinzukommen müssen, wenn weitere Segregationsentwicklungen verhindert oder zumindest abgebremst werden sollen. Echte und andauernde Stadt(teil)entwicklung ist eben nur dann zu erzielen, wenn - unabhängig von notwendigen politischen 'top-down'- Interventionen - die Bewohner und Bewohnerinnen eines Quartiers ihr Schicksal 'bottom-up' selbst in die Hand nehmen (können). 'Partizipation' wurde auf diese Weise zu einem der wichtigsten Schlagwörter des neuen Programms Soziale Stadt. Zur zentralen Ressource in diesem Prozess zählen nach einhelliger Ansicht somit Partizipationsbereitschaft und Partizipationsfähigkeit der Stadtteilbewohner. Allerdings findet sich beides in Sozialräumen mit besonderem Entwicklungsbedarf eher selten und jedenfalls nicht in ausreichendem Ausmaß: Zur sozialen, kulturellen und räumlichen Spaltung der deutschen Gesellschaft kommt nämlich eine politische Spaltung hinzu: in Bürger, die auf Grund ihrer guten Rahmenbedingungen aktive Bürger sein können, und andere, die sich auf Grund schwieriger Rahmenbedingungen nicht artikulieren können und wollen und die im politischen Entscheidungsprozess deshalb zwangsläufig schlechter abschneiden.

Neues Interesse durch Quartier- bzw. Gemeinwesenmanagement

Aus dieser Erkenntnis heraus richten Städte, die im Rahmen des Programms Soziale Stadt Förderung erfahren, sogenannte Quartiermanagements ein, die, neben zahlreichen anderen Aufgaben, auch ein Beteiligungsmanagement aufbauen sollen. Seitdem sind viele der alten Methoden wieder gefragt. Wer sich heute allerdings auf die Suche nach Arbeitshilfen und weiterführender Literatur dafür macht, tut sich nicht leicht. Die Herausgeberinnen des vorliegenden Bandes, beide (Sozial-) Pädagoginnen, Organisationsberaterinnen und seit Jahren erfahrene Gemeinwesenmanagerinnen, wollen mit ihrem Handbuch diese Literaturlücke schließen. Für die einzelnen Beiträge des Bandes haben sie ausgewiesene Fachleute gewonnen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in einen theoretischen und einen praktischen Block: Auf eine kurze Einführung der Herausgeberinnen folgt ein Blick in die Geschichte: Ältere Arbeitsansätze werden von zeitgenössischen Autoren und Autorinnen in Erinnerung gebracht, 'Klassiker' der Gemeinwesenarbeit zum Teil auch im Originaltext wiedergegeben, zum Beispiel Hinte/Karas. Als Abschluss und Fazit des theoretischen Teils fragen die Herausgeberinnen nach "Möglichkeiten und Grenzen der Aktivierenden Befragung". Danach folgt "Ein Blick in den Methodenkasten" (sozusagen die Theorie der Methode), der wichtige Instrumente, Hilfsmittel und Tipps wie Modellfragebögen, Ablaufpläne, Checklisten etc. freigibt. Ein ausführlicher Praxisteil schließt sich an, der sich in zwei große Abschnitte gliedert:

  1. "Erkenntnisse aus dem prallen Leben Aktivierender Befragungen"
  2. sowie "Aktivierende Arbeit im Stadtteil. Beispiele wie einzelne Elemente der Aktivierenden Befragung im Alltag genutzt werden können".

Überaus farbenfroh wird darüber berichtet, welche Konzepte und Instrumente an verschiedensten Orten mit welcher Zielsetzung, welchen Problemen und welchem Ergebnis zum Einsatz kamen.

Fazit

Das Buch macht, so die Hoffnung des Vorworts, in der Tat "Mut, aktivierende Befragungen durchzuführen". Dafür liefert es, zumindest im Praxisteil, vielfältige Hilfestellungen. Die hohe Nützlichkeit aller praktischen Tipps soll durch die abschließenden kritischen Sätze dieser Rezension in keiner Weise in Frage gestellt werden. Nicht unerwähnt sollte aber doch bleiben, dass sich das Handbuch in theoretischer Hinsicht nicht auf jüngstem Stand findet. Wiedergegeben werden, wie schon gesagt, hauptsächlich 'klassische' Autoren und Schriften. Das ist im Blick auf Theorien der Gemeinwesenarbeit im früheren Sinn durchaus schlüssig, denn hier liegt wenig Jüngeres vor. Dass die Herausgebrinnen aber auf einen Blick in benachbarte Wissenschaften weitgehend verzichten, zum Beispiel die Partizipationsforschung im Rahmen der Politikwissenschaft, ist schade. Dort finden sich, zugegebenermaßen, zwar nur wenige praktische Tipps für die konkrete Nutzanwendung vor Ort, dafür aber viel Stoff für Reflexion und Problematisierung des Themas. Manche Enttäuschung des (häufig allzu euphorischen) Partizipationsmanagements wäre bei besserer theoretischer Vorbereitung leicht zu vermeiden.

Jüngste Veröffentlichungen der Rezensentin zum Thema:

  • Politische und Verwaltungsstrukturen im Jahr 2030. In: Forschungsverbund Esslingen 2030 (Hrsg.): Bürger sein heute - Bürger sein 2030. Esslingen 2003, S. 219 ff (Forschungsprojekt im Rahmen des vom Bundesforschungsministeriums geförderten Programms "Stadt 2030"; in Koop. mit Katja Neller und S. Isabell Thaidigsmann).
  • Am eigenen Zopf aus dem Sumpf? Partizipation als ambivalente Entwicklungsstrategie - Beobachtungen in einem benachteiligten Stadtteil. In: Konrad Maier/Gerd Michelsen (Hrsg.): Nachhaltige Stadtentwicklung. Eine Herausforderung für Umweltkommunikation und Soziale Arbeit. Frankfurt 2003, S. 277 ff.
  • Praxis ohne Theorie? Wissenschaftliche Diskurse zum Bund-Länder-Programm "Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf". Wiesbaden 2005 (hrsg. in Koop. mit Katja Neller).
  • Bürgerbeteiligung 2030. Strategien für einen benachteiligten Stadtteil. Erscheint: in Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.): Lokale Demokratie. Wiesbaden 2005 (in Koop. mit Katja Neller und S. Isabell Thaidigsmann).


Rezensentin
Prof. Dr. Sylvia Greiffenhagen
Die Rezensentin hat bis zu ihrer Pensionierung Politikwissenschaft mit Schwerpunkt auf Sozial- und Gesundheitspolitik an der Evangelischen Hochschule Nürnberg im Fachbereich Soziale Arbeit gelehrt.


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Zitiervorschlag
Sylvia Greiffenhagen. Rezension vom 19.07.2005 zu: Maria Lüttringhaus, Hille Richers: Handbuch aktivierende Befragung. Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis. Stiftung MITARBEIT (Bonn) 2003. ISBN 978-3-928053-82-2. Hrsg.: Stiftung Mitarbeit. Reihe: Arbeitshilfen für Selbsthilfe- und Bürgerinitiativen - Nr. 29. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2296.php, Datum des Zugriffs 28.08.2016.


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